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‘t Lint oder pilotis in Eindhoven

In Eindhoven gibt es etwas Seltenes: ein Beispiel fortschrittlicher Architektur aus dem Jahre 2004.

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Das Gebäude trägt den passenden Namen ‘t Lint (das Band) und als Band aus zwei Wohngeschossen auf hohen Betonstützen legt es sich von drei Seiten um einen großen Bereich, der vor allem aus Grünflächen besteht, aber auch von einer Straße gequert wird.

Die Stützen, pilotis im Sinne Le Corbusiers, sind teils rechteckig und flach, teils rund. Die beiden Geschosse haben eine Verkleidung aus rostbraun-schwarzen schieferartigen Steinplatten, bestehen ansonsten aber schnörkellos teils aus horizontalen Fenstern und teils aus vorgesetzten Glasbalkonen.

Die äußeren Seiten der Ecken sind abgeschrägt, so daß noch etwas stärker eine Hufeisenform entsteht. Etwa in der Mitte des Bands ist im Erdgeschoß der zurückgesetzte und verglaste Eingangsbereich. Mit diesem beginnend sind auf dem Dach nach rechts hin begrünte Terrassen und mit den Wohnungen verbundene Aufbauten.

Das ist ‘t Lint auch schon.

Fortschrittlich ist, wie sehr das Gebäude und der von ihm gebildete Raum sich zu allen Seiten öffnen. Es läßt sich kaum sagen, daß der Grünbereich von ‘t Lint  in seinem Inneren oder von ihm umschlossen ist, so völlig offen wirkt er. Da macht es wenig, daß er bislang bis auf Beete, kleine Bäume und das aus den abstrakten Bleiglasfenstern einer Kapelle aus den Sechzigern zusammengesetzte sogenannte Lennarium (nach dem Künstler Johann Lennarts) eher kahl ist, denn er ist nie alles. Immer blickt man hinaus auf die Bäume und das Grün des angrenzenden Parks am Dommelufer, vor dem das Gebäude nur ein schmales schwebendes Band ist.

Daß solch eine Architektur hier möglich war, hat wohl viel damit zu tun, daß es sich um eine Wohnanlage für alte Menschen, die zudem Teil eines größeren Komplexes ist, handelt. Links stehen zwei zehngeschossige Punkthäuser und verbindende niedrigere Gebäude. Wiewohl eine gläserne Verbindungsbrücke von dort auf dem Dach des linken Flügels von ‘t Lint zu liegen kommt, haben diese Gebäude nichts von dessen Einfachheit und Brillanz. Rechts sind Gebäude aus deutlich früherer Zeit.

Parallel zum rechten Flügel steht am großen Aalsterweg ein zehngeschossiges Wohngebäude, wie es der niederländischen Architektur der Sechziger so leicht gelang, wenn sie einmal etwas anderes als Reihenhäuser bauen durfte. Schnörkellose helle Betonverkleidung, große Glasflächen, die teils bis an die Brüstungen reichen und teils hinter Balkonnischen zurückgesetzt sind, gelbe Markisen als kräftiger Farbkontrast.

Flache Bauteile verbinden das Gebäude mit einem ähnlichen viergeschossigen, das parallel und versetzt steht und an das der rechte Flügel von ‘t Lint anschließt.

Der Verlauf der älteren Gebäude wird durch das neuere damit zu einer Art Schlangenlinie fortgesetzt und dessen kleiner umschlossener Bereich durch den weit größeren und offeneren ersetzt. So verschieden sie aussehen, sie passen zusammen.

Aber, und das ist sehr ungewöhnlich, das neuere, ‘t Lint, ist das fortschrittlichere der Gebäude. In der durchgehenden Verwendung von Stützen, pilotis, entspricht es sogar viel stärker Le Corbusiers berühmt-berüchtigten „Cinq points de l’architecture moderne“ (Fünf Punkten der modernen Architektur). Nicht nur das, es ist von allen aufgestützten Gebäuden Eindhovens das konsequenteste, während andere diese Konstruktion mit recht unterschiedlichem Erfolg einsetzen.

Das Hauptgebäude der TU nutzt seine massiven und hohen Stützen an der einen Seite für eine Durchfahrt und an der anderen als Teil eines Platzes, zu dem auch ein Wasserbecken und ein offener überdachter Bereich gehören. Wenn sie auch nicht völlig zwangsläufig sind, ist das zumindest eine sinnvolle Nutzung der Stützen.

Das letzte verbliebene Philips-Gebäude schafft es, obwohl es nicht nur auf Stützen ruht, sondern auch mit Stahlseilen an horizontal aus dem Dach ragenden V-förmigen Elementen aufgehängt ist, bloß schwerfällig zu wirken. Die Stützen sind hier wie alles andere nur leere Spielerei.

Bei einem neuen Punktwohnhaus namens Parkview sind die runden Stützen zum einen nicht wirklich notwendig, weil es trotz der Nähe des namensgebenden Parks keinen Grund gibt, unter ihm hindurchzugehen, und zum anderen zeigt sich hier der Widerspruch zwischen diesem Architekturelement und dem Kapitalismus: der Durchgang ist verboten, da es Privatgrund ist.

Derselbe Widerspruch besteht notwendigerweise auch bei ‘t Lint. Zwar gibt es keine Verbotsschilder, aber zwischen den Stützen gibt es nur beim Eingang, bei der Straße und beim älteren Gebäude Wege, während die Flächen sonst mit großen weißen Kieseln bedeckt sind.

Die von der fortschrittlichen Architektur geschaffenen Räume werden nicht genutzt. Hier könnten regengeschützte Bänke, Tischtennisplatten, was auch immer wenigstens für die Bewohner angeordnet sein, aber nichts. Sogar Parkplätze wären besser als diese Verschwendung. Auch ‘t Lint zeigt so letztlich nur wieder, daß auch die fortschrittlichste Architektur wenig bedeutet, wenn die Gesellschaftsordnung ihr nicht entspricht.

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„Nauwelijks te lessen de dorst naar nieuwe oevers“

Im südniederländischen Eindhoven steht auf dem Boden vor der Einfahrt zum Wasserwerk in der Anton Coolenlaan (Anton-Coolen-Straße): „Nauwelijks te lessen de dorst naar nieuwe oevers“ (Kaum zu löschen der Durst nach neuen Ufern“).

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Das sind die richtigen Worte an der richtigen Stelle und darin, diese Worte an diese Stelle zu bringen, liegt die Kunst. Daß das 1987 geschaffene Kunstprojekt „Vijf situaties in Eindhoven“ (Fünf Situationen in Eindhoven) der Künstlerin Marjan Barnier noch andere Teile und vielleicht tiefere Bedeutungen hat, kann man dabei getrost ignorieren.

Der konkrete Nutzen der technischen Einrichtung wird durch die Worte mit einer abstrakten Sehnsucht verbunden, das durstlöschende Wasser mit dem kaum löschbaren Durst nach dem Neuen. Das Wasserwerk selbst ist ein Ausdruck dieses Dursts. Seinem sichtbarsten Gebäude auf dem großen Gelände, einer langgestreckten Halle mit Seiten aus dunklem Backstein, verglaster Front, überstehendem Dach, zwei vertikalen blauen Rohrenpaaren davor, sähe man es vielleicht nicht an, seinem 1970 errichteten Turm aber sofort.

Ganz in Weiß erhebt er sich hinter den Bäumen weiter rechts. Drei hohe Rohre, in denen oben auf jeweils verschiedenen Höhen drei große Kugeln so sitzen, daß jeweils ein mehr oder weniger langes Stück Rohr übersteht.

Sie stehen im Dreieck zueinander und zwischen ihnen ist ein dreieckiges dünnes Stahlgerüst. In ihm führen Leitern nach oben zu Plattformen, von denen die Kugeln jeweils auf ihrer halben Höhe, bei ihrer Äquatorlinie sozusagen, zu erreichen sind. Das Gerüst ist außerdem durch verschiedene gerade und schräge Streben mit den dreieckigen Stützkonstruktionen um jedes der Rohre verbunden.

All das ist zweifelsohne völlig funktional und eben dadurch von großer Schönheit. Die runden und dreieckigen Formen, die massiven Kugeln im filigranen Gerüst verbinden sich zu einem unverkennbaren Gebäude, Eindhovens Wasserturm. Man könnte seine Wirkung in der Stadt skulptural nennen, aber das wäre kein Lob, denn jede abstrakte Skulptur müßte sich angesichts dieser funktionalen Konstruktion, die nur nebenbei schön und doch schöner als alle von ihnen ist, schamvoll verstecken. Dieser Wasserturm löscht so nicht nur den konkreten, sondern auch ein wenig des abstrakten Dursts. Im Süden der Niederlande, weit vom Meer, können die neuen Ufer in der Höhe liegen.