Hyllie

Hyllie, das war einst ein Wasserturm. Vier hohe runde Stützen, die oben fließend in einen großen Diskus übergehen, und als Abschluß ein kleinerer runder Teil mit umlaufendem Fensterband.

WasserturmHyllieUntenMalmö

Er war der markanteste von mehreren Türmen, die in den frühen Siebzigern in der Nähe von Malmös Inre Ringvägen (Innerem Ringweg), der im Halbkreis um die Hafenstadt führenden Autobahn, gebaut wurden.

HyllieWasserturmAutobahn

Ein fremdartiges weißes Ufo, zugleich Funktionsbau und Skulptur, war er zwangsläufig Symbol für irgendeine Zukunft. Allein und auch ganz selbstgenügsam stand er lange Jahre in den Feldern der Landschaft von Skåne (Schonen). Die Stadt rückte zwar näher, aber sie erreichte ihn nie. Diesen Zustand kann man auf einem kleinen Bild abseits des Nydalatorget (Nydalaplatz) im Süden der Stadt noch sehen.

BildWasserturmHyllieNydalatorgetMalmö

Den Blick des Bildes gibt es auch heute noch, doch man muß ihn suchen und kein Photo wird ohne weiteres die Veränderungen, die Hyllie erlebt hat, verbergen können.

WasserturmHyllieMalmö

Denn seit dem Jahre 2000 ist Hyllie das Tor zu Dänemark. Hier ist der letzte Bahnhof vor der Örseundbrücke, also vor Kopenhagen, und um diesen entstand und entsteht ein neuer Stadtteil von Malmö. Der Wasserturm steht nicht mehr allein auf dem Feld, sondern wurde Teil einer Skyline. Fast könnte man hoffen, die Zukunft des Wasserturms sei gekommen.

SkylineHyllieMalmö

Doch wie fern jeder Zukunft ist alles, was in Hyllie gebaut wurde! Allerlei Gebäude, Büros, Hotels, Wohnungen, ein Einkaufszentrum, eine Konferenzhalle. Manches sieht so, manches so aus, aber alles ist immer einem Straßenraster untergeordnet.

StraßeHyllieMalmö

Hyllie ist aufgebaut, als habe die Stadtplanung seit der Anlage von Łódź, Odessa oder der amerikanischen Kolonialstädte keine Fortschritte gemacht. Mittendrin ist ein Platz, der sich in Richtung der Brücke öffnet.

PlatzHyllieMalmö

Das Diskusrund des Bahnhofsdachs scheint vom Wasserturm wenigstens zu wissen. Aber er ist versteckt hinter der Konferenzhalle. Wenn man ihn sieht, schwebt er über dem neuen Hyllie und seine einfache markante Form scheint so viel stärker als dessen Beliebigkeit.

Auf seine Umgebung nimmt Hyllie keine Rücksicht, die Verbindungen in nahe Wohngebiete wie Kroksbäck sind mal mehr, mal weniger schlecht, aber auch an der Backsteinkirche des nahen Dorfs Bunkeflo hat es kein Interesse.

Bleibt die Öresundbrücke, Hyllies raison d’être. Am besten sieht man sie vom Dach des Einkaufszentrums Emporia.

ÖresundbrückeHyllieMalmö

Bei dieser Brücke, den zwei riesigen Pfeiler, den beiden Ebenen, die Autos und Züge über das Meer tragen, bei diesem Meisterwerk der Infrastruktur spürt man immerhin etwas Zukunft, wie sie der Künstler auch auf einem anderen Bild in Nydala imaginierte.

BilderWasserturmBrückeHyllieMalmö

Infrastrukturprojekte immerhin gelingen dem gegenwärtigen Kapitalismus noch manchmal, aber deshalb kann man ihm weder mediokre Stadtplanung noch sonst etwas verzeihen.

Was der Kapitalismus außerdem kann, können muß, sind Einkaufszentren. So ist Emporia auch das mit Abstand interessanteste Gebäude des neuen Hyllie. Das meiste an ihm ist selbstverständlich reine Mode. Daß es sich mit eingewölbten fließenden Glasflächen gelb zur Straße und blau zur Brücke öffnet – Mode und sogar eine, die schon langsam alt wird.

HyllieEmporiaMalmö

Daß die Treppen- und Rolltreppenbereiche im Inneren sehr unterschiedlich gestaltet und bis zu den Handläufen einzelnen Farben zugeordnet sind – Mode, aber immerhin gut für die Orientierung.

HyllieEmporiaBlauMalmö HyllieEmporiaGelbMalmö HyllieEmporiaRotMalmö

Daß im grünen Bereich eine großzügige Wendeltreppe, um die schlingpflanzenumrankte Seile hängen, zu einer verglasten Kuppel hinaufführt – eine noch junge Ökomode.

HyllieEmporiaGrünMalmö

Die Mode nun, die Dächer von Einkaufszentren als Parks zu gestalten, hat einen wirklichen Wert, weil dadurch ein neuer und potentiell sogar öffentlicher Raum entsteht. Das Dach des Emporia ist eine eckige Hügellandschaft mit eher karger Vegetation, wie sie gut zum ständigen Wind und zum Blick aufs Meer paßt.

HyllieEmporiaDachMalmö

Das ist nicht viel, aber es ist etwas. Das neue Hyllie wäre ein weit interessanterer und besserer Ort, wenn es nur aus einem Einkaufszentrum mit begrüntem Dach bestünde. Damit wäre es dem Wasserturm ein wenig gerecht geworden. Aber dazu war der Kapitalismus nicht in der Lage und vom Dach des Emporia blickt man in die traurigen Neo-Hinterhöfe der Wohnbebauung.

Hyllie heute, das ist also eine vertane Chance. Der Wasserturm träumt weiter von einer Zukunft.

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