Erkundungen auf Friedhöfen: Das Grab des Rabbis Samuel Aron Frommer

Manchmal wird von lebendiger Geschichte geredet. Das stimmt natürlich nie. Geschichte ist tot und alles, was Geschichte nacherlebbar machen will, ist eine, vielleicht gutgemeinte, Lüge. Aber manchmal steht man der Geschichte doch unvermittelter gegenüber als sonst. So am Grab des Rabbis Samuel Aron Frommer auf dem alten jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs.

FrommerGrab

Es ist ein großes Grab, aber nicht auffällig groß. Eine freistehende Gruft mit leicht orientalisierenden Pilastern und Tempeldach. Oben zu drei Seiten in hebräischer Schrift der Name und die chassidischen Ehrentitel des Rabbis. Innen ein schmaler Raum und an seinem Ende ein großer, aber schlichter weißer Stein mit hebräischer Inschrift.

FrommerGrabstein

Nirgends ein lateinisches Wort. Das ist auf dem Wiener Zentralfriedhof, wo meist zweisprachige oder deutsche Inschriften sind, nicht häufig, aber auch nicht einmalig. So könnte man also weitergehen, sicher, daß das Grab einem nichts sagen kann, weil man kein Hebräisch kann. Das wäre aber ein Fehler. Stattdessen trete man ein.

Auf den Sockel des Grabsteins wurde etwas geschrieben, Kritzeleien, meint man, Schändungen gar, Zeichen der Verwahrlosung. Und auch zwischen den Zeilen oben etwas, ein Herz mit Datum. Dann das plötzliche Erkennen: das Schwarze auf dem weißen Stein ist kein Dreck, es ist sind Buchstaben. Der Grabstein des Rabbis Samuel Aron Frommer ist über und über mit Worten bedeckt. Und nicht irgendwelche Worte:

„Lieber Rabi bitt beim lieben Gott für mein Weibi u. für mich Dora, Sigi, Pepi, Franzi / Er soll uns nicht verlassen / Poldy u. Leon 7/VIII 1938“

„Lass bald Frieden für uns Juden kommen […]“

FrommerFrieden

„Hilf mir, daß ich nach Palästina kann […]“

FrommerPalästina

„Lieber guter Rabbi, heute ist es 18 Monate das Feitil [?] im K.-Z. ist. Hilf uns doch endlich, heiliger Rabbi! 22.9.39“

FrommerKZ

Alle, alle diese Inschriften sind Fürbitten an den toten Rabbi Frommer, flehende, immer verzweifelter werdende Wünsche. Sie erzählen mitten auf dem Friedhof so direkt und eindrucksvoll vom vergangenen jüdischen Leben wie kaum etwas anderes, was man im öffentlichen Raum finden kann.

Auch hier lebt die Geschichte nicht, aber sie ist unvermittelt, ungefiltert, vor einem. Die Worte eines der wenigen verbliebenen Zeitzeugen können faszinierend sein, aber er spricht sie als die Person, die er heute ist, nicht als die Person, die er vor 75 Jahren war. Die Worte eines zeitgenössischen Berichts können faszinierend sein, aber sie sind bloß wie beliebige andere Worte auf Papier gedruckt. Das einzig Vergleichbare wäre es, einen handschriftlichen Brief aus der Zeit in der Hand zu halten und wer hat dazu schon Gelegenheit? Hier aber kann man lesen, was Wiener Juden in eigenen Worten und in eigener Handschrift niederschrieben.

Rabbi Frommer starb laut dem Grabstein am 23. Sivan 5691, also am 8. Juni 1931, und das erste noch zu lesende Datum auf dem Stein ist 1936. Auch aus den Fünfzigern sind einige Inschriften und vereinzelte aus noch späterer Zeit. Wie man daran sieht, ist das Beten am Grab von herausragenden Rabbis, den Zaddiks, eine übliche Praxis der ostjüdischen Chassidim. Unkontrovers allerdings ist es nicht und mußte auch erst einmal mit allerlei theologischen Spitzfindigkeiten vom Anbeten der Toten unterschieden werden, denn das wäre streng verboten. Joseph Roth beschriebt 1927 in „Juden auf Wanderschaft“ den chassidische Kult um einzelne Rabbis so:

„Sehr deutlich ist die Trennung zwischen sogenannten aufgeklärten Juden und den Kabbalagläubigen, den Anhängern der einzelnen Wunderrabbis, von denen jeder seine bestimmte Chassidimgruppe hatte. Die aufgeklärten Juden sind nicht etwa ungläubige Juden. Sie verwerfen nur jeden Mystizismus und ihr fester Glaube an die Wunder, die in der Bibel erzählt werden, kann nicht erschüttert werden durch die Ungläubigkeit, mit der sie den Wundern der gegenwärtigen Rabbis gegenüberstehn. Für die Chassidim ist der Wunderrabbi der Mittler zwischen Mensch und Gott. Die „aufgeklärten“ Juden bedürfen keines Mittlers. Ja, sie betrachten es als Sünde, an eine irdische Macht zu glauben, die imstande wäre, Gottes Ratschlüssen vorzugreifen, und sie sind selbst ihre eigenen Fürsprecher. Dennoch können sich viele Juden, auch, wenn sie keine Chassidim sind, der wunderbaren Atmosphäre, die um einen Rabbi weht, nicht entziehen und ungläubige Juden und selbst christliche Bauern begeben sich in schwierigen Lagen zum Rabbi, um Trost und Hilfe zu finden.“

Wie das Grab des Rabbis Frommer zeigt, nahm die übliche Praxis in der Zeit der größten Bedrängnis der Juden stark zu. Nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland, nach der Einführung judenfeindlicher Gesetze und den ersten Pogromen, stieg verständlicherweise das Bedürfnis, den Rabbi um Hilfe zu bitten. Die allermeisten Inschriften sind aus den Jahren 1938 und 1939. Außer den deutschen Inschriften sind auch jiddische in hebräischen Buchstaben und ukrainische in kyrillischen Buchstaben zu lesen, eine von diesen gar vom „9/VI 43“.

Es waren offenkundig einfache Leute, die hier in einfachen, manchmal ungelenken Worten ihre Bitten aufschrieben und dadurch tiefe Einblicke in ihre Lebenssituation und ihre Welt gaben, genau die Leute, die in den Geschichtsbüchern kaum vorkommen. Sie schrieben es nicht, damit es gelesen werde, sie schrieben es für ihren „heiligen Rabbi“. Für sie war Frommers Grab ein Wallfahrtsort, den zu besuchen ihnen wohl leider so wenig brachte wie allgemein der Besuch von Wallfahrtsorten. Heute ist es ein Denkmal, zufällig, ungeplant, bloß weil diese Worte dort die Zeit überdauert haben. Es ist damit einer der faszinierendsten jüdischen Orte in Wien.

Informationen finden sich darüber wenigstens im Internet keine. Ein unkommentiertes Bild bei Flickr, eine Erwähnung in einem jiddischsprachigen Forum, der Hinweis, daß Samuel Arons Sohn Simon im Jahre 1907 in der türkisch-israelitischen Gemeinde Wiens heiratete, das ist alles. Wer Frommer war, woher er stammte, das läßt sich nicht mehr herausfinden. Dem steht die Verehrung gegenüber, die er laut der Inschriften bei seinen Anhängern genoß.

Man kann also nur spekulieren: Er war Oberhaupt einer chassidischen Dynastie, einer derjenigen, die Roth Wunderrabbis nennt. Er stammte aus dem Osten, aus Galizien, der Ukraine oder Litauen, war aber seit vor 1907 in Wien, vermutlich in der jüdisch geprägten Leopoldstadt. Während manche chassidische Dynastien die Vernichtung durch die Deutschen überstanden und in den USA oder Israel weiterbestehen, am bekanntesten wohl die Chabad, bleibt von der des Rabbis Samuel Aron Frommer offenbar nur dieses Grab. So erzählt es indirekt auch von der Vernichtung. Doch was das heißt, Vernichtung, wird man niemals lebendig nachempfinden können.

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