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Die Rückseite von Oliwa

Die Klosterkirche von Oliwa im Norden von Gdańsk ist ein vom Barock veränderter gotischer Bau. Gotik und Barock sind eine häufige, aber schwierige Kombination. Häufig jedenfalls in diesen Breiten, wo die Kirchen in der Gotik gebaut und im Barock umgebaut wurden, während es kaum sakrale Architektur der Renaissance gibt. Schwierig, weil Gotik und Barock so unterschiedlichen Prinzipien folgen. Die Gotik ist bestimmt von der Kühnheit und Klarheit der Konstruktion und monumental, vertikal, der Barock hingegen von der Vielfalt der Schmuckformen und verspielt, horizontal. Dies gilt jedenfalls grundsätzlich, obwohl es auch klarst konstruierten Barock und horizontalste Gotik gibt. Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten des Aufeinandertreffens von Gotik und Barock und alle drei kann man am Kloster Oliwa erleben.

Die Vorderseite der Klosterkirche zeigt die ungünstigste Möglichkeit.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Zwischen zwei hohen dünnen Backsteintürmchen bleibt dem Barock nur eine hohe und schmale Fläche, mit der er gar nichts anzufangen weiß. Er rundet die Spitze des einen gotischen Fensters ab, klebt puttenumringte goldene Marien- und Jesus-Monogramme auf, schlägt zwei weitere geschwungene Fenster hinein, schreibt noch schnell das Datum 1771 hinzu und beendet das Ganze mit einem kleinen Giebel.

So nimmt der Barock dem Gotik die Klarheit und die Gotik zwingt den Barock ins Monumentale. Auch das schon 1688 errichtete Portal schafft es nicht, dieser Fassade ein wenig menschliches Maß zu geben.

Alle Bemühungen des Barock sind hier vergebens und wirken so verzweifelt wie die kleine Maria und der kleine Jesus, die sich in den namensgebenden Olivenbaum eines Reliefs geflüchtet zu haben scheinen, ohne daß ihnen das Gold ihrer Kronen dort noch viel nützte.

Die Längsseite der Klosterkirche zeigt die wohl typischste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock.

Vor dem gotischen Baukörper stehen ein kleiner Eingangsbau und eine größere Kapelle aus dem Barock, aber sie interessieren sich überhaupt nicht für ihn, sie bemühen sich nicht im geringsten, auf ihn Bezug zu nehmen, sie stehen einfach in selbstbewußter Gleichgültigkeit davor. Hier verbinden sich Gotik und Barock überhaupt nicht, sondern stehen bloß beieinander.

Der Rückseite der Klosterkirche bleibt es denn vorbehalten, die beste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock zu zeigen. Auf dieser Seite sind die einzigen beiden Strebebögen in Oliwa, diese markantesten Elemente der gotischen Baukunst.

Sie schwingen sich von den niedrigen Pfeilern des Chorumgangs schräg zu den beiden hintersten Pfeilern des Chors auf,  die eine Fläche mit spitzbögigem Fenster rahmen. Dieses Fenster nun nahm der Barock auf. Wie bei den anderen Fenstern des Schiffs ließ er die Form unangetastet, aber krönte seine Spitze noch mit einem kleinen Kreuz in einem eigens dafür angebrachten weißen Putzstreifen. Statt nur mit neuen Fenstern füllte er diese spitzbögige Fläche auf seine eigene Art. Unten ist ein großes und rundes Fenster, ganz wie der Barock es mag, und darüber ist ein weißes Relief. Es zeigt rechts einen Greif, der nach links gewandt an einer Art Pult mit Wappen, Bischofshut und -stab, einem Altar vielleicht, steht und oben etwas links der Mitte einen weiteren Olivenbaum, in dem diesmal Gott und Jesus sitzen.

Alles ist hier in Bewegung, die Seiten des Pults geschwungen und zu beiden Seiten dünne Ranken, die auch aufspritzende Wellen sein könnten. Hier greift der Barock feinfühlig das Beste der Gotik, die Strebebögen, auf und verwandelt es mit seinem Kunstwerk.

Zuerst mag es überraschen, daß dies hier geschieht, an der Rückseite. Wieso befindet sich dieses Kunstwerk, das so viel gelungener und lebendiger wirkt als alles an der Vorderseite, gerade hier, wo es doch keiner sehen kann? Die Antwort ist einfach: einer konnte es sehen. Die Rückseite ist nicht einfach eine Rückseite, sondern die Seite, die zum Abtspalast zeigt. Durch eine Mauer getrennt, aber direkt daneben ist ein Vorplatz des Palasts. Er ist ein recht einfacher Barockbau, zwei Geschosse mit großen Fenstern, im mittigen Giebel ein Fenster, dessen Form dem an der Vorderseite der Kirche ähnelt, und die Pilaster auf rokokohafte Rankenornamente reduziert, die denen im Relief an der Rückseite ähneln.

Der Abt Jacek Rybiński, der die Klosterkirche barock umbauen ließ, ließ sich auch diesen Palast errichten. Er steht genau so, daß er die Kirche zu seinem rechten Seitenflügel macht, und genau deshalb befindet sich dort das Relief.

Während die monumentale Vorderseite und auch die nonchalante Längsseite für das Publikum, das gemeine kirchenbesuchende Volk gedacht waren, existierte diese Rückseite nur zum Privatvergnügen des Abts Rybiński. Erst dadurch, daß er das Schönste an der Kirche gleichsam zum Teil seines Palasts machte, zeigte sich Rybiński so wirklich als Kirchenfürst. Daraus ergibt sich dann die Interpretation des Reliefs: das Wappen auf dem Altar ist Rybińskis, darauf liegen die Isignien seines Rangs, der Altar und der daraus wachsende Olivenbaum sind das Kloster und der so selbstbewußt stehende Greif, das ist doch wohl er selbst, Abt von Oliwa.

Rybiński war der letzte, der sich so fühlen konnte, und er erlebte noch, wie sehr er sich mit seiner Selbsteinschätzung getäuscht hatte. Er war der letzte polnische Abt von Oliwa und der letzte, der zugleich weltlicher Herrscher war, da die Gegend 1772 in der ersten polnischen Teilung Preußen eingegliedert, der Klosterbesitz verstaatlicht und das Kloster 1831 schließlich aufgehoben wurde. So überrascht es auch nicht, daß der Blick auf diese gotisch-barocke Symbiose heute von großen Bäumen fast verdeckt ist.

Darin eine bewußte antikatholische Maßnahme der preußischen Landschaftsarchitektur zu sehen, wäre so verlockend wie zweifelsohne übertrieben. Eher zeigt es einfach, wie leicht das Gefühl für architektonische Zusammenhänge, die in der Erbauungszeit offensichtlich waren, verloren geht.

Kirche und Palast, als Einheit gedacht, sind heute auseinandergerissen, gehören in verschiedene Welten. Wenn man vor der Kirche steht, ahnt man vom Palast nichts, und wenn man vorm Palast steht, ahnt man nicht, was die Strebebögen beim Chor bergen.

Was einst Privatvergnügen des Abts war, ist heute Vergnügen all derer, die genau genug hinschauen.

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Goldenberg und die Anarchie

Im 15. Bezirk sitzt das Hauptquartier der Wiener Anarchisten, eine zweimal in der Woche kurz geöffnete Buchhandlung, also beachtet man es kaum, wenn man an einer Wand in der Kranzgasse den dümmlich-coolen Spruch „Bildet Banden!“ mit A als Anarchistenlogo sieht.

AnarchistenGoldenberg

Doch dahinter, in weniger geübten Buchstaben und hellerer Farbe, steht noch etwas weit Interessanteres: Goldenberg.

Goldenberg, das war – ist! möchte man hoffen – eine Jugendgang, die Mitte 2015 durch die kostenlosen Boulevardzeitungen der Stadt geisterte, als einige ihrer Anführer zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Schon der Name faszinierte – sollte es sich tatsächlich um eine jüdische Gang handeln? Dann die Tatsache, daß die Mitglieder sich allesamt den Nachnamen Goldenberg zulegten, der Gründer etwa nannte sich Max Goldenberg. Schließlich das Bild von der Verhandlung, auf dem neben einigen vage südländischen Typen auch ein Schwarzer zu sehen war. Das nun war wirklich außergewöhnlich, da die meisten Gangs eben entlang ethnischer Linien organisiert sind. Zur Erklärung braucht man übrigens nicht einmal von Kulturen und ähnlich Kompliziertem zu reden, es genügt schon, sich der praktischen Vorteile einer gemeinsamen, für Außenstehende unverständlichen Umgangssprache bewußt zu sein. Goldenberg war anders. Offenkundig hatte Max Goldenberg da etwas Herausragendes geschaffen.

In den Boulevardzeitungen gab es zu diesen faszinierenden Umständen erwartungsgemäß nichts, sie erschöpften sich in der moralistischen Verurteilung des Verbrechens, die sie nur, wenn es um mittelalte weiße Bordellbesitzer geht, manchmal ablegen. In einem späteren ausführlicheren Artikel in einer obskuren Zeitschrift (im Internet nur noch eine Ankündigung verfügbar) erfuhr man dann wenigstens, daß die Bande ihr Entstehen dem Charisma Max Goldenbergs verdankte und sich einer aus Kampfsportfilmen zusammengeklaubten individualistischen Selbstoptimierungsideologie verpflichtet fühlte, dem alten „Wenn man nur an sich glaubt, kann man alles erreichen“. Im Kern stammte die Bande aus Favoriten, dem migrantischen 10. Bezirk, aber sie hatte Anhänger in der gesamten Stadt. Im Kern war sie, wie Max selbst, tschetschenisch, aber sie hatte Anhänger verschiedenster Nationalitäten. Religion spielte offenbar keine besondere Rolle.

"Wir sind wenige, aber wir sind überall" - tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

„Wir sind wenige, aber wir sind überall“ – russischsprachige tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und das erste Wort, die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

Doch auch der ausführlichere Artikel kam über auf andere Art moralistisches Verständnis für das Verbrechen nicht hinaus und konnte so nicht zum Kern des Phänomens Goldenberg vordringen: der äußersten Seltenheit multiethnischer und noch dazu überkonfessioneller Gangs. Dazu bedürfte es einer amoralischen Bewunderung für das Verbrechen.

So betrachtet, stellt das Entstehen einer Bande wie Goldenberg sogar einen Erfolg der Integrationspolitik der Wiener Stadtregierung da. Statt sich untereinander zu bekriegen, tun sich die Migranten zusammen, um gemeinsam Supermärkte, noch dazu im reichen 1. Bezirk, zu überfallen.

Auch der faszinierende Name paßt dazu. Man liest zu ihm verschiedene Erklärungen: er soll entweder von einem Berg im Kaukasus, vom amerikanischen Unternehmer Mark Zuckerberg oder vom amerikanischen Wrestler Goldberg stammen. Aber wie niemand es für nötig hielt, zu recherchieren, ob es so einen Berg gibt (eher nicht), wurde auch nirgends thematisiert, inwieweit es für die Gang wichtig war, daß gleich zwei ihrer möglichen Namenspaten Juden sind. Sicherlich aber ist das Ablegen der alten, fremdartig klingenden Namen zugunsten eines deutsch-jüdischen ein Akt der Integration, ja, Assimilation. Man könnte da an die afro-amerikanische Schauspielerin Whoopi Goldberg denken, die ihren Nachnamen wählte, weil ihre Mutter ihr sagte, daß ein jüdischerer Name helfe, in Hollywood Erfolg zu haben. Aber das sind Fragen, die nur echter Journalismus beantworten könnte und so bleiben sie denn unbeantwortet.

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Die Anarchisten nun können von einer an Goldenberg heranreichenden Organisationskraft im migrantischen Proletariat nur träumen – und genauso auch die anderen linken Grüppchen, von den weniger idiotischen bis zur offen islamistischen Linkswende. Das Nebeneinander der beiden Schriftzüge – dem Namen der wirklichen Bande und der hippen Forderung, Banden zu bilden, der nie nachgekommen wird, von der ihr Schreiber nicht einmal zu erklären wüßte, was er denn verfickt noch mal damit meint – dieses Nebeneinander offenbart ein weiteres Mal die Lächerlichkeit des Anarchismus.

Sollte es in unseren Breiten einmal dazu kommen, daß der Staat zerfällt, daß es Anarchie gibt, daß die Menschen Banden bilden müssen, um zu überleben, daß es also wird wie in, sagen wir, Libyen, dann werden die Anarchisten gewiß nicht darauf vorbereitet sein, Goldenberg aber vielleicht eher. Fraglich ist bloß, ob dann noch für den sympathisch multiethnischen Charakter der Gang Platz wäre oder ob er sich, genauso eigentlich wie der hiesige Anarchismus, als Nebeneffekt der gemütlichen Wiener Sozialstaatlichkeit herausstellen würde.

Erkundungen auf Friedhöfen: Zwangstaufen und Hoffnung

Politisch kann man am gegenwärtigen Polen leicht verzweifeln. Daß es keine Linke gibt, die diesen Namen verdient hat, muß kaum erwähnt werden, doch es gibt auch keine erwähnenswerte Partei, die sich zumindest links nennt. Die wichtigsten Parteien sind stattdessen die liberale PO, der politische Arm der Europäischen Union, und die rechte PiS, der politische Arm des polnischen Katholizismus. Da die PiS zu ihren reaktionären gesellschaftspolitischen Ansichten auch eine gemäßigt sozialstaatliche Politik betreibt, gewann sie in letzter Zeit alle Wahlen, zur großen Überraschung aller, die meinten, daß es Polen doch total super gehe, weil in den großen Städten einige Leute in outgesourcten Bürojobs arbeiten dürfen.

Der politische Diskurs ist noch etwas schlimmer, als diese Rahmenbedingungen erahnen ließen und das sieht man auch im städtischen Raum. So gibt es im Gdańsker Stadtteil Wrzeszcz eine große Straße namens Aleja Żołnierzy Wyklętych (Allee der verfemten Soldaten), an der sich ein diesen gewidmetes großes Wandbild befindet.

Mit der glorifizierenden jungen Bezeichnung żołnierzy wyklęci sind die Mitglieder reaktionärer Banden gemeint, die nach Kriegsende noch einige Zeit mordend durch ländliche Gegenden Polens zogen, weil sie nicht akzeptieren konnten, daß die Sowjetarmee ihr Land befreit hatte. So groß war ihr Haß auf Kommunisten und Juden, was ihnen ein und dasselbe war, daß sie ihren absurden Kampf in einer Zeit führten, in der die ganze Welt nur Friede und Wiederaufbau wollte. Entsprechend schnell wurden diese Banden von den polnischen Sicherheitsorgangen zerschlagen und ihre Führer hingerichtet.

Künstlerisch bewegt sich die Gestaltung auf niedrigem Niveau: aus einem grün-blauen Tarnmuster werden grün-blaue Wolfsformen im Wald, dazu Porträts der Banditen und das Gedicht „Wilki” (Wölfe) von Zbigniew Herbert.

Aber es ist das niedrige Niveau der allermeisten Streetart; diese hat statt der typischen liberalen Aussage eben eine rechtsradikale.

Um zu sehen, daß es auch ein anderes Polen gab, eines, daß die reaktionären Banden besiegte, um so gut es ging den Sozialismus aufzubauen, muß man heute schon auf einen Friedhof gehen. Der Friedhof Srebrzysko liegt gar nicht weit von der Straße mit dem Wandbild entfernt. Auch hier zeigt sich Polen als das sehr katholische Land, das es heute so stolz sein will. Überall die standardisierten Gräber mit den etwas aus der Erde ragenden Steinkästen, unter denen die Särge liegen, den Kreuzen und den Steinen, deren Inschriften mit Ś.p. (świętej pamięci, seligen Andenkens) beginnen. Auch hier muß man das andere Polen suchen.

Aber dann findet man sie, die Gräber ohne christliche Kreuze und mit andersartigen Inschriften. Direkt in der ersten Reihe rechts des zentralen Wegs, nur etwas höher am bewaldeten Hang, sind einige von ihnen, Ehrengräber verdienter Bürger der Stadt aus den Sechzigern. Ihre Gestaltung gleicht den üblichen Gräbern, aber sie stammen aus einem anderen Land, das es nie so ganz gab, für das die hier Begrabenen aber alles gaben.

Towarzysz, Genosse, nennen sich die Toten hier stolz, manchmal Tow. abgekürzt, und sie waren verdiente Funktionäre der Arbeiterbewegung, haben in Spanien gekämpft oder bei der Verteidigung von Hel und waren in der KPP (kommunistische Partei Polens in der Zwischenkriegszeit) und der PPR (illegale kommunistische Partei Polens zur Zeit der deutschen Besatzung) oder in den kommunistischen Parteien anderer Länder. „Cześć ich pamięci!“, Ehre ihrem Andenken, fordern sie noch immer trotzig. Das Zeichen dieser Menschen ist das vielleicht nicht schöne oder sozialistische, aber zumindest nicht religiöse Kreuz des Ordens Polonia Restituta (Orden der Widererrichtung Polens).

Der 1987 verstorbene Józef Szweda, schon nicht mehr towarzysz, hatte sogar den Order Budowniczych Polski Ludowej (Orden der Erbauer Volkspolens), die höchste Auszeichnung seines Landes.

Die meisten dieser Gräber werden noch gepflegt, protzige Grablichter, wie sie in Polen zu bestimmten Feiertagen in großen Menschen auf Friedhöfen abgeladen werden, stehen auch hier. Manchmal merkt man, daß den Nachkommen ihre kommunistischen Vorfahren peinlich sind. Im Falle von Władysław Ginko löste die Natur das Problem und das Grab der Ehefrau, mit Kreuz und Ś.p., konnte drohend schräg hinter das des armen towarzysz, der das immerhin nicht mehr erleben mußte, gesetzt werden.

In einem anderen Fall mußte bei Restaurierungen zensierend eingegriffen werden: auf das Grab von Leon Derdowski wurde ein christliches Kreuz gemalt, was einer posthumen Zwangstaufe oder einer Zwangs-letzten Ölung gleichkommt.

Aber auch so bedeuten die wenigen Gräber auf diesem Friedhof am Rande von Wrzeszcz und die von ihnen geweckte Erinnerung an die großartigen Frauen und Männer, die die PRL aufbauten, vor allem Hoffnung. Menschen ändern sich schnell. So unmöglich es heute scheint, daß in Polen – oder meinetwegen Saudi-Arabien – die Religion zurückgedrängt wird und der Sozialismus siegt, so schnell kann das unter den richtigen Bedingungen geschehen. Wie Ronald M. Schernikau sagte: „Das sind Angelegenheiten bloß eines Jahrhunderts“.

Hier einige der Menschen, die einst in besseren Wandbildern zu rühmen sind:

Gen.
Władysław Wołowiec
1895 – 1972
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung
Ehre seinem Andenken

Gen. Andrzej Gruszecki gest. 26. XI. 1965
Gen. Anna Gruszecka gest. 13. VII. 1978
ehem. Funktionäre der KPP und der PPR
ausgezeichnet mit Offizierskreuzen [des Ordens Polonia Restituta]
Ehre ihrem Andenken

Leon Derdowski
geb. 30.VI. 1916
gest. 21.V. 1966
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung, Teilnehmer der Kämpfe in Spanien 1936 – 1939
Ehre seinem Andenken

Hier ruht Genosse Władysław Ginko
geb. 19.II. 1904
gest. 5.II. 1969
Ehre seinem Andenken

Józef Szweda
28.02.1915 – 21.09.1987
Teilnehmer an der Verteidigung von Hel im Jahre 1939
Verdienter Funktionär der Arbeiterbewegung
Ehre seinem Andenken!

Hier ruht
Gen. Józef Zamojski
Teilnehmer der Internationalen Brigade in Spanien
geb. 26.IX. 1902
gest. 2.VII. 1959
ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, der Kommunistischen Partei Spaniens, der PPR und der PZPR (Vereinigte Arbeiterpartei in der Volksrepublik Polen)
Ehre seinem Andenken

Sobieski auf Reisen

Der polnische König Jan III. Sobieski lebte in unruhigen Zeiten in einer unruhigen Gegend und trug als geschickter Politiker und Heerführer zu deren Unruhe auch gerne bei. Vor allem kämpfte er in der Ukraine gegen Tartaren und Türken, aber berühmt wurde er, weil er an der Spitze des Entsatzheers stand, das 1683 die türkische Belagerung Wiens brach. Neben dem Krieg führten ihn Studienreisen nach Deutschland, die Niederlande, Frankreich, England und sogar in die Türkei. Weite Wege für diese Zeit und auch heute noch.

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Eine Liste von Sobieskis Schlachten steht an der Seite seines Denkmals in Gdańsk. Auch in dieser Stadt war Sobieski wiederholt, etwa zu Begegnungen mit Jan Heweliusz. Denn wenn der historisch halbgebildete Deutsch weiß, daß Gdańsk bis 1945 Danzig und eine deutsche Stadt war, dann stimmt das nur halb: bezogen auf Sprache und Kultur seiner Bewohner, aber nicht auf die staatliche Zugehörigkeit. Zu einem deutschen Staat, erst Preußen, dann dem Deutschen Reich gehörte es nur recht kurz (1793-1807 und 1814-1919). In anderen, eher kurzen Zeiten war es eigenständig (1807-1814 und 1919-1939) und lange gehörte es zur polnischen Rzeczpospolita (1455-1772). Ein Danziger Bürger des 18. Jahrhunderts hätte es wohl als Beleidigung empfunden, wenn man ihm gesagt hätte, daß seine Stadt in Preußen liege.

Dennoch erstaunt es, daß ein Reiterstandbild eines polnischen Königs auf einem Platz des heutigen Gdańsk steht. Es ist ein banales historisches Machwerk, das offenkundig aus dem preußisch-deutschen späten 19. Jahrhundert stammt

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Zwar ist der Platz, Targ Drzewny (Holzmarkt) genannt, eher eine bessere Verkehrsinsel und im Sommer bei Obdachlosen beliebt, aber doch sehr zentral gelegen.

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Die Deutschen werden dieses Denkmal also kaum gebaut haben. Die Inschrift auf der anderen Seite erklärt alles:

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„Królowi Janowi III. miasto Lwów MDCCCXCVII.” (König Jan III. die Stadt Lwów)

Nicht die preußischen Deutschen, sondern die Polen, die den Osten des alten Österreichs dominierten, bauten sich also dieses Denkmal und nicht im damaligen Danzig, sondern im damaligen Lwów.

Als Polen nach dem Krieg nach Westen verschoben wurde, als die Deutschen aus den neuen westlichen Teilen Polens ausgesiedelt und die Polen aus der Ukraine dort angesiedelt wurden, als aus Danzig Gdańsk und aus Lwów Lviv oder Lwow wurde, reiste Sobieskis Denkmal mit oder nach und er kam in einer Stadt zu stehen, von der er wohl nie gedacht hätte, daß sie einmal in diesem Maße polnisch sein würde. Zu sehen, wie selbstverständlich Sobieski heute in Gdańsk steht, wie selbstverständlich polnische Obdachlose um ihn sitzen, wie selbstverständlich sich polnische Touristen mit ihm photographieren, hat etwas Beruhigendes. Es zeigt, wie schnell auch die extremsten Bevölkerungsverschiebungen zur Normalität werden. Wenn es so einfach ist, aus einer deutschen Stadt eine polnische und aus einer polnischen eine ukrainische zu machen, wenn sogar ein Denkmal mitreisen kann, dann ist doch alles möglich, vielleicht sogar Fortschritt.

Leeres Zittau: Urbex

Urbex ist kein besonders schönes Wort. Daß es wie das Außenhandelsunternehmen eines halb-sozialistischen Zwergstaats klingt, wäre noch kein Problem, wenn nicht das, was es bezeichnet – die Erkundung leerstehender Gebäude – so interessant, schön und wichtig wäre. Urbex nämlich steht für Urban Exploration (städtische Erkundung), was auch schon viel besser als die Abkürzung klingt. Zu schade, daß es kein besseres Wort dafür gibt. Doch in Zittau brauchten wir gar kein Wort dafür. Wir sagten „in ein Haus einsteigen“ oder „in ein Haus gehen“. Oder wir sagten gar nichts und taten es einfach.

Denn in Zittau, das seit 1990 etwa die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat und wo jedes zweite Gebäude leersteht, war das, was unschön Urbex genannt wird, eine Selbstverständlichkeit, eine Alltäglichkeit und brauchte daher keine Bezeichnung. Es erforderte keinen Aufwand, keinen Mut, kaum auch nur eine bewußte Entscheidung. So müde und verloren war dieses Städtchen in der hintersten Ecke dieses neu-alten Deutschlands, dessen Entstehung es zerstört hatte, daß sich oft nicht einmal jemand bemühte, die Zugänge zu den Gebäuden zu versperren und wenn doch, dann oft eher symbolisch. Wer hätte es auch tun sollen? Besitzer gab es keine und die Stadtverwaltung hatte Besseres zu tun, wenn auch nicht ganz klar ist was.

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So war Zittau für alle, die wollten, ein einziger großer Abenteuerspielplatz. Leben in Zittau war die das Leben in einer friedlichen und freundlichen postapokalyptischen Welt. Zur einen Hälfte war sie bewohnt und das Leben nahm in ihr erstaunlicherweise seinen alltäglichen Gang, zur anderen Hälfte war sie verlassen, aber auch dort lauerten meist weder Monster und Mutanten noch realere Gefahren.

Im leeren Zittau gab es fast alles, was es im bewohnten Zittau gab – alte und neue Wohnhäuser, Kneipen, ein Kino – und manches, was es in diesem nicht gab – Kasernen, Fabriken. Diese beiden Zittaus lebten meist in friedlicher Koexistenz, nur manchmal wurden leere Gebäude abgerissen, nur manchmal stürzten leere Gebäude, die zwanzig, fünfundzwanzig Jahre sich selbst überlassen gewesen waren, ein und gefährdeten bewohnte Nebengebäude.

Ob es in Zittau Urbex gab, weiß ich nicht. Vermutlich schon. Urbex als modischer Abenteuertrend von Menschen mit guten Kameras, die von ihren Explorationen dann YouTube-Videos machen. Vermutlich kamen sie aus ihren großen Städten auch mal nach Zittau. Aber sie waren Touristen, während wir mit den leeren Gebäuden lebten. Ob unsere Videos besser gewesen wären, ist gar keine wichtige Frage, denn Zittau wäre nicht Zittau gewesen, wenn wir dort je etwas anderes gemacht hätten als zu leben.

Und Leben im Verfall macht müde. So wunderbar alles in dem Ruinenspielplatz Zittau auch war, immer schwebte im Hintergrund eine gewisse Melancholie. Zittau hatte offenkundig keine Zukunft und so lag auch für jeden einzelnen von uns die Zukunft anderswo. Wir zogen weiter und waren viellelicht nur Touristen anderer Art gewesen. Vielleicht passiert es uns heute mal, wenn wir irgendwo anders ein leerstehendes Gebäude betreten, daß wir Urbex betreiben. Aber wenn es im folgenden um einige Erlebnisse im leeren Zittau gehen soll, dann geht es nicht um Urbex.

Silvio Macetti (N.K.)

Silvio Macetti war nur nebenbei Architekt. Im Hauptberuf war er Revolutionär und dafür benutzte er seinen echten Namen, den er auch im Pseudonym nicht ganz aufgeben wollte: Noureddin Kianouri. Er stammte aus dem Iran und war führender Funktionär der Tudeh-Partei, der kommunistischen Partei des Iran.

Vielleicht, wenn alles anders gekommen wäre, wenn Briten und Amerikaner nicht 1953 die fortschrittliche Regierung Mossadegh gestürzt hätten, vielleicht würde man den Namen Kianouri als den eines führenden Architekten eines sozialistischen Iran kennen. Vor dem danach installierten Shah-Regime floh der damals etwa vierzigjährige Kianouri ins Exil, erst in die Sowjetunion, dann in die DDR, wo er in Berlin ein neues Zuhause und eine geeignete Basis für sein politisches Wirken fand.

Irgendwo unterwegs legte er sich für seine Nebentätigkeit den Namen Silvio Macetti (N.K.) zu. Exil und vordringlichere politische Aufgaben pflegen nicht die besten Voraussetzungen für Architekturpraxis zu sein, daher bleib sein architektonisches Wirken auf die Theorie beschränkt. In den Sechzigern und frühen Siebzigern veröffentlichte er viele Artikel in der Zeitschrift „deutsche architektur“ und deren Nachfolgerin „Architektur der DDR“. Ein italienischer Name fiel darin so sehr auf wie ein persischer aufgefallen wäre, aber auch so stachen Macettis in distinguiertem, wenn auch vielleicht manchmal etwas ungewöhnlichen Deutsch verfaßtem Texte oft aus den, ohnedies hochinteressanten, Meinungsstreits der Zeit heraus. Man spürte, daß hier jemand schon weit über das gegenwärtige Baugeschehen hinausdachte – vielleicht eben, weil er daran nicht aktiv beteiligt war – und eine sehr bestimmte Vorstellung davon hatte, wie eine sozialistische Architektur aussehen sollte.

Liest man Macettis 1968 erschienenes Buch „Großwohneinheiten“, findet man das auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Es ist ein Werk, dessen Bedeutung für eine sozialistische Architekturtheorie gar nicht zu überschätzen ist und es wäre das auch, wenn sein Autor eine weniger interessante Gestalt gewesen wäre. Doch man liest es anders, wenn man sein weiteres Schicksal kennt.

Seine Tudeh-Partei gehörte in den Sechzigern und Siebzigern zu den engsten Verbündeten des Islamistenführers Ajatollah Khomeini. Ihre und anderer linker Gruppen Organisationsstrukturen im Teheraner Proletariat trugen zum Sieg der heute islamisch genannten Revolution von 1979 bei. Noch lange nachdem Khomeini selbst die politische Macht übernommen und sich anderer linker Konkurrenten entledigt hatte, hielt die Tudeh-Partei zu ihm. Ihr und Noureddin Kianouri persönlich half das nicht: 1983 wurde die Partei verboten und er nach Folter gezwungen, sich im Fernsehen als sowjetischer Spion zu bekennen. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Gefängnis und unter Hausarrest.

In seinem Buch „Großwohneinheiten“ zeigt sich Macetti zum einen als entschiedener Anhänger von Le Corbusier, schon das von ihm geprägte Wort im Titel bezieht sich auf dessen „Unité d’habitation“ (Wohneinheit). Nie macht er aus seiner Bewunderung für ihn einen Hehl, aber er schreibt auch, wie es immer wieder zu schreiben ist: „Durch den sozialen Wohnungsbau kann keine soziale Revolution verhindert werden – wie er [Le Corbusier] glaubt –, sondern die wirklichen Grundlagen für eine umfassende städtebauliche Erneuerung und für ein menschenwürdiges Wohnen aller Menschen können nur durch eine soziale Revolution geschaffen werden.“

Aber er geht weit über Le Corbusier und die anderen Beispiele aus kapitalistischen Staaten hinaus. Ihm ist die Großwohneinheit „im Grunde ein Wohnkomplex mit einem wesentlich höheren Grad der Konzentration der Wohnungen und der Gemeinschaftseinrichtungen in einer baulichen Einheit.“ Die verschiedenen Funktionen, die zuvor jeder Haushalt individuell erfüllen mußte, Wäschewaschen, Kinderbetreuung und Speisenzubereitung etwa, sollen dabei in immer stärkerem Maße vergesellschaftet werden, etwa durch Wäschereien, Kindergärten und Gemeinschaftsküchen. Ein Hauptnutzen der Großwohneinheit ist entsprechend die „Befreiung [der Frau] von der Haushaltsarbeit.“ An ein Zitat von Lenin anknüpfend stellt er fest: „Es genügt nicht, die Gleichberechtigung der Frau gesetzlich festzulegen und grundsätzlich alle Wege zu ihrer allseitigen Entwicklung zu öffnen. Notwendig ist vor allem, die Frau von der Belastung zu befreien, die ihr die Ausübung dieser Gleichberechtigung unmöglich macht.“ Dies ist nichts anderes, als ein radikaler kommunistischer Feminismus, dem die „umfassende Emanzipation der Frau“ keine Frage von Werten oder Moral ist, sondern der für ein konkretes Problem, die Haushaltsarbeit, eine konkrete Lösung, die Vergesellschaftung der Haushaltsfunktionen, vorschlägt.

Vorschlag von Silvio Macetti für eine Großwohneinheit in Halle-Neustadt. Aus Macetti (N.K.), Silvio: Großwohneinheiten, Berlin 1968

Vorschlag von Silvio Macetti für eine Großwohneinheit in Halle-Neustadt. Aus Macetti (N.K.), Silvio: Großwohneinheiten, Berlin 1968

Die Realität der sozialistischen Staaten blieb dahinter, wie man weiß, weit zurück. Während einige Haushaltsfunktionen, etwa die Kinderbetreuung oder auch das Wäschewaschen, in gewissem Maßen vergesellschaftet wurden, wurde es bei anderen, besonders der Speisenzubereitung, kaum auch nur versucht. Dazu gab es bloß Experimente in der Sowjetunion in den Zwanzigern und Sechzigern und in der Tschechoslowakei in den späten Vierzigern, die in Macettis Buch entsprechend viel Raum finden. Schon 1980 liest man im in der DDR erschienenen „Wörterbuch der Architektur“, daß Großwohneinheiten „vielfach in den bisherigen Varianten abgelehnt“ werden.

Das gesamte Ausmaß des Scheitern des Silvio Macetti (N.K.)/Noureddin Kianouri begreift man, wenn man sich verdeutlicht, daß dieser überzeugte Feminist einem der frauenfeindlichsten Systeme der Gegenwart an die Macht half. Heute ist es allzu leicht, ihn dafür zu verurteilen, aber um es zu verstehen, muß man sich die Situation eines Kommunisten in den siebziger Jahren vorstellen. Wie hätte er nicht erfüllt sein können vom historischen Optimismus, daß der Sozialismus siegt? Denn es passierte ja. Wie hätte er sich vorstellen können, daß das Alte, die Religion, gegen das Neue, den Sozialismus, siegen könne? Denn es war ja noch nie passiert. Die Tudeh-Partei glaubte also nicht unbegründet, den Ajatollah für ihre Zwecke zu benutzen. Sie hatte ja die halbe Welt hinter sich und er nur das iranische Kleinbürgertum. In Wirklichkeit aber benutzte er sie.

Das Beispiel von Noureddin Kianouri zeigt, daß man nicht leichtfertig jeden Kommunisten, der sich in ein Bündnis mit reaktionären Kräften begab, verurteilen sollte. Aber es warnt auch davor, aus der iranischen Erfahrung nichts zu lernen und sich im nun bloß noch verantwortungslos naiven Glauben, das Gute werde sich schon durchsetzen, wieder in solche Bündnisse zu begeben. Noureddin Kianouri immerhin hatte das Glück, im Nebenberuf als Silvio Macetti (N.K.) Bleibendes geschaffen zu haben, das zu gegebener Zeit wiederzuentdecken sein wird.

U-Bahnhof Donaustadtbrücke

Der ungeneigte Leser dieses Blogs könnte mir vorwerfen, daß ich immer alles aus den Sechzigern, Siebzigern möge, während ich alles von heute schlechtmache, daß ich mithin bloß auf andere Art von der „Patina des Alters“ (Georg Piltz) geblendet sei. Mindestens in der Hinsicht, daß ich mir ein Gebäude aus diesen Jahrzehnten eher und wohlwollender ansehe, ist das auch wahr. Meine Entschuldigung könnte sein, daß solche Gebäude sonst zu wenig Betrachtung finden, daß ich hinsehe, wo andere wegsehen. Doch damit der Leser geneigter werde, sei hier einmal ein Gebäude aus jüngerer Zeit in positivsten Tönen beschrieben.

Erbaut wurde der Wiener U-Bahnhof Donaustadtbrücke im Jahre 2010. Architektonisch ist er so tadellos wie unscheinbar, viel roher Beton, viel grauer Stein in den beiden Eingangsbereichen, große Glasfläche um die Bahnsteige, allerdings mit horizontalen Streifen, wohl mehr den Vögeln zuliebe denn zum Sonnenschutz. Diese Ästhetik teilt er sich mit den anderen Stationen der östlichen Erweiterung der lila Linie U2. Wirklich erwähnenswert jedoch wird er durch seine städtebauliche Anordnung und seine Umgebung.

u-bahnhofdonaustadtbrueckeautobahn

Der Bahnhof befindet sich genau am Ende der namensgebenden Brücke, die Bahnsteige spannen sich über die tieferliegende Donauuferautobahn. Durch den einen Ausgang gelangt man direkt zur Neuen Donau, wo bald ein Steg zur Donauinsel führt. Er dient also ausschließlich dem, vor allem sommerlichen, Freizeitbetrieb, was aber auch schon der sichtbarste Nutzen ist.

Beim anderen Ausgang mußte der Nutzen erst geschaffen werden, da es keine ältere Bebauung oder sonst irgendetwas gibt. So führt eine unter deb aufgestützten Gleisen hängende Brücke in ein großes Park&Ride-Parkhaus. Und an der Seite ist auf leicht ansteigender Fläche ein tropfenförmiger Wendekreis mit mehreren Bushaltestellen angeordnet, von wo Busse ins Suburbia der Donaustadt oder auch zum Ölhafen abfahren. Erst durch das Parkhaus und vor allem die Bushaltestellen bekommt die U-Bahnstation für das Wiener Verkehrsnetz einen ganzjährigen Nutzen.

u-bahnhofdonaustadtbrueckebushaltestellen

Die Gestaltung des Wendekreises ist auch naheliegend und funktional, aber zugleich sieht man hier sehr schön, was die heutige Architektur von der der Sechziger und Siebziger lernen könnte. In dieser Zeit wäre an diesem Ort vielleicht eine Busstation entstanden. Nun müßte man so weit gar nicht gehen, es müßte dort kein zweites Schottentor sein, ja, es müßten nicht einmal Vordächer, die die Haltestellen mit der U-Bahnstation verbinden, errichtet werden. Aber was spräche dagegen, auf der leeren vertikalen Wandfläche neben dem Beginn der Bahnsteige eine große Uhr anzubringen? Oder auf der horizontalen Fläche unter dem Bahnsteig einen digitalen Abfahrtsanzeiger? Das sind Kleinigkeiten, die nützlich wären und dem Ort einen wiedererkennbaren Charakter geben würden.

Stattdessen ragt oben aus der vertikalen Fläche eine Leuchtröhre, ein Kunstwerk, von dem positiv höchstens zu sagen ist, daß es unmöglich als solches zu erkennen ist. Irgendwie bezieht es sich auch auf ein entsprechendes an der U-Bahnstation Donaumarina am anderen Ende der Brücke und macht sich so noch lächerlicher. An den flußseitigen Bahnsteigenden nämlich steht man wie auf Balkonen und blickt die Länge der Brücke entlang am übertrieben hohen Pfeiler mit den Stahlseilen vorbei zur Schwesterstation. Der Bezug zwischen den Stationen auf den beiden Seiten der Donau ist durch eine kleine Raffinesse der Architektur also bereits gegeben.

Der U-Bahnhof Donaustadtbrücke zeigt deutlich, daß es in der Architektur seit spätestens 1980 keinen Fortschritt mehr gibt, sondern nur noch eine Abfolge verschiedener Moden. Die gegenwärtige Architektur mag, wie in diesem Falle, nicht schlecht sein, aber sie schafft es nicht, in größeren zusammenhängenden Räumen zu denken. Die Bushaltestellen, die mit dem U-Bahnhof eine Einheit bilden müßten, werden nur als dessen Anhängsel begriffen. Und statt nützlicher und nicht einmal teurer Kleinigkeiten wie Uhren oder Anzeigetafeln gibt es nichtige und vermutlich nicht billige Kunst. Ist es da ein Wunder, daß ich mich lieber mit der Architektur der Sechziger, Siebziger beschäftige? Für eine zukünftige Architektur ist aus ihr jedenfalls mehr zu lernen.