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Cinema Trianon

Ausdrücke des rumänischen Nationalismus kann man in Iași mancherorts finden. So stand der Slogan „Basarabia e România” (Bessarabien ist Rumänien) im Sommer 2018 sowohl auf offiziellen Bannern über Straßen als auch als Graffiti an Hauswänden.

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Im ersten Fall ist das Erinnerung an das Jahr 1918, als Bessarabien tatsächlich zu Rumänien kam, im zweiten die Forderung danach, daß diese Region, zu der heute die Republik Moldawien und Teile der Ukraine gehören, wieder zu Rumänien kommen soll.

Eine subtilere Manifestation des rumänischen Nationalismus ist das Cinema Trianon (Kino Trianon) an der Strada Lăpușneanu (Lăpușneanu-Straße) abseits des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung).

Dem Gebäude, das einerseits mit viel hellgrauer Steinverkleidung monumental gestaltet ist, andererseits aber auch an den Breitseiten große Flächen mit einer Verkleidung aus kleinen hellblauen Kacheln hat, sieht man nicht mehr an, daß es 1930 in der Glanzzeit der rumänischen Monarchie erbaut wurde.

Seine heutigen Formen sind eher ein gemäßigter Ausdruck der stalinistischen Architektur der Fünfziger, denen es auch verdankt, daß es mit Eingang zur Straße freisteht. Es hatte in seiner Geschichte einige Namen, zuletzt seit 1960 Cinema Republica (Kino Republik), aber sein ursprünglicher Name lautete eben Cinema Trianon und es hat ihn heute, da es geschlossen ist und irgendwann wiedereröffnet werden soll, wieder.

Trianon nun, das sind zwei Schlösser im Park von Versailles bei Paris und im Grand Trianon (Großen Trianon) wurde 1920 der Vertrag von Trianon geschlossen, nach dem das Kino heißt. Als einer der Pariser Vorortverträge war Trianon vereinfacht gesagt für Ungarn das, was für Deutschland der Vertrag von Versailles war: eine dramatische Verkleinerung seines Territoriums zur Bekämpfung seiner imperialistischen Bestrebungen, die zum ersten Weltkrieg geführt hatten. Für Ungarn, das heute nach nur leichter Mäßigung im Sozialismus so aggressiv nationalistisch ist wie eh und je, ist Trianon der Ausdruck der absoluten Niederlage und des Endes aller imperialen Größe. Man muß nicht einmal wirklich nach Ungarn gehen, um daran erinnert zu werden. Schon wenn man sich in Slovenské Nové Mesto in der östlichen Slowakei zufällig an die Grenze nach Sátoraljaújhely verirrt, zeigt ein Schild  auf einem Stein die alte Ausdehnung der nordungarischen Region Zemplén (slowakisch Zemplín) mit Namen und Datum des Vertrags.

Für Rumänien hingegen war Trianon der größte geschichtliche Triumph. Obwohl es nur recht kurz und nicht allzu erfolgreich an ihm beteiligt war, gehörte es zu den größten Gewinnern des ersten Weltkriegs. Es bekam Transsylvanien von Ungarn, Teile der Bukowina von Österreich, das erwähnte Bessarabien von Rußland und verdoppelte so seine Größe beinahe.

Wie es in Polen in der Zwischenkriegszeit sicher irgendwo ein Kino Wersal (Kino Versailles) gab, gab es also in Iași ein Cinema Trianon und gibt es dieses nun aufs Neue. Es ist auch ohne Zweifel ein guter Name für ein Kino, wohlklingend wie Gloria oder Victoria und mit unklaren Assoziationen von Prunk und Adel. Poetischer wirkt Nationalismus wohl selten.

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Häuser in Iași

Das Typischste am Aussehen der Häuser in Iași ist, daß man nur sehr wenig von ihnen sieht. Haus ist hier im Sinne von Einfamilienhaus, von house, gemeint. Von solchen Häusern gibt es trotz umfangreichen Baumaßnahmen in der sozialistischen Zeit weiterhin viele, nicht nur in den vorstädtischen, sondern auch in recht zentralen Teilen der Stadt. In den schmalen und verschlungenen Straßen dieser vielleicht nicht einmal immer besonders alten, aber planlos gewachsenen Gegenden schotten die Häuser ihre kleinen Gärten oder Höfe dann oft mit hohen Bretterzäunen ab. Noch häufiger ist es, daß über dem gesamten freien Bereich um das Haus Weinreben wachsen.

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Sie ranken sich auf meist stählernen Gerüsten, bilden Wände und Dächer und schaffen schattige Räume, die halb außen, halb innen sind. Durch die Pflanzen entsteht eine zweite Architektur, die, wiewohl halb transparent, die erste stark verdeckt. Das ist umso leichter als die meisten Häuser in Iași nur ein Geschoß und kein sehr hohes Dach haben. Es ist eine saisonale Blattarchitektur, die im Sommer wertvollen Schatten bietet, im Winter aber das wertvolle Sonnenlicht durchläßt.

Fast jedes Haus hat solche Baldachine aus Weinreben, so daß man im Sommer durch die Straßen von Iași streifen kann, ohne ein klares Bild davon zu bekommen, wie die Häuser eigentlich aussehen. Wenn man sich konzentriert, die freien Seiten sucht, länger als gehörig in schattige Höfe blickt, das Grün gleichsam herausrechnet, zeigen sich die Häuser von Iași in ihrer Vielfalt. Wirklich alte Häuser sieht man nicht, da sie vermutlich aus Holz waren, die erhaltene Baugeschichte beginnt erst im 19. Jahrhundert. Manchmal, selten, gibt es Häuser mit schmalen Verandas unter überstehenden Dächern, von denen ornamentale Bordüren aus Holz herabhängen, Überbleibsel dörflicher Bauweisen wohl.

Meist jedoch sind die Häuser mit einfachen historistischen Ornamenten, hier ein Pilaster, dort ein Fensterrand, versehen. Fast völlig fehlt der Jugendstil, was von der Rückständigkeit Rumäniens zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeugt. Umso häufiger ist dafür modernistische Ornamentik aus der Zwischenkriegszeit, etwa horizontale Streifen- oder Wellenmuster zwischen den Fenstern. Das zeugt vom Aufschwung Rumäniens dank seiner enormen Gebietsvergrößerung durch den Vertrag von Trianon nach dem ersten Weltkrieg. Ein nicht untypischer Iașier Kontrast ist daher einer wie in der Strada Petru Rareș (Petru-Rareș-Straße): auf der einen Seite ein historistisches Haus mit aufwendigem Eckgiebel und auf der anderen ein modernistisches Haus mit abgerundeter und gleichsam hochgeklappter Ecke mit Rillenmuster.

Diese Baumoden hatten Einfluß wohlgemerkt nur auf die Häuser, die erste Architektur, während die Gestelle aus Weinreben, die zweite Architektur, überall die gleichen sind.

In der sozialistischen Zeit gab es offenbar fast keinen privaten Wohnbau oder jedenfalls ist er nicht besonders zu erkennen. Erst die Restauration des Kapitalismus brachte es mit sich, daß teilweise neue, nun mehrgeschossige Häuser in beliebigen Formen an die Stelle der alten gesetzt wurden. Blattdächer aus Weinreben gibt es weiterhin, doch leider verdecken sie nun nicht mehr die Architektur, die das mehr denn je nötig hätte.

Außer den beschriebenen bescheidenen Häusern gab es immer auch größere Villen, aber die prägen nur im nordwestlichen Copou größere Bereiche. Die interessantesten sind hier nicht die historistischen, sondern die aus der Zwischenkriegszeit, die es mit anderen bauhausstiligen Gebäuden mindestens aufnehmen können, vielleicht besser sind, aber vom Architekturkanon selbstverständlich ignoriert werden.

In der Strada Gării (Bahnhofsstraße)

Der rumänische Sozialismus baute keine Häuser, sondern hohe fortschrittliche Wohngebäude, die Iași mehr veränderten als alle Architektur zuvor. Das ist gut und richtig, das ist dem Sozialismus einzig angemessen. Doch es ist schade, daß die sozialistische Architektur sich nicht bemühte, von der lokalen Architektur zu lernen. Entscheidend an dieser sind, wie ausgeführt, nicht diese oder jene Gebäudeformen, sondern die Weinreben über den Höfen. Es handelt sich bei diesen auch nicht um ein ästhetisches, sondern um ein praktisches Element und eines, das sich mit der fortschrittlichen Architektur leicht verbinden läßt. Gestelle mit Weinreben müßten auf den Terrassen der Terrassenhäuser von Iași sein, es müßte ganze Alterlaas im Wein, ganze künstliche Weinberge geben. So etwas konnte die Architektur des rumänischen Sozialismus aus verschiedenen Gründen nicht, obwohl sich Ansätze durchaus finden.

Nicht nur gibt es an einem Platz am zentralen Bulevardul Ștefan cel Mare (Stefan-der-Große-Boulevard) ein prominentes Terrassenhaus, sondern auch viele terrassierte Bauteile an den straßenabgewandten Seiten vieler zentraler Bebauung.

Noch wichtiger sind verschiedene Gebäudetypen im Wohngebiet an der Șoseaua Nicolina (Nicolina-Chaussee) im Süden, bei denen entlang der obersten drei Geschosse drei Terrassenstufen verlaufen. Bei einem von ihnen sind über den Terrassen sogar horziontale Betonstreben, doch diese scheinen mehr der ästhetischen Wirkung als der praktischen Funktion wegen zu existieren.

Dafür sieht man an anderer Stelle tatsächlich, wie sich jemand genau die von den flachen Häusern bekannten Weinrebengestelle auf die große Terrasse im siebten Geschoß setzte.

Hier sieht man, was möglich und nötig wäre. Das Beste des traditionellen Hauses, seine Blattarchitektur, ist hier aufgehoben. Damit ist das so etwas wie der Höhepunkt der Architektur von Iași, doch es ist traurig, daß er zufällig aus Privatinitiative und nicht geplant aus den Ideen der Architekten erwuchs.

Ansätze also gibt es, aber mehr nicht. Gar nicht auszudenken, was möglich gewesen wäre, wenn die Architektur des rumänischen Sozialismus insbesondere in ihrem letzten Jahrzehnt weniger für Formspielereien und mehr für funktionale Lösungen aufgewandt hätte. So unsichtbar die kleinen Häuser zwischen den Weinreben sind, so spektakulär wären die Hochhäuser in den Weinreben.

Iași im Jahre AѰѮЄ/١٧٦٥/1765

Daß die Vergangenheit ein fremdes Land ist, stimmt überall. Es ist völlig unmöglich, sich vorzustellen, wie Menschen vor hundert Jahren gelebt haben, auch, wenn es in derselben Stadt war, auch, wenn sie unsere Großeltern waren. Aber es stimmt vielleicht noch etwas mehr in einem Land, daß in relativ junger Vergangenheit so viele Veränderungen erlebte wie Rumänien.

Ein erstaunliches Beispiel ist der Turm der Biserica Sfântul Spiridon (Spyridon-Kirche) in Iași. Er ist ein Torturm in der früheren Mauer um seine Kirche, wie das hier üblich ist, aber er wirkt weniger archaisch und abweisend als manche andere.

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Der untere Teil ist durchaus sehr massiv mit eher niedrigem rundbögigen Tordurchgang und ansteigenden Strebepfeilern schräg in den Ecken. Auch der zurückgesetzte obere Teil ist keineswegs schlank, aber mit den vor die abgeschrägten Ecken gesetzten Voluten und den je vier korinthischen Pilastern, durch die die Ecken gleichsam abgerundet werden, bemüht er sich deutlich um Leichtigkeit. Dazu kommt an jeder Seite ein großes rundbögiges Fenster und eine Uhr. Sogar die dicke und hohe Kuppelhaube mindert den Eindruck von Leichtigkeit kaum. Neben dem Turm stehen an beiden Seiten niedrigere Anbauten mit eigenen flachen Kuppeldächern und komplizierten floralen Mustern. Auf der Fassade ist jeweils erst ein vorhangartigen Bogen und dann ein angedeutetes Portal aus Pilastern mit Blattkapitellen und ornamentalen Giebeln, in dem statt Türen weitere Bögen und Ornamente sind. Tatsächlich waren hier Brunnen.

Der Turm ist ein unverkennbarer Barockbau, wie man ihn zwar in einem zentralen Land des Barock nicht erwarten würde, der aber auch nicht überrascht. Ob der Strebepfeiler und der Verjüngung von einer massiven Basis erinnert er entfernt an das Rathaus von Zamość, barocke Architektur anderswo am Rande Europas. Die Jahreszahl 1786 über dem Tor paßt jedenfalls gut.

Doch dann sind in den Ornamenten der Brunnenbauten Inschriften, die alles Erwartbare durchbrechen und zeigen, daß Rumänien eine völlig andere Geschichte hat als etwa Polen. Unter dem moldawischen Wappen ist im oberen quadratischen Feld jeweils eine lange Inschrift, links in kyrillischer und rechts in griechischer Schrift, und im unteren horizontal ovalen Feld eine weit kürzere Inschrift in arabischer Schrift.

Links

Einfach so, mitten in Iași. Die Inschriften passen sich durchaus gut in die Ornamentik ein, die eckigeren kyrillischen und griechischen Buchstaben im eckigen Feld, die runderen arabischen im runden und noch begleitet von Blumenmustern.

Nun ist es jedoch so, daß keine dieser Schriften gegenwärtig in Rumänien in Gebrauch ist; das Rumänische wird in lateinischer Schrift geschrieben. Doch in diesem fremden Land, aus dem hier Nachrichten überblieben, war das anders. Die linke obere Inschrift ist rumänisch, denn bis 1860 benutzte diese Sprache kyrillische Buchstaben, und die rechte obere ist griechisch. Die unteren Inschriften sind bei genauerem Hinsehen nur eine, die auf zwei Felder verteilt ist, entsprechend der Schreibrichtung der arabischen Schrift rechts der erste, links der zweite Teil. Sie ist türkisch, denn bis in die zwanziger Jahre benutzte diese Sprache arabische Buchstaben. Die Sprache ist hier verteten, weil nicht Rumänien, das es nicht gab, sondern die Fürstentümer Walachei mit der Hauptstadt Bukarest und Moldawien mit der Hauptstadt Iași bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Vasallen zum osmanischen Reich gehörten.

Fragt sich, wer diese Botschaften lesen soll. Ende des 18. Jahrhundert verstand jeder in Iași, der lesen konnte, die eine oder andere der Sprachen, heute versteht sie niemand. Ein durchschnittlicher Rumäne kann kyrillische Buchstaben so gut lesen wie ein durchschnittlicher Deutscher. Und selbst, wenn er Russisch gelernt hätte, selbst, wenn ein Russe vorbeikäme, es würde wenig helfen, denn das rumänische Kyrillisch kannte viele Zeichen, die andere kyrillische Alphabete schon lange nicht mehr benutzen, etwa das faszinierend schlangenartige Ѯ. Gleiches gilt für die türkische Inschrift. Ein Türke würde vermutlich nicht einmal merken, daß sie türkisch ist. Wer Arabisch kann, würde zwar die meisten Buchstaben erkennen, aber nicht die Worte, da sie eben türkisch sind, ein sehr altes osmanisches Türkisch noch dazu. Beide Sprachen waren einmal in diesen Schriften normal und gehören jetzt in gefühlt fernste Vergangenheit, da sowohl Rumänien als auch die Türkei die lateinische Schrift eingeführt haben, Rumänien nachdem es bemerkt hatte, daß seine Sprache romanisch, also ja eigentlich lateinisch, westlich ist, die Türkei einfach so, um westlich werden. Die Vergangenheit ist hier ein so fremdes Land, daß wirklich nur noch ein spezialisierter Historiker verstehen kann, was sie ganz öffentlich äußerte.

Einzig ein Grieche fände sich in einer alten Form seiner Sprache und Schrift wohl noch zurecht. Dem griechischen Text ist auch die in gewohnten, sogenannten arabischen Ziffern geschriebene Jahreszahl 1765 zu verdanken, die hilft in den anderen Texten die Jahreszahl ١٧٦٥ in tatsächlichen arabischen Ziffern und AѰѮЄ in kyrillischen Buchstaben, die auch Zahlenwerte haben, zu finden.

Kein Schild, keine Informationstafeln versuchen dem Betrachter des Turms die Vergangenheit näherzubringen, verständlicher zu machen, obwohl eine arabische Inschrift bei einer Kirche in Europa nach einer Erklärung durchaus verlangen könnte. Es liegt wohl daran, daß die Kirche und ihr Torturm zwar zentral, aber nicht angenehm erreich- oder betrachtbar liegen.

Die Kirche gehört schon seit ihrer Entstehung zum Krankenhaus, der Turm ist in recht schlechtem Zustand, sein Durchgang den Schildern nach zu urteilen schon lange versperrt und direkt davor verläuft der vielbefahrene Bulevardul Independenție (Boulevard der Unabhängigkeit).

Auf eigentümliche Weise sind die Inschriften in den fremden Schriften dadurch sehr versteckt. So kann man leicht übersehen, wie fremd die Vergangenheit eigentlich ist. Andere Tortürme und Kirchen in Iași sind aufwendig restauriert und architektonisch bedeutender, doch Inschriften wie diese haben sie nicht oder nicht mehr. Alles in der Gegenwart drängt dazu, die Spuren des fremden Lands, das die Vergangenheit ist, zu verwischen.

Falls nun noch eine Auslösung erwünscht ist: Laut den einfach zugänglichen Quellen erzählt die rumänische Inschrift davon, daß der damalige Fürst Grigore Alexandru Ghica III. die Brunnen stiftete.