Zwei Winter in Oliwa oder Elektrifizierter Barock

Was hätte der Barock gemacht, wenn er Elektrizität gehabt hätte? Wie wäre es gewesen, wenn er mit elektrischem statt bloß mit natürlichem Licht hätte arbeiten können? Vielleicht ein wenig so, wie man es im Dezember 2016 und Januar 2017 im Park Oliwski (Oliwaer Park) in Gdańsk betrachten konnte.

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Beidseits der zentralen Allee des Parks bilden hohe zurechtgeschnittene Bäume so etwas wie Wände und diese wurden in jenem Winter über und über mit Lichtern bedeckt. Die Wände der Allee, die im Sommer grün sind, leuchteten in Winternächten. Die architektonisch genutzte Natur des Parks wurde mit Licht nachgeformt, unzählige kleine Leuchten ersetzten das Laub. Es war ein eigentümliches Erlebnis so zwischen enormen leuchtenden und blinkenden Wänden zu gehen, nicht nur angenehm, aber gewiß sehr barock. Leuchtende Blätter, das wäre der Traum eines jeden Gartenarchitekten des Barock gewesen.

Leider knüpfte die weitere Lichtgestaltung letztes Jahr nicht daran an. Schon die hohe schmale Allee war nur zur Hälfte derart erleuchtet und dort, wo sich ihre Achse als langes Wasserbassin fortsetzt, war das Licht schon fern. Dabei erstrecken sich beidseits des Bassins zwei andere Alleen, die mit oben aneinandertreffenden verwachsenen Bäumen im Sommer grüne Gänge bilden. Auch ohne Blätter, vielleicht noch schneebedeckt, sind diese einerseits so in eine menschengewollte Form gepreßten und andererseits so zufällig wachsenden Bäume faszinierend und barock. Wie sie beleuchtet aussähen, kann man nicht wissen, da nur ein zu kleiner Teil des Parks feinfühlig nachgezeichnet wurde

Ansonsten fehlt letztes Jahr für den Barock, ob nun seine Architektur oder seine Parks, jedes Gespür, wie der Vorbereich des Pałac Opatów (Äbtepalast), auf den die Allee schräg zuführt. zeigte.

Statt die großen runden Büsche einzubeziehen, wurden dazwischen eigenartige leuchtende Schmetterlingsformen gesetzt. Statt die beiden Skulpturen einzubeziehen, wurde aus Leuchtschnüren eine entfernt menschenähnliche Monstrosität mit Schirm gebaut. Statt die Wasserflächen einzubeziehen, wurde die schlechte leuchtende Imitation eines Springbrunnens aufgebaut. Und als ob das noch nicht genug des Kitschs wäre, wurde auch auf den Palast selbst ein florales Muster projiziert, was den zurückhaltenden, nur in den Kapitellen rokokohaft verspielten Barockbau zur Leinwand herabwürdigte.

In diesem Jahr nun ließ die Lichtgestaltung vom Palast ab, was gut ist, und wendete sich dem Wasser zu. Auf dem langen geraden Wasserbassin sind diesmal stilisierte Schiffe aus Lichtern. Sie stehe versetzt einmal links und einmal rechts am Rand, so daß man von den Ende des Bassins über eine ganze leuchtende Flotte blickt. Das ist nicht schlecht, sogar hübsch, da es in der leeren Fläche des Wassers eine geeignete Leinwand oder Bühne findet. Nicht so, aber so ähnlich hätte es vielleicht ein elektrifizierter Barock gemacht. In die aus Bäumen gebildeten Tunnel beidseits des Wassers fällt das Licht der Schiffe, gibt den Stämmen lange Schatten und betont manchmal einige der verschlungenen Formen der Äste.

Das Herzstück der Lichter im Park Oliwski, die leuchtende Allee, scheint von weitem unverändert, ist es aber nicht. Einwände der Denkmalschutzbehörde verbaten in diesem Jahr das Anbringen der Lichter an den Bäumen. Statt nun die Rücksichtslosigkeit zu haben, das zu ignorieren, oder den Anstand, auf diesen Teil der Beleuchtung zu verzichten – beides Haltungen, die man respektieren könnte – wurde in die Allee ein stählernes Gerüst gebaut, an dem die Lampen hängen.

Das Ergebnis ist eine bösartige Karikatur der eigentümlichen Schönheit des Vorjahrs. Statt zwischen Bäumen mit leuchtenden Blättern geht man durch eine Baustelle. Um das Gerüst mit Stahlseilen zu halten, wurden jenseits der Alleebäume Betonklötze aufgestellt und die dort verlaufenden Wege großflächig mit niedrigen Gittern abgesperrt, auf die wie zum Hohn Tannenzweige und rote Schleifen geklebt wurden.

Wenn letztes Jahr wenigstens in Ansätzen das Thema „Elektrifizierter Barock“ zu erkennen war, dann ist es diesmal offenbar „Weihnachtsbaustelle“, was eine Beleidigung für Weihnachten und erst recht für Baustellen ist. Man weiß nicht ganz, was man davon halten soll, daß dieses Thema zumindest konsequent durchgehalten wurde. Die tannenzweiggeschmückten Absperrzäune wurden auch auf dem Vorplatz des Palasts

und an den Enden des Wasserbassins aufgestellt, dort wohl, damit niemand beim Selfiemachen ins schienbeinhohe Wasser falle.

Als kleiner Akzent wurden sogar einige in den Weg ragende Äste der Alleen neben dem Bassin mit rot-weißem Absperrband umwickelt.

Wer das wirklich sehen will, hat dazu noch bis Ende Januar Zeit. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr, aber wie ein wirklicher elektrifizierter Barock ausgesehen hätte, werden wir natürlich nie erfahren.

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2 Gedanken zu „Zwei Winter in Oliwa oder Elektrifizierter Barock

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