Trakl in Kraków

Vor hundert Jahren starb der österreichische Dichter Georg Trakl. Er starb im polnischen Kraków, das damals zu Österreich gehörte, genauer gesagt im Garnisonsspital, dem heutigen Szpital Wojskowy (Militärkrankenhaus). Eine Gedenktafel erinnert daran.

GedenktafelTraklSzpitalWojskowyKraków

Er starb siebenundzwanzigjährig zu Beginn des ersten Weltkriegs, zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte. Doch er nahm an ihm nicht als Soldat, sondern als Militärapotheker teil und er starb nicht an Kriegshandlungen.

Durchstreift man das Gelände im Herbst 2014, könnte man sich gar keinen passenderen Todesort vorstellen für einen Dichter, der von Verfall und daraus manchmal aufblitzender Schönheit schrieb und der als Apotheker selbst viel mit Krankheit zu tun hatte.

ZaunSzpitalWojskowyKraków

Kahle Mauern mit obeliskartigen Pfeilern oder Gitter mit rostender Jugendstilornamentik ringsum, alte Bäume, buntes Laub, bröckelnder Putz an den Jugendstilgebäuden.

SzpitalWojskowyKraków1

„Im Hof, verhext von milchigem Dämmerschein,/Durch Herbstgebräuntes weiche Kranke gleiten“ (Dämmerung), kann man hier leicht denken. Auch die wenigen An- und Umbauten aus der Zeit des polnischen Sozialismus, von denen auch schon der Putz blättert, und die halbabstrakten Skupturen stören nicht.

SzpitalWojskowyKraków2

Das einzige Kunstwerk aus der Entstehungszeit, ein Relief über einem Eingang, zeigt symbolisch die Heilung der Krankheit:

ReliefSzpitalWojskowyKraków

eine Frau wehrt die von links kommenden Schlangen ab und reicht dem rechts halbaufgestützten Kranken eine Schale zum Trinken. Vielleicht sah Trakl es, aber Symbolik half ihm nicht: er brachte sich in diesem Krankenhaus mit einer Überdosis Kokain um. „Strahlender Arme Erbarmen/Umfängt ein brechendes Herz“, zitiert die Gedenktafel auf Polnisch und Deutsch den „Gesang einer gefangenen Amsel (für Ludwig von Ficker)“ und alles ist wie aus einem Gedicht von Trakl.

Doch das ist ein Irrtum. Alles, was man heute so passend findet, konnte Trakl nicht sehen, da es gar nicht existierte. Vor hundert Jahren war das Spital erst wenige Jahre alt. Die Gitter glänzten, die Bäume waren vielleicht noch nicht einmal gepflanzt und der Putz war frisch. Auch der Jugendstil war noch nicht romantisch verklärt, sondern der semioffizielle Stil des österreichischen Staats. Nicht einmal einen Hof gibt es, da die Gebäude den damals neusten städtebaulichen Erkenntnissen entsprechend frei zwischen Grünflächen stehen. Das Garnisonsspital war ein nüchterner Neubau. Es war auch Teil der k.u.k.-Kriegsvorbereitung, wovon eindrücklich die Schienen, die bis weit ins Gelände hineinführen, zeugen.

SchienenSzpitalWojskowyKraków

Heute, in Zeiten des Autos und des relativen Friedens in Europa, läßt sich kaum noch verstehen, daß eine Zuganbindung für ein Militärkrankenhaus äußerst praktisch war. Im Herbst 1914, als die österreichisch-ungarischen Armeen in Galizien verheerende Niederlagen erlitten, kamen dort ganze Züge mit Verletzten an. Nicht malerischer Verfall, sondern menschliches Leid, das moderne Waffen verursacht hatten und moderne Medizin in modernen Gebäuden lindern sollte, herrschte damals am Rande von Kraków.

Auch Trakl kam mit dem Zug nach Kraków, aber er war keiner der Verletzten. Nur eine Schlacht erlebte er im September 1914 in Galizien, über die er das Gedicht „Gródek“ schrieb. Die weiteren Schilderungen seiner letzten Monate sind widersprüchlich. Sein Freund Ludwig von Ficker schrieb Jahrzehnte später, daß Trakl im Verlaufe dieser Schlacht völlig überfordert Schwerverletzten beistehen mußte und sich später umbringen wollte. Seine Ärzte in Kraków hingegen schrieben, er habe als Infanterist an die Front gewollt und selbst schrieb er in seinen letzten Briefen, froh zu sein, bald wieder in die Schlacht zu ziehen. Es stimmt vielleicht beides. Der Krieg verstärkte seine Stimmungsschwankungen, seine manisch-depressiven Zustände, bloß noch. Im Krankenhaus war er, weil sein Geisteszustand beobachtet werden sollte.

Auf eine ganz andere Art ist das Militärkrankenhaus von Kraków so doch wieder der passende Todesort für Trakl: es steht für die effiziente moderne Kriegsmaschinerie, an der seine romantische Vorstellungen von Heldentum scheiterten. Denn der Krieg hatte ihm das Andere bringen sollen, nach dem er sich in seinen Gedichten sehnt, und die „Länder, schönen, andern“ (Melancholie des Abends), die zu sehen er sich kurz vor Kriegsausbruch sogar bei der niederländischen Ostindien-Kompanie beworben hatte. Doch wie die Niederländer keinen Salzburger Möchtegern-Rimbaud brauchten, so war Trakl auch der k.u.k.-Armee als Apotheker viel nützlicher als durch den Heldentod. Im Militärskrankenhaus, während neben ihm andere an ihren Wunden starben, wählte er das Kokain. Er war so weniger ein Opfer des ersten Weltkriegs als ein Opfer seiner Zeit. Es sind die Schienen im Szpital Wojskowy in Kraków, heute überwuchert, die von unschuldigeren Opfern erzählen, denen niemand Gedenktafeln aufhängt.

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