Architektonischer Humor

Humor gehört nicht in die Architektur, denn auch der beste Witz wird schnell alt, wenn man ihn zu oft hört, ein Gebäude aber will alt werden und oft gesehen werden. Wenn man also beim Anblick eines Gebäudes laut auflacht, spricht das schwerlich für dieses Gebäude.

Auf den ersten Blick wirkt folgendes Haus in der Straußengasse im 5. Bezirk angemessen humorlos und es gibt einem auch wenig Grund, es mit weiteren Blicken zu würdigen:

ARWTStraußengasse11Gesamt

zwischen einer Mietskaserne und einen Bau aus der Zwischenkriegszeit sechs Geschosse mit Fensterbändern und vorgesetzten schmalen Waschbetonbändern aus verschiedenen kleineren Platten. Im Erdgeschoß zwischen den Stützen eine Einfahrt und ein verglaster Eingang. Ein kleiner Bürobau aus den Sechzigern eben und was könnte weniger lustig sein?

Doch wieso ist da in der Wand links vom Eingang ein schmales horizontales Fenster, das mit seiner auffälligen Tiefe und dem seitlich und oben angebrachten Betonrand eher an die Schießscharte eines Bunkers erinnert?

ARWTStraußengasse11Eingang

Sogleich die Antwort: in dem Gebäude sitzt die Zentrale technische Produktdokumentation (ZTPD) des Amts für Rüstung und Wehrtechnik (ARWT) des Bundesheers.

ARWTStraußengasse11Schießscharte

Da wohl kaum geplant war, das Gebäude durch die Schießscharte im nächsten Krieg im Häuserkampf zu verteidigen, kann es sich hier nur um einen gebauten Witz, um einen ironischen Kommentar zum Aufgabenbereich des Amts handeln. Noch lustiger ist, daß die Auftraggeber das vielleicht nicht einmal bemerkten. Man kann sich gut vorstellen, wie der Architekt die Schießscharte mit irgendwelchen haarsträubenden Architekturargumenten, gegen die keiner etwas zu sagen wagte, begründete und sich dann mit Freunden beim Heurigen über den gelungenen Scherz freute.

In solcher Subtilität kann architektonischer Humor sogar funktionieren.

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