Strudlhofstiege

Die Strudlhofstiege ist zuerst einmal ein Zweckbau, ein Verkehrsbau, der eine Fußgängerverbindung zwischen dem unteren und dem oberen Teil des durch einen steilen Hang zertrennten 9. Wiener Bezirks Alsergrund schafft. Sie ist nicht die einzige Treppe an diesem Hang, aber durchaus eine besonders wichtige, weil in der Umgebung nicht nur dieser selbst, sondern auch das große Gelände des Palais Clam-Gallas, auf dem heute das Institut Français und eine französische Schule sind, den Weg versperrt.

Strudelhofstiege

Unten beginnt sie mit zwei seitlich geschwungen Stück nach oben führenden Treppen, zwischen denen ein kleiner Wandbrunnen ist. Dann aber setzt sie sich nicht etwa mit steilen Treppen fort, wie es naheliegend wäre und ihr Beginn anzudeuten scheint, sondern mit recht sanft ansteigenden Wegen, die im Zickzack den Hang hinauf führen. Erst dort, wo sie wieder die Straße erreicht, endet sie wieder mit zwei konventionellen Treppen. Oben und unten ist also eine repräsentative, steile Treppe angedeutet, gerade so, als schäme sich die Strudlhofstiege des dazwischenliegenden gemütlichen Wegs, der Zweckmäßigkeit an die Stelle von Effekt setzt.
Der Verlauf von Treppe und Weg ist markiert durch große dunkelgrüne Laternen mit hohlen, kompliziert verschlungenen schmiedeeisernen Pfählen, die mehr noch als der Brunnen zeigen, daß es sich um ein vom Jugendstil geprägtes Bauwerk handelt. Unten und oben stehen sie gepaart auf der hellen Steinbrüstung, aber entlang des Wegs nur noch an den Ecken, wo er sich in die andere Richtung wendet.

Strudelhofstiege2

Das ornamentale Moment der Laternen wird so durch ihre große Funktionalität ausgeglichen. Im Zusammenspiel noch mit den Beeten entsteht ein sehr gelungener und schöner Ort.
Verbunden mit der Strudlhofstiege ist Heimito von Doderers Roman „Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“, der mit dem Gedicht „Auf die Strudlhofstiege zu Wien“ beginnt. Für die, die es nicht kennen, und es gibt wohl wirklich kennenswertere österreichische Dichter, ist es der Treppenanlage auf einer Steintafel beigefügt.

GedichtDoderer

Ob es ein gutes Gedicht ist, möge jeder selbst beurteilen. Auffällig ist aber, welche bizarre Bedeutung Doderer dem Wort „alt“ gibt. Die Strudlhofstiege wurde 1910 errichtet, Doderer wurde 1896 geboren, das Gedicht erschien 1951. Als alt empfindet Doderer also eine vierzig Jahre alte Treppeanlage, deren Bau er miterlebt haben könnte. Man kann nur spekulieren, ob Doderer in einer Mischung aus Vergeßlichkeit und Arroganz die Neubauten seiner Jugend mit dem Alten schlechthin verwechselt oder ob er, aus wirtschaftlichen oder lokalpatriotischen Gründen, die für das Stadtmarketing Wiens nützliche Umwidmung des Neuen der k.u.k.-Zeit zum Alten betreibt. Dann wäre sein Gedicht das literarische Äquivalent der Sissi-Filme. Die Strudlhofstiege jedenfalls kommt auch ohne Doderer gut zurecht.

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