Łobez – Bahnhof und Wege ins Zentrum

Eine Stadt nach ihrem Bahnhof zu beurteilen, ist durchaus kein schlechter Ansatz. Łobez im spärlich besiedelten polnischen Nordwesten kann einem daher gefallen, noch bevor man es betreten hat.

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Sein Bahnhof ist ein Bau aus sozialistischer Zeit mit einem zweigeschossigen Trakt rechts und einem langen Flachbau links. Der höhere Teil hat konventionelle Fenster, die im ansonsten ockerfarbenen Putz durch rötliche Farbe zu Paaren zusammengefaßt sind, und zu den Gleisen hin ein sehr flaches Satteldach, das durch eine vorstehende Bordüre etwas vom übrigen Baukörper abgesetzt ist. Der flache Teil ist unter einem dünnen Vordach etwas zurückgesetzt und hat erst ganz links normale Räume, deren nach links weisendes Dach dem des höheren Teils entspricht. In der Mitte aber sind große Fenster und die Glastür des Wartesaals. Oben rechts in der der zu den Gleisen zeigenden Seite des höheren Teils steht in deutlich vor die Fassade gehängten Metallbuchstaben der Ortsname: Łobez.

Die dafür gewählte serifenlose Schrift ist mit fast rundem O und ansonsten schmalen Buchstaben so sachlich und zugleich charakteristisch wie der gesamte Bahnhof. Doch er begnügt sich nicht damit, den Namen seines Orts zu nennen, sondern bietet mit großen Stadtplänen und Umgebungskarten unter dem Vordach neben dem Wartesaal weitere Informationen. Der Boden des Wartesaals hat innerhalb eines roten Streifens an den Rändern ein großes grau-schwarzes Karomuster, während die Wände und die Decke neu gestrichen sind und bizarrerweise auch die aus schwarzem Stein bestehende Theke vor den, geschlossenen, Schaltern mit billigen Baumarktfließen verkleidet wurde.

Als in der Mitte durchlässige und durchsichtige Verbindung zwischen Bahn und Stadt sieht der Bahnhof bis auf die beiden gleisseitigen Metallstützen des Vordachs und die Fenster des hohen Teils von beiden Seiten identisch aus.

Ebenfalls noch vor der Stadt selbst sieht man die Umgebung des Bahnhofs. Ein großes Getreidesilo erhebt sich mit einer langen Reihe von Doppelzylindern aus Beton und einer Ahnung von rotem Putz jenseits der Gleise.

Ist der Bahnhof ein zierlicher und spezifisch Łobezer Bau, so ist das Silo ein Typenbau, wie er auch in Polen auf dem Land von der Industrialisierung der Landwirtschaft erzählt. Weiter rechts neben dem Bahnhof steht dann ein langer backsteinerner Lokschuppen, ein Funktionsbau aus einer früheren Zeit des Bahnwesens mit hohen rundbögigen Fenstern und von innen rußgeschwärztem Satteldach, den man heute besichtigen kann, weil in ihm ein Trödelladen mit Ware aus Deutschland ist.

Links des Bahnhofs ist eine kleine Grünanlage mit hohen Bäumen und einem alten rotweißgestreifen Fahnenmast aus Holz, in der früher gewiß auch Bänke standen.

Vor dem Bahnhof verläuft nach einer kleinen Straße ein Parkstreifen, in dem links ein achteckiges Brunnenbecken und der kleine Busbahnhof sind.

Er ist ein Bild der Einfachheit: ein Dach aus milchig gelbem gewelltem Kunststoff entlang der drei Bahnsteige und etwas höhere über diesen, eines davon grün, dazu eine kleine Bude für den Fahrkartenverkauf und ein asphaltierter Platz.

Ins Zentrum, dessen Panorama man über den Park bereits vom Bahnhofssaal sieht, gibt es nun zwei deutlich verschiedene Wege. Der erste  führt rechts an der größten historistischen Villa der Stadt, einem ansatzweise jugendstiligen Mietshaus und der preußisch-backsteinernen Post vorbei und mit der leicht abschüssigen Obrońców Stalingradu (Straße der Verteidiger Stalingrads)  zum Fluß Rega hinab und ins Zentrum hinein. Die Straße trug diesen Namen noch bis vor kurzem, noch auf der Karte am Bahnhof, noch auf einer Supermarktreklame am Stadtrand.

Ein weiterer Versuch, aus dieser bürgerlichen Repräsentationsstraße eine sozialistische zu machen, stellt ein großes Wandbild, das von der Brandmauer des Jugendstilbaus über einen kleinen Kreisel zur Stadt zeigt, dar.

Auf ihm ist rechts ein aus dicken schwarzen Linien und einfachen Recht- und Dreieckformen zusammengesetztes lächelndes Männchen, von dessen gelüftetem Hut nach links ein regenbogenartiger Kreis mit vier Orange- und Gelbtönen ausgeht. In dessen weißer Fläche steht: „Rzemiosło Łobza świadczy usługi dla ludności, rolnictwa i gosp. uspołecznionej oraz – szkoli nowe kadry“ (Das Handwerk von Łobez erbringt Dienstleistungen für die Bevölkerung, die Landwirtschaft und die vergesellschaftete Wirtschaft und – schult neue Kader). Im Bauch des Männchens ist dazu noch schwach das weiterhin gebräuchliche Hammerlogo des Handwerkerverbands zu erkennen.

Das Wandbild ist ein Beispiel einer spezifisch polnischen Werbegrafik, die auch in einer Kleinstadt nicht fehlen darf.

Der zweite Weg führt links des Grünstreifens über eine Straße und durch eine breite Lücke der niedrigen, teils noch in Fachwerk ausgeführten Bebauung hinab zur Rega, wo eine kleine Fußgängerbrücke folgt.

Das Flußufer ist bis zur nächsten Brücke links und noch über die rechte Brücke der Obrońców Stalingradu hinaus als Park gestaltet. Zu den Mäandern des breiten und flachen, aber gut kajakgeeigneten Flüßchens kommen Bäume, Bänke und große halbabstrakte Betonplastiken.

Der Park an der Rega ist das grüne Herz der Stadt, ein Ort der Verbindung zwischen verschiedenen Stadtbereichen. Der vom Bahnhof abseits der Straßen zu ihm und weiter ins Zentrum führende Weg ist der neue, der sozialistische, und er braucht dazu keinen sozialistischen oder überhaupt einen Namen.

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