Jugendstil ohne Gott

Jugendstil, das ist oft eine Überladenheit, ein Durcheinander der Formen, Schnörkel und Symbole, ein nicht-historistischer Neobarock. Doch genau wie der Barock alles von chaotischem Protz bis zu klarster Schönheit sein kann, ist auch der Jugendstil viele verschiedene Dinge.

NaŠpejcharu3ModrýDům

Das vielleicht Beste, was er je war, findet man an einer Villa, die Na Špejcharu 3 in Prag verloren zwischen dem Park Letná und einer großen Straße steht. Es ist ein Wandbild, vermutlich von Richard Teschner, halb Relief, halb Mosaik. Die rechteckige Fläche in der Mitte des zweiten Geschosses ist streng symmetrisch aufgeteilt. Oben in der Mitte ist das Halbrund einer Sonne mit sommersproßigem Gesicht, von der sich wellenförmige Strahlen mit ovalen blauen Mosaikstücken in den Bögen ausbreiten. Links steht Gott, der einen Hirtenstab noch links seines Kopfes hält, rechts steht Maria, die eine Blume rechts und einen ganz kleinen Jesus links ihres Kopfes hält. Der Bart Gottes und zwei lange Haarstränge Marias weisen als senkrechte, leicht gewellte Bänder nach unten. Beider schlanke Körper sind ganz mit quadratischen Mosaikplatten verkleidet, die bei Maria und dem Umhang Gottes ein glänzendes Perlmutt und bei Gottes Gewand ein matteres Rot sind.

NaŠpejcharu3WandbildRichardTeschner

So weit, so hübsch wie inhaltlich konventionell. Doch da ist noch mehr: Gott ist ein Maler. In der ruhig herabhängenden Hand hält er eine Palette mit Farben. Und zwischen den beiden Figuren liegen auf dem Halbrund der Erdkugel vielerlei bunte Scherben verstreut. Das ist die Schöpfung, das ist die Welt. Sie zu zeigen, tut dieses Werk des Jugendstils den Schritt in die Abstraktion. Das konventionelle Motiv wird zu etwas Neuem. Zur vielfarbigen verstreuten Schöpfung geht der Blick der drei Figuren hinab wie auch zum Betrachter, der vor dem Gebäude steht. Aber es ist ein Blick, in dem weniger Schöpferstolz als Nachdenklichkeit ist. Die Schöpfung ergibt sogar dem Schöpfer nur noch ein abstraktes Bild. Er zweifelt, er sieht nicht mehr, daß es gut war, aber er macht auch keine Anstalten, etwas zu ändern, er hat gar keinen Pinsel. Die Welt ist allein.

So ist dies auch ein Endpunkt sakraler Kunst, da sie den Zweifel, für den im Glauben kein Platz sein darf, zuläßt. Es ist ein hoffnungsvolles Ende: nun ist es am Menschen selbst, die Scherben zu einer Welt in seinem Angesicht zusammenzufügen und dabei auch eine Kunst zu schaffen, die die Klarheit und Kraft der letzten sakralen Kunst mit menschlichem Inhalt verbinden kann.

Advertisements