Die Wetterau in der DDR

Durch die Wetterau gehen und an die DDR denken.

Blick in Richtung Frankfurt

Ich bin hier aufgewachsen, in zwei Dörfern an der Grenze zu Frankfurt und es schien damals sehr wichtig, daß das erste zu Frankfurt gehört und das zweite nicht, obwohl das doch nur der hessischen Gemeindereform der siebziger Jahre geschuldet war. Gerade hier, wo es noch heute wenig nach dem Rand einer Großstadt aussieht, erkennt man die Beliebigkeit der neuen Grenzziehungen: drei Dörfer nacheinander am selben Bach und das erste kam an Bad Homburg, das zweite an Frankfurt, das dritte an Bad Vilbel. Jedes von ihnen könnte gut darlegen, wieso es historisch gesehen mit den anderen beiden nichts zu tun hat, doch das Ziel einer Verwaltungsreform sollte ja gerade nicht sein, die administrative Zerstückelung von vor 1806 oder 1920 zu reproduzieren.

Die DDR hätte, wie es seit den Zwanzigern der Traum ist, von dem sogar die Sozialdemokratie der Siebziger in einem bald aufgegebenen Plan für eine Regionalstadt Frankfurt noch ahnte, weite Teile des Rhein-Main-Gebiets zu einem Groß-Frankfurt nach dem Vorbild des 1920 geschaffenen Groß-Berlin zusammengefügt. Die Wetterau, also die Landschaft nordöstlich von Frankfurt am Fluß Nidda, würde nicht dazugehören und doch sähe sie ganz anders aus. Wie, darüber denke ich bei all diesen Frühlingsspaziergängen nach.

Denn aufgewachsen bin ich hier, sehen gelernt aber habe ich in der DDR. Es war ein langer, widerspruchsvoller Prozeß der Begegnung erst mit den Stadträumen, die sie schuf, dann mit der Literatur, die diese behandelte und über sie hinausging. Er schuf eine Grundlage. Einst dachte ich, ich könne nur noch leben, wo einmal Sozialismus war, doch bald merkte ich, daß ich überall leben kann, weil ich die DDR in mir trage. Die DDR ist meine geistige Heimat. Wohin ich auch gehe, ich vergleiche alles mit dem, was ich in der DDR und in den anderen sozialistischen Staaten gelernt habe, wohlgemerkt nicht als mit einem unveränderlichen Ideal, sondern als einem Werkzeug für den Fortschritt. Meist ist die DDR denn auch nur im Hintergrund meiner Gedanken, ob in der Wetterau oder anderswo, denn so reizvoll Phantasien darüber, was der Sozialismus mit dieser Landschaft gemacht hätte, sind, wichtiger ist die Betrachtung der seit jeher kapitalistischen Realität.

Es sind also weniger die ewigen Einfamilienhausgegenden, diese Zersiedlung, die die einst meist auf Bach- oder Flußtäler beschränkten Dörfer in der Fläche aufblähte, die ich vergleiche, obwohl an ihrer Stelle in der DDR entweder nichts oder platzsparender und landschaftsprägender mehrgeschossiger fortschrittlicher Wohnbau wäre.

(Blick auf Oberdorfelden und Kilianstädten)

Es sind auch weniger die in den satten Fünfzigern und Sechzigern um- und zugebauten Ortskerne, deren Glasbausteine, Kachelmuster und Betongeländer neben Fachwerk und Schiefer heute den Reiz einer neuen volkstümlichen Architektur haben, obwohl sie in der DDR nicht oder nur in viel geringerem Maße so um- und zugebaut worden wären, während der neue Wohnbau den Bevölkerungszuwachs aufgenommen hätte.

In Ober-Wöllstadt

Es sind nicht einmal die Kriegerdenkmäler des ersten und zweiten Weltkriegs, die ungebrochene deutsche Tradition, obwohl in der DDR letzere nicht existiert hätten und neben erstere solche des Danks an die Sowjetarmee und des Gedenkens an die gefallenen Antifaschisten, die in der Wetterau vergessen sind, getreten wären.

Kriegerdenkmal in Nieder-Erlenbach (Willi Belz, 1932)

Nein, es sind eher die Einschränkungen, die Wege, die in der kapitalistischen Wetterau nicht zu gehen sind.

Wenn man von der Nidda die kurze Strecke nach Groß-Karben geht, folgt auf eine Allee ein großer Park.

Durch ihn verläuft ein langer Weg zwischen niedrigen Steinmauern mit rotem Abschluß, hinter denen gut sichtbar beeindruckende alte Bäume stehen, es ist ein herrschaftlicher Park.

Nur ein paar Ziegen grasen in ihm und irgendwo stehen alte Landmaschinen herum. Zugänglich ist er nicht.

Wenn man Ilbenstadt von einer ungünstigen Seite erreicht, muß man erst lange um eine hohe steinerne Mauer gehen, bevor man den Ortskern erreicht.

Auch hinter dieser Mauer, die kaum auch nur Öffnungen hat, erahnt man einen Park, der hier zu einem ehemaligen Kloster gehört. Zugänglich ist er nicht.

Solche unzugänglichen Flächen mitten in den Orten sind hier normal, man bemerkt sie nicht und auch ich würde sie nicht bemerken, wenn es nicht die DDR gegeben hätte. In der Wetterau herrscht Kapitalismus und das bedeutet Privateigentum an Grund und Boden. Wer Land besitzt, kann selbst entscheiden, wem er dieses zugänglich macht und es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um ein verschachteltes Gärtchen hinter einem umgebauten Bauernhaus oder einen riesigen Park handelt.

Was hier normal ist, war es in der DDR nicht. Parks wie diese wurden enteignet, was dadurch erleichtert wurde, daß ihre Besitzer Nazis oder sonstige Reaktionäre waren und sich rechtzeitig in den Westen, vielleicht zu Verwandtschaft in der Wetterau, geflüchtet hatten. Die Parks wurden Volkseigentum und wenn dieses Wort in Bezug auf Industriebetriebe etwas abstrakt sein mag, so erklärt es sich hier von selbst: sie wurden dem ganzen Volke zugänglich. Die, die in der Wetterau noch immer vor den Mauern und Toren stehen, konnten in der DDR hinein. Umwege wurden beseitigt, Erholungsorte geschaffen und dem Städtebau neue Möglichkeiten eröffnet. Was durch die Klassengesellschaft getrennt war, wurde zusammengefügt.

Den Wunsch der Architektur, neue Verbindungen zu schaffen, sieht man auch in der Wetterau manchmal. Im erwähnten Ilbenstadt steht an der Hanauer Landstraße das Bürgerhaus, ein großer zweigeschossiger Bau in einem typischen Stil der Siebziger, Beton, Glas, aber auch Backstein und ein teils schräges Dach mit schwarzer Verkleidung.

Rechts bei der Ecke ist ein Betonbalkon und daneben führt eine Treppe durch Nadelgebüsch den Hang hinauf, wo man erst merkt, daß das Gebäude dort nur noch flach ist. An den Balkon schließt eine große Terrasse an, über die sich halb ein Vordach auf dünnen runden Stützen spannt, in dem wiederum eine längliche rechteckige Lücke Licht zu einem ebensolchen Beet neben der Wand durchläßt. Der Name des hier befindlichen Restaurants, „Klosterschänke“, erschließt sich dadurch, daß in der Verlängerung von Vordach und Terrasse ein Turm steht.

Auf einem achteckigen Sockel in der Ecke der Mauer des Klosterparks hat sein Obergeschoß spitzbögige Fenster und ist genau wie die geschwungene Kuppel mit Schiefer verkleidet.

Die kontrastreiche Verbindung von Neu und Alt, die hier angestrebt wird, gleicht durchaus der Cottbusser Gaststätte „Am Stadttor“. Sie bleibt hier aber bloß optisch, was auch nicht wenig ist, der Turm ist für die Gäste auf der Terrasse im neuen Gebäude aufgehoben, aber räumlich bleiben sie getrennt, der Park ist so unzugänglich wie eh und je und auch bis vor das Kloster ist es noch ein ganzes Stück an der Mauer entlang.

Wie der Kapitalismus die Architektur, die manchmal das Richtige will, behindert, das sehe ich oft, wenn ich durch die Wetterau gehe und an die DDR denke. Vor allem aber weiß ich dank der Anschaung der DDR, daß es auch anders geht.

3 Gedanken zu „Die Wetterau in der DDR

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