Die Dreifaltigkeit in Jedlersdorf

Säulen mit christlichen Skulpturen aus der Zeit des Barock findet man in fast jedem Dorf in katholischen Gegenden, manchmal bei der Kirche, manchmal anderswo im Ort. In den meisten Fällen zeigen sie die in der jeweiligen Zeit und Region beliebten Heiligen.

DreifaltigkeitssäuleJedlersdorf

In Jedlersdorf, das schon lange zu Wien gehört, hat sich ein Bildhauer für eine anspruchsvollere, aber auch nicht untypische Aufgabe entschieden: er stellte die Dreifaltigkeit dar und wählte dafür die Form des Gnadenstuhls. Auf einer schlichten dorischen Säule sieht man also Gott, Jesus und den Heiligen Geist.

DreifaltigkeitssäuleJedlersdorfDetail

Gott sitzt auf einem Thron aus Wolken, der mit seinen wallenden Kugelformen auch ein Designersessel aus den Siebzigern sein könnte. Von seinem bärtigen Kopf mit hoher doppelter Krone fällt sein weites Gewand schräg herab zum Querbalken des großen Kreuzes, das er in den Armen hält, während dessen senkrechter Balken zwischen seinen Beinen steht. An diesem Kreuz hängt mit ausgebreiteten Armen Jesus, ebenfalls bärtig, aber etwas kleiner und mit zur linken Seite geneigtem Kopf. Nur sein nackter Oberkörper ist gezeigt. Vor seinem Lendenschurz hängt dann als Verkörperung des Heiligen Geistes eine Taube. Ihre ausgebreiteten Flügel, die auf Gottes Schuhen liegen, scheinen eine verkleinerte Entsprechung von Jesus‘ Armen zu sein und so wie dieser tot oder sterbend am Kreuz hängt, scheint auch sie leblos die Füße von sich zu strecken.

Wie jedes religiöse Kunstwerk des Barock ist auch dieses eine Variation eines Standardmotivs, hier des Gnadenstuhls. Gott, Jesus und der Heilige Geist als einzelne, aber doch notwendig verbundene und eine Einheit bildende Wesen – besser läßt sich das komplizierte christliche Konzept der Dreifaltigkeit vielleicht nicht mit bildhauerischen Mitteln darstellen. Doch der namenslose Bildhauer von Jedlersdorf verstärkte die Prägnanz und Klarheit dieser Darstellung noch. So ist die gesamte Skulptur fast völlig symmetrisch, einzig des geneigte Kopf des Jesus sticht heraus und wird zur Mitte der Darstellung. Auch entschied er sich, die Taube nicht wie in anderen Darstellungen über der Szene oder zwischen Gott und Jesus anzuordnen, sondern eben vor Jesus‘ Unterkörper. Dadurch bekommen die drei Figuren eine Abfolge, die an indianische Totempfähle erinnert, was im Jahre 1776, als die Skulptur entstand, eine durchaus passende nordamerikanische Inspiration gewesen wäre. Jede Figur erwächst jedenfalls nahtlos aus den anderen und bleibt mit ihnen verbunden. Der Eindruck der Einheitlichkeit wird noch dadurch verstärkt, daß die Skulptur viel mehr in die Fläche als in die Tiefe wirkt, so daß man fast eher von einem Relief sprechen muß.

Es ist also ein bemerkenswertes Kunstwerk. Dem heutigen Betrachter kann jedoch eine gewisse phallische Komponente des Dargestellten nicht entgehen – Jesus zwischen Gottes Beinen, die Taube vor Jesus’ Lenden – insbesondere, wenn er weiß, daß tschechisch „pták“, Vogel, umgangssprachlich auch Schwanz bedeutet. Aber das muß ja kein Widerspruch zur theologischen Bedeutung sein.

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3 Gedanken zu „Die Dreifaltigkeit in Jedlersdorf

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