Kahlenberg und Leopoldsberg

Der Kahlenberg gilt als der Hausberg von Wien, aber es ist nicht ganz klar wieso. Liegt seine Beliebtheit in der sentimental gepflegten Erinnerung an die türkische Belagerung 1683, als von hier das polnische Entsatzheer seinen Angriff begann, begründet? Oder eher einfach nur darin, daß man früher mit einer Zahnradbahn und jetzt mit einem Bus bis auf seinen Gipfel fahren kann? Ohne seine Bebauung jedenfalls würde man nicht einmal klar sagen können, wo der Kahlenberg oder sein Gipfel eigentlich sind. Und diese Bebauung, ein Hotel, eine obskure Privatuniversität und eine Kirche, ist von erstaunlich geringer Qualität. Die neueren Gebäude steigen als Terrassenstufen an, doch damit fügen sie sich weder nahtlos in die Landschaft ein, noch werden sie zu etwas markantem Eigenen.

KahlenbergGebäude

Auch die Kirche ist ein gänzlich banaler Bau, der zeigt, daß dem Wien des 18. Jahrhunderts an der Erinnerung an den Sieg über die Türken nur wenig gelegen war.

Der nahegelegne Leopoldsberg hingegen hat alles, was der Kahlenberg nicht hat.

StiftKlosterneuburgBlickWien

Direkt am Ufer der Donau ragt er, jedenfalls von Wien gesehen, steil auf und wird so zum natürlichen Wachturm an der natürlichen Grenze, die der Höhenzug des Wienerwalds bildet. Und betont ist dieser ohnehin schon markante Berg von einer stattlichen barocken Kirche mit zwei Türmen und eine Kuppel.

LeopoldsbergOberleitungen

Man merkt, daß der Barock noch wußte, welcher der beiden Berge seine Aufmerksamkeit verdient hat.

Vor den Mauern des zur Kirche gehörenden Komplexes, direkt über der Donau, ist eine große halbrunde Aussichtsterrasse mit Betongeländern.

LeopoldsbergAussichtsterrasse

Von hier blickt man nicht nur über Wien,

LeopoldsbergAussichtWien

sondern entlang des Flusses auch ins Umland im Nordwesten, nach Klosterneuburg und Korneuburg,

LeopoldsbergAussichtUmgebung

man erlebt, wie die Stadt mit ihm verknüpft und zugleich auch von ihm getrennt ist.

Die Terrasse, weitere Flächen, die die Kirche fassen und ein steiler Treppenweg, der von Kahlenbergerdorf am Donauufer hinaufführt, sind Teil des Projekts der Höhenstraße. Es war eine große Infrastrukturmaßnahme des faschistischen Ständestaats, die vor allem der Arbeitsbeschaffung diente und als einzige praktische Wirkung Teile des Wienerwalds für den Motortourismus erschloss. Die Straße zum Kahlenberg führt auch weiter zum Leopoldsberg, und manchmal fährt gar bis zu ihm ein Bus, aber so beliebt wie sein Nachbar ist er dennoch nicht.

Er hat einfach kein Glück: der Kirchenkomplex ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich, weil er in Privatbesitz ist und sich der Privatbesitzer mit Ankündigungen über extravagante Umbaupläne begnügt. Das ist eine sehr Wiener Situation und paßt vielleicht zum Leopoldsberg, der, viel mehr als der Kahlenberg, der Wiener Berg schlechthin ist.

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