Przymorze – Der Falowiec

Der Falowiec in Gdańsk sollte eines der berühmtesten Gebäude in Polen sein. Als achthundert Meter langes Wellenhaus, wie die annähernde Übersetzung lautet, ist er das längste Gebäude des Landes und eines der längsten Europas.

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Er ist so etwas wie das horizontale Gegenstück zum Pałac Kultury (Kulturpalast) in Warschau, der lange das höchste Gebäude Polens war. So wie an den Pałac Kultury denkt, wer an Warschau denkt, sollte an den Falowiec denken, wer an Gdańsk denkt. Da der Falowiec aber nicht im Stadtzentrum, sondern im Wohngebiet Przymorze im Norden steht, ist er nicht so berühmt wie er sein sollte. Während der Pałac Kultury noch heute ein vielleicht ungeliebtes, aber unübersehbares Wahrzeichen Warschaus ist, ist der Falowiec, immerhin oder sogar, das Wahrzeichen eines anderen Gdańsk.

Denn architektonisch könnten die Unterschiede nicht größer sein. Der Pałac Kultury ist bloß ein riesiges Beispiel des stalinistischen Irrwegs in der Architektur des Sozialismus, der Falowiec jedoch ein Beispiel ihrer kühnsten und fortschrittlichsten Leistungen. Entsprechend ist er auch nicht nur einer, sondern viele, nicht nur ein Gebäude, sondern ein Gebäudetyp. Zum längsten Falowiec an der Obrońców Wybrzeża (Straße der Verteidiger der Küste) kommen noch sechs weitere kürzere. Gemeinsam bilden sie das Grundgerüst von Przymorze.

Seinen Namen hat der Falowiec, das heißt ein Gebäude dieses Typs, dadurch, daß er nicht einfach gerade ist, sondern seine elfgeschossigen Teilstücke leicht schräg aneinandergesetzt sind, so daß sich eine Wellenform ergibt. Er zeichnet sich durch zwei sehr verschiedene Breitseiten aus.

Die eine Seite besteht ganz aus offenen Laubengängen, von denen die Wohnungen erschlossen sind. Durch die breiten Betonbrüstungen wirkt diese Seite vlig horizontal, wie aufeinandergeschichtete Bänder, während die vertikalen Streben des tragenden Betongerüsts fasst unsichtbar schmal sind. Einzige Vertikalen sind die vollständig verglasten Treppenhäuser, die unten bei den überdachten Eingängen beginnen und oben mit den Aufbauten der Aufzüge enden.

Die andere Seite besteht ganz aus den vorragenden Balkonen der Wohnungen. Hier sieht man, daß sich das Wellenhafte des Wellenhauses nicht in der Anordnung seiner Baukörper erschöpft. Denn die Balkone ragen als kleinere und größere Dreiecke leicht hervor, kein Geschoß gleicht dem anderen, die Fassade scheint in ständiger Bewegung.

Dies wird noch dadurch unterstützt, daß manche der Balkone Geländer aus Beton haben, andere aber aus Metallgittern. Von der Laubengangseite ist der Falowiec somit sachlich und nüchtern, beinahe kahl, von der Balkonseite aber lebhaft und verspielt, ein Mosaik unzähliger Wohnungen, in denen unzählige Menschen leben. Die äußere Form entspricht der inneren Funktion. Von der Nüchternheit des halböffentlichen Laubengangs tritt man in die Individualität des privaten Wohnraums.

Doch das deutet auch auf ein Problem des Falowiec hin. Zum Laubengang nämlich zeigen die Küchen und teilweise sogar Zimmer, was die Privatsphäre der Wohnungen beeinträchtig. Das ist allerdings ein Problem aller Laubenganggebäude und ein nur schwer zu lösendes. Und entschädigt wird man in jeder Wohnung durch großartige Ausblicke, die oft bis zum Meer auf der einen

und zu den Hügeln auf der anderen Seite reichen.

Der Falowiec ist, wenn er schon nicht berühmt ist, zumindest das angemessen besondere Gebäude für den besonderen Ort, der Przymorze ist. Und wer ihn gesehen hat, wird ihn vielleicht bemerkenswerter als alles andere in Gdańsk finden.

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