Der Jugendstil und seine Verhöhnung

Otto Wagner, einer der größten und fortschrittlichsten Architekten in der Geschichte Wiens, baute sich im Laufe seines Lebens (1841-1918) zwei Villen. Es sind im eigentlichen Landhäuser, ganz am Rande der Stadt im 14. Bezirk gelegen, halb schon im Wald. Er baute sie direkt nebeneinander in der Hüttelbergstraße, so daß sich ein Vergleich aufdrängt und sicherlich intendiert war.

Die ältere der Villen, 1888 erbaut, ist ein typischer neoklassizistischer Bau.

VillaWagnerI

Oberhalb der Straße gelegen, über eine monumentale Freitreppe zu erreichen, zweigeschossig, in der Mitte eine beide Geschosse überspannende Loggia mit ionischen Säulen, an beiden Seiten flache verglaste Anbauten mit dorischen Säulen. Die Architekturhistoriker mit ihrem lächerlichen Geniekult werden sicher auch an diesem gänzlich unauffälligen Gebäude Zeichen späterer Größe finden, aber das kann man getrost ignorieren.

Die zweite Villa, 1912 erbaut, etwas weiter stadtauswärts an der Straße, könnte verschiedener kaum sein.

VillaWagnerIIVorne

Auf rechteckigem Grundriß zwei Geschosse, die fast schnörkellos weiß sind. An der zur Straße zeigenden Breitseite ist ganz rechts der Eingang. Ihn betonen nur drei nach außen hin kleiner werdende Rahmen und ein Wandbild in einer Nische darüber, das in reduzierten Jugendstilformen einen antiken Krieger mit rotem Bürstenhelm und ein Satyrgesicht in einem Kreis, der auch das Schild des Kriegers sein könnte, zeigt.

VillaWagnerIIMosaik

Neben dem Eingang steht in klaren Buchstaben: „Villa Wagner“. Im leicht erhöhten Erdgeschoß erstrecken sich nach links eine Reihe hoher und schmaler Fensteröffnungen. Darunter sind einfache, annähernd schachbrettartige Ornamente aus vertikalen blauen Kacheln und runden Metallnieten, die zwischen den Fenstern ein Stück weit bandartig aufsteigen. Ein dünnes Band aus Kacheln und Nieten legt sich entlang der Gebäudeecken und unterhalb des Dachs wie ein Rahmen um das Obergeschoß, das ansonsten nur kleinere Fenster in den unteren entsprechenden Abständen hat. Oben bildet ein schmales überstehendes Dach mit Kassettenstruktur den Abschluß, doch es scheint mehr dekorativ zu sein, da das eigentliche Flachdach erst kurz darauf beginnt. An der rechten Schmalseite schließt die Ornamentik aus Kacheln und Nieten an einen vorgesetzten Balkon an und steigt an den eckigen Stützen seines Dachs auf wie zuvor zwischen den Fenstern. Über der Balkontür sind weitere Wandbilder, die noch stärker dem Musischen gewidmet sind, gänzlich intim nun, nicht mehr auf Außenwirkung bedacht.

Mit dieser zweiten Villa gibt Wagner nicht nur alle Bezüge auf historische Stile, sondern auch jegliche Monumentalität auf. Während die Fensterfolge auf der Straßenseite noch repräsentativ sein will und noch einen letzten Anklang von Säulenseihen hat, sind auf der zum Wald zeigenden Breitseite und der anderen Schmalseite die Fenster nur noch so angeordnet wie es für die Räume im Inneren nötig ist.

VillaWagnerIIHinten

Wagner hat weit Wichtigeres gebaut als diese Villen, insbesondere alles, was mit städtischer Infrastruktur zu tun hatte, ob am Donaukanal oder für die Stadtbahn, aber in ihrem Nebeneinander hat er sich doch ein Denkmal gesetzt. Gemeinsam erzählen sie von einem Reife- und Lernprozeß, in dem der Architekt von einem banalen Historismus zu größter Sachlichkeit gelangte, die dem Jugendstil nur noch insofern verpflichtet ist, als sie den Schritt weg vom Ornament nicht ganz wagt. Sie erzählen von einem Fortschritt. Die Souveränität, mit der Wagner das Erreichte präsentiert, ohne seine Anfänge zu leugnen, ist beeindruckend und vorbildlich.

Doch unmittelbar neben diesem Denkmal des Fortschritts ist hier die Reaktion.

ErnstFuchsScheiße

Zwischen beiden Villen steht ein bizarrer Pavillon, bunt, geschwungene Formen, geschmückt mit allerlei Figuren. Für einen Moment könnte man ihn auch dem Jugendstil zuordnen, doch sogleich merkt man, daß etwas nicht stimmt, und liest, daß er 1990 von irgendeinem Künstler gebaut wurde. Denn so schlimm, so viel schlimmer als bei Wagner, der Jugendstil in Wien und anderswo sein konnte, nie war er so schlimm wie dieser Neojugendstil. Die schiere Vulgarität, mit der hier bunte Keramik auf Beton geklebt wurde, stellt sogar noch Hundertwasser in den Schatten. Wie jeder Neostil sagt auch dieser wenig über sein angebliches Vorbild und viel über den, der ihn anwendet, aus. In diesem Fall hat dieser Künstler vom Jugendstil nur das Billigste, Dekorativste und Vulgärste übernommen. Mit Wagners Werk, in dem sich nicht einmal Ansätze für derlei Dreck finden, hat er sich offensichtlich nie befaßt, aber das hinderte ihn nicht, die ältere Villa zu kaufen und deren Neoklassizismus, der immerhin bloß langweilig war, neojugendstilig zu überformen.

Man kann nur froh sein, daß er die neuere Villa Wagner nicht in die Hände bekam. Sie erstrahlt neben diesem Auswuchs reaktionärer Architektur nur noch umso mehr.

Advertisements