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Der Strand der Trójmiasto

Eines der schönsten Dinge an der Trójmiasto (Dreistadt) ist ihr langer, langer Sandstrand. Wenn man will, kann man ihn an einem Stück vom Rande des Hafens von Gdańsk bis zur Klippe im Gdyniaer Stadtteil Orłowo gehen, etwa 12 Kilometer, und dann noch weiter.

Vom äußersten Punkt an der Mündung der Motława in Gdańsk, wo Hafenanlagen und das Westerplatte-Denkmal aufragen,  sieht man den Strand in einem sanften Bogen vor sich und jenseits der Klippe Gdynia.

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Man passiert Brzeźno, wo die erste Molo (Seebrücke) weit ins Meer hineinragt, und Przymorze. In Jelitkowo zwingt die Einmündung des Potok Oliwski (Oliwaer Bachs), die sich mäandernde Miniaturcanyons in den Sand gräbt, zu einem Umweg in den Park, da man sie trockenen Fußes nicht überqueren kann.

Mit dem schlanken weißen Körper des Hotels Marina beginnt Sopot, die zweite Stadt der Trójmiasto.

Sopots Zentrum rückt bis dicht an den Strand heran und greift mit der Molo noch weit ins Meer hinaus.

Bald danach ändert sich die Landschaft. Nun sind es die Hügel, die bis nah ans Meer rücken.

Der Strand wird schmaler, wilder, nun wachsen hier Bäume und wenn man zurück auf Sopot und Gdańsk blickt, ist es, als blicke man von einer einsamen Mangroveninsel in die ferne Zivilisation. Ein weiterer Wasserlauf, der Kamienny potok (Steinbach), gräbt sich seinen Weg durch den Sand zum Meer, aber er ist meist schmaler, man kann hinüberspringen.

Etwa hier beginnt Gdynia, die dritte Stadt der Trójmiasto, doch genau merkt man es nicht. Wieso Polen nach dem ersten Weltkrieg diesen Teil der Bucht von Gdańsk bekam, ist dafür umso klarer erkennbar: es ist der schlechtere, der landschaftlich schwierigere, der dünner besiedelte auch, der, dessen Verlust die Deutschen leichter verschmerzen konnten. So passiert man Orłowo, das die dritte und kleinste der Seebrücken hat, und direkt danach endet der Strand. Wenn man weitergehen will, hat man die Wahl zwischen Betonbefestigungen um die Klippe oder Waldwege auf ihr. Es folgt noch etwas Strand im Wechsel mit Promenade, nun ohne Aussicht auf die vorherigen Teile, bevor man im Zentrum von Gdynia ankommt. Erst von dem weit ins Meer reichenden Kai, der schon zum Hafen gehört, blickt man wieder auf den Rest der Trójmiasto zurück.

Die Nutzung dieses langen Strands für Tourismus und Naherholung konzentriert sich auf die Seebrücken in Brzeźno, Sopot und Orłowo, auf Jelitkowo, wo eine Straßenbahn endet, und auf die Promenade in Gdynia. Doch auch sonst wird man am Strand immer Menschen um sich haben, denn die Bewohner der Trójmiasto nutzen die luxuriöse Nähe des Meeres. Auch im tiefsten Winter, wenn der Sand von Schnee bedeckt ist, gibt es Spaziergänger.

Auch an Frühlings- und Herbstabenden sitzen am Rande Paare und Grüppchen und trinken Bier, denn das polnische Verbot des öffentlichen Alkoholkonsums wird hier nicht durchgesetzt.

An heißen Sommerwochenenden dann, auch außerhalb der Saison, ist es voll wie in einem Urlaubsort.

Es ist in jedem Moment ein städtischer Strand, ein Strand mitten in der Zivilisation. Die Stadt ist nah. Für die Bewohner der großen fortschrittlichen Wohngebiete Zaspa, Przymorze und Żabianka ist der Strand in fußläufiger Entfernung und für alle anderen führen mehrere Straßenbahn- und Buslinien zu ihm. Und man sieht die Stadt. Selbst, wenn einmal keine Gebäude direkt angrenzen, sind welche in der Entfernung erkennbar. In der Nacht leuchten die Lichter dreier Städte über das Wasser.

Dazu kommen die Schiffe. Frachtschiffe auf Reede, Fähren in nahe Orte oder aber nach Skandinavien, im Sommer Segel- und Motorboote aller Art. Immer wird man so daran erinnert, daß der Strand sich zwischen zwei Hafenstädten und entlang von ehemaligen Fischerdörfern erstreckt.

Man könnte sagen: Dieser lange Strand ist die Trójmiasto. Er ist vielleicht der Orte, wo man all das, was ihre einzelnen Teile miteinander verbindet und voneinander trennt, am besten erleben kann.

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Der polytechnische Drache

Der 1904 errichtete historistische Backsteinklotz des Politechnika Gdańska (Gdańsker Polytechnikums) hat vielerlei Ornamentik, darunter auch figurale. Wie typisch, letztlich unvermeidlich bei solch einem Gebäude ist diese praktisch unsichtbar, da sie entweder viel zu hoch angebracht ist oder, wie etwa diese zwei Eidechsen um ein Schild, kaum von den grauen Steinblöcken der Ecke zu unterscheiden ist.

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An einem unscheinbaren Nebengebäude aber ist alles anders. Mit rotem Backstein, gelblichem Putz und hohem Satteldach über zwei Geschossen verschwimmt es gleichsam mit der übrigen historistischen Bebauung des Areals.

Erst, wenn man es näher betrachtet, merkt man, daß hier etwas Jugendstil vorsichtig ins preußische Neo-Einerlei hineinbricht. An der Vorderseite ist der Eingang zwar in der Mitte, aber die von im ausgehenden schmalen Vorbauten konzentrieren sich deutlich auf den rechten Teil der Fassade, während links nur unten die abfallende Schräge einer Treppenüberdachung ist. Im rundbögigen Eingang selbst ist grüngestrichenes Holz und ein Gitter mit ornamentalen vertikalen Wellenlinien, die auch in Wien zur selben Zeit noch halbwegs à la mode gewesen wären.

Es ist gegliedert in einen schmalen Teil links, die Tür rechts und das halbkreisförmige Feld im Bogen. In letzterem sind nicht in der Mitte, sondern deutlich links ein stilisiertes Zahnrad und eine lodernde Sonne. Vor den Schrägen des Satteldachs sind ornamentale Bordüren, die in stilisierten Drachenköpfen enden und so an skandinavische Stabkirchen erinnern.

All das bildet nur den Rahmen für ein Kunstwerk, das im linken Teil der Fassade in einem horizontalen Feld unterhalb des Dachansatzes ist. Als flaches Relief im Putz zeigt es einen Arbeiter, der nach links Kohlen in das Maul eines Drachen schaufelt.

Der Arbeiter, hochgekrempeltes offenes Hemd, Schnurbart, Mütze, steht weit nach links gelehnt, das eine Bein angewinkelt, das andere nach rechts, nach hinten ausgestreckt, um sich in der Ecke der Fläche, fast am Backstein des Eingangstrakts, zu stützen und streckt die Schaufel gerade in Richtung des Drachenmauls. Zwischen beiden Figuren liegt ein Haufen Kohle. Der Drache, dünner Körper, großer Kopf, Schwimmhäute zwischen den Klauen, öffnet das Maul bereitwillig, aber Strahlen über seiner Nase lassen die Hitze, der der schaufelnde Arbeiter ausgesetzt ist, deutlich werden. Die Hinterbeine des Drachen sind zur Gebäudeecke hin ausgestreckt und mit den Krallen der linken, oberen hält er sich genau an dieser fest. Sein dicker geringelter Schwanz befindet sich dann ganz auf der linken Gebäudeseite, wo das Feld des Kunstwerks sich als breites verputztes Band fortsetzt.

Das Band verläuft um das ganze Gebäude, enthält aber keine weiteren Reliefs. Obwohl schwer zu sagen ist, ob da früher mehr war, trägt gerade diese Vereinzelung zur Wirkung des Kunstwerks bei. Es ist nicht eines von vielen, sondern ganz für sich. Es ist nicht ein Ornament unter anderen, sondern bekommt vom Gebäude einen prominenten Platz, eine Leinwand geboten. Das wäre noch nicht genug, wenn nicht auch das Motiv so überzeugend wäre. In der Verbindung des gänzlich Realistischen, des Arbeiters, mit dem gänzlich Phantastischen, dem Drachen, entsteht eine starke und überraschende Symbolik für die Dampfkraft, die zudem unmittelbar verständlich ist. Es ist Bild der beherrschten, aber doch auch immer noch gefährlichen Technik und der zu ihrem Betrieb nötigen Arbeit. Damit symbolisierte es die Tätigkeit des  für die technischen Anlagen der Hochschule verantwortlichen Chefingenieurs, für den das Gebäude ursprünglich als Wohnhaus errichtet worden war.

Anders als die leere und unsichtbare Ornamentik der anderen Gebäude des Politechnika ist dieses Relief ein wirkliches Kunstwerk. Wie es die Gegebenheiten des Gebäudes ausgreift, gehört schon ganz ins 20. Jahrhundert, während nebenan noch das 19. herrscht. Vielleicht es das der Interpretation zu viel, aber es ist doch nur zu passend, daß der Drache dem links davon stehenden historistischen Hauptgebäude den Hintern zeigt.

Das Parkhaus des armen Manns

Das Parken war in den fortschrittlichen Wohngebieten der sozialistischen Staaten immer ein Problem. Wiewohl der Motorisierungsgrad dort bekanntlich nicht sehr hoch war, wurde immer für viel mehr Autos gebaut als es tatsächlich gab, und die mußten eben auch irgendwo parken. Die ideale und erwünschte Lösung wären Tiefgaragen gewesen, doch deren Bau war so teuer, daß er fast nie geschah. Was blieb, waren Parkplätze und freistehende Garagenanlagen, die beide wertvollen städtischen Raum einnehmen. Während Parkplätze sich je nach Größe noch leidlich in die Freiflächengestaltung der Wohngebiete einbeziehen lassen, bilden Garagenanlagen fast zwangsläufig unwirtliche Nichtorte, die nur wenig besser sind als die Hinterhöfe der gerade überwundenen Mietskasernen. So stehen sie meist am Rande der Wohngebiete und ohne Bezug zu ihnen, Ausdruck städtebaulicher Hilfslosigkeit.

Selten und unsystematisch waren die Versuche, diese Garagenanlagen auf bessere Art zu gestalten. Ein Beispiel sieht man im Gdańsker Wohngebiet Przymorze in einem Bogen der Straße Dąbrowszczaków. Die Anlage besteht aus zwei langen parallel verlaufenden Gebäuden mit Garagen auf zwei Geschossen. Die Garagen im Erdgeschoß zeigen nach außen zur Straßenebene und die Garagen im Obergeschoß nach innen zu einer erhöhten Ebene.

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Am straßenabgewandten Ende führen Treppen entlang der Schmalseiten hinauf, was der abschließenden Wand eine markante Stufenform gibt.

Auch zur Straße sind dort Treppen, doch vor allem ist hier die geschwungene Auffahrt in einer aufgeschütteten Schräge, wo ansonsten Gras und auch einige Bäume und Sträucher wachsen.

Hier sieht man, daß die beiden Garagengebäude vermutlich um einen künstlichen Hügel stehen – eine Notlösung, da es weit günstiger ist, Erde aufzuhäufen als die erhöhte Ebene und die Auffahrt auf Betonstützen zu setzen. Die Garagenanlage zeugt damit von Rückständigkeit wie von Einfallsreichtum. Mit einfachen Mitteln wurden auf demselben Platz doppelt so viele Garagen errichtet. Es entstand eine Art Zwitter aus Tiefgarage und Parkhaus, der einen entfernten Verwandten in den künstlichen Grabhügeln des Cimitero del Verano (Verano-Friedhofs) in Rom hat.

Die architektonischen Details unterstreichen die Struktur der Anlage noch: die Wände der Schmalseiten und zwischen den Garagen aus weißem Backstein, die Außenwände der oberen Garagen jeweils als flaches Dreieck vorstehend und leicht aufsteigend, so daß ein Wellenmuster entsteht.

Darauf haben sich auf einer Seite schräge Streifenmuster mit Symbolen verschiedener Sportarten und Werbung für Lottoanbieter erhalten,  „Abonamenty Toto-Lotto“ oder „Totalisator Sportowy“.

Die Anlage ragt auch im direkten Wortsinne aus der üblichen Garagenarchitektur heraus (wie weit zeigt der Vergleich schon zu den rückwärtig angrenzenden flachen Garagen) und vermag, selbstständig ihren Platz im Wohngebiet zu behaupten, statt sich verstecken zu müssen. Sie ist ein wertvolles Beispiel dafür, was auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen möglich war, aber lösen konnte sie das Problem des Parkens selbstverständlich nicht.

Nachruf auf eine Straße

Es war erstaunlich, daß es diese Straße in Gdańsk überhaupt noch gab: Dąbrowszczaków. Das heißt: die Straße der Dąbrowszczacy. Und das heißt: der Kämpfer der polnischen Dąbrowski-Brigade im spanischen Bürgerkrieg. Diese Brigade hieß nicht nach dem, gewiß rühmenswerten, napoleonischen General Jan Henryk Dąbrowski (auch Dombrowsky), von dem die polnische Nationalhymne erzählt, sondern nach dem linken Exilpolitiker und militärischen Führer der Pariser Kommune Jarosław Dąbrowski. Die Dąbrowszczaków lag angemessenerweise in Przymorze, wo sie den Abschluß der fortschrittlichen Bebauung zum Küstenstreifen hin bildete.

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Vielleicht hatte der Straße eine gewisse Obskurität geholfen, da nicht alle wußten oder sich interessierten, wer eigentlich diese Dąbrowszczacy waren, bei denen sie wohnten. Aber anders als bei Jana Husa (Jan-Hus-Straße) und Husytów (Hussitenstraße), die bloß nach tschechischen Ketzern aus dem 15. Jahrhundert benannt waren, ging es hier um die Gruppe, die der herrschenden nationalistischen Ideologie, gleich ob in ihrer polnisch-katholischen oder europäisch-liberalen Variante, am stärksten verhaßt ist: polnische Kommunisten. Jede Erinnerung daran, daß es einmal Menschen gab, die Polen und Kommunisten waren, und sogar in einem anderen Land für die Sache des Kommunismus kämpften, muß ausgelöscht werden und es erstaunt tatsächlich, daß es erst so spät geschieht. Das Sanacja-Regime der Dreißiger hatte den polnischen Spanienkämpfern die Staatsangehörigkeit aberkannt, die heute Herrschenden zerstören auch das Wenige, was noch an sie erinnerte. Stattdessen wird die Straße nun nach Lech Kaczyński heißen, einem ehemaligen polnischen Präsidenten, der durch seinen Tod bei einem Flugzeugabsturz im Jahre 2010 zum Märtyrer der polnischen Rechten wurde. Auch hier erstaunt es eher, daß er keine wichtigere Straße bekam.

Ein Jahr lang konnte man noch dem Überlebenskampf der Straße zusehen. Es war ein schwächlicher, jämmerlicher Kampf, da es nie um das Entscheidende, das Andenken der polnischen Spanienkämpfer, ging. Die Anwohner wollten einfach den vertrauten Namen, dessen Bedeutung ihnen egal war, behalten. Dem liberalen Bürgermeister von Gdańsk, der sich auf ihre Seite stellte, ging es hingegen einzig darum, der noch rechteren Zentralregierung eins auszuwischen. Es war wohlgemerkt derselbe Bürgermeister, der eine große Straße nur zu gerne nach antisemitischen Mörderbanden benannt hatte.

Schon Ende 2017 hatte es ausgesehen, als ob der Kampf entschieden war. Unter den nur drei Straßenschilder der ul. Dąbrowszczaków hingen bereits neue Schilder mit dem Namen ul. Prezydenta Lecha Kaczyńskiego (Präsident-Lech-Kaczyński-Straße) und dazu ein kleineres, auf dem die Stadtverwaltung erklärte, daß sie keine andere Wahl hatte.

Nach einer aufschiebenden Gerichtsentscheidung Anfang 2018 waren die Schilder dann sofort wieder verschwunden. Die Dąbrowszczaków hatte noch einen weiteren Sommer. Ende 2018 schließlich gab es eine letztinstanzliche Entscheidung und die Kaczyński-Straßenschilder sind wieder da, nun auch ohne die distanzierende Ergänzung.

Der Kampf ist vorbei. Die Linke war an ihm im übrigen nie beteiligt. Sie hat in Polen schon lange alle Kämpfe verloren und existiert heute praktisch nicht mehr. Daß man bei einer Hipsterkneipe mit deutschem Namen in Wrzeszcz vielleicht einen sympathischen Aufkleber sehen konnte, aber in Przymorze nie, bestätigt das nur.

„Pfoten weg von den Helden des Kampfs gegen den Faschismus!“

Auch waren alle klarer kommunistischen Straßennamen schon lange verändert, sogar die bloß antikoloniale Lumumby (Lumumba-Straße), eine wichtige Falowiec-Straße zwischen Dąbrowszczaków und Chłopska in Przymorze, wurde umbenannt.

Daß der Name Dąbrowszczaków noch eine Weile im Stadtbild fortleben wird, liegt einzig daran, daß er weit öfter als auf Straßenschildern auf den Schmalseiten der fünfgeschossigen Wohngebäude neben der Straße steht.

Bleibt abzuwarten, wie lange es dauern wird, bis die Verantwortlichen Geld aufbringen, das zu überstreichen. Im Moment jedenfalls kann man noch etwas letztes Spanien an der winterlichen Ostsee erleben.

Die Architekturen des Abts

Es genügt nicht, etwas einmal, zweimal zu sehen, man muß alles tausendmal sehen. Der Pałac Opatów (Äbtepalast) in Oliwa in Gdańsk etwa. Ein Blick zeigt ein schlichtes und leichtes Barockschloß, Teil des Ensembles mit Kirche und Park, aber vielleicht weniger bedeutend als diese.

Ein zweiter Blick kann ihm Geheimnisse entlocken, die keine sind, und ihn nicht als Teil, sondern als Mittelpunkt eines viel ungewöhnlicheren Ensembles, in dem ihm auch die Kirche als Seitenflügel untergeordnet ist, zu erkennen geben.

Aber das ist nicht alles. Ungezählte weitere Blicke sind nötig und wenn auch die meisten nichts Neues zu zeigen scheinen, sind sie alle unendlich wichtig. Vielleicht gibt es dann einen Moment, wo das Sonnenlicht wie ein Scheinwerfer genau das mittlere Relief unter dem Giebel an der Hofseite anstrahlt und das zuvor ruhende Gebäude in Bewegung gerät als sei ein Windstoß in einen Baum gefahren.

Denn der Äbtepalast ist ja ein vegetales Gebäude. Sein später Barock, den man gut Rokoko nennen kann, ist Befreiung sowohl für die Konstruktion als auch für das Ornament. Erstere muß nichts mehr vortäuschen, braucht keine Säulen mehr an unsinnigen Stellen, kann sich darauf beschränken, Räume zu umschließen und mit vielen großen Fenstern nach außen zu öffnen. Zweiteres kann die entstehenden Wandflächen als Leinwände benutzen.

Es ist eine relative Befreiung, denn die Konstruktion muß den strengen, nur in den glücklichsten Fällen gebrochenen Symmetrieansprüchen des Barocks genügen und das Ornament muß noch so tun, als sei es Kapitell eines Pilasters oder Schlußstein eines Fensterbogens. Aber es kann sich mit Andeutungen begnügen und ansonsten machen, was es will.

Alle Ornamente sind floral, als seien über die schmucklose Fassade Ranken gewachsen, die ganz zufällig an den Stellen der Kapitelle herunterhängen. Entsprechend gleichen sich alle der Ornamente sehr, doch keines ist ganz mit dem anderen identisch. Bei den Kapitellen ist jeweils ein großes, entfernt blattartiges Element, von dem filigran geschwungene Rankenformen nach unten führen, der mittlere Teil jeweils am weitesten.

Bei den Bögen über den Fenstern wachsen die schlanken Formen in der Mitte zu einer dickeren zusammen, aber sie treffen sich nie ganz, immer weicht ein Teil aus, steigt im brüsken Schwung auf, als solle kein Zweifel daran gelassen werden, daß hier keinerlei Funktion erfüllt wird.

Wie bei einem Vexierbild kann man beim Palast in Oliwa entweder die klare Konstruktion sehen oder die ihr aufgesetzten Ornamente, die nicht behaupten, mehr mit ihr zu tun zu haben als Schlingpflanzen mit den Gebäuden, über die sie wachsen. So raschelt der Palast im Wind wie der Park, in dem er steht. Aber das erwähnte Spotlight der Sonne zeigt noch etwas anderes. Dort oben unter dem Giebel und im Abschluß der drei Fensterreihen sind drei schmale horizontale Flächen, in denen die Ornamente weder Kapitell noch Schlußstein spielen müssen in wenn auch noch so ironischem und durchschaubarem Spiel, sondern wirklich wie auf einer Leinwand sind. Auf den ersten, zweiten und wohlmöglich auch tausendsten Blick sind sie dennoch bloß floral wie alle übrigen. Erst ein zufälliger Blick auf eine durch die Zufälligkeiten des Lichts herausgehobene Fläche zeigt die Wahrheit: dort sind Architekturszenen.

In der linken Fläche wird ein Tempel mit runden Bögen aus dem Hintergrund links zur Mitte hin größer, dann folgt ein Füllhorn, aus dem lange Blätter wachsen und weitere unklarere Formen.

In der rechten Fläche sind mittig und rechts zwei steinerne Rundbögen, davor eine geschwungene horizontale Form, die ein Geländer oder ahistorisch eine Eisenbahnschiene sein könnte, und im Hintergrund palmenartige Blätter.

In der mittleren, der illuminierten Fläche sind in der Mitte ein runder Turm mit Kuppelhaube über einem großen rundbögigen Tor, links eine Palme und rechts ein weiterer Turm mit abgebrochener Haube.

Diese ganz einfachen und doch deutlichen Szenen erwachsen aus einer Grundfläche und sind immer mit vegetalen Formen verwoben. Es sind zweifelsohne Ruinenlandschaften, überwucherte einst stolze Gebäude, römisch, antik. Die antiken Formen, von denen das Gebäude bereits frei ist, wurden in einem wunderbaren Einfall in diese drei Flächen ausgelagert. Statt Antikes nachahmen zu müssen, darf die Ornamentik Antikes darstellen und damit aufhören, Ornamentik zu sein. Es ist kein Zufall, daß diese Szenen an der privateren Hofseite zu finden sind; in den entsprechenden Flächen an der Parkseite sind tatsächlich nur Ornamente.

Überhaupt ist die Hofseite die weit radikalere. Nur der mittlere Teil hat überhaupt Ornamente und auch das nur bei den Kapitellen, sonst liegt die Konstruktion in äußerster Schlichtheit frei, wobei das auch dem Wiederaufbau in den Sechzigern geschuldet sein kann.

Es ist daher traurig, daß das sandsteinerne Portal der konventionellste Teil des ganzen Palasts ist.

Es hat Pilaster, immerhin mit Blätterkapitellen, einen Giebel, immerhin gebrochen aus geschwungenen Teilen um ein Fenster, und im Schlußstein des runden Bogens ein Engelsgesicht, das nicht nur von niedrigster künstlerischer Qualität ist, sondern auch noch empörenderweise nahelegt, dieses für den Abt Jacek Rybiński errichtete Gebäude habe etwas mit Religion zu tun. Aber innerhalb dieses großen Ensembles, der letzten Tat eines katholischen polnischen Kirchenfürsten bevor sein Land an die protestantische deutsche Krone Preußens kam, wird solch ein Gedanke schnell absurd, ja, kommt auch bei tausend Blicken gar nicht auf.

Zeitreise mit polferries

Man kann auch heute noch mit einer polferries-Fähre von Gdańsk nach Stockholm (polnisch phonetisch Sztokholm) fahren, aber seit 2015 nicht mehr vom Terminal in Nowy Port, sondern von einem neueren am gegenüberliegenden Ufer auf der Westerplatte. Das alte Terminal steht aber weiterhin und wird wohl noch lange unberührt in dieser stillen Ecke zwischen Hafenanlagen, Wasser und dem Rand der Bebauung des Stadtteils Nowy Port stehen.

Rechts ist zuerst die Einfahrt für Autos, ein hochaufgestütztes grünes Stahldach und kleine Abfertigungshäuschen.

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Links beginnt schon davor eine ovale Grünanlage mit Sträuchern und hohen Pappeln, durch die ein gerade Weg führt, während um sie Autos und ein Bus fahren und Reisende anliefern konnten.

An ihrem Ende steht das eigentliche Terminalgebäude, ein einfacher eckiger Bau, der sich auf rechteckigem Grundriß zum Ufer erstreckt.

Es hat nur im Erdgeschoß Fenster, obwohl es höher ist, und zur Grünanlage hin Eingänge unter einem freischwebenden grauen Vordach, doch vor allem ist es seine dunkelblaue, leicht ins Türkise gehende glatte Kunststoffverkleidung und das weiße polferries-Logo über der Eingangsseite.

Das Logo verwandelt seine Buchstaben durch einen vom leicht schrägen p bis zum s reichenden Unterstrich in ein stilisiertes Schiff, das durch das höhergeführte l und den waagerecht nach hinten verlängerten oberen Strich des f auch Schornsteine und Dampf bekommt. Wie markant und schön dieses Logo ist, merkt man auch, wenn man seine neuere, rundere Version auf einem blauen Schiff oder klein weiß auf blau neben den Schildern für Autos und LKWs/Busse an der Einfahrt des Terminals sieht.

Aber auf das türkisblaue Terminalgebäude, da gehört es wirklich hin. Große weiße Buchstaben in einer einfachen Konstruktion aus dünnen Stahlstreben, die heute offenliegt, da das o fehlt. Hier wird das Logo erst wirklich zum Schiff und das Gebäude unter ihm wird zum Meer. Die Reise mit polferries, die den Ankommenden erwartet, ist schon architektonisch vorweggenommen.

Das Terminalgebäude ist ein Beispiel maritimer Architektur, die nicht versucht, wie ein Schiff auszusehen, was immer etwas lächerlich wirkt, sondern auf viel subtilere, sogar leicht zu übersehende Weise, aufs Meer Bezug nimmt. Für sich genommen könnte das wohl in den Sechzigern errichtete Gebäude überall stehen und so muß es sein. Es erfüllt seine Funktion tadellos und ist im Inneren daher nicht mehr als eine hohe Halle, an deren Seite Schalter und anderes sind, während sie im hinteren Teil von den Zollanlagen gekreuzt wird.

Kein polferries-Schiff wird mehr dort anlegen, keine Reisenden mehr achtlos hindurchgehen. Die einzigen Reisen, die hier noch beginnen, sind Zeitreisen. Eine bessere Lage dafür könnte das Terminal auch kaum haben. Direkt auf der anderen Flußseite ist das Westerplatte-Denkmal, das man von hier vielleicht besser sieht als von irgendwo anders.

Erreichen allerdings kann man es normalerweise weder von hier noch von sonst irgendwo in Nowy Port, da die einzige Fähre wahnwitzigerweise stillgelegt wurde. Weiter links steht ein backsteinerner Leuchtturm in historistischen Formen, der heute eine kleinere Touristenattraktion ist.

Dort hält in den warmen Monaten auch ein paar Mal täglich ein sogenanntes Wassertaxi, mit dem man ins Stadtzentrum und, wenn man will, sogar zur Westerplatte kommt.

Aber eigentlich reicht auch das blaue Gebäude mit dem Logo. Vom Zweckbau wurde es zum zweckfreien Kunstwerk, zum Denkmal für eine frühere Epoche von polferries. Der englische Name, der einst die Verbindung zur weiten Welt ausdrücken sollte, wirkt heute schon provinziell, denn wie weit fahren schon Fähren. Dennoch ist Sztokholm weit, aber polferries dafür näher als auf der Fähre selbst.

Erkundungen auf Friedhöfen: Die Madonna der fünfziger Jahre

Seit dem 19. Jahrhundert gilt es als lustig, daß frühere Zeiten die Gestalten der Bibel in die jeweils zeitgenössischen Moden gekleidet haben. Eine Maria in mittelalterlicher Haube oder im barocken Kleid – wie naiv sie waren! Dem 19. Jahrhundert fiel dafür ein, die Bibelgestalten in rekonstruierte antike Kostüme zu stecken und merkte nicht, daß es sich damit erst recht lächerlich machte, denn zum einen ist es unmöglich genau zu wissen, was sie anhatten, und zum anderen waren sie keine wirklichen Menschen. Die verlachten früheren Zeiten handelten viel vernünftiger, wenn sie die fernen, alten Charaktere mit zeitgenössischen Kleidern in ihre Gegenwart holten. Sie machten sie so wieder lebendig, gebaren sie von Neuem. Auch später geschah solches trotz dem offiziellen Amusement noch manchmal.

Auf dem Friedhof von Święty Wojciech, einem Dorf am Rande von Gdańsk, kann man etwa eine Madonna der fünfziger Jahre sehen.

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Auf einer schmalen eckigen Betonstele, die heute deutlich schräg steht, ist sie etwa ab der Hüfte gezeigt wie sie den etwas links vor ihr stehenden und bis zu ihrem Kopf reichenden Jesus hält. Auch die beiden sind ganz aus Beton und sie sind zuerst eine Mutter und ihr Kind. Marias Blick ist ernst nach vorne gerichtet, die Haare hat sie im Dutt zusammengebunden. Jesus ist ein Kind mit pausbäckigem Gesicht, Locken und stilisiertem Hemd, das linke Bein hat er wie im Gehen vorgesetzt, aber sie hält ihn unter dem rechten Arm und der linken Hand, damit er nicht fällt.

Zugleich sind die beiden eindeutig Jesus und Maria. Er hat die Arme gerade zu den beiden Seiten ausgestreckt, sein Körper ist ein Kreuz. Um ihren Kopf ist ein Heiligenschein, ein einfacher stählerner Reif, aber von ihrem Rücken ausgehend so groß, daß er auch seinen Kopf aufnimmt. Sie sind ganz Menschen ihrer Zeit und doch mehr, gerade dadurch mehr.

Zwischen hunderten kitschigen Kruzifixen des Friedhofs ist allein hier die Stärke des Katholizismus, die so viele große Kunstwerke hervorgebracht hat, zu spüren. Die Madonna der fünfziger Jahre ist somit ein völlig aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, denn diese Zeit brauchte keine religiöse Kunst mehr und ihr gelang deshalb fast nie welche. Irgendetwas, vielleicht eher Kunstsinn und Geschmack als Religiosität, erlaubten der Familie der hier begrabenen und in einer im vertieften Relief gestalteten Inschrift geehrten Maria Popławska ein Werk schaffen zu lassen, das gerade dadurch, daß es völlig ins Jahr 1951 gehört, mehr vom Jahr 1751 als vom Jahr 1851 hat.

Maria Popławska geb. Daniel ruht hier in Gott 1870-1951