Cottbus-Stadtpromenade

Daß Cottbus in der DDR zur Bezirksstadt wurde, war selbstverständlich. Weit und breit gibt es einfach keine anderen ähnlich großen Städte. Auch als Industriestadt mit entsprechend starker Tradition der Arbeiterbewegung entsprach Cottbus genau den Anforderungen an eine Bezirksstadt. Als rauhe Industriestadt in einer kahlen, flachen Landschaft, nah bei Berlin, aber unendlich weit entfernt, kann man Cottbus auch heute noch allzu leicht erleben. Aber, vielleicht nur aus Zufall, vielleicht, weil es so viel auszugleichen hatte: Cottbus bekam von allen Bezirksstädten der DDR das schönste und gelungenste neue Stadtzentrum.
Stadtpromenade heißt es und erstreckt sich von Süden nach Norden entlang des Rands der Altstadt (im Bild die Situation während des Baus in den späten Sechzigern).

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970

Ihren Beginn bilden eine Straßenbahnhaltestelle und ein zehngeschossigen Punkthaus auf der rechten Seite, ein Wohngebäude wie alle höheren hier. Links ist das große dreigeschossige Gebäude des Kaufhauses „konsument“. Sein Erdgeschoß ist stark verglast und um das obere Geschoß zieht sich ein Fensterband, aber sonst ist alle bestimmt von einer Verkleidung aus weißem gemusterten Beton. Davor, aber auf einer leicht erhöhten Terrassenfläche, steht eine Milch-Eis-Mokka-Bar, die über ihren verglasten Wänden ein sternförmig nach allen Seiten aufstrebendes Dach aus einer Holzschalenkonstruktion hat.

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Sie heißt selbstverständlich „Kosmos“.

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970

Aus Autorenkollektiv: Bezirk Cottbus, Dresden/Cottbus 1970

In der Mitte der Stadtpromenade ist eine Wiese, in die die Trasse der Straßenbahn eingebettet ist. So besteht sie aus zwei klar abgegrenzten Teilen, die jedoch durch eine bei der Milch-Eis-Mokka-Bar ansetzende Fußgängerbrücke mit flach ansteigenden oder spiralförmigen Rampen und Treppen sogleich wieder verbunden sind. Auf dieser Brücke befindet sich eine große vierseitige Uhr, deren Pfeiler nach oben und, unter der Brücke, auch nach unten spitz zuläuft.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Der rechte Teil der Stadtpromenade ist mit einer Mischung aus leicht abgegrenzten Bereichen mit Beeten und Bänken, die in die Wiese hineinragen, und einem großzügigen Weg für Fußgänger einerseits dem Verweilen, andererseits dem raschen Vorankommen gewidmet. Hier ist, in der Fortsetzung der Brücke, auch die Verbindung in die Altstadt. Das bestimmende Gebäude ist das Restaurant „Am Stadttor“, das Teile der rotbacksteinernen Stadtmauer, darunter einen kleinen Turm, in sich aufnimmt.

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Aus Krenz, Gerhard: Architektur zwischen gestern und morgen, Berlin 1974

Es ist ein großer Flachbau mit einer ausgedehnten Dachterrasse, über die sich teilweise ein wie schwebendes Vordach spannt.

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Ohne irgendwelche historistischen Ornamente, allein durch seine Proportionen fügt sich der Bau in die alte Stadtmauer ein. Der Stadtpromenade wendet es ein Mosaik zu, das Szenen aus dem Leben der Bauern des nahen Spreewalds zeigt, und in einem der Beete ist eine Plastik, die eine liegende Frau mit Buch darstellt.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Der linke Teil der Stadtpromenade ist von der jenseits von ihr liegenden Mietskasernenbebauung durch ein langes zehngeschossiges Wohngebäude separiert. Seine Fassade ist sehr abwechslungsreich, da sein erster Teil von Balkonen bestimmt wird, sein zweiter hingegen von Fensterbändern und zwei vorgesetzten seitlich verglasten Treppenhaustrakten. Dieser Teil ist, wie schon das Kaufhaus zuvor zeigte, ganz dem Einkaufen gewidmet. Vor dem Gebäude, aber losgelöst davon, erstreckt sich ein System aus vielen flachen rechteckigen Pavillons.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Sie sind oft völlig verglast und untereinander durch schmale Vordächer verbunden, so daß immer wieder intime kleine Plätze entstehen, auf denen Plastiken oder Brunne stehen. Die Pavillons schaffen einen verwinkelten, an orientalische Märkte erinnernden Raum, der aber durch die Transparenz und den so ständig vorhandenen Bezug zum Rest der Stadtpromenade doch nie eng oder labyrinthisch wirkt. Abschluß dieses Teils der Stadtpromenade bildet ein weiteres zehngeschossiges Punkthaus, bei dem ein weiterer Übergang zum rechten Teil ist.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Nach älterer Bebauung kreuzt eine Straße und die Stadtpromenade endet mit der Stadthalle, einer weiteren Straßenbahnhaltestelle und einem weiteren zehngeschossigen Punkthaus, das dem ersten entspricht. Die Stadthalle ist ein letztlich unauffälliger Bau mit verglastem Sockelgeschoß und nach vorne verglastem, zu den Seiten mit gemustertem Beton verkleidetem Saaltrakt.

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Aus Schütt, Erich/Krönert, Hans-Hermann: Cottbus, Leipzig 1979

Ob ihrer leichten Biegung ist die Stadtpromenade aber nicht im geringsten eine Achse, die auf die Stadthalle oder auf sonst irgendetwas zuführt. Eher schon setzt sich sich nach rechts hin in einer Grünanlage, die dem weiteren Verlauf der früheren Stadtbefestigung folgt, fort.
Doch was ist die Stadtpromenade eigentlich? Ist sie eine Grünanlage, eine Fußgängerzone, ein Platz? Leichter ist zu sagen, was sie nicht ist: eine Straße. Nichts an ihr, und das, obwohl auf ihr die Straßenbahn fährt, erinnert an eine Straße. Manchmal, etwa vor dem Kaufhaus, hat sie etwas von einem Platz, manchmal, vor Restaurant und Stadtmauer, etwas von einer Grünanlage, manchmal, zwischen den Pavillons, etwas von einer Fußgängerzone. Aber immer kommen dann noch so viele andere Elemente hinzu und die Einordnung scheint wieder falsch. Als enorm vielfältiger, enorm offener, aber immer strukturierter Raum, in dem jedes Element gleich wichtig ist und bloß einige, die explodierende Form der Bar „Kosmos“ und die Uhr, besonders hervortreten, ist die Stadtpromenade etwas ganz eigenes. Die Stadtpromenade ist die Stadtpromenade. Schon allein, daß sie mit herkömmlichen Begriffen nicht mehr zu fassen ist (und auch auf Photos nur sehr schwer), erklärt, wieso die Cottbuser Stadtpromenade ein Höhepunkt des Städtebaus der DDR ist.

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Aus Große, Gerald: Spreewald / Błota, Bautzen 1983

Cottbus kann auf sie für immer stolz sein, aber es hat davon nur noch wenig. Das meiste des oben Beschriebenen existiert inzwischen nicht mehr. Wenn die Stadtpromenade heute noch keine Straße ist, dann leider nur, weil sie gar nichts mehr ist. Man kann das traurig finden, aber Cottbus ist keine Bezirksstadt mehr und so hat es eben auch kein Zentrum mehr, wie es einer Bezirksstadt gebührt. Es spricht jedenfalls für die Stadt, daß im Jahre 2006 eine Bürgermeisterin sich weigerte, die Zerstörung der Stadtpromenade zu unterstützen und deshalb abgesetzt werden mußte.

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2 Gedanken zu „Cottbus-Stadtpromenade

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