Europa-Allee

Eine Tragik des Städtebaus ist es, daß viele der wertvollsten Flächen in den besten Lagen der Städte erst frei wurden, als jede Ahnung davon, daß eine neue Art von Stadt entstehen müßte, vergessen war.

So wurde in Frankfurt in den Neunzigern der Güterbahnhof stillgelegt. Doch alles, was den Frankfurter Stadtplanern für diese riesige Tabula Rasa einfiel war: eine breite Straße zu bauen und sie Europa-Allee zu nennen.

Europa-Allee

Man muß sich dabei bewußt sein, daß diese Straße keine Verbindung zwischen irgendetwas schafft. Der Verkehr in das Stadtzentrum und aus ihm heraus nach Westen verläuft über die nahe Mainzer Landstraße und das soll sich auch nicht ändern. Die Europa-Allee führt zwar direkt auf die Bankhochhäuser des Zentrums zu, kommt aber nie dort an, da an ihrem Ende das Einkaufszentrum Skyline Plaza den Weg versperrt. Diese ganze riesige Straße ist nichts anderes als eine Zufahrt zu dem, was eben an ihr gebaut wird. Da dieser Zweck auch auf viele andere Arten erreicht werden könnte, ist ihre prominente Lage und Gestalt reiner Selbstzweck. Die Europa-Allee ist „la rue pour la rue“, eine Straße um der Straße willen.

Aber gut, so unerhört es ist, eine so große Straße zu bauen, ohne verschiedene Teile der Stadt verbinden zu wollen, es gibt viele Beispiele dafür, wie entlang großer Straßen gelungene neuartige Stadträume entstanden, die Leipziger Straße in Berlin etwa. Doch was fiel den Frankfurter Stadtplanern für die Europa-Allee weiter ein? Sie setzten in regelmäßigen Abständen Querstraßen, die nach europäischen Hauptstädten heißen, und füllten die Zwischenräume mit achtgeschossiger Bebauung. Während die Europa-Allee Straße um der Straße willen ist, sind diese Querstraßen eigentlich gar keine Straße, da sie nur als kleine Stummel zu den Tiefgaragen

Europa-AlleeQuerstraße

oder als Wege zu den Neo-Hinterhöfen führen.

Europa-AlleeHinterhof

Diese Hinterhöfe sind auch der einzige Berührungspunkt zur alten Bebauung daneben. Nirgends ist man weiter entfernt von der Europa-Allee als in der etwa parallel verlaufenden Kölner Straße.

KölnerStraßeFrankfurt

Wer dort aus dem Fenster einer der Mietskasernen blickt, wüßte wohl nicht zu sagen, ob nebenan nun Gleisanlagen oder neue Gebäude sind; jedenfalls kann es ihm egal sein. Nicht einmal mit der real existierenden europäischen Stadt will die Europa-Allee, die deren bizarre Simulation ist, als etwas zu tun haben. Sie genügt sich selbst, sie ist reine Ideologie. So muß die Straße da sein, müssen Querstraßen da sein, muß alles dazwischen zugebaut werden, da das im 19. Jahrhundert so war. Nun war der Städtebau des 19. Jahrhunderts nicht gut, aber er suchte doch Probleme zu lösen. Haussmanns Pariser Boulevards waren wichtig für den großstädtischen Verkehr, die Europa-Allee ist recht eigentlich gar nichts. Sie schafft keinen neuartigen Raum, sie gibt der Stadt nichts, sie ist einfach nur da.

Am Ende oder eher Anfang der Europa-Allee, wo eine Verbindung zur übrigen Stadt sein könnte, steht die Skyline Plaza, ein unendlich banales Einkaufszentrum. Auf dessen Dach jedoch versteckt sich ein kleiner Park namens Skyline Garden. Er ist ein gelungener Ort, ja, der einzige wirkliche Ort an der Europa-Allee.

SkylineGarden

An der einen Seite vor einem Café, Pflaster und Hochbeete, auf der anderen intimere Beete mit Rankengittern, sonst offene Wiesen, auch Tischtennisplatten, ein Schachspiel, und in der Mitte, wo in einem anderen Park ein Teich wäre, eine Öffnung hinab zum Einkaufszentrum. Doch von diesem trennen einen drei Parkhausebenen. Man ist hier fern von allem und noch ferner der Europa-Allee. Ein Garten vor wenigstens einem kleinen Teil der Frankfurter Skyline, der Name paßt.

SkylineGardenSkyline

Fast könnte man vergessen, daß dies kein öffentlicher Ort ist und nur zwei Aufzüge hier herauf führen. Dennoch ist ein solcher Ort das Beste, was einem der gegenwärtige Städtebau geben kann. Das übliche Schlechte ist die Europa-Allee.

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