Archiv der Kategorie: Persönliches

U-Bahnhof Donaustadtbrücke

Der ungeneigte Leser dieses Blogs könnte mir vorwerfen, daß ich immer alles aus den Sechzigern, Siebzigern möge, während ich alles von heute schlechtmache, daß ich mithin bloß auf andere Art von der „Patina des Alters“ (Georg Piltz) geblendet sei. Mindestens in der Hinsicht, daß ich mir ein Gebäude aus diesen Jahrzehnten eher und wohlwollender ansehe, ist das auch wahr. Meine Entschuldigung könnte sein, daß solche Gebäude sonst zu wenig Betrachtung finden, daß ich hinsehe, wo andere wegsehen. Doch damit der Leser geneigter werde, sei hier einmal ein Gebäude aus jüngerer Zeit in positivsten Tönen beschrieben.

Erbaut wurde der Wiener U-Bahnhof Donaustadtbrücke im Jahre 2010. Architektonisch ist er so tadellos wie unscheinbar, viel roher Beton, viel grauer Stein in den beiden Eingangsbereichen, große Glasfläche um die Bahnsteige, allerdings mit horizontalen Streifen, wohl mehr den Vögeln zuliebe denn zum Sonnenschutz. Diese Ästhetik teilt er sich mit den anderen Stationen der östlichen Erweiterung der lila Linie U2. Wirklich erwähnenswert jedoch wird er durch seine städtebauliche Anordnung und seine Umgebung.

u-bahnhofdonaustadtbrueckeautobahn

Der Bahnhof befindet sich genau am Ende der namensgebenden Brücke, die Bahnsteige spannen sich über die tieferliegende Donauuferautobahn. Durch den einen Ausgang gelangt man direkt zur Neuen Donau, wo bald ein Steg zur Donauinsel führt. Er dient also ausschließlich dem, vor allem sommerlichen, Freizeitbetrieb, was aber auch schon der sichtbarste Nutzen ist.

Beim anderen Ausgang mußte der Nutzen erst geschaffen werden, da es keine ältere Bebauung oder sonst irgendetwas gibt. So führt eine unter deb aufgestützten Gleisen hängende Brücke in ein großes Park&Ride-Parkhaus. Und an der Seite ist auf leicht ansteigender Fläche ein tropfenförmiger Wendekreis mit mehreren Bushaltestellen angeordnet, von wo Busse ins Suburbia der Donaustadt oder auch zum Ölhafen abfahren. Erst durch das Parkhaus und vor allem die Bushaltestellen bekommt die U-Bahnstation für das Wiener Verkehrsnetz einen ganzjährigen Nutzen.

u-bahnhofdonaustadtbrueckebushaltestellen

Die Gestaltung des Wendekreises ist auch naheliegend und funktional, aber zugleich sieht man hier sehr schön, was die heutige Architektur von der der Sechziger und Siebziger lernen könnte. In dieser Zeit wäre an diesem Ort vielleicht eine Busstation entstanden. Nun müßte man so weit gar nicht gehen, es müßte dort kein zweites Schottentor sein, ja, es müßten nicht einmal Vordächer, die die Haltestellen mit der U-Bahnstation verbinden, errichtet werden. Aber was spräche dagegen, auf der leeren vertikalen Wandfläche neben dem Beginn der Bahnsteige eine große Uhr anzubringen? Oder auf der horizontalen Fläche unter dem Bahnsteig einen digitalen Abfahrtsanzeiger? Das sind Kleinigkeiten, die nützlich wären und dem Ort einen wiedererkennbaren Charakter geben würden.

Stattdessen ragt oben aus der vertikalen Fläche eine Leuchtröhre, ein Kunstwerk, von dem positiv höchstens zu sagen ist, daß es unmöglich als solches zu erkennen ist. Irgendwie bezieht es sich auch auf ein entsprechendes an der U-Bahnstation Donaumarina am anderen Ende der Brücke und macht sich so noch lächerlicher. An den flußseitigen Bahnsteigenden nämlich steht man wie auf Balkonen und blickt die Länge der Brücke entlang am übertrieben hohen Pfeiler mit den Stahlseilen vorbei zur Schwesterstation. Der Bezug zwischen den Stationen auf den beiden Seiten der Donau ist durch eine kleine Raffinesse der Architektur also bereits gegeben.

Der U-Bahnhof Donaustadtbrücke zeigt deutlich, daß es in der Architektur seit spätestens 1980 keinen Fortschritt mehr gibt, sondern nur noch eine Abfolge verschiedener Moden. Die gegenwärtige Architektur mag, wie in diesem Falle, nicht schlecht sein, aber sie schafft es nicht, in größeren zusammenhängenden Räumen zu denken. Die Bushaltestellen, die mit dem U-Bahnhof eine Einheit bilden müßten, werden nur als dessen Anhängsel begriffen. Und statt nützlicher und nicht einmal teurer Kleinigkeiten wie Uhren oder Anzeigetafeln gibt es nichtige und vermutlich nicht billige Kunst. Ist es da ein Wunder, daß ich mich lieber mit der Architektur der Sechziger, Siebziger beschäftige? Für eine zukünftige Architektur ist aus ihr jedenfalls mehr zu lernen.

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Wie eine Wandkarte aus der DDR einmal nett zu Polen war

An Wandkarten kann ich mich aus meiner Schulzeit nur noch vage erinnern und ob sie heute durch Beamer-Projektionen minderer Qualität ersetzt sind, weiß ich auch nicht. Ich bin aber glücklicher Besitzer einer großen Wandkarte „Zur deutschen Geschichte 1917-1939“, die von Dr. H. Fiala gestaltet und vom VEB Hermann Haack, dem kartographischen Verlag der DDR, herausgegeben wurde.

wandkartegesamt

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Aus ihr kann man tatsächlich eine enorme Menge an Informationen über die deutsche Geschichte dieser Zeit, aber auch über die des europäischen Auslands erlangen. Wenn man etwa wissen will, wann es in einem Staat zur „Gründung einer kommunistischen Partei“ kam, zeigt es einem ein roter Stern mit Jahreszahl in einem Kreis.

wandkartegrossbritannien

Und wenn man wissen will, wo sich ein „Zentrum der Kampfaktionen der deutschen Arbeiterklasse Januar 1918 bis Oktober 1918“ befand, erkennt man es an einem weißen Kreis.

wandkartemannheim

Es ist also immer deutlich, daß es sich um eine Karte aus einem sozialistischen Staat handelt, die die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung in den Vordergrund rückt. Daß es sich um eine Karte aus der DDR handelt, kann daran erkennen, daß sie für deren Gebiet deutlich mehr Informationen bietet als für Westdeutschland oder für die ehemals deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße.

Interessant ist wie bei jeder Karte auch hier das, was sie nicht zeigt. Viel ist das nicht. Trotz ihrer klar parteiischen Sicht kann man der Karte nicht vorwerfen, irgendetwas falsch darzustellen. Ein wenig aber läßt sie weg und das betrifft vielleicht nicht zufällig immer Polen.

wandkartepolen

Zuerst fällt auf, daß der Kartenausschnitt so gewählt ist, daß die Ostgrenze Polens zur Sowjetunion nicht zu sehen ist. Während sich noch sagen ließe, daß die dortigen Konflikte und Kriege mit der deutschen Geschichte nur indirekt zu tun haben, kann das für die Aufstände in Schlesien, die ebenfalls fehlen, kaum gelten, da sie erst die Grenze zwischen Deutschland und Polen nach dem ersten Weltkrieg bestimmten. Dafür könnte das Fehlen hier mit dem Fokus auf die Arbeiterbewegung begründet werden. Doch wieso fehlt in Polen die schwarze Flamme, die für die „Errichtung der faschistischen Diktatur“ steht? Ungarn hat sie und demokratischer als Horthy war Piłsudski kaum. Schließlich ist da die einzige eklatante und nicht zu entschuldigende Auslassung der Karte: die Teile der Tschechoslowakei, die sich Deutschland und Ungarn 1938 aneigneten, sind mit gestrichelten Linien eingezeichnet und entsprechend beschriftet, nicht aber der kleine Teil in Schlesien, den sich Polen herauspickte (und um den es schon 1920 einen Krieg geführt und verloren hatte).

Daß Polen 1938 gegenüber der Tschechoslowakei als Aggressor aufgetreten war, wurde den Schülern in der DDR vorenthalten. Vielleicht sollten sie einfach nicht davon abgelenkt werden, daß Polen ab 1939 unzweifelhaft neben der Sowjetunion größtes Opfer deutscher Aggression war (zufällig oder nicht scheint Deutschland auf der Karte ein aufgerissenes Maul zu haben, mit dem es Polen zu fressen droht). Es kann nur einen Schluß geben: Die Wandkarte wollte nett zu Polen sein. Ganz wie die gesamte Politik der DDR eigentlich.

Oberlausitzer Landschaft

Bei vielen spätsommerlichen Gängen durch das Vorland des Zittauer Gebirges, wenn Mähdrescher über die Felder fuhren und in der Ferne die Kühltürme des Kraftwerks Turów zu sehen waren, dachte ich, daß das doch das perfekte Sujet für ein sozialistisch-realistisches Gemälde wäre. An einem Spätsommertag dieses Jahres sah ich dieses Gemälde dann zum ersten Mal. Ich war im Wohngebiet Görlitz-Nord zufällig in die Ausstellung „DDR Kunsterfahrung“ (noch bis zum 2.4.2017) geraten, die ihre Räume in einer den Wohngebäuden vorgesetzten Ladenzeile hat, und da hing das Bild, durch das ich so oft gegangen war.

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Es wurde im schönen Jahre 1975 von Karl-Heinz Völker gemalt. Bloß die Mähdrescher fehlen und das dargestellte Kraftwerk ist nicht das polnische Turów, sondern das weiter nördlich auf der anderen Seite der Grenze gelegene „Völkerfreundschaft“ bei Hagenwerder. Aber sonst ist alles genau, wie ich es gesehen und mir für das Bild vorgestellt hatte. Im Vordergrund üppige Wiesen und goldene Felder, in der Mitte die vielen Kühltürme und Schornsteine, deren Rauch sich mit den Wolken des weiten blauen Himmels mischt, während die Mondlandschaft des Tagebaus nur ungefähr zu erahnen ist. Das ist die vom Sozialismus geschaffene Landschaft.

Heute ist vom Kraftwerk „Völkerfreundschaft“ nur noch die riesige Halle übrig, die wie ein Skelett in der Landschaft steht. Doch aus dem Tagebau wurde der große Berzdorfer See und dank ihm ist die Landschaft noch immer vom Sozialismus geprägt. Sie könnte, wenn Mähdrescher über die Felder fahren und in der Ferne die Kühltürme des Kraftwerks Turów zu sehen sind, andere Künstler inspirieren.

Heimat

Heimatliche Gefühle verspüre ich nur dann, wenn ich irgendwo in Osteuropa Kanaldeckel mit den Worten „Made in GDR“ sehe.

KanaldeckelMadInGDRBratislava

Bratislava oder irgendwo

Es geht dabei wohlgemerkt um eine geistige Heimat; die DDR habe ich in den wenigen Jahren unserer Koexistenz nie betreten. Angesichts dieser Kanaldeckel fühle ich mich wie ein Exilant, dessen Land nicht mehr existiert, ein Tschechoslowake im Jahre 1940 vielleicht, oder ein Prätendent um die Krone eines untergegangenen Königreichs. Aber natürlich habe ich weder mit Edvard Beneš oder Klement Gottwald noch mit Bonnie Prince Charlie etwas gemein – die hatten vordringlichere Sorgen als Kanaldeckel. Und zu viel Heimat tut auch nicht allen gut.

(Näheres zu den Kanaldeckeln hier)

Schoorldammerbrug

Karel Teige schreibt in seinem Text „Konstruktivismus a likvidace ‚umění‘“ (Der Konstruktivismus und die Liquidierung der ‚Kunst‘) von 1925, daß Schönheit bloß das Ergebnis vollendeter Funktionalität sei. Wenn eine Maschine auf uns also nicht schön wirke, dann funktioniere sie eben noch nicht gut genug. Ich bin von diesem Zusammenhang nicht völlig überzeugt, aber es gibt für mich doch wenig Befriedigenderes, als eine Maschine zu sehen, die perfekt funktioniert und dabei schön ist.

Typische niederländische Ziehbrücken sind solche Maschinen. Als recht beliebig gewähltes Beispiel hier die 1975 errichtete Schoorldammerbrug (Schoorldammer Brücke) in Schoorldam am Noordhollandsch Kanaal (Nordholländischen Kanal).

SchoorldammerbrugGesamt

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Sie existiert nur, um eine Funktion zu erfüllen: Autos die Überfahrt auf der Straße und Booten die Durchfahrt auf dem Wasser zu ermöglichen. Dazu hat sie beidseits der Straßen einen hohen Stahlpfeiler, auf dem mittig ein Stahlbalken in einer Art Pinzettenform ruht, dessen offener und dickerer Teil zum Land zeigt, während am geschlossenen Teil eine dünne runde Strebe leicht schräg mit der anderen Seite der Brückenfläche verbunden ist. Die meiste Zeit sieht man diese Brücke, diese Maschine, nur so, im Stillstand. Ein T aus Stahl, eine Vertikale und eine Horizontale, weniger deutlich die zweite Vertikale.

Wie perfekt diese Maschine ihre Funktion erfüllt, erlebt man, wenn ein Boot durchfährt.

SchoorldammerbrugBoot

Kaum eine halbe Minute und die Brücke hat sich geöffnet. Die Pfeiler, die Balken, die Streben, die Brückenfläche bilden nun fast eine hoch aufragende Linie.

SchoorldammerbrugOffen

Etwas stetige Bewegung nur, weder schnell noch langsam, um aus den ausgewogenen Vertikalen und Horizontalen eine einzige Vertikale zu machen, die aber nicht weniger ausgewogen wirkt. Eine weitere halbe Minute, nachdem die Boote durch sind, und die Brücke ist wieder geschlossen. Wieder steht sie so bewegungslos wie zuvor. Die Kraft, die ihre Funktion erfordert, ist ihr nicht anzusehen, nicht einmal im Moment des Kraftaufwands. Falls eine Ziehbrücke noch besser funktionieren könnte als diese, kann man es sich nicht vorstellen. Denn sie ist schön. Eine einfache Form in der flachen Landschaft. Und ihre Schönheit ist einzig Nebeneffekt ihrer Funktion.

Angesichts der Schoorldammerbrug würde ich Teige zu gerne recht geben. Sie fordert dazu auf. Und zur Brücke, der einen Maschine, kommt noch ein kleines Gebäude, eine zweite Maschine.

SchoorldammerbrugGebäude

Es steht auf der den Pfeilern gegenüberliegenden Seite, neben der zu öffnenden Brückenfläche. Nur ein abgerundeter Sockel mit brauner Kachelverkleidung und Glastür, eine größere Terrasse aus Beton mit Stahlgeländern, zu der rechts eine stählerne Wendeltreppe führt, und ein rundum verglaster Raum, dessen Wände nach außen und oben schräg ansteigen. Das ist der Kontrollraum der Brücke und er wirkt so perfekt funktional und schön wie sie. Anders als sie hat er seine Funktion jedoch verloren, seit sie ferngesteuert wird. Er steht leer, Hülle, perfekt, schön, aber nutzlos, er wurde, könnte man sagen, zum abstrakten Kunstwerk. Das ist vielleicht das traurigste Schicksal für ein Gebäude, das für die Funktion existiert. Doch es bleibt die Brücke und mir etwas mehr Glaube an Teige.

Mein Lieblingstier

Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich eine Taube. Wer Städte mag, muß Tauben mögen. Nicht die hochgezüchteten Ziertauben, auch keine weißen Tauben, die von Picassos stolzem Symbol der kommunistisch gelenkten Friedensbewegung zum traurigen Zeichen der kleinbürgerlichen Ideologie des Pazifismus verkamen, sondern ganz normale großstädtische Tauben. Die Taube ist das Tier der Großstadt. Fliegende Ratten, beschimpft man sie, und warum auch nicht?

RattentaubeWien

Auf dem Schwarzenbergplatz (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Das Problem an Ratten ist ja gerade, daß sie nicht fliegen können. Einzig Vögel kann der Mensch beneiden. Schwimmen, tauchen, klettern, rennen – all das kann der Mensch, fliegen niemals.

Sicher gibt es interessantere und majestätischere Vögel als die Taube, sogar auch im Alltag der Stadt. Enten etwa können viel mehr als Tauben, sind aber doch zu stark ans Wasser gebunden. Krähen sind sogar dem unbedarft beobachtenden Blick als sehr intelligent erkennbar, aber sie haben auch etwas Brutales, Soldatisches. Sieht man Gruppen von ihnen in der Herbsttrübheit über Wiesen staksen, denkt man unweigerlich an SS-Männer im Hinterland der Ostfront. Tauben sind weder so vielseitig wie Enten noch so intelligent wie Krähen, aber sie sind überall. Sie sind Teil der Stadt, sie lassen sich von der Stadt gar nicht trennen. Sie haben nichts Romantisches oder Sentimentales, nichts Ruhiges oder Gelassenes, sie sind wie Penner, Stadtstreicher, Clochards, immer auf der Suche nach etwas zu essen, immer in Gefahr. Dennoch beneide ich sie. Denn sie leben wirklich in der Stadt, mit der Stadt. All die Gebäude und Orte, die man nur mit Blicken und Schritten durchstreift, ihnen sind sie Lebensraum.

BadendeTaubenPriorBratislava

Beim Kaufhaus Prior in Bratislava

Etwa die Tauben am Schottentor, einer Wiener Straßenbahnstation, um deren offenes Oval auf zwei Geschossen Straßenbahnen halten: Sie schreiten über den Steinboden vor der Inschrift von 1961,

TaubeSchottentorJonas

balzen auf dem Geländer am oberen Bahnsteig,

TaubenGeländerSchottentor

schlafen mit eingezogenem Kopf zwischen den Betonkolonnaden, picken auf den Gleisen Krumen auf und fliegen erst davon, wenn die Straßenbahn sehr nah ist, oder bleiben noch länger, wenn ein unerfahrener Straßenbahnfahrer ihretwegen bremst. Das Gras und die Bäume in der Mitte bräuchten sie nicht, sie können überall leben und leben überall. Aber die Öffnung des Schottentors nach außen, durch die uns bloß die Blicke zur Votivkirche gehen, sind ihnen ein wirkliches Tor zur umliegenden Stadt, durch das sie ein- und ausfliegen.

SchottentorFrühling

Und dort können sie alles sehen, was unserem Blick ewig verborgen bleibt, die gelangweilten Studenten in der Universität, die gestressten Angestellten in den Büros, die verzweifelten Handlungsreisenden in den Hotels. Ihren Blicken nämlich bleibt nichts verborgen, auf jedem Fenstersims können sie sich niederlassen, in jedes Fenster hineinsehen. Und die Architektur der Stadt, die für den Menschen gedacht sein sollte und doch so oft bloß gedacht ist, ihn niederzudrücken, können sie jederzeit aus jeder beliebigen Perspektive sehen. Details von Dächern, die dem Menschen immer fernbleiben, versteckte Skulpturen auf gotischen Kirchen, die nicht einmal für Menschenaugen bestimmt waren, all das sehen die Tauben. Sie haben ein totales Bild, ein totales Erlebnis der Stadt. Oder jedenfalls kann man es sich so vorstellen. Eigentlich sehen Tauben natürlich nichts und erleben nichts, sie sind bloß Tiere. Zudem haben sie ganz im Gegenteil die unschöne Eigenart, der Stadt eher zu schaden.

SkulpturTaubePratoDellaVallePadova

Auf dem Prato della Valle in Padua

ObertoPallavicinoPratoDellaVallePadova

Aber wenig ist auch die Vorstellung, die Architektur durch die Augen von Tauben zu sehen, nicht.

Und dann gibt es noch die Architektur für Tauben: Taubenschläge. Ein schönes Beispiel eines prachtvollen freistehenden Taubenschlag kann man in Kaiserebersdorf, ganz am Südrand von Wien, finden.

TaubenschlagKaiserebersdorf

Ein über zwei Meter hoher runder Sockel aus Stein, der oben drei Reihen mit Öffnungen für Tauben hat und dann in leichtem Schwung auskragt. Darauf noch weiter überstehend der eigentliche etwa würfelförmige Baukörper aus dunklem Holz. Um die vier Ecken auf je drei schrägen Stützelementen noch etwas weiter überstehende Teile, die sich an den vier Seiten zu Rundbögen verbinden. Erst hier sind wieder Öffnungen für Tauben. Den Abschluß bildet ein Schindeldach mit einer kupfernen Spitze. Bei aller Einfachheit ist diese Architektur nicht ohne Ornamente. Von den Rändern des oberen Teils hängen halbrunde Holzelemente herunter, die Öffnungen für die Tauben haben Rundbögen und die Stützelemente sind als drei abgerundete Stufen gestaltet.

TaubenschlagKaiserebersdorfDetail

Aber entscheidend ist doch die Konstruktion: der Kontrast zwischen dem schmalen runden Sockel aus Stein und dem großen eckigen Oberteil aus Holz, dort wieder der Kontrast zwischen den öffnungslosen Flächen und den vielen von der Ecke ansteigenden Öffnungen. Das mag expressiv scheinen, ist aber weitgehend funktional: der Sockel muß so hoch sein, damit kein Fuchs oder Marder zu den Tauben gelangen kann, und in einer der scheinbar öffnungslosen Flächen ist eine Tür, durch die der Innenraum für den Menschen erreichbar ist.

TaubenschlagKaiserebersdorfTür

Taubenschläge werden zurecht als wichtige Zeugnisse einer Volksarchitektur beschrieben. Einfache Bauern konnten hier architektonische Brillanz, wie sie sonst nur den Häusern der Reichen vorbehalten waren, beweisen. Taubenschläge eigneten sich dafür gut, weil sie anders als andere Ställe nicht unbedingt nötig sind. Also baute jemand in Kaiserebersdorf den Tauben ein Schloß, das auf seinem Sockel thront wie feudale Schlösser auf Felsen.

Heute sollen dort keine Tauben mehr leben, die Öffnungen sind mit Draht versperrt. Der Taubenschlag selbst steht neben der Ausfahrt eines McDonald’s.

TaubenschlagKaiserebersdorfMcDonald's

Aber wer weiß, vielleicht findet einmal eine der Tauben, die vor dem Restaurant auf Pommes Frites lauern, zufällig in den alten Taubenschlag und richtet sich dort ein, Hausbesetzerin in einem einst für ihresgleichen gebauten Haus. Verstehen könnte sie nicht, was daran so schön wäre, genausowenig wie sie verstehen kann, wie beneidenswert es ist, daß nicht nur der Kaiserebersdorfer Taubenschlag, sondern auch das Schottentor und jedes Gebäude ihr gehört, und daß sie mein Lieblingstier ist.

McDonald's am Karlsplatz

McDonald’s am Karlsplatz

Mein Lieblingsheiliger

Mein Lieblingsheiliger ist Johannes von Nepomuk.

JohannesVonNepomukLangenzersdorfStatue

Die Connaisseure mögen nun die Nase rümpfen, Johannes von Nepomuk, das ist doch so ein Einstiegsheiliger, einer, den man in Ländern des alten Österreich an jeder Ecke sieht, einer, von dem nur jemand aus protestantischen Gegenden, der zum ersten Mal einem Heiligen begegnet, begeistert sein kann. Eine originelle Wahl ist das in der Tat nicht. Aber ich mag an Johannes von Nepomuk gerade seine Popularität und Ubiquität. Auch in der Architektur interessiert mich das Vorgefertigte und Repetitive mehr als das Auffällige und Experimentelle, auch beim Essen ziehe ich McDonald’s einem Sternerestaurant vor. Gerade daß Johannes von Nepomuk in abertausenden Varianten existiert, daß jeder Steinmetz in jedem Dorf unter habsburgischer Herrschaft sich im 18. Jahrhundert an einer Nepomuk-Skulptur versuchen mußte, macht ihn zu meinem Lieblingsheiligen. Das heißt nicht, daß ich nicht auch einmal einen etwas weniger mainstreamigen Heiligen wie etwa Donatus genießen kann, vor allem, wenn er wie hier in Rodaun mit Sichel dargestellt ist,

DonatusRodaun

aber letztlich kehre ich doch immer gerne zum Rock des Johannes von Nepomuk zurück.