Wandbilder in Łódź

Łódź ist die drittgrößte polnische Stadt, hat aber auch unter Polen einen sehr schlechten Ruf. Tatsächlich ist es eine komplizierte Stadt, über die man leichter sagen kann, was ihr fehlt, als was sie hat. Industriestadt ohne Industrie, jüdische Stadt ohne Juden, Stadt voller Geschichte ohne Altstadt, Stadt der Arbeiterbewegung ohne Arbeiterbewegung, etc. Deshalb soll es hier einfach um die Wandbilder von Łódź gehen, derer es zwei Arten gibt.

Da ist einmal die sogenannte Street Art. Das ist ein eigenartiger Begriff für aus der Graffitti-Kultur erwachsene öffentliche Kunst, der im eigentlichen Sinne dazu dient, das Graffitti aus dem sympathischen Bereich der Schmiererei in den anrüchigen Bereich des bürgerlichen Kunstbetriebs hinabzuziehen. Street Art also findet man auf vielen Brandmauern der inneren Stadtteile. Mal ist sie nett und nimmt Bezug auf ihr Umgebung wie bei diesen spielenden Mardern.

StreetArtMarderŁódź

Mal ist sie dekorativ ornamental.

StreetArtAbstraktŁódź

Oft allerdings will sie irgendeine Botschaft haben und ist entsprechend unerträglich, denn alle bürgerliche Kunst, die eine Botschaft haben will, erschöpft sich in dümmlicher Konsum-, Zivilisations- oder was auch immer Kritik.

StreetArtHerzŁódź

Mit dieser Street Art rühmt sich das offizielle Łódź, es gibt dazu hübsche Informationstafeln, Internetseiten, wer weiß, vermutlich sogar Bücher.

StreetArtInformationstafel

Es handelt sich also um Auftragskunst im Dienste des Stadtmarketings. Die Street Art ist Teil eines verzweifelten Versuchs, Łódź nach dem Wegfall seiner textilindustriellen Basis im Jahre 1990 und seinem daraus resultierenden völligen Niedergang als Stadt der Kultur neuzuerfinden – als bräuchte irgendjemand so viel Kultur und als könne Kultur jemals irgendwen in eine Stadt ohne Altstadt locken.

Dann sind da Werbewandbilder aus sozialistischer Zeit. Auch sie findet man auf Brandmauern, allerdings solchen in besonders öffentlichkeitswirksamer Lage wie an großen Straßen oder an Kreuzungen. Etwa das Wandbild für die ZPB im. Armii Ludowej (etwa Baumwollindustriekombinat „Volksarmee“) an der Kościuszki.

ZPBSzumigajŁódź

Im oberen Teil das Logo, eine Aufführung der Produkte und der stolze Name, darunter nicht mehr als ein auf der Spitze stehendes Quadrat aus bunten Pixeln. Es handelt sich um ein Werk von Andrzej Feliks Szumigaj. Unnötig zu sagen, daß der Betrieb nicht nur nicht mehr diesen Namen trägt, sondern auch nicht mehr existiert.

Oder das Wandbild für das Kaufhaus Central, das sogar noch existiert, an der Zgierska.

CentralWandbildŁódź

Nur der Name, ein Kreis aus bunten Farben, dessen rechtes oberes Viertel ausgespart ist, um neben der Adresse gelungene Einkäufe im Genossenschaftskaufhaus zu wünschen.

Oder das Wandbild für die Firma WPHW an der Ecke Narutowicza/Jana Kilińskiego.

WPHWSzumigajŁódź

Wieder ein auf der Spitze stehendes Pixelquadrat, in dem der Name steht, wieder von Szumigaj.

Oder das Wandbild an der Ecke Limanowskiego/Zachodnia.

TotalizatorSportowyJankowskiŁódź

Eine Welle aus drei Farben, die mit einem Fußball endet, ein seltenes gegenständliches Motiv, aber für den Sportartikelhersteller Totalizator Sportowy angemessen. Gestaltet wurde es von Jerzy Jankowski.

Falls diese Wandbilder Kunst sein wollen, so ist das jedenfalls nicht ihr vordergründiges Ziel. Anders als die Street Art haben sie ganz offen eine Werbefunktion und anders als die Street Art erfüllen sie diese Funktion auch. Während die Street Art von der hoffnungslosen Gegenwart von Łódź erzählt, erzählen die Werbebilder von seiner industriellen und sozialistischen Vergangenheit.

Es ist bezeichnend, daß sich in den heruntergekommensten Teilen von Łódź, in Stare Miasto (was lustigerweise Altstadt heißt) und Bałuty, die die Deutschen zum Ghetto Litzmannstadt gemacht hatten, nur wenig Street Art findet. Das ist im Sinne des Stadtmarketings vernünftig, denn schon das Zentrum im Straßenraster um die Piotrkowska ist nach touristischen Maßstäben nicht in einem guten Zustand. Stare Miasto und Bałuty können mit ihrem schieren Elend dann geradezu schockieren und man muß sich wirklich, wirklich für die jüdische Geschichte von Łódź interessieren, um dort umherzugehen und die unscheinbaren blaßgelben Gedenktafeln auf Polnisch, Englisch, Hebräisch und Jiddisch zu lesen.

GedenktafelDüsseldorfŁódź

Keine Spur hier von der jüdischen Folklore, von der etwa Krakóws Kazimierz spätestens seit „Schindlers Liste“ so gut lebt. Eher sieht es stellenweise aus, als seien die Deutschen erst gestern abgezogen, während an anderen Stellen Neubauten aus der sozialistischen Zeit kleine Linderung brachten. Werbebilder gibt es hier noch viele, aber die heutigen Bewohner kaufen wohl eher auf den großen Märkten in Seitenstraßen und auf Parkplätzen als im fernen Kaufhaus Central ein.

Łódź wäre nicht Łódź, eine Stadt, die in die Vergangenheit blicken muß, weil sie keine Zukunft hat, wenn nicht auch den Werbebildern eine informative Internetseite gewidmet wäre. Zweimal wurde demzufolge die Werbung für den ZPB im. Armii Ludowej übermalt, zweimal kam sie unter dem abblätternden Putz wieder zum Vorschein. Der Symbolismus ist fast schon zu aufdringlich. Vielleicht war es hier wirklich einmal die Straße selbst, die Kunst schuf.

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