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Zwei Arten von Stadt

Es gibt nur zwei Arten von Stadt, grundsätzlich. Zwischen den Straßen Bolesława Krzywoustego und Piastowska in Przymorze im Norden von Gdańsk sind sie nebeneinander zu betrachten.

Die erste Art von Stadt wird hier vertreten von „Oliwa Park“. Der Name ist bezeichnend, weil an ihm nichts stimmt: diese Wohnanlage ist nicht in Oliwa und sie ist ganz bestimmt kein Park.

(Bilder zum Vergrößeren anklicken)

Sie besteht aus grau-weißen fünfgeschossigen Gebäuden in irgendwelchen modisch minimalen Formen, die irgendwie um Parkplätze und private Gärten angeordnet sind. Um sie herum ist ein Zaun. Nichts gibt sie der umliegenden Stadt, niemand kann sie durchqueren.

Die zweite Art von Stadt wird hier vertreten von einem namenslosem kleinen Wohngebiet, das schon nicht nur administrativ Teil von Przymorze ist. Es besteht aus längeren fünfgeschossigen Gebäuden und sechsgeschossigen Punkthäusern, zwischen denen öffentliche Grünflächen und Parkplätze sind.

Direkt nach dem Zaun von „Oliwa Park“ führt ein Weg von der Bolesława Krzywoustego zur Piastowska. Von diesem Weg zweigt ein anderer ab und führt durch eine Grünfläche auf einen Durchgang im längsten Gebäude des Wohngebiets zu.

Danach setzt er sich fort als leichter Bogen entlang der Schmalseiten links aufgereihter Gebäude, während die Parkplätze rechts durch Bäume und eine niedrige Steinmauer abgetrennt sind.

Er endet zwischen den Punkthäusern an der Ecke Piastowska/Chłopska, wo eine Ladenzeile ein winziges, aber wertvolles Zentrum bildet.

Der Bezug dieses Wohngebiets zur umliegenden Stadt ist voller Zärtlichkeit. Es nimmt den Fußgänger auf und leitet ihn sanft durch sich hindurch. Für ein Stück seines Wegs behütet es ihn liebevoll, ohne sich ihm je aufzuzwingen. Der Durchgang durch das Gebäude hat dabei etwas geradezu Erotisches. Er ist genau dort, wo er sein muß, und läßt einen ungehindert ins weitere Wohngebiet eindringen.

Das Ladengebäude an seinem anderen Ende verbindet zwei der Punkthäuser und hat einen Durchgang, durch den man von der großen Chłopska kommend genauso selbstverständlich tritt.

So bilden die Durchgänge die beiden Enden oder Anfänge des Wohngebiets und der Weg zwischen ihnen ist klar definiert. Aber er ist zugleich nur einer von vielen möglichen Wegen. Immer kann man auch anders gehen, der Raum zwischen den Gebäuden ist offen.

Auf seine Art ist das Wohngebiet perfekt. Für sich selbst genommen ein harmonisches Ganzes, tut es doch alles, wertvoller Teil eines größeren Ganzen, der Stadt, zu sein und es liegt an dieser, ebenso harmonisch zu werden. In „Oliwa Park“ gibt es von all dem keine Spur. Auch, wenn man seinen Zaun wegrisse, bliebe es noch ein Hindernis, da es ohne jeden Bezug auf die umliegende Stadt gebaut ist.

Die beiden grundsätzlichen Arten von Stadt sind absolute Gegensätze. Die erste ist schlecht, die zweite ist gut. Die erste ist die kapitalistische Stadt, die zweite ist die sozialistische Stadt.

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Erkundungen auf Friedhöfen: Muslimische Gräbervielfalt in Malmö

Zum Malmöer Immigrantenstadtteil Rosengård gehört auch der Östra kyrkogården (Ostfriedhof). Neben einem großen christlichen, das heißt protestantischen, Teil hat er auch einen kleinen jüdischen und einen etwas größeren und wachsenden muslimischen Teil.

Dieser ist der jüngste Teil, die ersten Gräber sind aus den Siebzigern, und wirkt auch unfertiger, provisorischer als anderen. Das liegt wohl daran, daß er nicht wie diese allseits von Bäumen oder Hecken umschlossen ist, sondern zu umliegenden öden Wiesen und der dahinter aufragenden Wohnbebauung geöffnet ist.

Die Gräber sind sehr unterschiedlich. Es gibt bosnische Gräber mit kitschig realistischen eingravierten Porträts,

albanische Gräber in stilisierten Moscheeformen,

türkische Gräber mit türkischen Flaggen

und Gräber mit arabischen oder persischen Aufschriften wie folgendes irakische.

Manche Steine sind nur schwedisch, manche zweisprachig, manche nur in anderen Sprachen beschriftet. Manchen fehlt jeder Hinweis auf Religiöses, manche haben Hinweise auf die erste Sure des Korans الفاتحة/fatiha.

Was hier auffällt, ist, daß es so etwas wie das typische muslimische Grab nicht gibt. Wie auch? Auch ein christliches Grab sieht in Schweden schließlich anders aus als in Deutschland und dort wieder anders als in Polen oder Italien. Bestattungskultur ist regional, bestenfalls national. Religion ist dabei zweitrangig. So sehen die bosnischen Gräber in Malmö den serbischen in Wien sehr ähnlich und deuten auf gesamtjugoslawische Moden hin. Diese Vielfalt hat etwas Beruhigendes. Und sie ist bedroht.

Denn der Friedhof hat auch eine Ecke, wo nur einfache niedrige Holzschilder im Boden stecken oder sogar nur Plastikschilder mit Nummern.

Dort liegen die Extremisten sunnitischer Couleur, die Wahhabiten von der arabischen Halbinsel und die Deobandis vom indischen Subkontinent, denen schon Namen auf Gräbern der Anfang von Heiligen- oder Götzenverehrung ist, die sie hassen. Einzig der schwedischen Ordentlichkeit verdankt es sich, daß man die Gräber überhaupt als solche erkennt. Auf dem Friedhof ist dieser Islam, der zurecht behauptet näher an den Ursprüngen zu sein und regionale Varianten ablehnt, glücklicherweise noch in der Minderheit. Lehrreich wäre ein Besuch dieses Friedhofs daher für all diejenigen, die in mal wohlwollendem, mal übelwollenden Rassismus denken, alle Muslime seien gleich und müßten irgendwelche religiöse Vorschriften beachten. Er zeigt die bedrohte Vielfalt des Islam.

Chronogramm

Ein Chronogramm ist ein kurzer Text, in dem eine Jahreszahl versteckt ist. Dazu werden Buchstaben, die römische Ziffern sein können, durch Großschreibung hervorgehoben. Anders als bei normalen römischen Zahlen ist die Reihenfolge egal und es werden einfach alle Einzelziffern addiert. Das Chronogramm paßt damit gut zum Barock und seinem Hang zum Verspielten und Verrätselten. Er leistete damit auch dem späteren Betrachter seiner Bauten und Kunstwerke einen Dienst, denn ihm helfen Inschriften mit Chronogrammen zu deren genaueren zeitlichen Einordnung.

Aber auch noch um 1830, nachdem die antikisierende Strenge des Klassizismus mit solchen Spielereien vielerorts schon Schluß gemacht hatte, lebten Chronogramme und Barock an den Rändern, in der Provinz weiter. Hier zwei Beispiele aus dörflichen Teilen von Hradec Králové, die damals noch nicht geahnt hätten, daß sie einmal zu dieser Stadt gehören würden.

In Pouchov, nahe der nüchternen barocken Kirche, mit der ein weiter Bereich mit mehreren voneinander durch Mauern getrennten Friedhöfen endet, steht eine Statue des Johannes von Nepomuk.

Sie wirkt gänzlich barock, aber ihre Inschriften sind nicht auf Latein, sondern in einem alten Tschechisch verfaßt. Auf der Rückseite ist ein Chronogramm, das darunter bereits als 1829 aufgelöst ist, was aber erst bei der Restaurierung im Jahre 1906 geschehen sein mag.

Von [?] zu Ehren Gottes und des Heiligen Johannes von Nepomuk errichtet

Faszinierend ist hier, daß das W, ein Buchstabe, den weder das Lateinische noch das heutige Tschechisch kennen, als zwei Vs gezählt wird. So wird die Form des Chronogramms der Volkssprache angepaßt und noch verrätselter.

In einem ehemaligen Teil von Třebeš findet sich auf dem eng mit Gräbern bedeckten Hang zwischen dem hölzernen Glockenturm und der teils holzverkleideten und von hölzernen Arkaden umgebenen Kostel sv. Jana Křtitele (Johannes-der-Täufer-Kirche) das Grab von Wenzel und Anna Kohaut.

Es ist eines der wenigen deutsch beschrifteten Gräbern auf dem kleinen Friedhof, wobei die Germanisierung der Familie wohl noch nicht lange zurücklag, ist Wenzel doch die deutsche Form des sehr tschechischen Václav und bedeutet „kohout“ Hahn.

Es ist auch sonst ein eigenartiges Grab, das vorne im durchaus klassizistischen Rahmen aus Säulen und Dreiecksgiebel das Relief einer trauernden Frau zeigt und unten eine Inschrift in Schreibschrift hat, in der es mehr um die trauernde Tochter als um die Verstorbenen geht.

Erst auf der, allerdings zu den Arkaden zeigenden, Rückseite sind die Lebensdaten des 1834 verstorbenen Vaters und der 1835 verstorbenen Mutter genannt. Darunter ist eine weitere Inschrift, nun mit Chronogramm.

Es ist jedoch ein Chronogramm, das auf den ersten Blick keinerlei Sinn ergibt. Viele der hervorgehobenen Buchstaben, S, R, E, A und T, können keine römischen Ziffern sein. Nur, wenn man auch die Üs als Vs zählt, ergibt sich doch noch die Zahl 1837. Vielleicht hatte die Tochter nur noch ein ungefähres Gefühl dafür, was ein Chronogramm ist, und wollte die von ihr als mehr oder weniger arbiträr erlebte Verwendung großer und kleiner Buchstaben, die sie aus barocken Inschriften kannte, eher als Retroelement in das Grab ihrer Eltern einfügen. Vielleicht aber bilden die überschüssigen Buchstaben auch einen heute nicht mehr zu entschlüsselnden Code. S R E A E A T E E. Es ist unmöglich zu sagen. Hier erreicht die Gattung des Chronogramms seinen Höhepunkt und wird zugleich ad absurdum geführt – das Rätsel läßt sich nicht mehr lösen.

Bald darauf wurde der Barock dann auch von den Rändern verdrängt und Chronogramme entstanden keine mehr.

Erkundungen auf Friedhöfen: Das Grab des Rabbis Samuel Aron Frommer

Manchmal wird von lebendiger Geschichte geredet. Das stimmt natürlich nie. Geschichte ist tot und alles, was Geschichte nacherlebbar machen will, ist eine, vielleicht gutgemeinte, Lüge. Aber manchmal steht man der Geschichte doch unvermittelter gegenüber als sonst. So am Grab des Rabbis Samuel Aron Frommer auf dem alten jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs.

FrommerGrab

Es ist ein großes Grab, aber nicht auffällig groß. Eine freistehende Gruft mit leicht orientalisierenden Pilastern und Tempeldach. Oben zu drei Seiten in hebräischer Schrift der Name und die chassidischen Ehrentitel des Rabbis. Innen ein schmaler Raum und an seinem Ende ein großer, aber schlichter weißer Stein mit hebräischer Inschrift.

FrommerGrabstein

Nirgends ein lateinisches Wort. Das ist auf dem Wiener Zentralfriedhof, wo meist zweisprachige oder deutsche Inschriften sind, nicht häufig, aber auch nicht einmalig. So könnte man also weitergehen, sicher, daß das Grab einem nichts sagen kann, weil man kein Hebräisch kann. Das wäre aber ein Fehler. Stattdessen trete man ein.

Auf den Sockel des Grabsteins wurde etwas geschrieben, Kritzeleien, meint man, Schändungen gar, Zeichen der Verwahrlosung. Und auch zwischen den Zeilen oben etwas, ein Herz mit Datum. Dann das plötzliche Erkennen: das Schwarze auf dem weißen Stein ist kein Dreck, es ist sind Buchstaben. Der Grabstein des Rabbis Samuel Aron Frommer ist über und über mit Worten bedeckt. Und nicht irgendwelche Worte:

„Lieber Rabi bitt beim lieben Gott für mein Weibi u. für mich Dora, Sigi, Pepi, Franzi / Er soll uns nicht verlassen / Poldy u. Leon 7/VIII 1938“

„Lass bald Frieden für uns Juden kommen […]“

FrommerFrieden

„Hilf mir, daß ich nach Palästina kann […]“

FrommerPalästina

„Lieber guter Rabbi, heute ist es 18 Monate das Feitil [?] im K.-Z. ist. Hilf uns doch endlich, heiliger Rabbi! 22.9.39“

FrommerKZ

Alle, alle diese Inschriften sind Fürbitten an den toten Rabbi Frommer, flehende, immer verzweifelter werdende Wünsche. Sie erzählen mitten auf dem Friedhof so direkt und eindrucksvoll vom vergangenen jüdischen Leben wie kaum etwas anderes, was man im öffentlichen Raum finden kann.

Auch hier lebt die Geschichte nicht, aber sie ist unvermittelt, ungefiltert, vor einem. Die Worte eines der wenigen verbliebenen Zeitzeugen können faszinierend sein, aber er spricht sie als die Person, die er heute ist, nicht als die Person, die er vor 75 Jahren war. Die Worte eines zeitgenössischen Berichts können faszinierend sein, aber sie sind bloß wie beliebige andere Worte auf Papier gedruckt. Das einzig Vergleichbare wäre es, einen handschriftlichen Brief aus der Zeit in der Hand zu halten und wer hat dazu schon Gelegenheit? Hier aber kann man lesen, was Wiener Juden in eigenen Worten und in eigener Handschrift niederschrieben.

Rabbi Frommer starb laut dem Grabstein am 23. Sivan 5691, also am 8. Juni 1931, und das erste noch zu lesende Datum auf dem Stein ist 1936. Auch aus den Fünfzigern sind einige Inschriften und vereinzelte aus noch späterer Zeit. Wie man daran sieht, ist das Beten am Grab von herausragenden Rabbis, den Zaddiks, eine übliche Praxis der ostjüdischen Chassidim. Unkontrovers allerdings ist es nicht und mußte auch erst einmal mit allerlei theologischen Spitzfindigkeiten vom Anbeten der Toten unterschieden werden, denn das wäre streng verboten. Joseph Roth beschriebt 1927 in „Juden auf Wanderschaft“ den chassidische Kult um einzelne Rabbis so:

„Sehr deutlich ist die Trennung zwischen sogenannten aufgeklärten Juden und den Kabbalagläubigen, den Anhängern der einzelnen Wunderrabbis, von denen jeder seine bestimmte Chassidimgruppe hatte. Die aufgeklärten Juden sind nicht etwa ungläubige Juden. Sie verwerfen nur jeden Mystizismus und ihr fester Glaube an die Wunder, die in der Bibel erzählt werden, kann nicht erschüttert werden durch die Ungläubigkeit, mit der sie den Wundern der gegenwärtigen Rabbis gegenüberstehn. Für die Chassidim ist der Wunderrabbi der Mittler zwischen Mensch und Gott. Die „aufgeklärten“ Juden bedürfen keines Mittlers. Ja, sie betrachten es als Sünde, an eine irdische Macht zu glauben, die imstande wäre, Gottes Ratschlüssen vorzugreifen, und sie sind selbst ihre eigenen Fürsprecher. Dennoch können sich viele Juden, auch, wenn sie keine Chassidim sind, der wunderbaren Atmosphäre, die um einen Rabbi weht, nicht entziehen und ungläubige Juden und selbst christliche Bauern begeben sich in schwierigen Lagen zum Rabbi, um Trost und Hilfe zu finden.“

Wie das Grab des Rabbis Frommer zeigt, nahm die übliche Praxis in der Zeit der größten Bedrängnis der Juden stark zu. Nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland, nach der Einführung judenfeindlicher Gesetze und den ersten Pogromen, stieg verständlicherweise das Bedürfnis, den Rabbi um Hilfe zu bitten. Die allermeisten Inschriften sind aus den Jahren 1938 und 1939. Außer den deutschen Inschriften sind auch jiddische in hebräischen Buchstaben und ukrainische in kyrillischen Buchstaben zu lesen, eine von diesen gar vom „9/VI 43“.

Es waren offenkundig einfache Leute, die hier in einfachen, manchmal ungelenken Worten ihre Bitten aufschrieben und dadurch tiefe Einblicke in ihre Lebenssituation und ihre Welt gaben, genau die Leute, die in den Geschichtsbüchern kaum vorkommen. Sie schrieben es nicht, damit es gelesen werde, sie schrieben es für ihren „heiligen Rabbi“. Für sie war Frommers Grab ein Wallfahrtsort, den zu besuchen ihnen wohl leider so wenig brachte wie allgemein der Besuch von Wallfahrtsorten. Heute ist es ein Denkmal, zufällig, ungeplant, bloß weil diese Worte dort die Zeit überdauert haben. Es ist damit einer der faszinierendsten jüdischen Orte in Wien.

Informationen finden sich darüber wenigstens im Internet keine. Ein unkommentiertes Bild bei Flickr, eine Erwähnung in einem jiddischsprachigen Forum, der Hinweis, daß Samuel Arons Sohn Simon im Jahre 1907 in der türkisch-israelitischen Gemeinde Wiens heiratete, das ist alles. Wer Frommer war, woher er stammte, das läßt sich nicht mehr herausfinden. Dem steht die Verehrung gegenüber, die er laut der Inschriften bei seinen Anhängern genoß.

Man kann also nur spekulieren: Er war Oberhaupt einer chassidischen Dynastie, einer derjenigen, die Roth Wunderrabbis nennt. Er stammte aus dem Osten, aus Galizien, der Ukraine oder Litauen, war aber seit vor 1907 in Wien, vermutlich in der jüdisch geprägten Leopoldstadt. Während manche chassidische Dynastien die Vernichtung durch die Deutschen überstanden und in den USA oder Israel weiterbestehen, am bekanntesten wohl die Chabad, bleibt von der des Rabbis Samuel Aron Frommer offenbar nur dieses Grab. So erzählt es indirekt auch von der Vernichtung. Doch was das heißt, Vernichtung, wird man niemals lebendig nachempfinden können.

Ferne Tote

Daß in einem großen Krieg wie dem zweiten Weltkrieg Soldaten fern ihrer Herkunftsländer sterben, das weiß man, das gehört zu einem solchen Krieg. Dennoch ist es noch einmal etwas anderes, an unerwarteten Orten daran erinnert zu werden. Noch faszinierender ist es, wenn die Toten keine Soldaten aus den großen kriegsführenden Staaten waren, die eben dort starben, wo deren Armeen kämpften, sondern solche, die erst ungewöhnlichere komplizierte Schicksale in die Armeen, für die die sie kämpften und starben, geführt hatte.

Auf einem alliierten Friedhof in Nordholland, etwa diesem in Bergen, erwartet man die vielen britischen, kanadischen, australischen und neuseeländischen Gräber.

Doch dazu finden sich auch oft polnische

und manchmal tschechoslowakische.

Mitten im gefühlten Westen ist da der gefühlte Osten, der dort scheinbar so gar nicht hingehört. Die polnischen Adler und tschechoslowakischen Löwen auf den schlichten weißen Steinen in Bergen sind eine Erinnerung an den Beitrag, den Piloten und Flugzeugbesatzungen aus diesen Ländern vom Westen her, mit der britischen Armee kämpfend, im Krieg gegen Deutschland erbrachten.

Im Osten kämpften polnische und tschechoslowakische Truppen an der Seite der sowjetischen Armee, wie ein Denkmal in Gdynia erinnert. Im Vorort Orłowo, abseits der durch die ganze Trójmiasto führenden großen Straße, die hier Aleja Zwycięstwa (Allee des Sieges) heißt, bildet der rechteckige Stein mit Bronzetafel den Mittelpunkt einer kleinen Grünanlage.

Daß hier am 27.3.1945 bei der Befreiung von Gdynia drei Soldaten der polnischen 1. Panzerbrigade „Helden der Westerplatte“ fielen, wäre nur halb so interessant, wenn nicht der erstgenannte Petko Tanczew ein Bulgare wäre, weshalb unter dem Adler und dem fünfzackigen Stern auch eine bulgarische Inschrift folgt. Was Петко Танчев ochotnik, доъроволец, Freiwilligen werden ließ und wieso er der polnischen Brigade zugeordnet wurde, läßt sich wohl nur noch schwer herausfinden. In Gdynia war bis vor einigen Jahren auch noch eine Schule nach ihm benannt. Heute ist die Gedenktafel, so fern vom Schwarzen Meer und so nah an der Ostsee, eine von eher wenigen bulgarischen Spuren in der Trójmiasto.

An einen Kämpfer nicht an der Seite, sondern in der sowjetischen Armee erinnert eine Gedenktafel am Kulturhaus des ostslowakischen Dörfchens Kladzany.

Sein Name war Hans Jahn und er war, wie zu lesen ist, deutscher Antifaschist in den Reihen der roten Armee, der bei der Befreiung von Kladzany kämpfte und fiel.

Laut den verfügbaren Daten war er ein Wehrmachtssoldat, der zur sowjetischen Armee übergelaufen war und bei Kladzany starb, vielleicht, während er einen anderen rettete. Daß er nicht vergessen ist, verdankt sich der DDR, die das in Dessau stationierte Funkaufklärungsregiment „Hans Jahn“ nach ihm benannte, und dessen Soldaten, die mehr über ihren Namenspatron herausfinden wollten. Die 1979 angebrachte Tafel war somit eine freundliche Geste der Tschechoslowakei an die befreundete DDR, eine Erinnerung an die anderen Deutschen, die es erstaunlicherweise gab. In Kladzany ist Hans Jahn dadurch nicht ganz vergessen und erst Ende letzten Jahres führte das örtliche Laientheater ein Stück über ihn auf.

Was diese drei Beispiele, drei von sicher unzähligen, unter denen ebenso sicher noch weit eigentümlichere sind, zeigen, ist, daß der zweite Weltkrieg auch deshalb so genannt wird, weil in ihm alles zusammenhing. Polnische und tschechoslowakische Flieger in Holland, ein bulgarischer Freiwilliger an der polnischen Ostsee, ein deutscher Rotarmist in der slowakischen Provinz – das sagt viel über den zweiten Weltkrieg.

Die Rückseite von Oliwa

Die Klosterkirche von Oliwa im Norden von Gdańsk ist ein vom Barock veränderter gotischer Bau. Gotik und Barock sind eine häufige, aber schwierige Kombination. Häufig jedenfalls in diesen Breiten, wo die Kirchen in der Gotik gebaut und im Barock umgebaut wurden, während es kaum sakrale Architektur der Renaissance gibt. Schwierig, weil Gotik und Barock so unterschiedlichen Prinzipien folgen. Die Gotik ist bestimmt von der Kühnheit und Klarheit der Konstruktion und monumental, vertikal, der Barock hingegen von der Vielfalt der Schmuckformen und verspielt, horizontal. Dies gilt jedenfalls grundsätzlich, obwohl es auch klarst konstruierten Barock und horizontalste Gotik gibt. Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten des Aufeinandertreffens von Gotik und Barock und alle drei kann man am Kloster Oliwa erleben.

Die Vorderseite der Klosterkirche zeigt die ungünstigste Möglichkeit.

Aus Kostrowicka, Irena/Kostrowicki, Jerzy: Polen – Landschaft und Architektur, Warschau 1980

Zwischen zwei hohen dünnen Backsteintürmchen bleibt dem Barock nur eine hohe und schmale Fläche, mit der er gar nichts anzufangen weiß. Er rundet die Spitze des einen gotischen Fensters ab, klebt puttenumringte goldene Marien- und Jesus-Monogramme auf, schlägt zwei weitere geschwungene Fenster hinein, schreibt noch schnell das Datum 1771 hinzu und beendet das Ganze mit einem kleinen Giebel.

So nimmt der Barock dem Gotik die Klarheit und die Gotik zwingt den Barock ins Monumentale. Auch das schon 1688 errichtete Portal schafft es nicht, dieser Fassade ein wenig menschliches Maß zu geben.

Alle Bemühungen des Barock sind hier vergebens und wirken so verzweifelt wie die kleine Maria und der kleine Jesus, die sich in den namensgebenden Olivenbaum eines Reliefs geflüchtet zu haben scheinen, ohne daß ihnen das Gold ihrer Kronen dort noch viel nützte.

Die Längsseite der Klosterkirche zeigt die wohl typischste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock.

Vor dem gotischen Baukörper stehen ein kleiner Eingangsbau und eine größere Kapelle aus dem Barock, aber sie interessieren sich überhaupt nicht für ihn, sie bemühen sich nicht im geringsten, auf ihn Bezug zu nehmen, sie stehen einfach in selbstbewußter Gleichgültigkeit davor. Hier verbinden sich Gotik und Barock überhaupt nicht, sondern stehen bloß beieinander.

Der Rückseite der Klosterkirche bleibt es denn vorbehalten, die beste Möglichkeit der Verbindung von Gotik und Barock zu zeigen. Auf dieser Seite sind die einzigen beiden Strebebögen in Oliwa, diese markantesten Elemente der gotischen Baukunst.

Sie schwingen sich von den niedrigen Pfeilern des Chorumgangs schräg zu den beiden hintersten Pfeilern des Chors auf,  die eine Fläche mit spitzbögigem Fenster rahmen. Dieses Fenster nun nahm der Barock auf. Wie bei den anderen Fenstern des Schiffs ließ er die Form unangetastet, aber krönte seine Spitze noch mit einem kleinen Kreuz in einem eigens dafür angebrachten weißen Putzstreifen. Statt nur mit neuen Fenstern füllte er diese spitzbögige Fläche auf seine eigene Art. Unten ist ein großes und rundes Fenster, ganz wie der Barock es mag, und darüber ist ein weißes Relief. Es zeigt rechts einen Greif, der nach links gewandt an einer Art Pult mit Wappen, Bischofshut und -stab, einem Altar vielleicht, steht und oben etwas links der Mitte einen weiteren Olivenbaum, in dem diesmal Gott und Jesus sitzen.

Alles ist hier in Bewegung, die Seiten des Pults geschwungen und zu beiden Seiten dünne Ranken, die auch aufspritzende Wellen sein könnten. Hier greift der Barock feinfühlig das Beste der Gotik, die Strebebögen, auf und verwandelt es mit seinem Kunstwerk.

Zuerst mag es überraschen, daß dies hier geschieht, an der Rückseite. Wieso befindet sich dieses Kunstwerk, das so viel gelungener und lebendiger wirkt als alles an der Vorderseite, gerade hier, wo es doch keiner sehen kann? Die Antwort ist einfach: einer konnte es sehen. Die Rückseite ist nicht einfach eine Rückseite, sondern die Seite, die zum Abtspalast zeigt. Durch eine Mauer getrennt, aber direkt daneben ist ein Vorplatz des Palasts. Er ist ein recht einfacher Barockbau, zwei Geschosse mit großen Fenstern, im mittigen Giebel ein Fenster, dessen Form dem an der Vorderseite der Kirche ähnelt, und die Pilaster auf rokokohafte Rankenornamente reduziert, die denen im Relief an der Rückseite ähneln.

Der Abt Jacek Rybiński, der die Klosterkirche barock umbauen ließ, ließ sich auch diesen Palast errichten. Er steht genau so, daß er die Kirche zu seinem rechten Seitenflügel macht, und genau deshalb befindet sich dort das Relief.

Während die monumentale Vorderseite und auch die nonchalante Längsseite für das Publikum, das gemeine kirchenbesuchende Volk gedacht waren, existierte diese Rückseite nur zum Privatvergnügen des Abts Rybiński. Erst dadurch, daß er das Schönste an der Kirche gleichsam zum Teil seines Palasts machte, zeigte sich Rybiński so wirklich als Kirchenfürst. Daraus ergibt sich dann die Interpretation des Reliefs: das Wappen auf dem Altar ist Rybińskis, darauf liegen die Isignien seines Rangs, der Altar und der daraus wachsende Olivenbaum sind das Kloster und der so selbstbewußt stehende Greif, das ist doch wohl er selbst, Abt von Oliwa.

Rybiński war der letzte, der sich so fühlen konnte, und er erlebte noch, wie sehr er sich mit seiner Selbsteinschätzung getäuscht hatte. Er war der letzte polnische Abt von Oliwa und der letzte, der zugleich weltlicher Herrscher war, da die Gegend 1772 in der ersten polnischen Teilung Preußen eingegliedert, der Klosterbesitz verstaatlicht und das Kloster 1831 schließlich aufgehoben wurde. So überrascht es auch nicht, daß der Blick auf diese gotisch-barocke Symbiose heute von großen Bäumen fast verdeckt ist.

Darin eine bewußte antikatholische Maßnahme der preußischen Landschaftsarchitektur zu sehen, wäre so verlockend wie zweifelsohne übertrieben. Eher zeigt es einfach, wie leicht das Gefühl für architektonische Zusammenhänge, die in der Erbauungszeit offensichtlich waren, verloren geht.

Kirche und Palast, als Einheit gedacht, sind heute auseinandergerissen, gehören in verschiedene Welten. Wenn man vor der Kirche steht, ahnt man vom Palast nichts, und wenn man vorm Palast steht, ahnt man nicht, was die Strebebögen beim Chor bergen.

Was einst Privatvergnügen des Abts war, ist heute Vergnügen all derer, die genau genug hinschauen.

Goldenberg und die Anarchie

Im 15. Bezirk sitzt das Hauptquartier der Wiener Anarchisten, eine zweimal in der Woche kurz geöffnete Buchhandlung, also beachtet man es kaum, wenn man an einer Wand in der Kranzgasse den dümmlich-coolen Spruch „Bildet Banden!“ mit A als Anarchistenlogo sieht.

AnarchistenGoldenberg

Doch dahinter, in weniger geübten Buchstaben und hellerer Farbe, steht noch etwas weit Interessanteres: Goldenberg.

Goldenberg, das war – ist! möchte man hoffen – eine Jugendgang, die Mitte 2015 durch die kostenlosen Boulevardzeitungen der Stadt geisterte, als einige ihrer Anführer zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Schon der Name faszinierte – sollte es sich tatsächlich um eine jüdische Gang handeln? Dann die Tatsache, daß die Mitglieder sich allesamt den Nachnamen Goldenberg zulegten, der Gründer etwa nannte sich Max Goldenberg. Schließlich das Bild von der Verhandlung, auf dem neben einigen vage südländischen Typen auch ein Schwarzer zu sehen war. Das nun war wirklich außergewöhnlich, da die meisten Gangs eben entlang ethnischer Linien organisiert sind. Zur Erklärung braucht man übrigens nicht einmal von Kulturen und ähnlich Kompliziertem zu reden, es genügt schon, sich der praktischen Vorteile einer gemeinsamen, für Außenstehende unverständlichen Umgangssprache bewußt zu sein. Goldenberg war anders. Offenkundig hatte Max Goldenberg da etwas Herausragendes geschaffen.

In den Boulevardzeitungen gab es zu diesen faszinierenden Umständen erwartungsgemäß nichts, sie erschöpften sich in der moralistischen Verurteilung des Verbrechens, die sie nur, wenn es um mittelalte weiße Bordellbesitzer geht, manchmal ablegen. In einem späteren ausführlicheren Artikel in einer obskuren Zeitschrift (im Internet nur noch eine Ankündigung verfügbar) erfuhr man dann wenigstens, daß die Bande ihr Entstehen dem Charisma Max Goldenbergs verdankte und sich einer aus Kampfsportfilmen zusammengeklaubten individualistischen Selbstoptimierungsideologie verpflichtet fühlte, dem alten „Wenn man nur an sich glaubt, kann man alles erreichen“. Im Kern stammte die Bande aus Favoriten, dem migrantischen 10. Bezirk, aber sie hatte Anhänger in der gesamten Stadt. Im Kern war sie, wie Max selbst, tschetschenisch, aber sie hatte Anhänger verschiedenster Nationalitäten. Religion spielte offenbar keine besondere Rolle.

"Wir sind wenige, aber wir sind überall" - tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

„Wir sind wenige, aber wir sind überall“ – russischsprachige tschetschenische Aufschrift im Wertheimsteinpark. Man beachte die unsicheren kyrillischen Buchstaben und das erste Wort, die in ihrer Mischung aus kyrillischen und lateinischen Zeichen kaum mehr verständliche tschetschenische Bezeichnung für Tschetschenien.

Doch auch der ausführlichere Artikel kam über auf andere Art moralistisches Verständnis für das Verbrechen nicht hinaus und konnte so nicht zum Kern des Phänomens Goldenberg vordringen: der äußersten Seltenheit multiethnischer und noch dazu überkonfessioneller Gangs. Dazu bedürfte es einer amoralischen Bewunderung für das Verbrechen.

So betrachtet, stellt das Entstehen einer Bande wie Goldenberg sogar einen Erfolg der Integrationspolitik der Wiener Stadtregierung da. Statt sich untereinander zu bekriegen, tun sich die Migranten zusammen, um gemeinsam Supermärkte, noch dazu im reichen 1. Bezirk, zu überfallen.

Auch der faszinierende Name paßt dazu. Man liest zu ihm verschiedene Erklärungen: er soll entweder von einem Berg im Kaukasus, vom amerikanischen Unternehmer Mark Zuckerberg oder vom amerikanischen Wrestler Goldberg stammen. Aber wie niemand es für nötig hielt, zu recherchieren, ob es so einen Berg gibt (eher nicht), wurde auch nirgends thematisiert, inwieweit es für die Gang wichtig war, daß gleich zwei ihrer möglichen Namenspaten Juden sind. Sicherlich aber ist das Ablegen der alten, fremdartig klingenden Namen zugunsten eines deutsch-jüdischen ein Akt der Integration, ja, Assimilation. Man könnte da an die afro-amerikanische Schauspielerin Whoopi Goldberg denken, die ihren Nachnamen wählte, weil ihre Mutter ihr sagte, daß ein jüdischerer Name helfe, in Hollywood Erfolg zu haben. Aber das sind Fragen, die nur echter Journalismus beantworten könnte und so bleiben sie denn unbeantwortet.

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Anti-Goldenberg-Aufschrift in Favoriten

Die Anarchisten nun können von einer an Goldenberg heranreichenden Organisationskraft im migrantischen Proletariat nur träumen – und genauso auch die anderen linken Grüppchen, von den weniger idiotischen bis zur offen islamistischen Linkswende. Das Nebeneinander der beiden Schriftzüge – dem Namen der wirklichen Bande und der hippen Forderung, Banden zu bilden, der nie nachgekommen wird, von der ihr Schreiber nicht einmal zu erklären wüßte, was er denn verfickt noch mal damit meint – dieses Nebeneinander offenbart ein weiteres Mal die Lächerlichkeit des Anarchismus.

Sollte es in unseren Breiten einmal dazu kommen, daß der Staat zerfällt, daß es Anarchie gibt, daß die Menschen Banden bilden müssen, um zu überleben, daß es also wird wie in, sagen wir, Libyen, dann werden die Anarchisten gewiß nicht darauf vorbereitet sein, Goldenberg aber vielleicht eher. Fraglich ist bloß, ob dann noch für den sympathisch multiethnischen Charakter der Gang Platz wäre oder ob er sich, genauso eigentlich wie der hiesige Anarchismus, als Nebeneffekt der gemütlichen Wiener Sozialstaatlichkeit herausstellen würde.