Ekazent Hietzing

Wenn man den Park von Schönbrunn durch das Hietzinger Tor verläßt, sollte man die gotische Kirche links und das k.u.k.-Hotel rechts nicht beachten, sondern geradeaus weitergehen, die Hietzinger Hauptstraße entlang. Auf den ersten Blick scheint sie eine typische Einkaufsstraße zu sein, wie es sie in den kapitalistischen Städten so oft und in immer gleicher Gestalt gibt. Für ihre linke Seite mit typischer historistischer Bebauung stimmt das auch, sie kann man ignorieren.

Rechts aber weichen zwei Barockhäuschen, mit ihren nur zwei Geschossen und schrägen Dächern Überbleibsel des Dorfs, das Hietzing mal war, schrägt vom Lauf der Straße ab und lenken den Blick auf ein quer zur Straße stehendes Gebäude.

Ekazent1

Fünf Geschosse hat es und seine regelmäßige Fassade wird bestimmt von bloßen weißen Bändern zwischen Fenstern, die durch vertikale und horizontale Streben viel stärker strukturiert sind. Auf dem flachen Dach eine Terrasse und ein verglaster, pavillonartiger Aufbau. Zwischen diesem Gebäude und einem dreigeschossigen ihm gegenüber, das an die Barockhäuschen anschließt, zweigt von der so vertrauten Straße eine schmale, aber großzügige Einkaufsstraße ganz anderer Art, die nur den Fußgängern gehört, ab.

Ekazent2

Die Gebäudezeile auf deren rechter Seite hat eine Fassade wie das höhere Gebäude, doch ihr drittes Geschoß ist hinter einer ausgedehnten Terrasse zurückgesetzt, so daß sie in der Höhe völlig mit den Barockhäuschen übereinstimmt. Im Erdgeschoß, hinter vorgesetzten Kolonnaden, befinden sich die Geschäfte. Wo das höhere Gebäude endet, weitet sich die Einkaufstraße nach links hin zu einem kleinen Platz. Dessen gegenüberliegende Seite wird von einem Gebäude eingenommen, daß dem auf der rechten Seite entspricht, aber nur zwei Geschosse hat. Hinter seiner Terrasse, die hier einem Restaurant gehört, ragt nach links das Pultdach eines Kinosaals auf. Die linke Seite des Platzes schließlich begrenzt eine flache Ladenzeile, die auch weiter als dieser führt und mit dem Kino eine kleine Passage bildet, durch die man den Komplex zu einer anderen Straße hin verlassen kann.

Und das ist das Ekazent, von dem man vielleicht nicht sagen muß, daß es in Hietzing ist, da sonst kein Ort diesen Namen, der viel mehr als eine Kurzform für Einkaufszentrum ist, zu tragen verdient hat. Das Ungewohnte, Neue des Namens entspricht dem Neuen der Architektur. Man geht durch die Stadt, sieht Schönes und Häßliches, Gutes und Schlechts zusammengewürfelt vom Chaos, das Kapitalismus heißt, und dann stößt man auf etwas wie das Ekazent und plötzlich ist alles gut. Ein Blick, ein paar neugierig erkundende Schritte und man spürt: Ja, das ist es, hier ist die neue Stadt, hier ist die Zukunft. Jeder voller Freude getane weitere Blick bestätigt das nur noch, denn hier ist alles Klarheit und Ruhe, Schönheit und Menschlichkeit.

Gewiß, diejenigen, die das Ekazent bauten, wußten nicht, daß sie da etwas bauten, das in seiner Konsequenz über die überkommene Stadt hinausweist. Komplexe wie dieser waren Mode in dieser Zeit, späte Fünfziger, frühe Sechziger, und ein Ekazent entsprach mit mehr Ladenflächen und erhöhter Kundenfrequenz den Bedürfnissen des Kapitalismus so sehr wie zuvor Kaufhäuser und später Malls, also Einkaufszentren im heute üblichen Sinne. Aber in jedem Bauwerk ist mehr als Bauherr oder Architekt hineinlegen. Und die hier geschehene Aufbrechung der überkommenen Blockstruktur, die Trennung von Fußgänger- und in eine unter dem Ekazent liegende Tiefgarage verbanntem Autoverkehr, die Schaffung eines, wie auch immer limitierten, neuen städtischen Raums, das sind fortschrittliche Qualitäten.

Das Modell für alle derartigen Komplexe ist das Zentrum von Rotterdam, die Lijnbaan. Im Vergleich zu dieser ist das Ekazent klein und fast banal, auch in anderen kapitalistischen Ländern wurden sicher großartigere Beispiele gebaut, aber das Gute läßt sich auch an seiner bescheidensten Ausführung illustrieren. Dies umso mehr, als das Ekazent so dankenswert gut erhalten ist. Bloß die Kolonnaden sind durch gläserne ersetzt und im entkernten Kino ist nunmehr ein Schreibwarengeschäft.

In den sozialistischen Staaten geschah das meiste fortschrittliche Bauen zu spät, um noch orthodoxe Aneignungen der Lijnbaan zuzulassen. Eine Ausnahme aus der DDR ist die Webergasse in Dresden, die noch dazu eine symbolische Abkehr von der stalinistischen Architektur des Altmarkts war, aber die ist lange schon einem, nun, Einkaufszentrum gewichen, das Galerie oder Forum heißt, damit seine Besucher nie erfahren, was diese Worte bedeuten. Spätere Projekte, ob die Strona Wschodnia in Warschau, die Stadtpromenade in Cottbus oder viele Zentren ungerühmter Wohngebiete, nehmen bloß Elemente der Lijnbaan im Rahmen viel umfassenderer und viel weiter in die Zukunft hineinragender Konzeptionen auf.

In Hietzing kann man neben der niederländischen Assoziation noch eine mexikanische bekommen. Denn wenn man von der linken Seite der Hietzinger Hauptstraße aufs Ekazent blickt, mag man zuerst gar nicht das oben Beschriebene sehen, sondern das riesige Mosaik, das die gesamte hierher zeigende Schmalseite des fünfgeschossigen Gebäudes einnimmt.

EkazentMosaik

Es zeigt ein Rad, konzentrische Kreise, in dessen vielfältigen Ornamenten als figürliche Elemente nur Fische und Menschenköpfe erscheinen, so daß man an Römisches oder eben Aztekisches denkt. Das ist Mexiko-Stadt, das ist Muralismo, und will das auch sein, gezähmt selbstverständlich, an Wiener Verhältnisse angepaßt.

Universitätsbibliothek Mexiko-Stadt aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Universitätsbibliothek Mexiko-Stadt aus Henselmann, Irene u. Hermann: Das große Buch vom Bauen, Berlin 1976

Genug für eine Reise im Geiste aber ist es allemal. Ferner von Schönbrunn könnte man kaum sein.

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