Archiv der Kategorie: Gdańsk

Cmentarz ofiar hitleryzmu na Zaspie

Der Friedhof der Opfer des Hitlerismus in Zaspa liegt am Rande des gleichnamigen Gdańsker Wohngebiets, zu drei Seiten locker umgeben von dessen Bebauung, zur vierten an der Straße Bolesława Chrobrego mit kleinindustriellem Gelände. Man sieht ihm nicht mehr an, daß er älteren Ursprungs ist und hier ab 1939 die im nahen KZ Stutthoff und dessen Außenlagern ermordeten Menschen begraben wurden.

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Die heutige Gestaltung des Friedhofs hat eigentlich nur zwei Elemente. Das erste ist die umgebende Mauer aus großen +-förmigen Betonteilen auf einer Basis aus Beton.

Zwei von ihnen stehen jeweils aufeinander, aber immer nach vorne oder hinten und durch kleinere Betonwürfel in der Höhe versetzt, so daß die Mauer trotz ihren einfachen Bestandteilen unregelmäßig und bewegt erscheint. Man kann in den +-Formen christliche Kreuze sehen, aber eher sind es die beiden so geformten Kreuze, die auch im Gdańsker Wappen übereinander angeordnet sind – man muß sich bloß die beiden rahmenden Löwen und die Krone darüber hinzudenken.

Das zweite Element sind die eigentlichen Grabsteine aus Beton. Sie bestehen aus einer breiten brusthohen Stele, die in der Mitte einen vertikalen Einschnitt hat, und einem kurz unterhalb ihres Abschlusses angefügten horizontalen Balken, der nach vorne und zu den Seiten leicht übersteht. Vorne sind darauf in einem Relief, das die Fläche auslöst, der Name und das Todesdatum genannt.

Links stehen kleiner in die Fläche eingeschnitten Geburtsdatum, Geburtsort und Beruf.

Rechts stehen Datum, Ort und Art des Todes sowie bei Insassen von Stutthoff deren Häftlingsnummer. Auf der Rückseite ist auf der Höhe des horizontalen Balkens außerdem ein quadratisches Relieffeld, das ein Wappen oder ein anderes Symbol zeigt. Auch in diesen Grabsteinen kann wer will christliche Kreuze sehen, aber sie sind es nicht so eindeutig, daß sich Nicht- oder Andersgläubige beleidigt fühlen müßten, eine für den polnischen Sozialismus sehr typische Dezenz.

Die Grabsteine stehen in regelmäßigen Reihen und dicht an dicht, aber sie sind immer zu mehr oder weniger großen Gruppen angeordnet, die recht frei und oft leicht schräg zueinander in dem weiten Gelände des Friedhofs verteilt sind.

Obwohl es einen Hauptweg gibt, sind die anderen Wege ihm nicht untergeordnet und verlaufen selten im rechten Winkel zu ihm. Neben den Gräberfeldern gibt es auch weite freie Flächen, was wohl darauf hindeuten soll, daß dort weit mehr Tote begraben sind als es Grabsteine gibt.

Beschattet wird der Friedhof von recht hohen Bäumen, die vielleicht gepflanzt wurden, als er 1987 angelegt wurde, und einigen noch größeren älteren Bäumen. Es gibt zudem weitere Gedenksteine und größere Denkmalelemente, unter anderem ein neueres aus Backstein für die Toten der Poczta Polska (Polnischen Post). Keines jedoch ist das zentrale Monument des Friedhofs, so daß er mit den locker verteilten Gräbergruppen unhierarchisch und dezentral ist. Alle der Toten, scheint er betonen zu wollen, sind gleichwertig als Opfer des Hitlerismus.

Die meisten der hier Begrabenen sind Polen, das Relief auf der Rückseite ihrer Steine zeigt einen polnischen Adler in einer recht hübsch stilisierten Version.

Die nächstgrößere Gruppe sind Sowjetbürger symbolisiert durch einen fünfzackigen Stern.

Ein auf der Spitze stehendes Dreieck, der in der DDR-Symbolik so wichtige rote Winkel, und ein kleines D bezeichnet deutsche Antifaschisten.

Tschechoslowaken mit dem sterngekrönten Löwen der ČSSR

teilen sich ein Feld mit wenigen Österreichern, deren zum Adler stilisiertes A (für Austria) das vielleicht schönste, gewiß aber eigentümlichste Symbol auf dem Friedhof ist.

Recht häufig ist ein NN für Opfer unbekannter Herkunft, wobei die Namen meist jüdisch oder deutsch klingen. Schließlich gibt es noch ein Feld für alle übrigen, die durch die offiziellen Wappen ihrer Länder ausgewiesen sind: Ungarn, Jugoslawen, nicht wenige Niederländer,

ein Italiener

und ein Franzose (das jener aus Nizza stammte und Frisör war, mag man amüsant finden).

Bei aller Internationalität ist der Friedhof ein zwangsläufig polnischer Ort. Die Vornamen und teils auch die Nachnamen der slawischen Toten sind in polonisierter Form geschrieben. Auch die Ortsnamen und Berufsbezeichnungen sind polnisch, so daß nicht für jeden Besucher sofort klar sein wird, daß etwa Heinz Hösch, aus Norymberga und marynarz, ein Seemann aus Nürnberg war.

Der Friedhof in Zaspa war das letzte der großen Friedhofsprojekte in Gdańsk und in seiner offenen, nicht hierarchischen Anlage ist er vielleicht auch das gelungenste. Hier konnte der Bildhauer Wiktor Tołkin noch besser als in Puck zeigen, was er konnte. Allein deshalb muß man froh sein, daß der Sozialismus in Polen nicht schon früher endete. Bedauerlich ist einzig, daß sich der Friedhof mit seiner, wenn auch wichtigen und schönen, Mauer von der Wohnbebauung Zaspas abschirmt. Es würde gut zu ihm passen, auch dort Eingänge zu haben und die Erinnerung an die Opfer des Hitlerismus mitten ins Leben zu tragen.

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Reste von Matarnia

Heute ist Matarnia vor allem ein großes Einkaufsareal an der Obwodnica, der Autobahn, die sich um die Trójmiasto (Dreistadt) legt. Dort gibt es IKEA, Obi, Media Markt und viele andere Geschäfte um große Parkplätze.

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Für den aufmerksamen Reisenden zum Gdańsker Flughafen ist Matarnia auch noch ein Bahnhof an der erst 2015 eröffneten Bahnstrecke.

Das alte Dorf Matarnia aber liegt genau dazwischen, versteckt oberhalb der Autobahn und nur zu erahnen von der Bahnstrecke.

Wäre nicht das Rauschen des Verkehrs, man könnte auf dem unebenen Kopfsteinpflaster des Wegs unter alten Bäumen leicht vergessen, daß irgendwo in der Nähe eine Stadt ist, daß Matarnia gar Teil von einer ist.

Denn Matarnia gehört heute zu Gdańsk, aber der Wald und die Hügel bilden eine natürliche Barriere zu dessen am Meer gelegenen Stadtteilen. Es überrascht nicht, daß hier in der Zwischenkriegszeit die Grenze zwischen Polen, in dem Matarnia lag, und der Freien Stadt Danzig/Wolne Miasto Gdańsk verlief.

Frei auf einem weiten Grundstück steht das große Gutshaus. Es ist ganz historistische Architektur des späten 19. Jahrhunderts und könnte auch als Villa in Lichterfelde oder irgendwo stehen.

Der niedrigere Teil endet mit einem Giebel in Neorenaissanceformen, während der höheren Teil Fachwerk, vielerlei geschnitzte Holzelemente vor dem Dach und neogotische Anklänge in der Steinbrüstung eines Balkons hat.

Etwas spezifisch Ländliches und Herrschaftliches ist am ehesten noch in der vorgesetzten überdachten Terrasse aus Holz.

Der Weg führt an diesem Grundstück und einigen neueren Häusern links vorbei auf die kleine Kirche zu, die ihm einen Backsteingiebel zeigt.

War man zuerst noch auf einer Höhe mit ihr, verläuft der Weg dann etwas nach unten und im Bogen links um das Kirchengelände herum, das damit einen eigenen niedrigen Hügelteil einnimmt.

Die Kirche ist ein ländlicher Bau, dem man seine Umbauten und Bauphasen gut ansieht. Die Mauern der Breitseiten bestehen teils aus unregelmäßigen Feldsteinen, teils aus Backstein.

Die jetzigen Fenster haben leicht abgerundete Bögen, was auf einen barocken Umbau hinweist, aber an einer Stelle ist noch ein spitzbögiges Portal zu erkennen. Rechts in der Mitte ist ein kleiner Anbau aus Fachwerk und links hinten ein größerer mit nach außen niedriger werdendem Pultdach.

Die Vorderseite ist ganz aus Backstein und hat einen Treppengiebel, in dem in der Mitte eine rundbögige Nische und oben ein offener Rundbogen, in denen jeweils Glocken hängen, sind.

Etwas an dieser Seite ist bei allem Bemühen um Gotik zu ungotisch. Die Formen sind zu eckig und zu rund, die komplizierte Ornamentik im Backstein zu perfekt.

An der Rückseite, die vom Weg her zu sehen war, ist links ein schräg und rechts ein gerade vorstehender Strebepfeiler aus Backstein. Im unteren Teil sind drei putzgefüllte Spitzbögen im Backstein, der Giebel ist dann eine noch einfachere Version von dem auf der Vorderseite. Er hat nur zwei Stufen, eigentlich nur eine niedrigere und höhere Wand, und dafür in der Mitte zwei rundbögige Nischen und oben zwei offene Rundbögen.

Hier ist der Kontrast zwischen der tatsächlichen Gotik unten und dem neueren Teil oben offensichtlich.

Aber vielleicht muß man den neuen Teilen der kleinen Kirche zugute halten, daß sie sich gar nicht bemühen, neogotisch zu sein. Vielleicht setzte in ihnen wie in der backsteinernen Mariensäule am Weg zum Eingang einfach ein örtlicher Maurer seine ganz unakademischen Vorstellungen davon, wie die Kirche weitergebaut werden sollte, um. Letztlich passen diese Formen so gut in die 1880er wie in die 1920er Jahre. Es ist schwer vorstellbar, daß der Umbau irgendeinen anderen Grund hatte als den Repräsentationswunsch des Gutsbesitzers, denn klein war Matarnia immer und eine geschichtliche Bedeutung hatte es selbst in seiner Zeit als Grenzort kaum. Und von wo sollte man die Kirche auch sehen? Sie hat tatsächlich erst ein Publikum, seit direkt vor ihr die Bahnstrecke verläuft. Ein wenig ist es, als hätte sie sich immer auf diesen Moment vorbereitet.

Ihren gegenwärtigen Zustand hingegen verdankt die Kirche einer Renovierung wohl in den siebziger Jahren, wie am grauen Putz, aber auch an den gleichsam archäologisch herausgearbeiteten Bauphasen zu erkennen ist. Aus dieser Zeit hat sie auch zwei hübsche Laternen mit runder Stange und in einer eckigen, etwas breiter werdenden Form gefaßtem Leuchtelement. Eine steht vor der Rückseite, die zweite an einem auf die rechte Seite zuführenden Weg. Wie er nach dem kleinen Tor mit einigen Steinplatten beginnt, dann in der Wiese verschwindet, aber dank zwei niedrigen Büschen, der Laterne und dem zugemauerten Bogen doch erkennbar bleibt, ist überraschend schön.

Der minimale Garten, die neue Laterne und das alte Gebäude werden zu einer harmonischen Einheit. Hier merkt man, daß diese Laternen aufzustellen ein nicht weniger schöpferischer Akt als Bau und Umbau der Kirche war.

Genutzt wird die kleine Kirche heute besonders von einem Storchenpaar.

Schon im Winter bemerkt man das große Nest links auf dem rückwärtigen Giebel und man könnte meinen, daß es die Symmetrie bricht. Doch im Sommer, wenn es bewohnt ist, scheint es eher, als unterstützte es sie, denn dann sitzen zwei Störche über zwei backsteinernen Bögen.

So hat das alte Matarnia mehr, als man von der Autobahn, und ein wenig mehr, als man von der Bahn erahnen kann. Zu dem, was man sieht, kommt das, was man nicht sieht. Hinter dem Gutshaus sind einige umgebaute Wirtschaftsgebäude, aber wie die Leute, die dort arbeiteten, lebten, das sieht man nicht mehr. Ihre Häuser waren wohl aus Holz und sie sind spurlos verschwunden. Wie meist, wenn man das Alte sieht, sieht man es nur in Resten, sieht nur das Alte der Reichen und Mächtigen. Man sieht nie alles, ob von der Autobahn oder vom Kopfsteinpflaster, aber das ist in Ordnung, solange man es weiß.

Möbel in Gdańsk

Geschichte liegt auf der Straße, im übertragenen wie im konkreten Sinne. Etwa die Möbel in den Straßen von Gdańsk, bei den Hauseingängen, bei den Müllplätzen.

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Es handelt sich um typischen halbwilden Sperrmüll, der daraus resultiert, daß Wohnungen renoviert werden.

Fast alle Möbel stammen daher noch aus der sozialistischen Zeit, aus der PRL (Volksrepublik Polen).

In der ehemaligen DDR wäre das meist anders, da die Menschen dort schon in den Neunzigern genug Geld hatten, sich zeitgemäße neue Billigmöbel zu kaufen.

In Polen hingegen war es den meisten nicht möglich, funktionierende Möbel einfach wegzuwerfen. Erst jetzt, da Leute die in den Siebzigern, Achtzigern eingerichteten Wohnungen ihrer verstorbenen oder anderswo abgestellten Großeltern übernehmen, füllen sich die Straßen.

Man kann hier wirklich alles finden, was man zur Einrichtung einer Wohnung bräuchte, von verschiedensten Schränken, Betten, Tischen, Stühlen für Wohn-, Schlaf-, Eß-, Kinderzimmer, Bad, Küche bis hin zu Haushaltsgeräten wie Kühlschränken.

Auch Türen sieht man und sogar eines der breiten und stabilen Fensterbretter, die zu den großen Vorzügen der Falowiec-Wohnungen gehören, stand einmal neben dem Aufzug.

Bei den Haushaltsgeräten scheint die Retromode noch nicht angekommen zu sein, obwohl es doch kaum einen größeren Ausdruck von Luxus gäbe als einen Kühlschrank der Marke „Szron“ (Tau) mit stilisiertem Tannenlogo und gewiß enormem Stromverbrauch bei geringer Leistung.

Vieles andere ließt sich in Berlin gewiß gut als Vintage verkaufen und gewiß haben findige Unternehmer in grenznäheren Städten dieses Potential schon lange erkannt.

Es ist eine wahre Freiluftgalerie der Designgeschichte, durch die man hier geht.

Der vielfach variierte Grundton ist das Braun von furniertem Holz, zu dem oft kräftige Farbakzente von Bezugsstoffen kommen.

Die Formen sind minimalistisch und funktional, allein die Stühle und Sessel erlauben sich manchmal expressivere Elemente. Schnörkel oder auch nur Blumenmuster sind selten. Wer sich mit dem Thema besser auskennt, wird in den Gdańsker Möbeln vielleicht Parallelen zu IKEA-Modellen der gleichen Zeit finden, denn bekanntlich hatte diese Firma ihre Produktion schon in den Siebzigern nach Polen outgesourct, was ihren Gründer reich und zum Alkoholiker machte.

Auf den Rückseiten der Möbel sind oft noch Aufkleber in gelblich verblichenem Papier, die neben technischen Daten den Herstellungsbetrieb und -ort, manchmal auch aufgestempelt Verkaufspreis und -jahr verraten.

Sie sind sich alle ähnlich, aber nie identisch. Sehr selten kommt zur Schrift ein Logo hinzu.

Es tut sich hier eine recht verwirrende Fülle von Betriebsformen auf, die zu verstehen man eine tiefere Kenntnisse der Wirtschaftsstruktur im sozialistischen Polen und deren Veränderungen über einen Zeitraum von immerhin vierzig Jahren bräuchte.

Fabryki meble (Möbelfabriken) scheinen sich von selbst zu erklären, aber am häufigsten ist die spółdzielna pracy (Arbeitsgenossenschaft), was offenbar einfach der sozialistisch angehauchte Name für eine nicht-staatliche Firma ist.

Oft sind dabei die Betriebe aus einem Ort einem zweiten aus einem anderen, größeren untergeordnet und über alles legt sich irgendwann der Krajowy Związek Spółdzielni Meblarskich (Landesverband der Möbelgenossenschaften) mit Sitz in Warschau.

Die Form eines przedsiębiorstwo państwowe (staatlichen Betriebs) ist selten, öfter noch gibt es die spółdzielna inwalidów (Invalidengenossenschaft), eine spezifisch polnische Betriebsform, die sogar heute noch in irgendeiner Form fortexistiert.

Die Herstellungsorte zeigen, daß die Möbelindustrie im sozialistischen Polen stark regional gegliedert war. Fast alle stammen aus Orten, die nicht mehr als hundertfünfzig Kilometer von Gdańsk entfernt liegen, ein nicht kleiner Teil sogar direkt aus der Trójmiasto (Dreistadt) oder unmittelbar angrenzenden Orten. Oft sind es sehr kleine Orte, was auf sehr kleine Betriebe hindeutet.

Umso faszinierender sind daher Importe aus anderen sozialistischen Ländern, die man ausschließlich an den Aufklebern, niemals am Design erkennt.

Ein Kühlschrank der ungarischen Marke „Lehel“ (eine halbmystische Gestalt der magyarischen Frühgeschichte) gibt sich auf dem ansonsten ungarischsprachigen Schild weltgewandt als „Made in Hungary“.

Ein russischsprachiger Aufkleber wurde mit dem eines polnischen Betriebs überklebt, so daß sich der Herstellungsort in der Sowjetunion leider nicht mehr feststellen läßt.

Am häufigsten vertreten ist die DDR. Da ist der VEB (K) Holzindustrie Barth-Mecklenburg mit einer hübschen Kommode im Logo.

Da ist ein „Export: VR Polen“ des VEB Holzindustrie Halberstadt, der sogar zweisprachig beschriftet ist. Bei einzelnen Worten ist die Übersetzung ins Polnische noch tadellos oder wenigstens verständlich, aber an der Formulierung „Produkt entspricht dem vom DAMW geprüften und bestätigten Muster“ scheitert sie völlig.

Und da ist der „VEB Vereinigte Möbelf“, wie auf dem halb abgerissenen Aufkleber noch zu erkennen ist.

Auch dieser Aufkleber ist zweisprachig und die polnische Übersetzung enthält einen markanten Fehler: „artykół” statt „artykuł“. Da ó und u im Polnischen denselben Lautwert haben (sogenanntes geschlossenes und offenes u), ist dies ein Fehler, der besonders Muttersprachlern und anderen, die zuerst wußten, wie Worte klingen und erst danach lernten, wie sie geschrieben werden, unterläuft. Wer Polnisch im Ausland als Fremdsprache lernte, kannte hingegen das Schriftbild wohlmöglich schon vor dem Klang und würde eher nicht das fremdartige ó an die Stelle des vertrauten u setzen. Sofort spekuliert man über die Geschichte des Übersetzers. Ein Deutscher vielleicht, der in einer Stadt des polnischen Korridors der Zwischenkriegszeit etwas Polnisch gelernt hatte und später ausgesiedelt wurde? Oder ein Jude, der irgendwo in Galizien ein paar Klassen einer polnischen Schule besucht hatte und später in den Wirren von Krieg und Nachkrieg in die DDR gelangt war? Die wahrscheinlichste Identität des Übersetzers ist etwas prosaischer: ein polnischer Arbeiter im betreffenden DDR-Betrieb. Dafür spricht, daß der Hersteller vermutlich vollständig VEB Vereinigte Möbelfabriken Frankfurt/Oder hieß und direkt an der Friedensgrenze zwischen Polen und der DDR lag. Man kann sich gut vorstellen, wie irgendein Manager ihm einen Stoß Papiere in die Hand drückte: „Hey, du bist doch Pole, übersetz das mal schnell!“ Daß Sprachkenntnisse allein noch nicht zum guten Übersetzen befähigen, kann man so vierzig Jahre später in den Straßen von Gdańsk nachlesen.

Zur Geschichte kommen eben immer auch die kleinen, meist nur zu erahnenden Geschichten. Auch die Möbelstücke selbst können sie erzählen, denn neben der industriellen Fertigung gab es die individuelle Umgestaltung. Man kann beispielsweise das massive Unterteil eines Küchenschrank finden, das gewiß noch von vor dem zweiten, wenn nicht dem ersten Weltkrieg stammt, aber den Moden der sechziger, siebziger Jahre angepaßt wurde. Seine Seiten und Füße wurden dazu zitronengelb und seine Türen in hellem Türkis gestrichen, auch neue Griffe bekam er und die weißen Schubladen sind noch neuer. Wenn sein Schicksal nur ein wenig anders verlaufen wäre, würde er vielleicht restauriert werden, um wieder wie vor hundert Jahren auszusehen, doch er wartet auf dem Sperrmüll.

Oder man sieht einen Küchenhängeschrank aus der sozialistischen Zeit, an den jemand liebevoll neue Türen aus modischer furniertem Holz anbrachte, was ihn aber auch nicht rettete.

Schließlich gibt es noch die Möbel, die einfach so schön sind, daß ich sie nicht auf der Straße stehen lassen konnte.

Was bleibt auch anderes übrig bei einem Sofa mit strahlend orangenem Bezug und braunen kunstledernen Armlehnen? Noch dazu, wenn es bis hin zum grünbedruckten Aufkleber des Herstellerbetriebs Dąb (Eiche) aus Gdynia mit dem dreidimensionalen d-Logo perfekt ist.

Es ist zudem kein Sofa, sondern ein kanapo-tapczan, wie die mit starkem PRL-Beiklang behaftete Bezeichnung, eine Mischung aus kanapa (Sofa) und tapczan (Liege), lautet. Liegesofas dieses Typs mit einfachem, aber robustem Klappmechanismus und abnehmbaren Armlehnen lernte ich dank meinem kanapo-tapczan überall und in allen Farben oder Mustern erkennen.

Ein Teil von mir würde all die Möbel retten wollen, Möbelhändler werden, in einem Lagerhaus wohnen, aber mir bleiben nur die Worte. Das freudigste Erlebnis war es deshalb, als ich einmal merkte, daß ich mit meinem Interesse an den abgestellten Möbeln nicht allein bin. Denn die hellblaue Stehlampe der Firma zaos gefiel mir selbstverständlich sehr – ganz aus Metall, nicht mehr mehr als eine runde Standfläche, eine dünne, oben leicht schräge Stange und eine nach unten geöffnete Halbkugel für die Glühbirne. Ich hätte sie gerne mit nach Hause genommen, aber ich gönne sie der Frau, die ein paar Momente schneller bei ihr war und dank der die Geschichte nun weitergehen kann.

Genderlöwen

„Gender“ oder „ideologia gender“ (Genderideologie) ist eines der zentralen Schlagworte der polnischen Rechten und steht für so ziemlich alles Schlechte und die polnisch-katholische Familie Gefährdende von Abtreibung über Gleichberechtigung bis hin zu Homosexualität, ohne daß von der Wortbedeutung noch viel übrig bliebe. Verantwortlich gemacht wird dafür gerne der allgemeine Sittenverfall in der dritten Republik, der sozialistischen PRL (Volksrepublik Polen), was diese eher etwas mehr ehrt, als sie es verdient hat, denn die gegenwärtige Stärke der Reaktion in Polen hat auch mit der Halbherzigkeit und Schwäche des polnischen Sozialismus zu tun.

Wenn der Sozialismus aber tatsächlich so erfolgreich die bürgerliche Familie zerstört oder wenigstens die Gleichberechtigung von Mann und Frau erreicht hätte, dann wäre das Symbol dafür das Gdańsker Wappen am Dom Kultury (Kulturhaus) im Arbeiterstadtteil Nowy Port. Das Gebäude selbst ist in traurigem stalinistischen Stil erbaut und braucht nicht abgebildet zu werden, aber das Wappen geht darüber hinaus. Es zeigt, wie es sich gehört, zwei auf den Hinterbeinen stehende Löwen, die zwischen sich ein Schild mit zwei übereinandergesetzten +-Kreuzen und einer Krone halten. Der kleine Unterschied ist, daß der linke der Löwen keine Mähne hat: es ist eine Löwin.

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Genau so könnte die polnische Rechte sich die kommunistisch-säkularistisch-jüdische Genderideologie, wie sie es sinngemäß, wenn nicht wörtlich nennen würde, vorstellen: das altehrwürdige Wappen wird im Namen der Gleichberechtigung abgeändert. Sie würde wohl auch nicht verstehen oder nicht lustig finden, wenn man einwenden wollte, ob es nicht gerade fragwürdig sei, daß statt einer traditionellen Familie zwei männliche Löwen da in so intimem Verhältnis zueinander und zum Wappen stehen… Aber das ist schon viel zu viel des Erwägens über die Gedankenwelt der Reaktion.

Hier eine ungegenderte, aber nicht unbedingt männlichere Version inmitten von trompe-l’œil-Intarsien in der Tür des Roten Saals im Rathaus (Simon Herle, Anfang 17. Jahrhundert)

Hübsch ist die Wappenvariation von Nowy Port allemal, mit oder ohne Gender. Zu dem Sandsteinrelief gehören noch ein stilisierter Adler im Hintergrund, dessen Kopf oben herausragt, und unten die Worte „Za zasługi dla Gdańska“ (Für Verdienste für Gdańsk). Es handelt sich um eine Abwandlung eines zwischen 1960 und 1974 an Bürger und Institutionen vergebenen Ehrenzeichens, das in der Ansteckerversion aber weit unscheinbarere Löwen mit weit unklarerem Geschlechtsunterschied hatte. Das Abzeichen wurde von Wiktor Tołkin entworfen und man kann annehmen, daß auch das Relief aus der Hand dieses wichtigen realistischen Künstlers der PRL stammt. Es ist fast überraschend, daß seit den Sechzigern niemand anderes dieselbe eigentlich simple Idee wie er hatte, aber so ist das eben mit der Kunst.

Sowjetisches Gdańsk

Auch Gdańsk wurde von der sowjetischen Armee befreit, auch Gdańsk baute seinen Befreiern ein Denkmal, wie es in den sozialistischen Staaten selbstverständlich war, und auch in Gdańsk gibt es dieses Denkmal noch immer, wie es aufgrund der politischen Entwicklungen seit 1989 weniger selbstverständlich ist. Es steht nicht zentral, aber auch nicht am Rande, sondern in einer dieser eigentümlichen Lagen halbhoch in den Hügeln, von denen es in Gdańsk und der gesamten Trójmiasto durch die topographischen Umstände viele gibt.

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Fast steht es etwas versteckt hinter einem kleinen Friedhof, fast erkennt man es sogar im Vorbeigehen nur an den drei Fahnenmasten davor, an denen einzig zum Jubiläum der Befreiung Ende März Fahnen hängen. Sobald man es aber entdeckt hat, nimmt es einen in sich auf.

Hinter dem niedrigen Tor ist eine weite Fläche mit dunklem Steinpflaster, die sich nach vorne und nach links erstreckt, wohin sie sich verbreitert. Nach einigen niedrigen Stufen setzt sie sich dort etwas tiefer fort und geht in eine Wiese über, in der vor dem Hintergrund der Bäume neben drei weiteren Fahnenstangen eine hohe und schlanke Weide gleich einer Skulptur steht.

Rechts begrenzt eine Wiese die Fläche, in der vor dem Hintergrund der Bäume eine Plastik steht. Weit überlebensgroß zeigt sie zwei Frauen in langen Kleidern. Die linke mit gesenktem Kopf und streng zusammengebundenem Haar, mit der rechten Hand über der Brust in ihr Tuch greifend, als wolle sie sich damit die Tränen trocknen. Die rechte mit ebenso traurigem Gesicht, aber gefaßter, den Blick nach vorne gerichtet, wohin einen das Ehrenmal leitet, ihr kurzes Haar hinter ihr wehend.

Die beiden halten sich bei der Hand und werden eins. Auf dem niedrigen schwarzen Steinsockel ist das auf Russisch und Polnisch erklärt:

„Zwei Vaterländer/Zwei Mütter/Eine Erinnerung und (mütterliche [in der russischen Version]) Liebe“

Im Anschluß an die Wiese ist das Gräberfeld. Es ist vorne und an der linken Seite, an der man entlanggeht, von einer niedrigen Umrandung mit schwarzer Steinverkleidung umgeben, in derem leicht schrägen Teil von 909 bis 1 die Namen und Lebensdaten der Gefallenen aufgelistet sind, während in den beiden Ecken in niedrigeren schwarzen Fassungen Flammenschalen sind.

In dem Gräberfeld selbst stehen regelmäßig aufgereiht fünfzackige Sterne aus Metall. Sie bestehen aus einem leicht vorgewölbten pfeilspitzenähnlichen Element, an das oben zu beiden Seiten zwei dreieckige Elemente anschließen. Es sind unzweifelhaft fünfzackige sowjetische Sterne, die dort stehen, aber sie wirken durch ihre Ausführung dennoch wie etwas Neues, etwas ganz Unvertrautes.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Sieht man sie von der Seite, sind sie flach und unscheinbar, aber auf dem Feld wachsen sie dafür umso mehr ins Dreidimensionale. Geht man am Gräberfeld entlang weiter ins Ehrenmal hinein, scheinen die Sterne in Bewegung zu geraten, sie scheinen zu funkeln wie wirkliche Sterne am Nachthimmel.

Zum Weg zwischen den Gräbern rechts und dem betonumrandeten steilen Hang links geworden, endet die Fläche mit einer Treppe, die zu einer zweiten Ebene etwas höher am Hang führt. Hier steht eine hohe nach hinten gewölbte Mauer.

In der Mitte hat sie ein großes Steinrelief, das drei sowjetische Soldaten zeigt.

Sie stehen nah beieinander und breitbeinig, wiewohl in Bewegung nach links. Der linke Soldat, der in der nach links ausgestreckten Hand ein Gewehr hält, hat unter seinem großen Stahlhelm ein nach vorne gewandtes Gesicht mit asiatischen Zügen und hält mit der linken Hand den Oberarm des linken Armen, der auf dem nach links gewandten Kopf den Helm eines Piloten oder Panzerfahrers trägt und in der Hand des rechts angewinkelten Arms eine Granate hält. Zwischen beiden ist vielleicht ein Offizier, der unter seiner Pelzmütze nach rechts blickt und den einen Arm vor den linken Soldaten und den anderen hinter den rechten ausgestreckt hat. Hinter ihnen sind ein Panzer und unklar nach rechts wehende Flaggen. Die gewählten Formen sind einfach, geometrisch, stilisiert, aber zugleich realistisch. Die drei Soldaten wachsen im Bild beinahe zusammen, werden selbst zu einer Mauer.

Wichtiger sind aber die großen Inschriften auf eigenen horizontalen Steinflächen, die links  auf Polnisch und rechts auf Russisch besagen:

„Ihr habt einen großen Sieg davongetragen/Ihr wart furchtlos im Kampf/Ihr habt euer eigenes Leben für die gerechte Sache gegeben/Den sowjetischen Helden, die im Jahre 1945 bei der Befreiung von Gdańsk fielen/ Die Bewohner von Gdańsk“

Durch sie erst wird der ganzen vorangegangenen Anlage ein Sinn gegeben und man sieht sie anders, wenn man auf das Feld der Sterne unter einem zurückblickt.

Daß das Denkmalanlage hiermit noch nicht endet, merkt man im Sommer kaum. Ein links der erhöhten Ebene weiterführender Pfad ist zwischen dichter Vegetation fast verborgen. Im Winter aber sieht man, daß der gesamte links des Gräberfelds stehende Hügel durch einen spiralförmig um ihn hinaufführenden Weg und eine hohe Stele auf seinem höchsten Punkt zum Bestandteil des Denkmals gemacht wurde, seine heutige Form sogar erst durch dieses erhielt.

Die rechteckige Stele, die oben auf allen Seiten Reliefs und darüber eine offene Kugel aus Metallstreben hat, war ursprünglich die vertikale Dominante und schon von weither sichtbar, während sie heute das halbe Jahr über hinter hohen Bäumen versteckt ist. Leider ist sie aber einfach zu hoch, so daß die Reliefs, die einen Stern, Hammer und Sichel und noch zwei andere unklarere Symbole zeigen, auch ohne Bäume schlecht zu erkennen wären. Die gepflasterte Fläche um die Stele wirkt so recht verloren, zumal eine Tafel mit Inschriften an ihrem unteren Teil fehlt.

Fast gänzlich im Dickicht verschwunden ist schließlich ein Weg, der von hier weiter oberhalb der Ebene mit der zentralen Relief- und Inschriftwand zu einem kleinen zweiten Ausgang führt, was schade ist, da das Denkmal so zu einem kleinen Kreuzweg erweitert wurde.

Ganz wie die Gedenkstätten in den anderen Städten der Trójmiasto, Sopot und Gdynia, die kurz zuvor befreit wurden, ist das Gdańsker Denkmal den historischen Ereignissen angemessen. Auffällig ist bei ihm der Kontrast zwischen historisierenden Elementen wie dem Gesims und den imitierten Steinen der geschwungenen Mauer und neuer wirkenden wie den Sternen oder auch dem Relief auf der Mauer. Das ist nur teilweise dadurch zu erklären, daß die Sterne 1977 aufgestellt wurden, während die Mauer zu der ursprünglichen Konzeption aus den späten vierziger Jahren gehört, denn das Relief von Alfons Łowoski  entstand zur selben Zeit. Die Plastik der beiden Frauen, ausgeführt von Zygfryd Korpalski, kam erst 1984 hinzu, was die Denkmalanlage zum Projekt verschiedenster Zeiten des polnischen Sozialismus macht. Wie in Sopot und Gdynia liegt das Denkmal abseits, was es vielleicht vor der Zerstörung bewahrte. Angemessen ist es in der beschriebenen Form, aber vielleicht hätte die Befreiung von Gdańsk durch die sowjetische Armee außerdem noch ein zentrales, mitten im Leben der Stadt stehendes Denkmal, wie Gdynia es einst hatte, verdient.

Gdańsker Tore

In Gdańsk haben sich zwei deutlich verschiedene Typen von Stadttoren enthalten. Die Tore des ersten Typs entstanden als Teile der weiten Festungsanlagen um die Stadt im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert. Von dem zentral gelegenen Brama Wyżynna (Hohen Tor)

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

über das vom Autoverkehr umflossene Brama Żuławska (Żuławer Tor, historisch Langgartner Tor) am Rande

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bis hin zum in den übriggebliebenen Festungsteilen gelegenen Brama Nizinna (Niederen Tor, historisch Leegetor, von einem niederdeutschen Wort für niedrig)

– sie sind in einer Art martialische Renaissance, die recht eigentlich keine Stilbezeichnung braucht, gestaltet. Backstein und betont grauer Stein in horizontalen Blöcken, der aber nur der Dekoration dient, da die eigentliche Konstruktion aus Backstein ist, kaum Schmuck, die Jahreszahl, die Wappen. Diese Tore sollen nicht einladen, sondern abweisen. Vielleicht wollen sie den Krieg nicht, aber sie sind für ihn bereit.

Zur Festung gehört auch ein Tor, das zu keinem der Typen so wirklich paßt, aber für Gdańsk vielleicht wichtiger war als beide von ihnen.

Es nach den üblichen Definitionen vielleicht nicht einmal ein Tor, sondern, ja, was eigentlich? – ein befestigter Wasserweg letztlich.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dort, wo die Motława (Mottlau) in die Wasserflächen vor den Festungsanlagen mündet, ist sie an beiden Seiten von niedrigen Mauern aus grauen Steinen umgrenzt, die die Fahrtrinne vom umgebenden Wasser trennen.

Die Ränder dieser Mauern steigen schräg an, so daß sie als Dreiecksformen aus dem Wasser ragen.

Bei ihre Anfang und ihrem Ende, aber schon deutlich abgesetzt vom Ufer, stehen in ihr runde Türme, die nach einer vertieften und vorstehenden Bordüre mit Kuppeln enden, in denen als Abschluß verkleinerte Versionen dieser Zylinderform mit Kuppelabschluß sind.

Nach diesem Weg erst folgen die Schleusen, Tore im Wasser, die dieser Anlage den Namen Śluza Kamienna (Steinschleuse) zubrachten.

Mauern wie Türme der Schleuse sind wohl so sehr warnende Machtdemonstration wie die übrigen Festungstore, aber da sie im Wasser stehen, wirken sie doch völlig anders. Hier, über das Wasser, war der wichtigste Zugang in die Hafenstadt Gdańsk. Hier gelangten die Schiffe von der Wisła (Weichsel) in die Stadt und durch sie weiter in die Ostsee. Hier zeigt sich auch die Festungsarchitektur von ihrer besten Seite, hier setzte sie eine Toranlage für Schiffe ins Wasser. Während viele Städte ähnliche Festungsanlagen und Tore hatten, gehört die Steinschleuse, das Wassertor, ganz allein Gdańsk.

Die Gdańsker Tore des zweiten Typs sind älteren Ursprungs und zeigen auf andere Art die Verbindung von Stadt und Wasser. Alle großen Straßen von Gdańsks altem Kern, der sogenannten Główne Miasto (wörtlich Haupt-, historisch Rechtsstadt), die nicht mit der angrenzenden Stare Miasto (Altstadt) zu verwechseln ist, verlaufen parallel zueinander und mehr oder weniger gerade auf das Ufer der Motława zu. Und am Ende jeder dieser Straßen ist ein Tor, das sie von den Kaianlagen trennt und sie mit ihnen verbindet. Deutlicher könnte eine Stadt kaum zeigen, was ihr am Wichtigsten ist: das Wasser, der Hafen. Genau hier, vor den Stadttoren der Główne Miasto, legten die Schiffe, die durch die Steinschleuse gefahren waren, an.

Es ist nun auch keine Überraschung mehr, daß das markanteste und berühmteste dieser Stadttore am Wasser nur nebenbei ein Tor und hauptsächlich ein mächtiger Kran ist, dessen hölzerne Konstruktion in mehreren Stufen weit über die Kais ragt.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Neben diesem Brama Żuraw (Krantor) sind die anderen Tore bescheidener, beinahe könnte man ihre spitzbögigen Durchgänge übersehen. Um Bedeutung heischt einzig noch das Brama Zielona (Grüne Tor), das über die wichtigste Brücke auf den Długi Targ (Langen Markt), den zentralen Platz der Główne Miasto führt und sich heute in lebloser wiederhergestellter Renaissance zeigt. Der Platz, eigentlich nur eine verbreiterte Straße, läuft wie alle anderen auf den Fluß zu und setzt sich in die andere Richtung als Ulica Długa (Lange Straße, historisch Langgasse) fort. An ihrem Ende steht das Brama Złota (Goldene Tor), das einzige erhaltene ältere Tor, das nicht zum Wasser zeigt und zugleich das prachtvollste und schönste.

Aus Maria Szypowska/Andrzej Szypowski: Gdańsk, Warszawa 1983

Dieser Torbau ist horizontal in zwei Hälften geteilt und vertikal durch vier vorgesetzte Säulenfolgen in drei Teile. In der Mitte der unteren Hälfte ist der große rundbögige Tordurchgang für Fuhrwerke, während die beiden schmaleren Seitenteile nur unten eher kleine rechteckige Durchgänge für Fußgänger haben. Durch alle gelangt man ins Innere des Tors, das von einer komplizierten Gewölbedecke abgeschlossen wird. In der oberen Hälfte sind vier große rundbögige Fenster. Offenkundig ist dort ein großer Saal, der durch einen an der rechten Seite schräg ansteigenden überdachten und geschlossenen Treppenbau erschlossen ist. Die Säulen ruhen selbst auf Sockeln und sind unter der oberen Hälfte und unter dem Dach mit Gesimsen, die bei ihnen vortreten, an das Gebäude angefügt. Um das flache Dach verläuft ein steinernes Geländer, so daß beinahe ein weiteres offenes Geschoß entsteht. All das ist dem Tor sofort abzulesen, beide Seiten sind identisch und auch, daß es aus Backstein gebaut und grauweiß verputzt ist, verheimlicht es nicht.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Der Schmuck, teils golden, woher es seinen Namen hat, stört die klare Konstruktion nicht. Die Kapitelle der unteren Säulen sind ionisch, die der oberen korinthisch. Auf den Steinwürfeln zwischen Kapitellen und Gesimsen sind unten die Fratzen von Löwen und oben die von Menschen, die aber als flache goldene Reliefs nicht abschreckend wirkend und es nicht einmal wirklich sein wollen. Unter dem Dach verläuft ein ornamentales Band, das ebensogut fehlen könnte. Auf den Abschlüssen der vier Säulen stehen schmale Sockel mit etwa lebensgroßen allegorischen Skulpturen, die zwar zu weit entfernt sind, um wirklich betrachtet werden zu können, aber auch nicht von oben herab drohen. Die übrige Ornamentik ist zumeist floral, vegetal, ohne je verschlungen zu sein. Die Schlußsteine der Fenster sind Blattformen und zwischen den mittleren Fenstern ist eine große vertikale Zapfenform unter einer halbgoldenen Halbkugel.

An einigen Stellen gibt es auch nachgeahmte Steine wie bei den Festungstoren, aber die sind goldgerahmt nurmehr Zitate von Wehrarchitektur ohne eigene martialische Wirkung.

Das wichtigste, mehr Information als Ornament, hebt sich das Brama Złota für die untere Hälfte auf. Im Schlußstein des Torbogens ist das Stadtwappen und in den Flächen um die Kapitelle der unteren Säulen sind Inschriften in großen goldenen Buchstaben. Die an der äußeren Seite ist auf Deutsch und lautet: „Es müsse wolgehen denen, die dich lieben, es müsse Friede sein inwendig in deinen Mauren und Glück in deinen Palästen Psa122.“ Damit vergleicht sich Gdańsk unbescheiden mit Jerusalem und wieso auch nicht. Die Inschrift richtet sich an die Ankommenden und wollte wirklich gelesen werden. Die an der inneren Seite ist auf Latein und lautet: „Concordia res publicæ parvæ crescunt, discordiæ magnæ concidunt“ (Durch Eintracht wachsen kleine Republiken, durch Zwietracht fallen große“. Sie war wohl eher eine Spielerei für gebildete Bürger der Stadt.

Mit dem 1612 errichteten Brama Złota repräsentierte sich Gdańsk in seiner Blütezeit als wichtigster Hafen der Rzeczpospolita (polnischen Adelsrepublik). Es ist ein Renaissancebau mit vollkommen menschlichem Maß, der Modernität und Weltoffenheit zeigen sollte. Es gehört heute mit großem Recht zu den berühmtesten Bauwerken der Stadt, mit deren steilen Backsteingotik ihre horizontalen Renaissanceformen jedoch nichts zu tun haben.

Dieses Brama Złota, dieses Goldene Tor nun steht in einer Linie mit dem weiter außen befindlichen Brama Wyżynna (Hohen Tor), doch man kann sie wegen der großen backsteinernen Turm- und Zwingeranlage zwischen ihnen kaum je zusammen sehen.

Sie sind auch so verschieden, daß sie auch verschiedenen Städten, Zeiten, Welten stammen könnten. Wo das Brama Wyżynna martialisch und grau ist, ist das Brama Złota zärtlich und hell. Wo jene abweisen und die Stärke der Stadt präsentieren will, will diese einladen und deren Kunstinnigkeit vorzeigen. Beide Tore wurden sogar in relativ geringem zeitlichen Abstand erbaut, aber sie dienten eben völlig verschiedenen Funktionen und zeigen das auch überdeutlich.

Zu einer Synthese finden die Gdańsker Tore der beiden Typen also nie, zu verschieden die Zeiten und Zwecke ihres Entstehens. Ihre beiden Höhepunkte aber sind ein Bau, der intim mit dem Gdańsk ausmacht verbunden ist – die Steinschleuse als Nichttor im Wasser – und einer, der radikal mit allem, was Gdańsk zuvor geprägt hatte, bricht – das Brama Złota. Irgendwo dazwischen ist Gdańsk.

Oliwa auf dem Lidlparkplatz

An der Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) im Gdańsker Stadtteil Oliwa, gegenüber vom Straßenbahnwendekreis, wurde vor einer Weile ein neues Gebäude errichtet. Es hat eine Verkleidung aus Kunststoffplatten in Grau-, Beige- und Weißtönen, als wolle es nur ja nicht auffallen, und einige spitze Dreiecksgiebel, als wolle es Bezug auf irgendetwas Historisches nehmen.

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Bloß ist nicht klar, was dieser Bezugspunkt sein sollte. Schmale Häuser mit spitzen Giebeln gibt es im Zentrum von Gdańsk, doch das ist acht Kilometer entfernt und alle älteren Gebäude der Umgebung sind vom Historismus der Kaiserzeit geprägt. Man kann nicht einmal sagen, daß dieses neue Gebäude also Nachahmungen nachahme, denn die Mietshäuser an der Grunwaldzka haben keinerlei lokalen Bezug, sondern unterscheiden sich nicht von dem, was zeitgleich anderswo in Deutschland gebaut wurde.

Gut kann man das an den großformatigen Schwarzweißphotos, die im Vorbereich des Lidl-Supermarkts im Erdgeschoß hängen, sehen.

Sie zeigen alte Straßenszenen, die überall entstanden sein könnten und nichts spezifisch mit Gdańsk oder Oliwa, damals Danzig und Oliva, zu tun haben. Sogar die Nepomuksäule vor einem nahen Gebäude war damals von Bäumen verdeckt, was Zufall oder aber antikatholische preußische Maßnahme gewesen sein mag.

Dadurch paßt das neue Giebelgebäude auf traurige Weise doch wieder, denn genauso wie seine älteren Nachbarn könnte es überall in Europa gebaut werden und einen Bezug auf etwas Historisches behaupten. Zum umgebenden Historismus ist es der Neohistorismus.

Und wo hinter einem alten preußischen Gebäude ein Hinterhof wäre, ist hinter diesem der Parkplatz von Lidl. Auf dessen großen umzäunten Fläche ist man inmitten von freistehenden Mietshäusern, wie sie alle Seitenstraßen in Oliwa prägen.

Diese ursprünglich bürgerlichen Gebäude, die so tun, als seien sie Villen, bekamen durch die Umwälzungen des Sozialismus und des Wechsels von deutscher zu polnischer Bevölkerung eine gemischtere Bewohnerschaft. Ihre Gärten grenzen direkt an den hohen Zaun, so daß man die ungewöhnliche Möglichkeit hat, sie nicht bloß von der Straßenseite zu sehen. Betreten jedoch kann man sie so wenig wie die Bewohner den direkten Weg zu Lidl nehmen können. Hierin zeigt sich die gegenwärtige kapitalistische Architektur noch etwas perfider als die preußische, da ein Hinterhof zwangsläufig abgeschlossen ist, der Zaun aber eine ganz willkürliche und bösartige Absperrung möglicher Wege und Verbindungen ist.

Während vor hundertfünf Jahren der Weg des städtebaulichen Fortschritts noch verschlossen scheinen konnte, liegt er heute auf dem Lidlparkplatz offen da.