Archiv der Kategorie: Fortschrittliche Architektur

Neubrandenburgs Bauarbeitern

Die Betriebsschule „Ernst Brünkmann“ in Neubrandenburg ist so etwas wie das Tor zu dem großen Industriegebiet im weiten Tal zwischen den Wohngebieten Datzeberg und Oststadt, wo unter anderem der Betriebshof des Stadtverkehrs ist. Ihr gehört ein langes fünfgeschossiges Gebäude parallel zur, aber weit abseits der Sponholzer Straße und ein niedrigerer vorgesetzter Saalbau kurz vor der Ecke zur Warliner Straße, die ins Industriegebiet hineinführt. Daß es auch ein Wohnheim beherbergte, sieht man den horizontalen Fensteröffnungen und den beiden Treppenhäusern, vor denen kleine quadratische Fenster in einem Betonraster sind, nicht an.

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Ihren Namen verkündet die Schule gut sichtbar links oben auf der zur abzweigenden Straße zeigenden Wand des Vorbaus. Auf zwei Reihen vertikaler rechteckiger Platten aus rotbraunem Ton verteilen sich die Reliefbuchstaben des Schriftzugs, während ganz am Anfang das Logo ist.

Es besteht aus den vertikal gesetzten Buchstaben BMK für „Bau- und Montagekombinat“ über einer Art stilisiertem Springbrunnen und einem I auf einem H für „Industrie- und Hafenbau“, wobei man den Namen dieses Neubrandenburger VEB schon kennen muß, um nicht im I einem Kran mit weiterem schrägen Element und im H einen Stahlträger zu erkennen.

Vor der Wand und links quer zu ihr ist eine backsteinerne Sitzanlage und die gesamte Fläche bis zur Straßenecke ist als kleiner Garten gestaltet.

Rechts über der Bank hängt an der Wand ein großes Tonrelief.

Im bandartigen rechten Teil zeigt es flach und stilisiert allerlei technische Anlagen wie Gerüste, Schornsteine, Kräne, Silos,

während im kurzen vertikalen linken Teil drei nach rechts blickende Bauarbeiter, deren Körper viel plastischer aus der Fläche ragen, zu sehen sind. Der mittlere von ihnen sitzt mit baumelnden Beinen und aufgestützten Armen lässig in einem Gerüst, was entfernt an die berühmte Photographie auf einem Stahlbalken posierender Arbeiter beim Bau eines New Yorker Wolkenkratzers erinnert.

Diesem kleinen Kunstwerk gelingt, indem es die Arbeiter beim Blick auf ihr Werk zeigt und durch den Wechseln von erhabenem zu flachem Relief subtil und deutlich ihre Bedeutung hervorhebt, eine sozialistische Aussage, die noch dadurch verstärkt wird, daß es in Farbe und Material mit dem Namensschriftzug wie der Bank verbunden ist und dank der Lage an der Ecke noch über den so von ihm geprägten Garten hinauswirkt.

In gewisser Weise ist an dieser Ecke der Betriebsschule „Ernst Brünkmann“ die gesamte DDR. Was sie auszeichnete, was die enorme Liebenswürdigkeit, mit der sie schöne Orte dort schaffen wollte, wo es sie früher nie gab, in den Wohngegenden oder wie hier den Betriebsstätten der Arbeiter. Die Kunst war ihr Mittel, den Arbeitern vom Wert ihrer Arbeit zu erzählen und sie mit Stolz auf diese und sich selbst zu erfüllen. Manchmal war sie dabei pathetisch, aber öfter, wie auch hier, ganz und gar nicht, wohl weil sie glaubte, die Arbeiter ohne Pathos und mit bloß leicht überhöhter Darstellung ihrer Lebenswirklichkeit besser zu erreichen. Vielleicht war der ganze Glaube der DDR an die Kraft von Schönheit und Kunst verfehlt, vielleicht scherten sich die Betriebsschüler auf den Bänken nie um das Relief. Liebenswürdigkeit wirkt schnell rührend und naiv, aber kann das als Argument gegen sie gelten?

Der heutige Zustand der Ecke zeigt denn, was nach dem Ende der DDR geschah. Das Gelände ist abgesperrt, das gesamte Gebäude steht leer und verfällt langsam, über das Relief wurde erst ein silbriges Graffiti gemalt und nun wachsen junge Bäume davor.

In der rechten oberen Ecke hängt ein Aufkleber mit weißer Fläche zwischen roten Streifen, der an die „My name is“-Aufkleber, die die Graffitiszene als guten Träger für Tags entdeckt hat, erinnert, aber hier die Immobilie zum Kauf ausweist – allerdings ohne Name oder Adresse, da eh niemand glaubt, daß sie je jemand kaufen wollte.

All der Vandalismus, der Gebäude und Kunst schädigte, wird von dem Vandalismus des Kapitalismus, den dieser Aufkleber ausdrückt, übertroffen und überhaupt erst ermöglicht.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Jičín

Jičíns Bahnhof ist einer der relativ wenigen, den die bürgerliche erste tschechoslowakische Republik der Zwischenkriegszeit sich baute. Man würde es vielleicht schon dem dreigeschossigen Gebäude mit über Kreuz ineinandergesetzten Satteldächern anmerken, etwa am Fehlen von Ornamenten, am horizontalen Putz des walmdächigen Flachbaus daneben oder an den abgerundeten vertikalen Treppenhausfenstern auf der Stadtseite, aber das wäre noch recht belanglos und vermutlich handelt es sich um einen Umbau. Beim links anschließenden Hallenbau hat man die erste Republik dann ist Rein- wie Hochform.

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Zum Bahnsteig hin beginnt er noch vor dem Gebäude mit einem hohen Vordach auf quadratischen Stützen, unter dem nur bei dessen Ende ein kleiner Vorbau ist, bevor es vor der gesamten Halle und noch darüber hinaus verläuft. Die Halle selbst ragt darüber nicht sehr viel höher mit weißem Putz und Fensterflächen auf, zu denen nur an den Ecken etwas Verkleidung aus rotbraunem Backstein kommt. Ihre seitlichen Wände sind überdies etwas höher geführt und bilden Streifen, die auf den Bahnsteig zu verlaufen und in stilisierten Reliefs geflügelter Räder enden, als seien sie zwei Schienen, auf denen hoch oben ein Zug fahren könnte.

Zur Stadt hin beginnt der Hallenbau ebenfalls noch vor dem Gebäude, aber nun mit großen Fensterflächen in den weißen Wänden. Beim Ende des Gebäudes folgt bald der quergesetzte Eingangsbereich. Ein Vordach ruht links auf einer backsteinverkleideten rechteckigen Stütze, die die Glasfläche teilt, und einer zweiten, nach der es aber noch freischwebend weiterläuft, während rechts eine Wand mit ebensolcher Verkleidung an den folgenden flachen Teil anschließt. Oben aus der Wand ragt nach vorne eine flache weiße Strebe, die im rechten Winkel in eine entsprechende Stütze übergeht, was eine freistehende L-Form ergibt und wie ein Tor oder ein symbolischer zweiter Eingang, dessen Funktion indes unklar bleibt, wirkt.

Die über dem folgenden flachen Teil mit großen Fenstern aufragende Halle hat zu dieser Seite keine Öffnungen und ihre höheren Seitenwände sind mit einer schwebenden Strebe verbunden.

Mitten in diese kubischen Formen in Weiß und Rot ist auf eine Art Sockel in der linken Seite des Vordachs eine Skulptur aus grauem Stein gesetzt, die eine nach rechts gelehnte Frauenfigur auf einem geflügelten Rad zeigt. In den ausgebreitenen Armen hält sie rechts eine Fackel oder aber eine kurze Fahnenstange, deren schmales und langes Tuch hinter ihrem Körper weht.

Alles an dieser Personifikation des Eisenbahnwesens scheint in Bewegung, fast im Flug, im Sprung, aber doch vom Rad auf der Erde gehalten zu sein und den Ankommenden also einzuladen, in den Bahnhof zu treten, eine Fahrkarte zu lösen und selbst die Bahnfahrt zu beginnen.

Leider ist das Halleninnere von jeder ursprünglichen oder späteren Gestaltung befreit worden und es verblieben einzig drei Wandbilder ganz oben in der stadtseitigen Wand.

Horizontal rechteckig und von den Streben der Halle separiert zeigen sie in einem unauffällig realistischen Stil von links nach rechts: die nahen Prachovské Skály (Prachover Felsen), ein Panorama der Stadt Jičín und die Burgruine Trosky von den Prachovské Skály aus.

Wertvoll ist dieses Werk von Jindřích Procházka von 1936, wie die Angaben im mittleren Bild lauten, gewiß nicht, aber doch ein interessantes Zeitdokument. Während er außen ganz der Eisenbahn gewidmet ist, geht der Bahnhof innen auf seine touristisch so wertvolle Region ein. Aber nützlicher ist dem ankommenden Wanderer die große Karte, die links in der Bahnsteigwand hinter Glas im Relief das gesamte Český Ráj (Böhmische Paradies) mit Straßen, Bahnstrecken und ausgeschilderten Wanderwegen zeigt und 1968 auf den aktuellen Stand gebracht wurde.

Der Bahnhof von Jičín ist nicht nur irgendein Bahnhof der ersten Republik, sondern einer ihrer besten und fortschrittlichsten. Die Monumentalität, die in anderen Bahnhöfen der Zeit noch zu finden ist, fehlt hier völlig. Man sieht an ihm auch, wie in der besten Bahnhofsarchitektur der bürgerlichen Tschechoslowakei schon viel von der sozialistischen angelegt war. Sachliche, aber manchmal überraschende und immer wohlausgewogene Gebäudeformen in Verbindung mit realistischer Kunst mit Bezug auf das Bahnwesen oder die Umgebung – so sehen auch viele spätere tschechoslowakische Bahnhöfe aus. Auch Wanderkarten gehörten selbstverständlich dazu. Und sogar die später häufige Verbindung von Hochbau und Halle ist hier vorweggenommen, obwohl der Hochbau in diesem Fall älter als die Halle ist und wenig zu ihr paßt.

Auch in der Bahnhofsarchitektur zeigte sich die Tschechoslowakei in Jičín als das fortschrittlichste bürgerliche europäische Land der Zwischenkriegszeit.

Städtebau und Coronavirus oder Wann ist ein Park ein Park?

Für mich war es der sprichwörtliche Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, als am 1.4.2020 in Polen die Strände und Parks geschlossen wurden. Denn so sehr es mir fehlte, am städtischen Leben wenn schon nicht viel teilzunehmen, so es doch in Großraumbüros, Straßenbahnen und Fast-Food-Restaurants wenigstens zu erleben, alle sicher sinnvolle Einschränkung war halb so schlimm, wenn zehn Minuten von meiner Wohnung in Gdańsk-Przymorze der Strand von Jelitkowo wartete und fünf Minuten von ihr der Park Reagana (Reagan-Park). Aber darauf verzichten? – Nein! Ich trat, da das als Insel der Normalität jenseits des Meeres lockende Schweden die Schließung der polnischen Strände womöglich nicht als zwingenden Einreisegrund akzeptiert hätte, die Reise nach Deutschland an – „Home is where when you go there, they have to let you in“ (John Dolans Paraphrase einer Zeile von Robert Frost).

Dabei hatte ich es noch gut, denn direkt vor meiner Wohnung, keine Minute mit dem Aufzug oder der Treppe, habe ich eine großzügige Grünfläche, in der im polnischen Frühjahr Forsythiensträucher und Kirschbäume blühten und Weiden ihren Anspruch, zu den immergrünen Bäumen gezählt zu werden, deutlich machten, während auch alle anderen Pflanzen erste Knospen bekamen. Ich wohne in einem blühenden sozialistischen Wohngebiet. Ein Park ist die Grünfläche vor meinem Gebäude nicht, dem Namen nach nicht und nicht nach Definition der polnischen Behörden. Aber selbst wenn, wie wollte man sie sperren, wenn sie so eng mit der Gesamtstruktur des Wohngebiets verwoben ist, daß sie sich nur auf bizarren Umwegen vermeiden ließe?

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Es stellt sich die Frage, was einen Park zum Park macht. Groß genug, um mit einem wohlklingenden Namen versehen grüne Lunge einer enger bebauten Gegend zu sein, ist meine Grünfläche allemal. Hier aber ist sie nur ein winziger Teil der Grünflächen des Wohngebiets Przymorze und der fast nahtlos im Süden und im Norden anschließenden Wohngebiete Zaspa und Żabianka. Auch ohne die offiziellen Parks, die es auch hier gibt, haben die Bewohner dieser Gegenden alle Vorteile von Parks direkt vor der Haustür. Überkommene Bezeichnungen wie Park – und in geringerem Maße auch Platz oder Straße – werden, wie man merkt, in solchen neuartigen und fortschrittlichen Stadträumen geradezu unsinnig. Ein Nebeneffekt des offenen Städtebaus von Wohngebieten wie diesen und unzähligen anderen, die einst in sozialistischen wie kapitalistischen Staaten entstanden, ist, daß er durchaus coronagerecht ist. Andere Aspekte, etwa die Aufzüge, die offiziell nur noch einzeln benutzt werden dürfen, verursachen zwar wiederum Probleme, aber heute mehr denn je ist es ein Glück, in solch einem Wohngebiet zu wohnen. Den Park kann uns keiner nehmen.

Nicht zuletzt zeigen die parkartigen Grünflächen vor meinem Gebäude und darüber hinaus, wie widersinnig die polnischen Schließungsmaßnahmen sind: sie treffen die offenen Räume, wo sich Menschen gut aus dem Weg gehen können, während die engen Gehsteige insbesondere in Gegenden mit dichter Blockrandbebauung weiter benutzt werden müssen und bloß noch voller werden. Dies war auch der eigentliche Grund für meine Abreise, denn ich kann zwar überall Vieles hinnehmen, aber meine Vernunft kann ich mir auch gleich in meiner Muttersprache beleidigen lassen.

Volkswagen im Dschungel

Über die Ausfallstraße Vajnorská im Osten von Bratislava spannt sich irgendwo eine Brücke. Einst diente sie dazu, die beiden Areale der Chemické závody Juraja Dimitrova (Chemiebetriebe „Georgi Dimitroff“) über den Straßenverkehr hinweg zu verbinden, aber im Sommer 2019 trug sie eine große Reklame des deutschen Autoherstellers Volkswagen (VW). Durchfährt man sie stadteinwärts zeigt sie drei Autos vor dem Panorama von Bratislava und die Worte „Do mestskej džungle“ (In den städtischen Dschungel).

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Durchfährt man sie stadtauswärts sind da drei größere Autos vor einem Bergpanorama und die Worte „Do srdca prírody“ (In das Herzen der Natur).

Es ist eine gute Reklame. Schon, daß sie nicht einfach ein rechteckiges Billboard ist, sondern ihr oberer Bogen dem der seitlich unter der Brücke noch zu sehenden Stahlträger entspricht, zeugt von einem wirklichen Eingehen auf den Ort. Dann die Bilder, die mit der Hauptstadt und dem Tatragebirge zwei der charakteristischen Merkmale der Slowakei zeigen und jeweils der Fahrtrichtung angepaßt sind. Und schließlich die Slogans.

Es ist der erste der Slogans, der in der Umgebung der Reklame, der Straße Vajnorská, eine weitere, vielleicht nicht oder nur halb intendierte Bedeutung bekommt. Städtischer Dschungel, das denkt man unweigerlich, wenn man die kilometerlange Ausfallstraße entlanggeht. Vier Fahrspuren, in der Mitte die Straßenbahn, an den Seiten abwechselnd verfallende Industrieanlagen aus der sozialistischen Vergangenheit und Autohäuser, Einkaufszentren, Küchengeschäfte, Druckereien, Go-Kart-Bahnen, Büros, Tankstellen, alle möglichen Kleinbetriebe aus der kapitalistischen Gegenwart.

Wildwuchernde Wiesen wechseln sich mit akkurat geschnittenen ab, aber meist ist da nur der Asphalt von Straßen, Flächen und Gehsteigen, in deren Rissen und Löchern nur zähe Gräser und schon in die Bergvegetation gehörige fleischige Pflanzen wachsen.

Nichts paßt zusammen, nirgends ist ein Bemühen um den öffentlichen Raum auch nur vorgetäuscht, es ist ein dschungelartiges Chaos.

Das war vielleicht immer so, aber nicht so sehr, die Dimitroffbrücke erzählt noch davon. Sie diente nicht nur dazu, Rohrleitungen vom einen zum anderen Areal zu führen, sondern auch den Arbeitern. Stadtseitig stehen quer neben ihr noch abgeschrägt endende Betonwände mit Resten von umlaufenden Stahltreppen und an manchen Stellen sieht man noch die milchigen vertikalen Plexiglasstreben, die die Seitenwände des gedeckten Gangs auf der Brücke bildeten. Sie war ein funktionales und schönes Bauwerk, das die Straße und die Gegend schmückte.

Die Treppen versinken heute im wuchernden Grün, im Dschungel, während der Gang hinter der Reklame versteckt ist.

Die VW-Reklame ist gut – was könnte der Kapitalismus besser als Reklame? – aber sie täuscht darüber hinweg, daß es der Kapitalismus mit Unternehmen wie Volkswagen war, der den städtischen Dschungel an der Vajnorská erst sprießen ließ. Vielleicht ist es kein Zufall, daß im Bild von Bratislava wohl Schloß und Kirche, nicht aber die Most SNP (SNP-Brücke) direkt links davon, die eine ikonische Schöpfung des Sozialismus ist, gezeigt wird. Jedenfalls ist der städtische Dschungel kein unberührter, urtümlicher, sondern voll von Ruinen einer untergegangenen Zivilisation. Keine Reklame und kein Auto darf das je vergessen lassen.

Torgauer Traditionen

Das sozialistische Torgau erzählt in einem Wandbild aus seiner Geschichte. Auf der langgestreckten orange-gelben Fläche sieht man zwei Gruppen von Menschen: rechts Ritter, teils zu Fuß, teils zu Pferd, in Rüstungen, mit Schwertern und Hellebarden und dem Stadtwappen als Wimpel.

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Links Menschen der DDR-Gegenwart, alte, junge, teils stehend, teils sitzend, ein Bauarbeiter, einer mit Gitarre, hinter ihnen ein noch kleiner, aber geschmückter Baum.

Auf einem Steinblock ganz links ist die Signatur „Kratsch 1987“.

In der Mitte treffen sich zwei Vertreter der beiden Gruppen, rechts einer der Ritter, links ein junger Mann mit rotblondem Vokuhila und ähnlichfarbiger Sportjacke.

Der Ritter will dem Mann ein Schwert übergeben, doch der lehnt es mit freundlicher Geste ab. Über ihnen fliegt eine weiße Taube, rechts davon weitere und überhaupt sind die beiden Gruppen nicht so geschieden, wie es im ersten Moment scheinen mag. Ganz rechts steht ein kleiner Junge mit Hund vor den Rittern und blickt nach vorne, als posierte er mit den eigentümlichen Besuchern aus der Vergangenheit für die Kamera.

Mittig vor den Rittern steht ein kleines Mädchen und winkt nach links, als wolle es die anderen auf ihre kuriose Entdeckung hinweisen.

Und mittig links steht ein Ritter mit zwar eingestecktem Schwert, aber auch einer aufgestellten Lanze, um die blühende Schlingpflanzen wachsen und die von der anderen Seite ein kleiner Junge mit Trompete hält.

Gezeigt ist auf diesem Wandbild des Künstlers Joachim Kratsch, wie der Sozialismus mit der Tradition umgeht: liebevoll, aber selbstbewußt, das Gute aufhebend, das Schlechte zurückweisend. Die Ritter sind den Kindern spielerisch-staunend wahrgenommene Folklore. Aus der Lanze wächst ein Baum. Das Schwert, die kriegerische Tradition, lehnt der ganz im Geschmack der späten achtziger Jahre gekleidete DDR-Bürger ab, er braucht sie nicht, es ist Sozialismus und Frieden. Ganz so sah die DDR die Welt und sie fand dafür unzählige überraschend schöne Bilder wie dieses.

Vielleicht täuschte sie sich. Bezeichnenderweise hat der Frieden im Bild seine Symbole, der Sozialismus aber nicht. Leicht könnte es einfach pazifistisch verstanden werden. Daß die DDR den deutschen Militarismus zurückwies, war richtig, aber daß sie zwei Jahre später zu ihrer Verteidigung nicht das Schwert zücken konnte, war tragisch. Das Ergebnis sieht man um das beschriebene Wandbild.

Es symbolisch zu nennen, daß über die zentrale Szene ein großes grünes Hakenkreuz gemalt wurde, wird dem heutigen Torgau gewiß nicht gerecht, eher paßt es, daß der einstige Saal des Restaurants „Torgau Nordwest“, in dem das Wandbild ist, heute voller zerschlagener Möbel und allerlei anderen Mülls liegt, während die Fensterflächen verbarrikadiert sind. Beides, Neofaschismus und wirtschaftlicher Niedergang, hängt miteinander zusammen.

Der flache Restaurantbau befindet sich ganz am Ende des Wohngebiets Torgau Nordwest, dessen Name noch in blauen Leuchtbuchstaben auf dem Dach steht. Sogar ein Logo – einen Kreis, in dem ein spitzes Dreieck kompaßnadelgleich in die linke obere, die nordwestliche, Ecke zeigt – hatte das Wohngebiet.

Heute zeigt es sich wie so viele kleinere Wohngebiete der ehemaligen DDR. Hinter dem Restaurant beginnt eine breite, leicht geschwungene Grünachse, zu der sich links fünfgeschossige Bebauung mit großzügigen Höfen öffnet, während rechts eine Schule mit großer Turnhalle, ein Kindergarten und dahinter aufgereihte fünfgeschossige Gebäude älteren Typs mit flachem Satteldach stehen.

Am Ende der Achse ist rechts ein Kaufhallengebäude, dessen vorderer Teil ein Wellendach und einen hinter einer Stütze in der Ecke zurückgesetzten verglasten Eingang hat,

und links eine kleine Poliklinik mit Pelikanapotheke, die sich mit einem zur braunen Kachelverkleidung  des Sockelgeschosses und des Dachbandes passenenden abstrakten Kachelrelief schmückt.

Fast alle Gebäude sind neugestaltet und andere, besonders vor dem Restaurant, wurde abgerissen. In der Kaufhalle ist ein vietnamesischer Laden, die Poliklinik stark umgebaut. Für das heutige Wohngebiet ist wohl am wichtigsten, daß es zwischen den beiden letztgenannenten Gebäuden entlang des einzigen unveränderten Wohnbaus, der auch als einziges bei ebenfalls fünf Geschossen einen Aufzug hat, zur herumführenden Straße mit Bushaltestelle und weiter zu einem Einkaufszentrum um einen großen Parkplatz und zu McDonald’s geht.

Schlecht war das Wohngebiet Torgau Nordwest im Bezirk Leipzig seiner Konzeption nach nicht und daß all seine Gemeinschaftseinrichtungen verfallen würden, konnte niemand ahnen. Vielleicht aber war es auch nicht gut genug. Es liegt letztlich zu weit vom Zentrum seiner ohnedies nicht großen Stadt entfernt und hat anders als das ältere Wohngebiet an der Straße des Friedens nicht einmal ein bescheidenes Hochhaus. Radikaler und selbstbewußter wäre es gewesen, direkt auf der anderen Seite der Elbe, gegenüber von Altstadt und Schloß Hartenfels, ein neues Wohngebiet zu bauen. Platz wäre genug, denn hinter den Flutwiesen sind dort nur versteckte Teile der Festungsanlagen, in denen heute immerhin ein alternatives Kulturzentrum ist. Wäre es so gekommen, hätten sich Alt und Neu direkt gegenüberliegen können. Dieses theoretische Torgau Ost oder Torgau Brückenkopf, wie die einzubeziehenden Festungsreste heißen, wäre auch der angemessenere Ort für das Wandbild, das statt an einer Restaurantinnenwand dreifach größer an einer Außenwand hätte hängen müssen, um die ringsum offensichtlichen Torgauer Traditionen zu kommentieren.

Das aufgeschnittene Gebäude

Im Wohngebiet Witomino in den Hügeln von Gdynia gibt es einen ungewöhnlichen Gebäudetyp, der auf den ersten Blick beinahe zu gewöhnlich aussieht. Langgestreckt, fünf Geschosse, regelmäßige horizontale Fensteröffnungen, Flachdach – solche Gebäude gibt es in Witomino und in tausend anderen Wohngebieten dutzendfach. Wenn man vier von ihnen oberhalb der Straße schräg aufgereiht sieht, könnte man sie übersehen wollen.

Aber hier sind es eigentlich zwei Gebäude, die deutlich versetzt parallel zueinander stehen und an den Innenseiten, wie man hier sagen muß, offene Laubengängen haben, von denen die Wohnungen erschlossen sind.

In der Mitte sind sie durch ein Treppenhaus verbunden, dessen Dach schräg von einem zum anderen Teil aufsteigt, da sie auch kaum merklich auch in der Höhe versetzt sind.

Es wirkt, als sei hier eines der gewöhnlichen, allzugewöhnlichen Gebäude aufgeschnitten und auseinandergezogen worden, um dem neugierigen Betrachter einen Blick ins sonst verborgene Innere zu gestatten.

Selbstverständlich sind es vielmehr funktionale Überlegungen, die zu dieser Lösung führten. Es entsteht ein für die fortschrittliche Architektur eher ungewöhnlicher Raum mit recht eng einander gegenüberliegenden Laubengängen. Wenn noch Wäsche vor den Wohnungen hängt, erinnert es fast mehr an die Pawlatsche genannten offenen Korridore in den Hinterhöfen österreich-ungarischer Mietskasernen oder gar an mediterrane Hinterhöfe als an Gebäude des sozialistischen Polen. Dieser Vergleich bleibt jedoch zu oberflächlich, da die aufgeschnittenen Gebäude ja im Gegenteil deutlich nach außen, zum städtischen Raum des Wohngebiets, ausgerichtet sind. Eher handelt es sich um eine Fortentwicklung der besten Gdyniaer Gebäude der Zwischenkriegszeit, die ebenfalls Laubengänge haben.

Nicht nur, weil sie auf so subtile Weise mit den üblichen Gebäudetypen spielen, sind diese Witominoer Gebäude ein wertvolles Experiment, das es auszuwerten gelten wird.

Osoblaha

Ist Osoblaha ein Dorf oder ist es eine Stadt? Es ist der größte Ort in seinem nördlich nach Polen hineinragenden Zipfel Tschechiens, aber das heißt wenig, da er nur klein ist. Es hat einen Bahnanschluß, aber das heißt wenig, da es nur eine Schmalspurbahn ist, die nie stillgelegt wurde, weil das in Tschechien nicht geschieht.

Am Rande ist es klar dörflich, ältere Bauernhöfe wechseln sich mit tschechoslowakischen Einfamilienhäusern ab. Ob man das Zentrum als städtisch empfindet, hängt von den Kategorien, die man anlegt, ab, doch jedenfalls gleicht es keiner typischen tschechischen Kleinstadt, da die gesamte Bebauung aus der sozialistischen Zeit stammt. Obwohl sie nur eine einzige Straße bildet, läßt sie sich leicht in zwei Teile, einen alten und bunten und einen neuen und weißen, gliedern.

Selbstverständlich ist der alte Teil keineswegs alt, sondern wurde in den Fünfzigern nach dem Stalinismus oder jedenfalls unbeeinflußt von ihm gebaut. Er heißt Na náměstí (Auf dem Platz) und so ist in der Mitte ein kleiner Platz mit Grünanlagen.

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Von der schmalen Platzseite aus gesehen, mit der das Zentrum beginnt, ist auf der linken Seite ein langes dreigeschossiges Gebäude mit Walmdach und Läden im Erdgeschoß, die mal mit braunen Kacheln, mal mit schwarzem Schiefer verkleidet sind. Auf der rechten Seite steht erst das Kulturní Dům (Kulturhaus), dann ein dreigeschossiger Eckbau. Vielleicht ist der alte bunte Teil so wenig bunt wie alt, aber die Gebäude sind rot und gelb verputzt, was sie von denen des zweiten Teils unterscheidet.

Nach einer Querstraße folgt links zuerst eine Kaufhalle mit großem Schaufenster und vor das Dach gesetzten Dreiecksformen, bevor die Wohnbebauung beginnt. Ihre Fenster sind jeweils durch dunkelgraue Betonteile verbunden, während der übrige Beton ein fast weißes Hellgrau hat. Links steht nach der Kaufhalle das höchste Gebäude der Stadt, das sechs Geschosse in zwei zueinander versetzten Bauteilen hat.

Danach steht ein längerer viergeschossiger Bau mit vier Teilen, die abwechselnd ferner und näher an der Straße stehen. Rechts stehen parallel zur Straße zwei gerade viergeschossige Gebäude (im folgenden Bild seitenverkehrt).

Am Ende dieser Zentrumsachse ist eine Grünanlage und ein offener, aber teils von niedrigen Mauern umgebener Platz. Dahinter, an der nächsten Querstraße, sind zwei Schulgebäude, von denen eines ein nicht mehr als solches zu erkennendes altes ist, und dann noch ein deutlich altes, das zum dörflichen Rand überleitet, denn der ist ja nie weit weg, Osoblaha ist nur klein. Vereinfacht gesagt nimmt das städtische Zentrum mit seiner einen Straße und seinen zwei Plätzen einen Hügelkamm ein, während das Dorf sich darum erstreckt. Außer den Straßen führen noch einige Fußwege mit Treppen hinauf, vom Bahnhof im Süden einer an einer alten Mauer entlang, von Norden zwei über kleine stählerne Brücken über einen kleinen Bach.

Doch wie kommt es nun, daß es im Kern von Osoblaha nichts Altes mehr gibt? Die Antwort geben die beiden Plätze und die beiden Kunstwerke auf diesen. Auf dem alten Platz steht ein gußeiserner Brunnen, an dessen eckiger Basis zu zwei Seiten halbrunde Becken sind, bevor er in sich kompliziert verjüngenden runden Formen, aus denen Wasserhähne über die Becken ragen, in ein großes rundes Becken übergeht. Noch darin steht die Plastik einer Frau mit einer Amphore auf der Schulter, aus der ein weiteres kleines rundes Becken ragt.

Dieser Brunnen zeigt, daß Osoblaha einmal anders aussah, denn er entstammt offenkundig der bürgerlichen Kunst des 19. Jahrhundert und nicht nur im relativ nahen Branná steht ein fast identischer.

Der neue Platz am Ende der Straße öffnet seinen repräsentativen Teil, der rückwärtig von einer nicht ganz regelmäßigen niedrigen Mauer mit hellgrauer Steinverkleidung umgeben ist, nach rechts. Die großen schwarzen Rechtecke des Pflasters sind hier unterbrochen und ein Weg nur in Weiß, den vier quadratische Betonhochbeete flankieren, führt auf eine niedrige Sockelplatte mit drei Sandsteinskulpturen zu.

Die mittlere, etwas weiter vorne stehende zeigt auf einem kleinen Sockel mit der Inschrift „Poděkování a lásku Vám“ (Euch Dank und Liebe) eine Frau, die die Arme nach oben gereckt hat und eine fließende Form, eine Fahne sicher, die aber eins mit ihrem Haar ist, hält.

Rechts steht eine Stele mit geschwungen hinaufführender Rille, die sich in der Mitte als Fläche mit breiten horizontalen Wellenlinien verbreitert. Darin halten sich zwei Hände zum Gruß und über der rechten ist ein fünfzackiger Stern.

Links steht eine ähnliche, aber nicht identische Stele, in deren Mitte zwei von unten geöffnete Hände eine Taube aufsteigen lassen.

Während die querenden Wellen rechts wirken, als sei ein Knoten in die Stele gemacht, den der Handschlag besiegelt, scheinen sie links Wolken zu sein, vor denen die Taube fliegen kann. Hinter der Sockelplatte, fast versteckt, sind quer einige rechteckige Grabplatten mit fünfzackigem Stern.

Links von ihr, unübersehbar und eigentlicher Mittelpunkt des Platzes, steht auf einer schräg in die Grenze zwischen Pflaster und Wiese gesetzten niedrigen Betonplatte eine in den Himmel gerichtete sowjetische Flugabwehrkanone des Typs 52-K.

In Fortsetzung der Achse der Straße, während diese weiter links verläuft und das Denkmalensemble rechts steht, sind in der Mitte des Platzes Beete.

Durch die Grünanlage, die ihn zur etwas niedriger liegenden Ecke abschließt, führt nach links eine Treppe hinab

und leicht rechts geradeaus ein Weg.

Mittig in der Wiese ist ein runder gepflasterter Teil mit einem Steinquader, der heute altarartig funktionslos scheint, aber vielleicht als Rednerpult gedacht war.

Hinzu kommen Fahnenmasten und auch der eckige Turm der an der nächsten Querstraße stehenden Feuerwache wirkt als vertikales Element in den Platz hinein.

Dieser 1975 eröffnete Náměstí Osvobození (Platz der Befreiung), über den ein Bronzeschild hinten an der Mauer informiert, ist ein großartiges Denkmalensemble, das das Gedenken nicht irgendwo abseits, sondern mitten in den städtischen Raum, mitten ins Zentrum von Osoblaha setzt, es mit ihm förmlich verwebt.

„Grundstein zum Denkmal der Roten Armee/Enthüllt am 21.3.1945“

All seine Elemente, die drei Skulpturen, die Worte, das Kriegsgerät, sind von größter Einfachheit und meisterlich komponiert zusammengefügt. In solchen Platzensembles zeigt sich die Größe des tschechoslowakischen Städtebaus.

Indirekt erzählt der Platz auch davon, daß in Osoblaha in der Endphase des zweiten Weltkriegs schwere Kämpfe tobten. Als die sowjetische Armee es am 22. März 1945 als ersten Ort des tschechischen Teils der Tschechoslowakei befreit hatte, war die Stadt fast vollständig zerstört. Das ist ein für tschechoslowakische Orte durchaus seltenes Schicksal, weshalb es wenige vergleichbare Stadtzentren gibt. Man sieht, daß es der Tschechoslowakei gar nicht einfiel, etwas Altes zu rekonstruieren, sondern daß sie sich völlig selbstbewußt etwas Neues baute, das sie als sich angemessen empfand.  Ob es das ist, bleibt immer die Frage, aber es ist zumindest ein Stadtraum voller Offenheit und ohne Hindernisse. Jedes Gebäude ist von allen Seiten betrachtbar und erreichbar, überall sind Wege für Fußgänger.

Noch etwas anderes ist in Osoblaha auffällig: die unterschiedliche Bevölkerung in seinen verschiedenen Teilen. Im dörflichen Teil und im „alten“ Teil des Zentrums wohnen weiße Tschechen, während im neuen Teil Roma wohnen. So steht dort das Weiß der Architektur und das Grün der Vegetation in einem Kontrast zur dunklen Haut der Bewohner, was einen eigenartig schönen Eindruck von überraschender Exotik ergibt. Den ethnischen Unterschieden entsprechen in Tschechien, wie auch andernorts, immer soziale, so daß man mit weißen Tschechen im Restaurant in der Ecke rechts vom Platz sitzen kann, während an der Flugabwehrkanone Romakinder klettern. Das ist wohlgemerkt nicht so absolut, wie es sich eben vielleicht las, sondern nur ein oberflächlicher Eindruck. Gewiß gibt es in der Bewohnerstruktur der verschiedenen Teile Durchmischungen und in der Kneipe beim Kulturhaus und auf den Spielplätzen treffen sich Tschechen und Roma auch, Osoblaha ist nur klein.

Vielleicht sind es alle diese Kontraste – zwischen dörflichem Rand und städtischem Zentrum, zwischen altem und neuem Teil des Zentrums, zwischen überkommener bürgerlicher Kunst auf dem einen und sozialistischer Kunst auf dem zweiten Platz, zwischen den Hautfarben – Kontraste, die allesamt von typisch tschechischer Kleinstadtidylle so fern sind, durch die Osoblaha zur Stadt wird.