Die Zukünfte der Domaša

An der Domaša kann man Glampingurlaub machen. Mit diesem wenig schönen Wort aus Glamour und Camping wird ein Luxuszelten bezeichnet, bei dem man nicht mehr in einem Zelt, sondern in einer Art Haus aus Stoff nächtigt.

domasapolanyglamping

Man würde es wohl eher irgendwo in der afrikanischen Savanne als an dem Stausee im Osten der Slowakei, der die Domaša ist, vermuten.

Irgendwo zwischen Vranov nad Toplou und Humenné, gar nicht mehr weit von der Ukraine, liegt die Domaša und sie ist, wie viele der großen tschechoslowakischen Stauseen, noch nicht alt. Als zu ihrer Schaffung in den Sechzigern der Fluß Ondava gestaut wurde, verschwanden fünf Dörfer unter dem Wasser und ihre Bewohner wurden umgesiedelt. Wieviel für diesen Verlust gewonnen wurde, spürt man nicht am von der Talsperre produzierten Strom, aber man sieht es auf den ersten Blick, wenn man von Domaša-Poľany über den See blickt. Inmitten von grünen Hügeln scheint da gar kein See zu liegen, sondern eine mediterrane Meeresbucht, deren Wasser am Rande grün ist und dann immer blauer wird.

domasapolanygesamt

An windigen Tagen wird dieser Eindruck noch von den sanft an den steinigen Strand schwappenden Wellen verstärkt. Von Anfang an hatte der Stausee eine Doppelfunktion: Energiegewinnung für die umliegenden sehr rückständigen Gegenden und Schaffung eines Erholungsgebiets für die gesamte Tschechoslowakei. Die Frage, was von beidem wichtiger war, erübrigt sich, da beides ganz von selbst und ohne jeden Konflikt zusammengeht.

Der Ort Domaša-Poľany entstand mit dem Stausee und diente nur dem Tourismus. Nur eine Handvoll Häuser gibt es, in erster Reihe aber stehen zum Wasser gewandt die Gebäude für die Touristen. Links der herabführenden Kurve ein kleines Hotel.

domasapolanyhotelgesamt

Die zwei weißgetünchten Geschosse mit Balkonen ziehen sich stufenartig versetzt den Hang hinab und enden mit einem Bauteil, in dem unten hinter holzverkleideten Stützen der Eingang ist, während sich oben eine riesige Terrasse mit leicht abgeschrägtem Holzdach zum See öffnet.

domasapolanyhoteleingang

Rechts der Straße, direkt in der Kurve, steht ein großes Restaurantgebäude.

domasapolanyrestaurantgesamt

Markantestes Element sind seine seitlich verglasten Satteldächer und der steinerne Schornstein. Sie ruhen auf einem mit naturbelassenen grauen Steinen verkleideten Sockel, der in zwei Terrassenstufen weiter zum See führt. Von der Seite führt eine lange Rampe zum Eingang, während von unten eine Treppe durch die verschachtelten Terrassen hinaufführt.

domasapolanyrestaurantrampe

Ist dieses Restaurant typische Tourismusarchitektur seiner Zeit, die rustikale Elemente mit modernen Formen verbindet, Architektur, in der im Westen auch Villen gebaut wurden, ist sein Nachbarbau in der parallel zum Wasser weiterführenden Straße reine Konstruktion.

domasapolanydisko

Es ist eine Freiluftdiskothek, die fast nur aus einem großen Dach aus Stahl und leicht gewelltem, leicht lichtdurchlässigem Kunststoff besteht. Dieses Dach ruht hinten auf einigen geraden Stützen, während vorne zwei hohe schräge Stützen noch nach oben aus ihm herausragen und es mit Stahlseilen tragen. Darunter ist eine dreistufige Betonfläche mit Geländern und rückwärtig schließt ein kleiner Flachbau mit den Öffnungen der Bar an. Mit einer einfachen und völlig offenliegenden Konstruktion, die in den vorderen Stützen leicht expressiv eingesetzt wird, entsteht ein besonderer, sofort wiedererkennbarer Ort. Man kann sich vorstellen, wie schön es war, dort mit Blick über den mediterranen See warme Sommernächte zu verbringen.

domasapolanydiskoblick

Das nächste und auch schon letzte Gebäude ist die Pension „U Leva“ (Zum Löwen). Sie steht weit von der Straße zurückgesetzt hinter einer großen Grünfläche.

domasapolanyulevagesamt

Links ist ein großer Saal mit schrägem Dach und vielen rechteckigen Fenstern, dann der Eingang, über dem ein großer freischwebender Balkon ist, und schließlich unter einer Abfolge von Satteldächern die zwei Geschosse mit den großfenstrigen Zimmern.

domasapolanyulevaeingang

Vor den beschriebenen Gebäuden erstreckt sich gen Wasser eine große leicht abschüssige Wiese, die zur Hälfte als Campingplatz und zur Hälfte als Liegewiese dient. Auf dem zweiten Teil steht ein Hochsitz für die Badeaufsicht, der aus einer einzigen stählernen Stütze, Holzboden und Wellblechdach besteht, ein Standardmodell, das es auch an anderen tschechoslowakischen Seen gibt.

domasapolanyhochsitz

Doch die besten Zeiten des Tourismus an der Domaša sind vorbei. Keiner braucht mehr ein ostslowakisches Mittelmeer, wenn ihm das echte offensteht. Alle beschriebenen Gebäude stehen entweder leer oder, vielleicht noch trauriger, es ist ihnen nicht anzusehen, ob sie noch benutzt werden oder nicht. Daß es laut einem Plakat noch 2012 eine Veranstaltung in der Freiluftdisko gab, erstaunt eher.

Einzig der Campingplatz überstand die Veränderungen der letzten fünfundzwanzig Jahre. War er einst nur ein Teil des Tourismusorts Domaša-Poľana, ist er heute sein Zentrum. Seit einer Weile bemüht er sich sogar, dem Ort oder vielmehr dem See zu einer zweiten Blüte zu verhelfen. Die zu ihm gehörenden Imbiß- und Kneipenhütte mit dem wortspielenden Namen „A na nás“ (Und auf uns/Ananas) hat vor dem zwischen slowakischer Rustikalität und Surflook schwankenden Innenraum eine Terrasse, auf der mit weißem Tuch bespannte Liegestühle und mit weißem Tuch bedeckte Tische stehen.

domasapolanyliegestuehle

Inmitten der verfallenden Pracht der sozialistischen Tourismusarchitektur evoziert das plötzlich Bilder eines ganz anderen Luxus. Wer dort in den Liegestühlen sitzt, sollte vor sich kein Bier, sondern einen raffinierten Cocktail stehen haben. Und nicht gewöhnliches Camping, sondern Glamping würde zu ihm passen. Kein Zelt, sondern ein regelrechtes Gebäudes aus weißem Stoff, das auf einer in den Hang gesetzten Plattform steht, sollte er haben, nicht auf dem Boden, sondern in gemütlichen Betten sollte er darin schlafen und er sollte nur zwei Planen hochschlagen müssen, um über seine eigene Terrasse zum See zu blicken.

domasapolanyblickglamping

Ein solches Luxuszelt gibt es bereits, zwei weitere sollen folgen. Das ist der Beginn des Glampings an der Domaša.

Vielleicht müßte betont werden, daß es an der Domaša gar so anders als in der afrikanischen Savanne doch nicht ist: So wie die dortigen Glamping-Urlauber ihren Luxus inmitten der wohlkuratierten und auf sicherem Abstand gehaltenen wilden Tiere und Einheimischen genießen, können sie es hier inmitten der architektonischen Reste des Sozialismus tun. Das Zielpublikum dafür ist allerdings wohl ungleich geringer, ob es für einen Neuanfang reicht, ist schwer zu sagen, und zur slowakischen Adria wird die Domaša so bald nicht wieder werden. Aber dafür kostet eine Nacht des Glampings an der Domaša für zwei Personen auch nur 15 Euro.

Advertisements