Torgauer Traditionen

Das sozialistische Torgau erzählt in einem Wandbild aus seiner Geschichte. Auf der langgestreckten orange-gelben Fläche sieht man zwei Gruppen von Menschen: rechts Ritter, teils zu Fuß, teils zu Pferd, in Rüstungen, mit Schwertern und Hellebarden und dem Stadtwappen als Wimpel.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Links Menschen der DDR-Gegenwart, alte, junge, teils stehend, teils sitzend, ein Bauarbeiter, einer mit Gitarre, hinter ihnen ein noch kleiner, aber geschmückter Baum.

Auf einem Steinblock ganz links ist die Signatur „Kratsch 1987“.

In der Mitte treffen sich zwei Vertreter der beiden Gruppen, rechts einer der Ritter, links ein junger Mann mit rotblondem Vokuhila und ähnlichfarbiger Sportjacke.

Der Ritter will dem Mann ein Schwert übergeben, doch der lehnt es mit freundlicher Geste ab. Über ihnen fliegt eine weiße Taube, rechts davon weitere und überhaupt sind die beiden Gruppen nicht so geschieden, wie es im ersten Moment scheinen mag. Ganz rechts steht ein kleiner Junge mit Hund vor den Rittern und blickt nach vorne, als posierte er mit den eigentümlichen Besuchern aus der Vergangenheit für die Kamera.

Mittig vor den Rittern steht ein kleines Mädchen und winkt nach links, als wolle es die anderen auf ihre kuriose Entdeckung hinweisen.

Und mittig links steht ein Ritter mit zwar eingestecktem Schwert, aber auch einer aufgestellten Lanze, um die blühende Schlingpflanzen wachsen und die von der anderen Seite ein kleiner Junge mit Trompete hält.

Gezeigt ist auf diesem Wandbild des Künstlers Joachim Kratsch, wie der Sozialismus mit der Tradition umgeht: liebevoll, aber selbstbewußt, das Gute aufhebend, das Schlechte zurückweisend. Die Ritter sind den Kindern spielerisch-staunend wahrgenommene Folklore. Aus der Lanze wächst ein Baum. Das Schwert, die kriegerische Tradition, lehnt der ganz im Geschmack der späten achtziger Jahre gekleidete DDR-Bürger ab, er braucht sie nicht, es ist Sozialismus und Frieden. Ganz so sah die DDR die Welt und sie fand dafür unzählige überraschend schöne Bilder wie dieses.

Vielleicht täuschte sie sich. Bezeichnenderweise hat der Frieden im Bild seine Symbole, der Sozialismus aber nicht. Leicht könnte es einfach pazifistisch verstanden werden. Daß die DDR den deutschen Militarismus zurückwies, war richtig, aber daß sie zwei Jahre später zu ihrer Verteidigung nicht das Schwert zücken konnte, war tragisch. Das Ergebnis sieht man um das beschriebene Wandbild.

Es symbolisch zu nennen, daß über die zentrale Szene ein großes grünes Hakenkreuz gemalt wurde, wird dem heutigen Torgau gewiß nicht gerecht, eher paßt es, daß der einstige Saal des Restaurants „Torgau Nordwest“, in dem das Wandbild ist, heute voller zerschlagener Möbel und allerlei anderen Mülls liegt, während die Fensterflächen verbarrikadiert sind. Beides, Neofaschismus und wirtschaftlicher Niedergang, hängt miteinander zusammen.

Der flache Restaurantbau befindet sich ganz am Ende des Wohngebiets Torgau Nordwest, dessen Name noch in blauen Leuchtbuchstaben auf dem Dach steht. Sogar ein Logo – einen Kreis, in dem ein spitzes Dreieck kompaßnadelgleich in die linke obere, die nordwestliche, Ecke zeigt – hatte das Wohngebiet.

Heute zeigt es sich wie so viele kleinere Wohngebiete der ehemaligen DDR. Hinter dem Restaurant beginnt eine breite, leicht geschwungene Grünachse, zu der sich links fünfgeschossige Bebauung mit großzügigen Höfen öffnet, während rechts eine Schule mit großer Turnhalle, ein Kindergarten und dahinter aufgereihte fünfgeschossige Gebäude älteren Typs mit flachem Satteldach stehen.

Am Ende der Achse ist rechts ein Kaufhallengebäude, dessen vorderer Teil ein Wellendach und einen hinter einer Stütze in der Ecke zurückgesetzten verglasten Eingang hat,

und links eine kleine Poliklinik mit Pelikanapotheke, die sich mit einem zur braunen Kachelverkleidung  des Sockelgeschosses und des Dachbandes passenenden abstrakten Kachelrelief schmückt.

Fast alle Gebäude sind neugestaltet und andere, besonders vor dem Restaurant, wurde abgerissen. In der Kaufhalle ist ein vietnamesischer Laden, die Poliklinik stark umgebaut. Für das heutige Wohngebiet ist wohl am wichtigsten, daß es zwischen den beiden letztgenannenten Gebäuden entlang des einzigen unveränderten Wohnbaus, der auch als einziges bei ebenfalls fünf Geschossen einen Aufzug hat, zur herumführenden Straße mit Bushaltestelle und weiter zu einem Einkaufszentrum um einen großen Parkplatz und zu McDonald’s geht.

Schlecht war das Wohngebiet Torgau Nordwest im Bezirk Leipzig seiner Konzeption nach nicht und daß all seine Gemeinschaftseinrichtungen verfallen würden, konnte niemand ahnen. Vielleicht aber war es auch nicht gut genug. Es liegt letztlich zu weit vom Zentrum seiner ohnedies nicht großen Stadt entfernt und hat anders als das ältere Wohngebiet an der Straße des Friedens nicht einmal ein bescheidenes Hochhaus. Radikaler und selbstbewußter wäre es gewesen, direkt auf der anderen Seite der Elbe, gegenüber von Altstadt und Schloß Hartenfels, ein neues Wohngebiet zu bauen. Platz wäre genug, denn hinter den Flutwiesen sind dort nur versteckte Teile der Festungsanlagen, in denen heute immerhin ein alternatives Kulturzentrum ist. Wäre es so gekommen, hätten sich Alt und Neu direkt gegenüberliegen können. Dieses theoretische Torgau Ost oder Torgau Brückenkopf, wie die einzubeziehenden Festungsreste heißen, wäre auch der angemessenere Ort für das Wandbild, das statt an einer Restaurantinnenwand dreifach größer an einer Außenwand hätte hängen müssen, um die ringsum offensichtlichen Torgauer Traditionen zu kommentieren.

Ein Gedanke zu „Torgauer Traditionen

  1. Pingback: Neubrandenburgs Bauarbeitern | In alten und neuen Städten

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.