Antifaschistische Architektur auf dem Fehrbelliner Platz

Der Fehrbelliner Platz ist das größte erhaltene Ensemble von Naziarchitektur in Berlin. Er liegt an der Kreuzung von Hohenzollerndamm und Brandenburger Straße im Westberliner Bezirk Wilmersdorf. Wie so viele Orte, die Platz heißen, ist er nicht wirklich ein Platz, sondern eben eine große Kreuzung.

FehrbellinerPlatzBerlinGesamt2

Drei Gebäude bilden einen von Straßen unterbrochenen Halbkreis und sollten wohl Abschluß irgendeiner Achse werden. In allen sind noch heute diverse Verwaltungseinrichtungen untergebracht. Alle sind fünf Geschosse hoch und haben leicht überstehende Walmdächer.

Das rechte Gebäude ist hell verputzt und könnte genauso auch in der Kaiserzeit entstanden sein. Die drei anderen gehen den kleinen Schritt über das Schlechteste der kaiserzeitlichen Architektur hinaus, der die Naziarchitektur auszeichnet.

FehrbellinerPlatzBerlinGesamt1

Sie haben eine Verkleidung aus drohend dunklen Steinplatten, die vertikalen Fenster springen durch dicke Umrandungen hervor, an den Seiten sind massive Kolonnaden. Wie das bei Architektur, die nur einen einschüchternden Effekt erreichen will, Kulissenarchitektur mithin, üblich ist, beschränkt sich die Steinverkleidung auf die Vorderseite zum Platz hin. Schon in den Nebenstraßen sind die Fassaden schlichter, zu den Hinterhöfen sind sie dann gänzlich schmucklos.

FehrbellinerPlatzBerlinRückseite

Hinter dem Platz, Ecke Brandenburger Straße und Sächsische Straße, steht auch eines der wenigen innerstädtischen Wohnhäuser der Nazizeit.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraße

Es unterscheidet sich nur wenig von kaiserzeitlichen Mietshäusern. Bloß ist die Ornamentik der sandsteinernen Erker vielleicht etwas weniger verspielt und von oben droht das überstehende Dach mit nachgemachtem Kranzgesims, ein für nazistische wie faschistische Architektur unerläßliches antikisierendes Moment.

NaziwohnhausBrandenburgerStraßeSächsischeStraßeErker

In einem der Erker hat sich der Architekt mit einem verlogen kollektivistischen Spruch nach Naziart, den er vielleicht originell fand, verewigt: „Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel aus wenig viel.“

Glücklicherweise stehen die Gebäude am Fehrbelliner Platz ansonsten allein, die Achse wurde nie gebaut und die späteren Gebäude schaffen ein gewisses Gegengewicht. Doch den Kampf gegen die menschenfeindliche Monumentalität der Naziarchitektur nahm ausgerechnet der U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, der im Rahmen der Westberliner U-Bahnlinie U7 im Jahre 1971 gebaut wurde, auf. Im weiteren Umkreis der Kreuzung des Platzes sind viele kleine Eingänge der U-Bahn, deren Gestaltung eine Variation anderer U7-Eingänge aus den frühen Siebzigern ist.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingang

Um die einfachen Treppen verläuft ein Mäuerchen aus Betonblöcken, auf dessen Seiten kurz vorm Ende eine rote Betonwand mit U-Bahnlogo beginnt und das abgerundete Ende schwebend nachvollzieht. Diese zierlichen und klaren Formen sind wie Farbtupfer auf dem Braun der Nazigebäude.

In der Mitte des Platzes oder vielmehr links von ihr, geht der U-Bahnhof mit einem eigenen Gebäude noch einen Schritt weiter.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinEingangsgebäude

Es besteht aus einigen Zylinderformen, die durch ein mehrfach versetztes und abgerundetes, mal Durchgänge, mal Räume überspannendes Flachdach verbunden sind, und es ist völlig mit kleinen roten Kacheln verkleidet. Es scheint in ständiger Bewegung, wellenähnlich, aus jeder Perspektive zeigt es sich anders.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinLampen

Die runden Formen setzten sich in gelbgefaßten Lampen, die im Durchgang herabhängen, in Licht- und Lampenschächten über den Treppen und auch ein wenig im Bahnsteig der U7 fort.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinBahnsteig

Die U3, die ebenfalls hier fährt, hat ihren Bahnsteig von 1913 behalten.

Das Gebäude ist ebenfalls also nur ein Eingang, aber auch noch etwas anderes. Es steht genau so, daß es den Blick auf den von zwei aus Lampen aufwachsenden Stangen markierten Eingang des größten Nazigebäudes des Platzes versperrt.

FehrbellinerPlatzBerlinEingang

Jeder Blick geht unweigerlich zu dem Eingangsgebäude, man kann den Fehrbelliner Platz nicht sehen, ohne es zu sehen. Es ist fast gänzlich horizontal, aber es scheut sich nicht, noch ein wenig aufzutrumpfen: auf dem nächst der Kreuzung stehenden Zylinder steht auf dem Dach eine grüne Metallkonstruktion aus vier schräg zueinander gesetzten flachen Streben, die zwischen zwei horizontalen Ringen rote Elemente mit U-Bahnlogo und Digitaluhren tragen.

U-BahnhofFehrbellinerPlatzBerlinTurm

Dieser kleine Turm ist so sehr eine Geste wie er funktional ist.

Das U-Bahngebäude schafft also, obwohl es viel kleiner ist, nur durch seine kräftige rote Farbe, seine bewegte Form und seinen funktional-expressiven Turm, ein starkes Gegengewicht zur nazistischen Architektur, die es umgibt, ja, es überwiegt sie. Das ist ein Sieg Davids über Goliath, der Sieg einer dezenten fortschrittlichen Architektur über eine monumentale reaktionäre Architektur. Das ist eine architektonische Rückeroberung des Fehrbelliner Platzes von den Nazis. Das ist, ob es die Westberliner Architekten und Stadtplaner nun wußten und wollten oder nicht, ein antifaschistischer Akt.

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