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Neben Kirchen: Praunheim

Die Praunheimer Kirche unterscheidet sich von den typischen, zumeist protestantischen barocken Dorfkirchen der Region allenfalls durch ihre Größe und langweilige Regelmäßigkeit, die von Vorgängerbauten nichts mehr erahnen läßt. Sie hat eben schwarz-graues Mauerwerk, rotsandsteinerne Fensterrahmen und einen schieferverkleideten Turm, der in einer quadratischen und zwei achteckigen Stufen zu einer schmalen Kuppel aufsteigt.

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Doch irgendwann in den Sechzigern oder Siebzigern, als Praunheim auch schon ein halbes Jahrhundert zu Frankfurt gehörte, ohne seinen dörflichen Charakter völlig zu verlieren, bekam die Kirche an der linken Seite einen winzigen Anbau.

Er besteht aus nur einem Raum mit rechteckigem Grundriß, der mit einer Spitze zur Kirchenwand zeigt, und einem kurzen Gang, durch den er an diese angeschlossen ist. Hinten hat der Gang eine milchig gelbe Glaswand und der Raum zwei weißgetünchte Wände, während unter dem Flachdach des gesamten Anbaus ein schmales Schieferband verläuft.

Vorne hat der Gang eine Glastür und der Raum rechts eine weiße Wand mit kleinem runden Fenster aus milchig gelbem Glas und links eine Fläche aus Glas und fünf vertikalen Betonstreben. Im Inneren ist nicht viel mehr als ein Schreibtisch an der Glas-Betonfläche zu sehen, vermutlich ist hinter dem runden Fenster eine Toilette.

Mag es zuerst etwas bizarr erscheinen, der Kirche einen so kleinen Anbau beizufügen, so erklärt es sich recht besehen von selbst:  Ein Pfarrer wollte nicht in der kalten und dunklen Kirche sitzen, aber auch nicht weit von ihr entfernt sein. Ein Architekt fand dafür eine funktionale und elegante Lösung, die dem Pfarrer direkt neben seiner Kirche mitten ins Grün des Gartens ein Büro setzte. Die Gebäudeformen sind dabei ganz selbstbewußt die ihrer Zeit, nehmen aber mit dem Schiefer auch auf den alten Bau Bezug.

Der Anbau zeigt, daß kleine Architektur auch großartig sein kann. Nebenbei bekam die Kirche von Praunheim so auch noch etwas, das sie wirklich von anderen ähnlichen Kirchen unterscheidet.

Universität Gdańsk

Der Campus der Uniwersytet Gdański (Gdańsker Universität, UG) ist ein trauriger Ort. Vielleicht müßte das nicht so sein. Denn der 1970 gegründeten Universität einen eigenen Campus im Gefüge der Trójmiasto (Dreistadt) zu geben, war offenkundig die richtige Entscheidung. Er liegt etwa gleich weit von den alten Stadtteilen Wrzeszcz und Oliwa und den neuen Wohngebieten Zaspa und Przymorze entfernt und ist mit seinem eigenen Bahnhof der SKM (Stadtschnellbahn) gut auch von der Innenstadt von Gdańsk, aber auch von Sopot und Gdynia zu erreichen. Doch wenn man diesen Bahnhof, der heute den Namen Przymorze-Uniwersytet trägt, verläßt, ist es einem verziehen, rings um die große Kreuzung mit der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) zuerst die elegante Hala Olivia oder die neuen gläsernen Bürobauten der internationalen Firmen, in denen die Studenten nach nutzlosen Polonistik-, Ökonomie- oder Chemiestudien – leidlichen Fremdsprachenerwerb vorausgesetzt – unweigerlich landen, zu bemerken.

Zur Grunwaldzka hin legt sich vor den Campus ein Streifen mit Baumärkten, Autohändlern, Fast-Food-Restaurants und Tankstellen. An der abzweigenden Bażyńskiego (Jan-Bażyński-Straße) zeigen sich die ersten Fakultäten, Gebäude aus den Neunzigern mit grauer Verkleidung, verspiegelten Fenstern in blauer Fassung, unnötigen Schrägen und Metallkonstruktionen, die bis in jedes Detail billig und trostlos wirken. Das wäre jedoch nur halb so schlimm, wenn nicht fast der gesamte Freiraum von Parkplätzen und Zufahrtsstraßen eingenommen wäre, die dennoch nie wenigstens den trostlosen suburbanen Charme von Baumarktparkplätzen erlangen, sondern einfach nur unangenehm sind. Es rettet diesen Teil des Campus auch nicht mehr, daß an der nächsten Ecke das neure Rektorat sich immerhin satisfaktionsfähigeren internationalen Architekturmoden anpaßte und sogar Ansätze von öffentlichen Freiflächen hat.

Wenn man sich zwischen diesen Gebäuden durchgekämpft hat, öffnet sich vor einem etwas, was man als Campussucher guten Willens als Park bezeichnen kann, doch in dessen Mitte steht die Bibliothek.

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Sie mag sogar recht große Fensterflächen haben, sieht aber doch nur wie ein riesiger grauverkleideter Klotz aus, dem aus irgendeinem Grund an den Breitseiten einige Elemente in Düsen- oder Pistolenkugelform angehängt wurden. Beides sind Dinge, die Gebäude nicht brauchen, doch hier sind es überdies Düsen, die das Gebäude nie zum Abheben leicht wirken lassen, und Kugeln, die nur die Tödlichkeit dieser Architektur hervorheben.

All das müßte wie gesagt vielleicht nicht so verheerend sein, wie es bisher leider zu beschreiben war. Schon die Fakultäten, die den Campus zur Abrahama (Antoni-Abraham-Straße) im Süden abschließen, sind architektonisch wie städtebaulich weniger schlimm, wenn auch ohne beschreibenswerte Qualitäten.

Die Möglichkeit des Anderen erlebt man denn, wenn man sich dem Campus mit der Straßenbahn nähert. Da die parallel zur Grunwaldzka verlaufende Wita Stwosza (Veit-Stoß-Straße) etwas höher als der Campus liegt, geht man in der Haltestelle Uniwersytet (seit kurzem Uniwersytet Gdański) Treppen hinab in einen Tunnel, verläßt diesen aber ebenerdig.

Der Campus öffnet sich vor einem wie mit einem Tor. Links und rechts erstrecken sich entlang der Straße lange viergeschossige Gebäude. Sie haben Fensterbänder, verglaste Treppenhäuser und Putz in Weißgrau und Hellblau. Auf dem rechten, das noch einen schrägen Dachaufbau hat, steht oben weiß auf blau neben dem UG-Logo: „Wydział Matematyki, Fizyki i Informatyki“ (Fakultät für Mathematik, Physik und Informatik). Auf dem linken steht blau auf weiß „Wydział Historyczny“ (Historische Fakultät) und auf seinem zurückgesetzten zweiten Teil „Wydział Germanistyki“ (Germanistische Fakultät). Natur- und Geisteswissenschaften flankieren den Eingang zum Campus. Wenn man zwischen den Gebäuden hindurchgeht, sieht man auch die Seiten der flachen Hörsaalvorbauten, die sich mit Pultdächern und Fensterfronten in den Campus hinein öffnen.

Hier wurde mit ganz einfacher Architektur in Verbindung mit durchdachter Stadtplanung unendlich viel mehr erreicht als in anderen Teilen des Campus mit unnötig aufwendiger Architektur. Und auf der anderen Seite des Tunnels, wo eine Treppe ist, führt ein Weg an einer Universitätssporthalle und zwischen Kleingärten zu Wohnheimen der Universität, so daß eine Art Fußgängermagistrale auf das Tor zum Campus zuläuft. Doch leider folgt auf das Tor nichts, sondern man hat nur wieder den grauen Klotz der Bibliothek vor sich.

So ist der Campus der UG also ein trauriger Ort und das liegt schlechthin daran, daß der polnische Sozialismus nicht dazu kam, seine zweifelsohne besseren Pläne umzusetzen. Um zu wissen, was er vermocht hätte, braucht man nicht erst zu großartigen Campusanlagen wie dem Miasteczko Akademickie (Akademischen Städtchen) in Lublin schauen, nein, schon die Wirtschaftsfakultät dieser selben Gdańsker Universität im nahen Sopot genügt. Der Campus müßte nicht so traurig sein, wie er ist.

Die Wetterau in der DDR

Durch die Wetterau gehen und an die DDR denken.

Blick in Richtung Frankfurt

Ich bin hier aufgewachsen, in zwei Dörfern an der Grenze zu Frankfurt und es schien damals sehr wichtig, daß das erste zu Frankfurt gehört und das zweite nicht, obwohl das doch nur der hessischen Gemeindereform der siebziger Jahre geschuldet war. Gerade hier, wo es noch heute wenig nach dem Rand einer Großstadt aussieht, erkennt man die Beliebigkeit der neuen Grenzziehungen: drei Dörfer nacheinander am selben Bach und das erste kam an Bad Homburg, das zweite an Frankfurt, das dritte an Bad Vilbel. Jedes von ihnen könnte gut darlegen, wieso es historisch gesehen mit den anderen beiden nichts zu tun hat, doch das Ziel einer Verwaltungsreform sollte ja gerade nicht sein, die administrative Zerstückelung von vor 1806 oder 1920 zu reproduzieren.

Die DDR hätte, wie es seit den Zwanzigern der Traum ist, von dem sogar die Sozialdemokratie der Siebziger in einem bald aufgegebenen Plan für eine Regionalstadt Frankfurt noch ahnte, weite Teile des Rhein-Main-Gebiets zu einem Groß-Frankfurt nach dem Vorbild des 1920 geschaffenen Groß-Berlin zusammengefügt. Die Wetterau, also die Landschaft nordöstlich von Frankfurt am Fluß Nidda, würde nicht dazugehören und doch sähe sie ganz anders aus. Wie, darüber denke ich bei all diesen Frühlingsspaziergängen nach.

Denn aufgewachsen bin ich hier, sehen gelernt aber habe ich in der DDR. Es war ein langer, widerspruchsvoller Prozeß der Begegnung erst mit den Stadträumen, die sie schuf, dann mit der Literatur, die diese behandelte und über sie hinausging. Er schuf eine Grundlage. Einst dachte ich, ich könne nur noch leben, wo einmal Sozialismus war, doch bald merkte ich, daß ich überall leben kann, weil ich die DDR in mir trage. Die DDR ist meine geistige Heimat. Wohin ich auch gehe, ich vergleiche alles mit dem, was ich in der DDR und in den anderen sozialistischen Staaten gelernt habe, wohlgemerkt nicht als mit einem unveränderlichen Ideal, sondern als einem Werkzeug für den Fortschritt. Meist ist die DDR denn auch nur im Hintergrund meiner Gedanken, ob in der Wetterau oder anderswo, denn so reizvoll Phantasien darüber, was der Sozialismus mit dieser Landschaft gemacht hätte, sind, wichtiger ist die Betrachtung der seit jeher kapitalistischen Realität.

Es sind also weniger die ewigen Einfamilienhausgegenden, diese Zersiedlung, die die einst meist auf Bach- oder Flußtäler beschränkten Dörfer in der Fläche aufblähte, die ich vergleiche, obwohl an ihrer Stelle in der DDR entweder nichts oder platzsparender und landschaftsprägender mehrgeschossiger fortschrittlicher Wohnbau wäre.

(Blick auf Oberdorfelden und Kilianstädten)

Es sind auch weniger die in den satten Fünfzigern und Sechzigern um- und zugebauten Ortskerne, deren Glasbausteine, Kachelmuster und Betongeländer neben Fachwerk und Schiefer heute den Reiz einer neuen volkstümlichen Architektur haben, obwohl sie in der DDR nicht oder nur in viel geringerem Maße so um- und zugebaut worden wären, während der neue Wohnbau den Bevölkerungszuwachs aufgenommen hätte.

In Ober-Wöllstadt

Es sind nicht einmal die Kriegerdenkmäler des ersten und zweiten Weltkriegs, die ungebrochene deutsche Tradition, obwohl in der DDR letzere nicht existiert hätten und neben erstere solche des Danks an die Sowjetarmee und des Gedenkens an die gefallenen Antifaschisten, die in der Wetterau vergessen sind, getreten wären.

Kriegerdenkmal in Nieder-Erlenbach (Willi Belz, 1932)

Nein, es sind eher die Einschränkungen, die Wege, die in der kapitalistischen Wetterau nicht zu gehen sind.

Wenn man von der Nidda die kurze Strecke nach Groß-Karben geht, folgt auf eine Allee ein großer Park.

Durch ihn verläuft ein langer Weg zwischen niedrigen Steinmauern mit rotem Abschluß, hinter denen gut sichtbar beeindruckende alte Bäume stehen, es ist ein herrschaftlicher Park.

Nur ein paar Ziegen grasen in ihm und irgendwo stehen alte Landmaschinen herum. Zugänglich ist er nicht.

Wenn man Ilbenstadt von einer ungünstigen Seite erreicht, muß man erst lange um eine hohe steinerne Mauer gehen, bevor man den Ortskern erreicht.

Auch hinter dieser Mauer, die kaum auch nur Öffnungen hat, erahnt man einen Park, der hier zu einem ehemaligen Kloster gehört. Zugänglich ist er nicht.

Solche unzugänglichen Flächen mitten in den Orten sind hier normal, man bemerkt sie nicht und auch ich würde sie nicht bemerken, wenn es nicht die DDR gegeben hätte. In der Wetterau herrscht Kapitalismus und das bedeutet Privateigentum an Grund und Boden. Wer Land besitzt, kann selbst entscheiden, wem er dieses zugänglich macht und es spielt dabei keine Rolle, ob es sich um ein verschachteltes Gärtchen hinter einem umgebauten Bauernhaus oder einen riesigen Park handelt.

Was hier normal ist, war es in der DDR nicht. Parks wie diese wurden enteignet, was dadurch erleichtert wurde, daß ihre Besitzer Nazis oder sonstige Reaktionäre waren und sich rechtzeitig in den Westen, vielleicht zu Verwandtschaft in der Wetterau, geflüchtet hatten. Die Parks wurden Volkseigentum und wenn dieses Wort in Bezug auf Industriebetriebe etwas abstrakt sein mag, so erklärt es sich hier von selbst: sie wurden dem ganzen Volke zugänglich. Die, die in der Wetterau noch immer vor den Mauern und Toren stehen, konnten in der DDR hinein. Umwege wurden beseitigt, Erholungsorte geschaffen und dem Städtebau neue Möglichkeiten eröffnet. Was durch die Klassengesellschaft getrennt war, wurde zusammengefügt.

Den Wunsch der Architektur, neue Verbindungen zu schaffen, sieht man auch in der Wetterau manchmal. Im erwähnten Ilbenstadt steht an der Hanauer Landstraße das Bürgerhaus, ein großer zweigeschossiger Bau in einem typischen Stil der Siebziger, Beton, Glas, aber auch Backstein und ein teils schräges Dach mit schwarzer Verkleidung.

Rechts bei der Ecke ist ein Betonbalkon und daneben führt eine Treppe durch Nadelgebüsch den Hang hinauf, wo man erst merkt, daß das Gebäude dort nur noch flach ist. An den Balkon schließt eine große Terrasse an, über die sich halb ein Vordach auf dünnen runden Stützen spannt, in dem wiederum eine längliche rechteckige Lücke Licht zu einem ebensolchen Beet neben der Wand durchläßt. Der Name des hier befindlichen Restaurants, „Klosterschänke“, erschließt sich dadurch, daß in der Verlängerung von Vordach und Terrasse ein Turm steht.

Auf einem achteckigen Sockel in der Ecke der Mauer des Klosterparks hat sein Obergeschoß spitzbögige Fenster und ist genau wie die geschwungene Kuppel mit Schiefer verkleidet.

Die kontrastreiche Verbindung von Neu und Alt, die hier angestrebt wird, gleicht durchaus der Cottbusser Gaststätte „Am Stadttor“. Sie bleibt hier aber bloß optisch, was auch nicht wenig ist, der Turm ist für die Gäste auf der Terrasse im neuen Gebäude aufgehoben, aber räumlich bleiben sie getrennt, der Park ist so unzugänglich wie eh und je und auch bis vor das Kloster ist es noch ein ganzes Stück an der Mauer entlang.

Wie der Kapitalismus die Architektur, die manchmal das Richtige will, behindert, das sehe ich oft, wenn ich durch die Wetterau gehe und an die DDR denke. Vor allem aber weiß ich dank der Anschaung der DDR, daß es auch anders geht.

Erkundungen auf Friedhöfen: Ein Friedhof vieler Völker in Olsztyn

Ist schon die Inschriftswand an der rechten Seite vielschichtig und widersprüchlich, so ist es der kleine Friedhof am östlichen Stadtrand von Olsztyn selbst noch weit mehr als diese erahnen ließe.

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Klar im Mittelpunkt steht das Sowjetische und Kommunistische, wie schon die schmiedeeisernen Tore in der Steinmauer, die einen von draußen hineinbitten, bezeugen. Rechts ist eine kleine Pforte, in deren offenem Quadratraster schachbrettartig gleichfalls offene fünfzackige Sterne angeordnet sind. Links ist ein breites Tor, in dem neben den Sternen offene Hammer-und-Sichel-Formen sind, die in abwechselnden Bändern schräg nach unten zur Mitte verlaufen.

Dahinter führt ein breiter Bereich mit zwei Wegen und mittiger Grünfläche auf das zentrale Monument aus fünf großen grauen Steinen mit leicht unregelmäßigen rechteckigen Vorderseiten zu. Einer bildet horizontal den Sockel, darauf folgen in einer nächsten Ebene zwei weitere und in einer dritten rechts einer in derselben Ausrichtung, nur links oben steht ein Stein vertikal über und er zeigt ein Relief mit Hammer und Sichel.

Auf der Rückseite dieses Steins ist ein Stern und an dem darunter die Zahl 1945.

Die Steine und ihre Anordnung erinnern beispielsweise an den Sowjetisch-Polnischen Friedhof in Gdynia, was vielleicht weniger auf einen gemeinsamen Gestalter als auf eine Mode hinweist.

Schon, um den Stern zu sehen, muß man um das Monument herumgehen, wozu in der Friedhofsgestaltung nichts besonders anregt, und das Weitere steht erst recht wie beliebig an dem geschwungenen Weg um den zentralen Bereich, wo ansonsten noch kleine Grabplatten und unleserliche Holzkreuze sind. Irgendwo links ist ein größerer Stein mit einem Propellerrelief und zwei spiegelglatten schwarzen Gedenktafeln für die französischen Flieger des an der Seite der Sowjetarmee kämpfenden Regiments Normandie-Niemen.

„Den Fliegern des Freien Frankreich des Regiments Normandie-Niemen, die ihre Leben im Kampf für die Befreiung von Warmia und Mazury gaben“

Irgendwo rechts ist das Denkmal für die polnischen Soldaten. Am höchsten Punkt einer schräg nach links ansteigenden niedrigen Doppelwand steht ein äußerst muskulöser und bis auf den Helm nackter Soldat. Nach links oben ausgestreckt hält er eine Stange mit einer schmalen Fahne, die sich hinter ihm in der Luft windet, rechts wieder neben ihn kommt, wo er mit der ausgestreckten zweiten Hand in sie greift, und sich schließlich um seine Lenden schlingt.

Das Kunstwerk ist, wie für die schwebende Fahne nötig, aus Beton, heute aber in einem deutlich ins Hellblaue gehenden Weiß angemalt. Die scharfen, etwas eckigen Züge des Gesichts wie des Körpers wirken comichaft und homoerotisch, vor allem aber verschwendet an einer bezugslos im Hintergrund stehenden Plastik.

Davor steht noch eine niedrige Betonmauer, die nach vorne einen kronenlosen polnischen Adler zeigt und nach rechts die nüchternen Worte: „Pamięci żołnierzy polskich poległych w latach 1939-1945“ (Dem Andenken der in den Jahren 1939 bis 1945 gestorbenen polnischen Soldaten)

Das ist der erste Teil des Friedhofs, der neuere und, wiewohl er so viel heute Unliebsames hat, gleichsam offizielle. Der zweite liegt rechts davon unter hohen Bäumen, ein Durchgang im Drahtzaun etwas hinter der Inschriftswand führt zu ihm und zur Straße gibt es ein Tor, dem alles Repräsentative fehlt. Weite Flächen sind auch leer, er scheint noch notdürftiger instandgehalten als schon der andere Teil.

Am straßenseitigen Rand sind verschiedene polnische Gräber.

Einige davon sind einheitlich gestaltet Soldaten des Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego (Korps für innere Sicherheit, KBW) gewidmet, die nach dem Krieg „na połu chwały“ (auf dem Feld der Ehre) im Kampf mit antikommunistischen Banditen fielen.

Im Gegensatz dazu liegt hier auch ein entschieden antikommunistisches Ehepaar, er 1920 am Angriffskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt, sie 1941 bis 1946 in Sibirien interniert.

Ganz versteckt, nah beieinander unter ebenso regelmäßigen Bäumen, sind viele kleine Steine.

Die Inschriften sind schwer zu lesen, aber sie sind auf Deutsch, Namen gegen Ende des ersten Weltkriegs gestorbener Soldaten unter einem Eisernen Kreuz.

Unvermittelt tritt neben Sowjetbürger, Polen und Franzosen noch der deutsche Kriegsgegner, übriggeblieben aus einem anderen Krieg jedoch.

Und dann ganz links am Rand anders geformte kleine Steine, ebenfalls deutsch beschriftet, aber mit orthodoxem Kreuz und russischen Namen: russische Soldaten aus dem ersten Weltkrieg.

Diese Gräber erinnern daran, daß das damalige Allenstein, anders als die allermeisten anderen deutschen Städte, schon im ersten Weltkrieg sehr nahe bei Kriegsschauplätzen war, aber erklärt ist das nirgends. Die Gräber wirken stattdessen wie zufällig übriggeblieben und sind das vielleicht auch.

So ist auf dem kleinen Friedhof am Rande von Olsztyn von allem etwas und nichts paßt zum anderen, nie ergibt sich ein einheitliches Bild und wie auch, so ist die Geschichte. Aber wenn sich irgendwo darin die schönsten Worte und Ideen – „Socjalizm, wolność, pokój“ (Sozialismus, Freiheit, Frieden) – finden, dann ist das bereits viel wert.

Atomium

Das Atomium ist das Wahrzeichen von Brüssel und es ist das ungewöhnliche Beispiel eines Wahrzeichens, das für die Stadt und ihre Architektur absolut nicht repräsentativ ist. Während im Zentrum von Brüssel bis in die Sechziger bizarre reaktionäre Architektur gebaut wurde, ist das 1958 für eine Weltausstellung errichtete Atomium ein durchaus fortschrittliches, oder jedenfalls nicht historistisches oder monumentales, Gebäude. Es ist letztlich ein kompliziert und spektakulär geformter Aussichtsturm aus mehreren silbernen Stahlkugeln, die mit schrägen Verbindungselementen zu einer von der Atomstruktur inspirierten Konstruktion verbunden sind. Es ist ein ikonisches und äußerst einflußreiches Gebäude, von dem sowohl der Berliner (Kugelform) als auch der Prager Fernsehturm (Module in einem Gerüst) inspiriert sind und tausend andere Bauwerke auf der ganzen Welt ebenso.

Eine detailliertere Beschreibung des Atomiums erübrigt sich an dieser Stelle, da es zu den Gebäuden zählt, die jeder kennt, ob er nun in Brüssel war oder nicht. Man versteht es jedoch erst in seiner Umgebung so wirklich. Was es vom durchaus verwandten Pariser Eiffelturm unterscheidet, ist vor allem die Lage weit außerhalb des Zentrums.

Gesehen von Ganshoren (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Es steht direkt in der Achse, die von Vorstadtstraßen den Hang zum Messegelände hinaufführt. Dieses wurde 1935 angelegt und sieht auch so aus. An den Seiten des riesigen Vorplatzes sind hohe Säulenhallen und das mittlere Gebäude steigt in Stufen an, was hier aber auch nur dazu dient, die vier enormen Pfeiler in der Mitte zu betonen, auf denen bronzene Allegorien von man will gar nicht wissen was stehen.

Alles ist grauer Stein und etwas grünlicher Kupfer, alles ist menschenfeindliche Monumentalität, die auch dem östlichen Nazinachbarn nur gefallen konnte. Daß die hinter den Fassaden verborgenen Hallen mit rotem Backstein und auch mal mit einem abgerundeten und aufgestützten Teil nur halb so schlimm sind, hilft auch nicht mehr.

Das Atomium versperrt den Blick auf dieses reaktionäre, ja, faschistoide Machwerk.

Es erfüllt damit eine ähnliche Funktion wie die stählerne Nadel vor dem monumentalen Wrocławer Gebäude, das in der deutschen Zeit Jahrhunderthalle hieß, in Polen aber zur Hala Ludowa (Volkshalle) wurde. 1948 anläßlich der Wystawa Ziem Odzyskanych (Ausstellung der wiedererlangten Gebiete) errichtet, repräsentierte sie das Polnische inmitten des Deutschen, aber auch den Fortschritt inmitten präfaschistischer Architektur. Entsprechend ist das Atomium vor den faschistoiden Messeanlagen ein Bruch mit dem Alten, eine Entschuldigung der belgischen Architektur für all ihre seit dem Palais de Justice (Justizpalast) im Jahre 1883 begangenen Verbrechen und ein Gelöbnis zur Besserung. Immerhin wurde das Atomium zum Wahrzeichen der Stadt und gibt dem, der an Brüssel und Architektur denkt, ein sehr positives, aber von der Realität weit entferntes Bild.

Letztlich ist aber schwer zu sehen, wie die belgische Architektur ihre Verbrechen wiedergutmachen könnte. Die deutsche brauchte dafür einen Staat, der mit dem Alten brach, und einen zweiten, der das behauptete, und es gelang ihr doch nicht. Wenn das Atomium dort gebaut worden wäre, wo der Palais de Justice steht, dann wäre das ein überzeugender Ansatz gewesen, aber sogar dann bliebe ein ikonisch geformter Aussichtsturm eben das, ein Ansatz, ein Versprechen. Ein einziges Gebäude ist nie genug. Was wäre der Berliner Fernsehturm schon ohne den Alexanderplatz und das Ensemble hin zum Palast der Republik?

Nachruf auf eine Unterführung

Es gab einmal eine Fußgängerunterführung unter der Liebknechtstraße im Herzen von Berlin.

Aus Volk, Waltraud: Historische Straßen und Plätze heute – Berlin, Hauptstadt der DDR, Berlin 1980

Es war keine besondere Unterführung. Zwei Treppen führten  parallel zur Straße hinab, ein Tunnel unter ihr hindurch und zwei weitere Treppen auf der anderen Seite wieder hinauf. Große karoförmige Emailleschilder auf Stangen wiesen oben auf sie hin, kleinere über den Tunneleingängen nannten die zu erreichenden Orte, alles war im sachlichen Wegweisersystem der Hauptstadt der DDR gestaltet, Weiß auf Blau.

Zum Vergleich eine Unterführung unter der Leipziger Straße

Es war keine besondere Unterführung und auch keine sehr gute, aber sie war genau dort, wo sie sein mußte für die Fußgänger, die vom Alexanderplatz durch den Bahnhof und am Fuße des Fernsehturms vorbei zu der Bebauung jenseits der Liebknechtstraße mit Markthalle und vielen gastronomischen wie kulturellen Einrichtungen gelangen wollten. Das, etwas an genau der richtigen Stelle zu haben, das nennt sich Stadtplanung.

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Es gibt diese Unterführung noch immer, aber kein Schild weist mehr auf sie hin, keiner kann sie mehr benutzen, ihre Öffnungen sind mit Plakatwänden umbaut. Wer heute auf die andere Seite der Liebknechtstraße gelangen will, hat zwei Möglichkeiten: entweder eine Ampel parallel zu den Bahngleisen, die entschieden nicht dort ist, wo sie sein muß, und stattdessen zu einem Umweg um einen hier gar nicht existierenden Straßenblock zwingt, oder an der richtigen Stelle etwas neben der Unterführung die Überquerung von vier Fahrspuren und eines matschigen Pfads über zwei Straßenbahngleise, deren trennender Zaun hier unterbrochen ist.

Das ist die Wahl, die der deutsche Kapitalismus heute läßt: entweder der erniedrigende Zwang reaktionärer Stadtplanung oder Chaos, Anarchie, Dreck. Den bürgerlichen Freunden der bestehenden Ordnung wie ihren anarchistischen Verächtern mag das gefallen, aber für den Kommunisten kann nur Brechts Satz gelten: „Aber das Bestehende ist keine Ordnung.“ Die Unterführung unter der Liebknechtstraße war nicht viel, sie war nicht genug, aber sie war Ansatz einer Ordnung und deshalb fehlt sie so sehr.

 

Point Zéro

Point Zéro ist der Ausgangspunkt von La Grande Motte und wenn er sonst nicht viel ist, dann, weil das genügt.

Ganz im Osten der südfranzösischen Ferienstadt öffnet sich das weiße Gebäude im weiten Schwung zur Sonne im Süden und Westen.

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Quer zum Uferboulevard beginnt es mit einer hohen Stele aus kaum mehr als zwei parallelen Betonwänden, die nach links sogleich geschwungen niedriger wird und sich als bloße öffnungslose Wand in der Höhe etwa eines Geschosses fortsetzt.

Rückwärtig ist ein Flachbau, der im weiten Schwung vom vorderen Teil wegstrebt und in einem zweiten Schwung wieder an ihn anschließt.

Der Anfang des Point Zéro gleicht von oben besehen so den hinteren Flossen eines Fischs oder eines Flugzeugs.

Im weiteren Verlauf sind unten verglaste Läden hinter Arkaden aus V-Stützen, die aber in den drei unteren Vierteln des V-Elements und im oberen Viertel des Zwischenraums geschlossen sind, so daß eine weiße Zickzackform mit zugleich expressiver wie schattenspendender Funktion entsteht. Vor dem Dach verläuft eine hohe Blende, aus der nur die ersten von zwei Wasserrinnen ragen. Wo am Anfang dieses Teils die Stützen etwas weiter auseinanderstehen, kennezeichnen sie subtil einen Durchgang auf die andere Seite des Gebäudes.

Im mittleren Teil sind Arkaden wie Dachblende unterbrochen, um etwas zurückgesetzt unten Glasflächen und oben Gittergeländern Platz zu machen, doch im eigentlichen dient das nur dazu, die Wirkung des nach vorne aufsteigenden Dachs aus gefaltetem rohen Beton, das sich von hinten über die nun als solche zu erkennende Dachterrasse spannt, zu verstärken.

Nicht nur das Dach, das auf halber Länge auf einem aufgestützten Betonbalken ruht, sondern auch die leicht schräge Rückwand des Mittelteils ist aus solchen schmalen gefalteten Betonelementen geformt.

Der letzte Teil hat wiederum Läden hinter Arkaden und dann eine bloße Wand, doch er ist leicht zu übersehen, da vor ihm ein großer und in der Höhe an die Anfangsstele heranreichender Rundbau, ein Turm, steht.

Nach vorne, wohin sein Dach leicht abfällt und zwischen den Außenwänden ein zweites rundes Element erahnen läßt, ist er fast öffnungslos bis auf eine Wasserrinne, während hinten unregelmäßig horizontal und vertikal versetzte schmale Fenster sind, die nur für das Treppenhaus zu einer klaren Ordnung finden.

Aus diesem Point Zéro (Nullpunkt) entspringt La Grande Motte, deren Terrassenhäuser vor ihm stehen, aber nicht nah, sondern durch eine Wiese getrennt. Am Ursprung stehen der Beton und die Kunst.

Direkt im unregelmäßig roten Steinpflaster vor dem Mittelteil ist ein rundes Brunnenbecken und vor diesem sind zwei große tropfenförmige Betonflächen mit eingelassenem, beziehungsweise erhöhtem Brunnenbecken, deren Spitzen beidseits eines Wegs zu Meer, Sonne und Gebäuden zeigen. Schon im runden Becken ist neben mittig geknickten runden Betonplatten, über die das Wasser laufen kann, ein Mobile aus rechteckigen Blechplatten in einem stählernen Bügel, wie es dann zum bestimmenden Merkmal der gegenwärtigen künstlerischen Gestaltung des Point Zéro wird. Aus dem Brunnenbecken der rechten Betonfläche, das bei leicht schräg ansteigenden Wänden durch den abgeschrägten Abschluß an den Turm erinnert, ragt eine Metallkonstruktion aus vielerlei geschwungenen dreieckigen Elementen auf.

Entlang des am Turm vorbeiführenden Wegs, auf dessen Boden Beton zwischen den roten Stein tritt und ihn bald ersetzt, wechseln sich dann Mobiles und schmale quaderförmige Metallobjekte, in deren Seiten gestanzte Muster sind, ab. Letztere stehen entweder auf dem Boden oder hängen ebenfalls in stählernen Bügeln, wodurch sie frei drehbar sind. Sie zeigen teils stilisierte Tierformen oder chinesische Schriftzeigen und teils gänzlich abstrakte Formen.

Die hängende Variante ist ganz dem Wind gewidmet, dessen Bezeichnung auf einer der Seiten auf verschiedenen Sprachen steht und über den auf einer anderen Seite ein kurzes Gedicht ist.

Außer den im Wind klimpernden Mobiles und den anderen beweglichen Teilen gehören in diese Thematik auch noch Drachen auf dünnen Metallstangen, die den äußeren Teil des Wegs säumen und zu den Terrassenhäusern hin zu fliegen scheinen. Sie bestehen nur aus in der Mitte gefalteten Rechtecken, die nach hinten lang und schmal werden, womit sie den Betonelementen des Dachs entsprechen, und zwei beweglichen grauen Kunststoffbändern am Ende, denn so sehen Drachen eben aus.

Einzig bunt zwischen dem rostfarbenen und silbernen Metall der Kunstwerke sind nebeneinander stehende runde Holzpfähle in verschiedenen Höhen und Farben sowie ein drehbares Objekt aus abwechselnd nach unten und nach oben zeigenden schmalen Metalldreiecken in Grün, Hellblau, Orange, Gelb, Blau und Rot, die wiederum den Drachen und dem Betondach ähneln.

An windigen Tagen ist die Kunst vor Point Zéro in einer Bewegung, die von der Architektur nur angedeutet wird, und erzeugt Töne, von denen die Architektur nichts ahnt. Es ist ein vielgestaltiges, gleichsam multimediales Werk, das das Gebäude nie berührt und doch ganz zu ihm, zu La Grande Motte gehört.

Der Architektur bleibt es überlassen, den Menschen vom bloßen Betrachter zum Teil des Kunstwerks zu machen, indem vor der Wand nach der beginnenden Stele von rechts eine lange Rampe und von links eine kurze Treppe zu einem Durchgang auf die Dachterrasse führt.

Geht jemand dort hinauf, so sieht es von Weitem immer so aus, als bewege er sich schwebend im reinen Weiß nach oben. Es ist dies eine architektonische Himmelfahrt, wobei Himmel selbstverständlich in seinem konkreten Sinn gemeint ist, denn Theologie ist hier fern. Point Zéro ist symbolischer Ausgangspunkt der Grande Motte und praktisch vor allem eine betonüberspannte Terrasse zum Ausblick auf Meer, Sonne und Architektur. Ein weiterer Zugang zur Dachterrasse ist eine lange Treppe mit betonten Geländern schräg hinter dem ersten Arkadenteil.

La Grande Motte aber wäre nicht La Grande Motte, Höhepunkt und Juwel der Architektur des französischen Sozialstaats, wenn nicht auch der so symbolische und skulpturale Point Zéro zugleich noch prosaischere Funktionen gehabt hätte. Als er Ende der Sechziger noch vor der eigentlichen Stadt gebaut wurde, konzentrierten sich in ihm schlichtweg alle Einrichtungen von La Grande Motte, von Umkleidekabinen für Strandbesucher über Läden, Post, Polizei bis hin zu Büros für die Verwaltung und die Architekten. Noch heute ist am Uferboulevard vor der Stele ein Restaurant, das aber später angebaut wurde, während unter den Arkaden verschiedene Läden zu erahnen sind.

Man erkennt neben dem Durchgang insbesondere noch einen Kiosk, der mit seiner Werbung eine der V-Formen füllte und auf einer Stange Schilder für Tabac, Presse und die Tageszeitung Midi Libre wie kommerzielle Versionen der Kunstwerke nach oben streckte.

Was Point Zéro von anderen Teilen von La Grande Motte, die weiterhin ihre intendierte Funktion erfüllen, unterscheidet, ist denn, daß er weitgehend leersteht und sich in einem eher vernachlässigten Zustand befindet. Die Gitter vor den früheren Läden rosten, aus den Brunnen wurden Beete (immerhin), in der Mitte ist ein „Point Emploi“ des Arbeitsamts und die Dachterrasse ist nicht mehr zugänglich. Auch als halbe Ruine ist Point Zéro gewiß noch schön, aber das Leben, für das er gemacht ist, fehlt und ist ganz durch die Kunst ersetzt. Er bekommt dadurch eine neue Symbolik, denn sein Zustand entspricht dem des französischen Sozialstaats, der der eigentliche Ausgangspunkt von La Grande Motte war. Daß Point Zéro heute wie die gesamte Grande Motte als Patrimoine du XX. siècle (Erbe des 20. Jahrhunderts) denkmalgeschützt ist, das ist dann bestenfalls ein schwacher Trost und schlimmstenfalls ein Hohn.

Das Label „Patrimoine du XXe siècle“ hat zum Ziel, die wichtigsten Bauwerke und städtischen Ensembles des 20. Jahrhunderts zu bewahren und zur Geltung zu bringen
Der Point Zéro
Errichtet 1967
„Wenn der Wind mit dem Sand spielt, zeichnet er Parabeln.
Der Point Zéro ist auch eine Parabel, die das unbebaubare Meer umarmt. Er flieht in Richtung Horizont.
Es war eine der allerersten am Strand gebauten Einrichtungen, mit dem Rücken zur Düne, die La Grande Motte ihren Namen gab.
Das mathematische Gesetz seines Grundrisses, das aus einer Folge von Parabeln abgeleitet wurde, füllt den Raum.
Präsent und unsichtbar sammelt er das Licht des offenen Meers und projiziert an den Strand die Frische der Gärten und das Murmeln der Brunnen.“
Jean Balladur (Chefarchitekt von La Grande Motte, Anmerkung des Verfassers)

Palom pomorcu

Wenn man Split vom Meer her erreicht, sieht man noch vor dem Turm der Kathedrale einen anderen Turm. Er hat einen rechteckigen Grundriß, mit hellem glattem Stein verkleidete Schmalseiten und Breitseiten aus unzähligen in Beton eingelassenen runden Glaselementen. So, ein weißer und in der Sonne schimmernder Monolith, steht er über der Klippe rechts der Hafeneinfahrt.

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Wenn man näher kommt, sieht man, daß er nicht allein ist. Rechts von ihm steht auf der Klippe ein Kunstwerk aus dem gleichen weißen Stein, von dem man kaum sagen kann, ob es Relief oder Skulptur ist. In einem rechteckigen Rahmen zeigt es einen Mann in schräger Position, der sich mit der Hand an etwas festhält, die andere wie auch die Beine ausgestreckt hat und mit nach oben gerichtetem Gesicht etwas ruft, während von unten Wellen an ihn schlagen. Das ist mit nur einigen wenigen großen und einfachen Formen dargestellt, um die man durch das Relieffeld hindurchblicken kann, aber man sieht den Seemann im Sturm, der das Schiff mit größter Mühe unter Kontrolle hält, den Kampf des Menschen mit dem Meer.

Mit dem Turm, hohen Nadelbäumen im Hintergrund, riesigen Agaven, die sich davor an den Rand der Klippe klammern, dem grauen Fels und dem blaugrünen Wasser bildet das Kunstwerk ein ganzes Ensemble, das man vom Meer her kommend vielleicht mehr erahnt als in allen Details sieht.

Wenn man sich ihm vom Land, von der Stadt Split her. nähert, sieht man die Reliefwand am Rande eines großzügigen Platzes im Schatten der Nadelbäume, rechts flankiert von dem Turm und vor dem blauen Hintergrund des Meeres und der Insellandschaft.

Dank der Verwendung des Durchbruchsreliefs ist die Szene von hier aus so gut zu sehen wie von unten im Meer, aber man ist ihr näher und sie bekommt eine explizite Bedeutung, da in einer rechts anschließenden niedrigen weißen Steinwand steht: „Palom pormorcu“. „Dem gefallenen Seemann“ also und damit allen gefallenen Seeleuten ist es ein Denkmal und die Szene paßt dazu.

Das Schöne und Wichtige ist, daß sie den Kampf, nicht den Tod zeigt. An der Hafeneinfahrt ist das Denkmal ein Memento Mori, aber kein Symbol von Vergeblichkeit, sondern vielmehr Ansporn, den Kampf mit den Elementen nie aufzugeben. Nur so sind die gefallenen Seeleute zu ehren, wußte der Bildhauer Andrija Krstulović wohl. Hinzu kommt vor dem Turm noch ein Anker und auf einer Fläche aus weißen Stein eine liegende rechteckige Platte aus demselben, die vielleicht für Kränze gedacht war.

Heute sind die beiden Seiten des Denkmals weit voneinander entfernt. Unten am Meer würde man nichts vom Platz ahnen und auf diesem nichts von den Klippen. Nichts scheint die stille Gegend mit freistehenden Häusern aus dem 19. Jahrhundert, durch die man auf den Platz kommt, mit dem touristischen Treiben des Fährhafens zu verbinden. Die Seeleute müßten einen recht weiten Umweg zur Ehrung ihrer gefallenen Genossen machen.

Das war nicht immer so. Zum 1958 eröffneten Ensemble gehört eigentlich noch ein rechts des Hafens, am Rande des Hügels mit dem Denkmal, stehendes Gebäude. Es ist recht lang und hat drei Geschosse, die von großen Flächen mit weißer Steinverkleidung und im vorderen Teil, zum Meer hin, viel Glas bestimmt sind.

Auf dem nach vorne überstehenden Dach ist eine große Terrasse und nur im hinteren Teil zurückgesetzt ein weiteres verglastes Geschoß.

Diese Terrasse aber befindet sich auf einer Ebene mit dem Platz des Denkmals, erweitert, vervollständigt ihn, verbindet ihn mit dem Hafen, zu dem er gehört.

Einst war das Gebäude das Schmuckstück des Hafens und mit Turm und Kunstwerk Höhepunkt seiner Gestaltung durch den jugoslawischen Sozialismus. Heute steht es leer und verfällt, die Verbindung zwischen Platz und Hafen ist versperrt.

Noch immer empfängt Split seine vom Meer her kommenden Gäste auf schönste Weise, aber es ist nur noch die halbe Schönheit. Was fehlt, sind Jugoslawien und der Sozialismus.

Dreimal Polen

Abseits der Straße Długie Ogrody (Lange Gärten) östlich der Gdańsker Innenstadt treffen drei Zeiten aufeinander.

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Am Ende der parallel verlaufenden Erschließungsstraße stehen einige backsteinerne Mietskasernen. Schon in der deutschen Zeit lebten dort Arme, im sozialistischen Polen wurde es kaum besser und erst recht heute kann man in der ewig offenen Tür und auf der matschigen Straße spielende Kinder sehen, eine Szene, die man von alten Photos oder aus Fernsehberichten über Dritte-Welt-Länder kennt.

Dann folgen quer zur Straße stehende zwölfgeschossige Wohnhäuser. Diese fortschrittliche Architektur wird in Deutschland fälschlich mit Armut verbunden, ist in Polen aber einfach die typischste Wohnform. Die Grünflächen zwischen den Gebäuden sind weit und breit das Einzige, was dem Straßennamen gerecht wird.

Davor, entlang der der Straße, ist schließlich eine neue Wohnanlage, die erst im letzten Jahr fertiggestellt wurde. Sie nennt sich nach den Długie Ogrody, aber von Gärten oder Grün gibt es keine Spur. Stattdessen handelt es sich um eine Art Neoblockrandbebauung aus durchgehenden Teilen zur Straße und regelmäßigen Quertrakten um winzige erhöhte Höfe. Von ihrer Umgebung schottet sich diese Architektur hermetisch ab, der ganze Erdgeschoßbereich zur Erschließungsstraße ist eine öffnungslose Mauer mit Backsteinverkleidung.

Auf engem Raum sieht man hier also die Architektur des deutschen Kapitalismus, des polnischen Sozialismus und des polnischen Kapitalismus. Das Nebeneinander zeigt klar, welche die beste ist und wie groß der Rückschritt seit 1989. Ob man will oder nicht, hier sieht man die Gegenwart und Polen.

Lenin im Kloster

Schon das ehemalige Franziskanerkloster liegt im westböhmischen Cheb eher abseits des Touristenrummels, der sich auf den Marktplatz und die nahe bei diesem stehenden beiden Hauptkirchen konzentriert. Es bildet einen eigenständigen Komplex innerhalb der Stadt, dessen Zentrum der schmale Františkánské náměstí (Franziskanerplatz) mit der gotischen Kostel  Zvěstování Panny Marie (Kirche Mariä Verkündigung), der barocken Kostel Sv. Kláry (Kirche der heiligen Klara) und vielen weiteren meist einfachen barocken Gebäuden darstellt.

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Vertikale gotische Strebepfeiler und weißer barocker Giebel mit zwei Heiligenstatuen stehen sich gegenüber, aber nicht feindlich, nur rat- und bezuglos, beide vollständig Gebäude ihrer Zeit.

Daß der Barock es sich nicht nehmen ließ, die gotische Kirche seinen Vorstellungen anzupassen, kann man im Inneren des heute eher notdürftig, aber sympathisch museal genutzten Baus am Umriß eines hohen barocken Altars über einer gotischen Nische oder an einem Wandbild, das eine hohe Altararchitektur imitiert, erkennen.

Er beließ aber den gotischen Kreuzgang mit Kreuzrippengewölbe und spitzbögigen Fenstern, deren Maßwerk vielfach variiert, nur annähernd regelmäßig abgewechselt und an der ersten Seite sogar fast nicht wiederholt ist.

Um das Franziskanerkloster ganz zu verstehen, muß man auch seinen Garten, der direkt hinter der Kirche liegt, aber nur auf Umwegen zu erreichen ist, sehen. Und sogar dieser Garten besteht noch aus mehreren Teilen, die teils leicht zu übersehen sind. Der erste und größte Teil ist eine geometrische rechteckige Anlage mit Beeten, Wiesen, Bäumen, Spalieren und in der Mitte im Brunnen der banalen Skulptur eines wasserholenden Mädchens.

Zur Stadt hin bildet seine Breitseite ein langer Speicherbau mit hohem Satteldach, zur anderen ein weißgetünchter Rest der Stadtmauer mit hölzernem und rotgeziegeltem Wehrgang, über dem schon eine Villa des anschließenden großbürgerlichen Viertels aufragt. Jenseits der niedrigeren Mauern an der Schmalseite des Eingangs steht ein k.k. Schulgebäude und an der gegenüberliegenden ein schlichter zweigeschossiger Barockbau mit Walmdach.

Doch zwischen diesem Bau und der Stadtmauer, wo man schon die Rückseite der Verkündigungskirche sieht, geht es weiter in den zweiten Teil des Klostergartens.

Schmaler als der erste verläuft er etwa quer zu ihm und ist vom genannten Barockbau und einem zweiten mit rundbögigen Arkaden gerahmt. An der Grundseite steht ein barockes Torgebäude, das sich mit nun drei Geschossen am Anfang der anderen Seite fortsetzt, während sich im folgenden die gotischen Strebepfeiler und Spitzbögen der Kirche auftürmen. In diesem Teil ist es noch stiller und im Sommer duftet alles nach Rosen.

Hier erst, wo man die vom Platz her wenig einladende gotische Kirche über das Grün des Gartens hinweg sieht, kann man begreifen, was für einen Luxus es bedeutete, in einem Kloster zu leben. Mitten in der engen Stadt, direkt hinter ihren engen Gassen und meist kaum größeren Plätzen hatte das Kloster diesen großzügigen Garten und es hatte ihn für sich. Um zu erklären, wieso jemand Mönch sein wollte, genügt dieser Kontrast zwischen steinernen Gassen und grünem Garten völlig.

Es bleibt noch der dritte Teil des Klostergartens, in den man gelangt, wenn man an der Stadtmauer weitergeht. Im Winkel zwischen dieser, der Kirche und noch einem Barockbau, hinter einer niedrigen Mauer mit verschlossenem Tor, steht dort Lenin. Er hat das linke Bein vorgesetzt, die rechte Hand in der Hosentasche und den Oberkörper leicht zurückgelehnt, so daß sein Mantel locker hinter seinen Beinen hängt. Auf dem Kopf trägt er eine Schiebermütze und sein spitzbärtiges Gesicht ist auch ohne viele Details sofort zu erkennen. Eine klassische ikonische Darstellung inspiriert von Photos aus der Zeit der Revolution, hier überlebensgroß und aus Bronze.

Lenin ist nicht allein in seiner Ecke beim Kloster. Etwas rechts hinter ihm, ebenfalls aus Bronze und etwa lebensgroß, steht Julius Fučík, was ob des Größenunterschieds einen reichlich komischen Eindruck macht.

Rechts gegenüber steht weiterhin ein sandsteinerner Grenzsoldat mit Maschinenpistole und Schäferhund.

Es sind Denkmäler der sozialistischen Tschechoslowakei, die von ihren öffentlichen Plätzen entfernt und hierher ausgelagert wurden. Lenin, Führer der Oktoberrevolution und des ersten sozialistischen Staats, stand dargestellt von Vladimír Relich seit 1979 vorm Bahnhof. Fučík, Schriftsteller und Märtyrer der kommunistischen Bewegung der Tschechoslowakei, stand geschaffen von Miloslav Soňka seit 1960 in der nahen Stadt Františkovy Lázně. Der Soldat, der „Na stráži míru“ (Auf Friedenswacht), wie die Skulptur von Jan Hána heißt, die Grenze zum nahen Westdeutschland schützte, stand seit 1955 im Gottwaldovy Sady (Gottwald-Park) von Cheb, der inzwischen auch anders heißt.

Hier aber stehen sie zusammen, immerhin noch sichtbar. Es erinnert daran, wie besiegte oder in Ungnade gefallene Herrscher einst gezwungen wurden, ins Kloster einzutreten, um auf harmlose Weise ihre letzten Tage zu verleben. Hier ist das wiederholt mit den Denkmälern beim Klostergebäude. Sie stehen dort und die, die sie dorthin gestellt haben, mögen denken, daß sie dort ihre letzten Tage verleben und noch dem Spott der Betrachter ausgesetzt sind. Aber sie warten, bis ihre Zeit kommt, sie haben Zeit, sie sind Kommunisten. Und ganz unpassend ist auch dieser Ort für sie nicht, denn ihnen ist es zu verdanken, daß der Klostergarten für alle zugänglich ist und Mönche weit und breit nicht zu sehen sind.