Archiv des Autors: Philipp Eichhoff

Über Philipp Eichhoff

Autor dieser Texte. Wien, vorher Frankfurt am Main, Berlin und Zittau.

Der Papst im Kajak

Was man in Polen bald erfährt, ist die große Wertschätzung für den Papst. Papst, papież, das ist hier kein Amt mit wechselnden Inhabern, sondern eine Person: Jan Paweł II, Johannes Paul II., Karol Wojtyła. Die Wertschätzung für ihn ist nicht nur staatsoffiziell, sondern umfaßt weiter Teile der Gesellschaft. Auch unter weltoffenen, sogar nicht-religiösen jüngeren Menschen sollte man mit abfälligen Bemerkungen oder Scherzen über den Papst vorsichtig sein, wobei es andererseits auch eine ganze Internetsubkultur, die gerade mehr oder weniger herabwürdigenden Scherzen über den Papst gewidmet ist, gibt.

Zeugnisse der Verehrung des Papstes findet man im öffentlichen Raum ständig. Kaum ein Ort ohne Straßen, Plätze, Brücken, die nach ihm benannt sind, und wenn man nicht mehr als ein Denkmal für ihn findet, hält man sich wohl in einem Hort des Säkularismus auf. Das Jan-Paweł-II-Denkmal ist im heutigen Polen denn eine Kunstgattung für sich, die teils gelungene, teils mißlungene und teils nachgerade bizarre Ausformungen hat. Selten sieht man ein Papstdenkmal, das überrascht, denn trotz unterschiedlichsten Formen bleiben sie schematisch. Das allein gibt dem folgenden Beispiel aus dem Städtchen Łobez im ländlichen Nordwesten des Landes einen gewissen Wert.

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Im hübschen Park am Ufer des Flusses Rega steht ein Findling auf einem runden Sockel aus grauen Steinen und auf diesem ist eine rote steinerne Tafel mit dem Umriß Polens und einer Inschrift.

Man liest, daß der Stein 2012 zum fünfzigsten Jubiläum einer Kajaktour die Rega entlang zum Meer, die der damalige Krakówer Bischof Wojtyła 1962 mit einer Jugendgruppe unternommen hatte, aufgestellt wurde. Nun erkennt man in der polnischen Karte links oben auch Łobez und den Verlauf der Rega. Das gewählte Papstzitat „Wenn du die Quelle finden willst, mußt du in die Berge gehen, gegen den Strom. Kämpfe dich hindurch, suche, weiche nicht zurück“, wirkt angesichts einer Kajakfahrt durch völlig flaches Land und mit der Strömung zum Meer etwas unpassend, beinahe schon sarkastisch, aber das ist ja eher etwas Gutes. Zwei große Informationstafeln am Weg erzählen weiterhin äußerst detailliert von dem Ausflug und zeigen auch ein Bild des Papstes im Kajak.

Es gibt guten Grund, diese Art von Personenkult lächerlich zu finden, aber anders als so viele andere Papstdenkmäler stellt dieses immerhin einen Bezug zwischen der Person Karol Wojtyła und dem Ort Łobez her. Das Denkmal illustriert auch, daß der Möglichkeiten für Gedenkorte wirklich kaum Grenzen gesetzt sind, wenn man jedes kleinste Ereignis im Leben einer Persönlichkeit als erinnerungswürdig definiert. Daß nicht gerade diese Person das verdient hat, steht außer Frage, und daß es keine verdient hat, ließe sich gut argumentieren, aber die Verbindung von kleinen Lebensereignissen mit dem Gedenken an große Menschen ist ein interessanter Ansatz für die Denkmalgestaltung. Und für Łobez wie für überall gilt: der Papst im Kajak ist besser als der Papst im Vatikan.

Ein Ausschnitt aus dem Schild: „Pfarrer Karol Wojtyła („Onkel“) konnte mit seiner Begeisterung für aktive Freizeitgestaltung auch junge Leute anstecken. Die Ferienzeit widmeten sie gemeinsam dem Wandern, Zelten, Gesang am Lagerfeuer und auch dem Gebet, der Meditation, Gesprächen und der Hl. Messe.
Pfarrer Karol war ein begeisterter Kajakfahrer. Die erste Fahrt mit Seiner Beteiligung geschah im Jahre 1953 auf dem Fluß Brda. Danach unternahm er mit seinem Kajak, genannt „Gummistiefel“, 25 Fahrten auf schönen polnischen Flüssen.
Im Jahre 1962 fuhr Bischof Karol Wojtyła zusammen mit der Krakówer Jugendgruppe „Środowisko“ („Umwelt“) auf dem Fluß Rega von Świdwin über Łobez zur Ostsee.“

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Der (fast) vereinigte Platz – Zweiter Teil

Es ist nicht so, daß das Leben des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), des Herzens von Iași, Symbole bräuchte, denn es ist immer offensichtlich. Bei schönem Wetter und im Sommer spätestens, wenn die Sonne nicht mehr zu hoch steht, ist jede Bank und manche Stufe des Vereinigungsdenkmals besetzt. Familien füttern die Tauben, die tagsüber auf dem glatten Pflaster und nachts auf den Dächern und Simsen zu Hause sind, Kinder jagen ihnen nach. Unzählige Passanten durchqueren den Platz. Dieses Leben ist der einfachste Beweis dafür, wie gelungen der Piața Unirii ist und was für großartige Orte die fortschrittliche Architektur zu schaffen vermag.

Der Platz ist ein recht typisches Beispiel für ein städtebauliches Ensemble aus den sechziger Jahren in einem sozialistischen Staat, das von der Rotterdamer Lijnbaan inspiriert ist, ähnlich wie etwa die Prager Straße in Dresden. Er macht dabei alles richtig, er ist ein großzügiger, offener, trotz vertikaler Dominante und überkommenem Denkmal nichthierarchischer, demokratischer Platz. Und er ist mehr als ein Platz.

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Schon der beschriebene Boulevard, der auf Stadtplänen seinen Namen trägt, ist zwar mit ihm verbunden, aber auch ein Ort für sich, und hinzu kommen viele weitere Verbindungen mit der Stadt.

Jenseits der Straße, die die Grundseite des Platzes bildet, folgt sein zweiter Teil. Hier stehen drei zehngeschossige Punkthochhäuser mit Wohnungen und zwischen ihnen sind zweigeschossige gläserne Pavillons.

Mit einem rechteckigen Raster ähnelt die Fassade der Punkthäuser der des Hotels, doch hier ist es auf schmale Streifen reduziert und die Fenster nehmen nicht die gesamte Fläche ein. Auch den rechteckigen Grundriß und die Ausrichtung der Schmalseiten zum Platz haben sie mit dem Hotel gemein. Auf den Dächern sind Terrassen mit Geländern und einem auf schmalen runden Stützen ruhenden umlaufenden Betonstreifen. In den zweigeschossigen Sockeln bilde eckige steinverkleidete Stützen Kolonnaden mit Läden.

Mit den Pavillons, in denen beispielsweise eine Buchhandlung ist, sind die Breitseiten der Punkthäuser durch Vordächer, eigentlich eher Betongitter mit unregelmäßig rechteckigen Öffnungen, verbunden.

Links schließt nach dem letzten der Punkthäuser das Cinema Victoria (Kino Victoria) den zweiten Teil des Platzes ab.

Es ist ein freistehender Pavillon anderer Art, höher, auf rechteckigem Grundriß und ganz aus meist vertikalen Streben zusammengesetzt, die teils Kolonnaden bilden oder aus denen wie schwebend kleine Balkone hervorstehen und die es doch nie monumental wirken lassen. Es ist wie ein Schmuckstück, ein Würfel in einem unbekannten Spiel, und was könnte für ein Kino besser passen?

Geht man zwischen den Punkthäusern und den Pavillons hindurch, führen Treppen ein Stück hinab in den Parcul Junimea (Park der Jugend).

Es sind nur Meter vom Platz dorthin und doch ist er ein Ort mit ganz eigenem Charakter, der zugleich auch Teil des weiteren Ensembles ist.

Hier ragen die Punkthäuser hinter hohen Bäumen auf, es gibt Skulpturen und Büsten rumänischer Persönlichkeiten, Spielplätze, viele Bänke und angrenzend stehen größere ältere Gebäude, nach denen dann ärmere Bereiche am Hang und im Tal des Bahlui folgen.

Rechts steht in der querenden und sich hier spaltenden Straße zwischen den beiden Platzteilen ein historistischer Eckbau mit großer Kuppel.

Entlang von ihm oder auch entlang des Hotels Traian links gelangt man in ältere Teile des Stadtzentrums mit vermischter Blockrandbebauung, in deren beliebigen, meist historistischen Formen sich die Bourgeoisie repräsentiert hatte. Und beide, Eckbau und Hotel, dürfen als Repräsentanten des Alten Teil des fortschrittlichen Ensembles werden.

Aber links, wo die Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße) schräg vom Platz abzweigt, ist die Blockrandbebauung schon deutlich aufgelockert. Sie ist eine Fußgängerzone und man merkt kaum mehr, daß sie  Teil der überkommenen Prunkachse durch die Stadt ist. Frei steht dort der Bau des Cinema Trianon, zuvor Republica (Kino Trianon/Republica), und frei steht auch ein kleiner historistischer Palast, einst Sitz des vereinigenden Fürsten Alexandru Ion Cuza und nun passenderweise Museul Unirii (das Museum der Vereinigung).

Ihm gegenüber ist ein großer runder Grünbereich, über den man zu einer Kirche blickt, während sich ein flaches Restaurantgebäude geschwungen um ihn legt.

Um das Eckgebäude rechts des Platzes neben dem Hotel gelangt man in einen Bereich, der zwar auch der Anlieferung der Läden und Restaurants dient, aber vor allem große Grünflächen mit Spielplätzen hat und an ein weiter hinter der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) zurückgesetztes historistisches Gebäude anschließt.

Auf der zweiten Ebene des Boulevards, gegenüber dem Ende des Hotelvorbaus, ist im Gebäude links ein aufgestützter Durchgang, durch den man in einen kleinen Park hinter dem Cinema Trianon und dem Museum, wo noch eine kleine Kirche steht, gelangt.

Der Fußgängerboulevard selbst führt zu einer großen Straße, die Bulevardul Independenței (Boulevard der Unabhängigkeit) heißt, aber trotz weitgehend sozialistischer Bebauung ein Boulevard weit konventionellerer Art, einer aus dem 19. Jahrhundert, ist. Links öffnet sich der ebenfalls konventionellere Piața Independenței (Platz der Unabhängigkeit) mit seinem Denkmal,

während rechts etwas verloren und äußerst bedeutsam der Turm von Sfântul Spiridon (Sankt Spyridon) steht.

So trägt der Piața Unirii seinen Namen in mehrfacher Hinsicht zurecht. Nicht nur erinnert er an die Vereinigung der beiden rumänischen Fürstentümer, sondern er vereinigt auch verschiedene Teile der Stadt. Wie ein wirkliches Herz wäre er wenig ohne die Blutbahnen im Stadtkörper. Er ist das beste und wichtigste städtische Ensemble in Iași.

Bloß eine neuartige Verbindung zum Bahnhof, zu dem es hinter dem Cinema Victoria nicht mehr weit ist, schafft der Piața Unirii nicht, aber das wäre auch eine städtebauliche Aufgabe für sich, das ist ihm nicht vorzuwerfen. Der einzige wirkliche Mangel, den auch er, so gelungen er ist, hat, hat er wegen der Straße, wie das so oft der Fall ist. Sie trennt ihn letztlich in zwei Plätze, den eigentlichen beim Hotel und einen zweiten kleineren bei den Punkthäusern. Auf dem zweiten Teil sind zudem viele, zu viele Parkplätze, obwohl vor den Punkthäusern immerhin Bäume stehen und es vor dem Cinema Victoria immerhin einen Bereich mit Bänken und Hochbeeten gibt. Nun bemühte sich der Platz durchaus, seine beiden Teile zu verbinden, zu vereinigen. Es gibt eine Unterführung und mit ihren drei Eingängen, einem runden zentralen Raum um eine dicke runde Stütze und glatter sandfarben gemaserter Steinverkleidung ist sie sogar großzügig und angenehm gestaltet.

Ihr einziges Problem sind die Eingänge, die aus je zwei Treppen bestehen, aber großzügige offene Anlagen mit Rampen sein müßten.

Das Traurige, ja, das Tragische ist, daß dafür Raum genug gewesen wäre. Es wäre wirklich nur nötig gewesen, die Unterführung als wirklichen Teil des Platzes statt nur als Bindeglied, zu begreifen.

Nur sehr wenig hätte mithin gefehlt und der Piața Unirii wäre perfekt gewesen. Doch sein einziger Mangel schmälert seine Größe kaum. Er ist dennoch das Herz von Iași und die Stadt kann sich glücklich schätzen, ihn zu haben.

Der (fast) vereinigte Platz – Erster Teil

Der Piața Unirii (Platz der Vereinigung) ist in mancher Hinsicht das Herz von Iași und er ist ganz ein Produkt des Sozialismus.

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Seine vertikale Dominante bildet das sechzehngeschossige Hotel Unirea, noch heute eines der höchsten Gebäude der Stadt. Es ist dabei ein eher kühler, distanzierter Bau auf rechteckigem Grundriß. Der etwa dreigeschossige Sockel hat an den Schmalseiten vier und an den Breitseiten fünf große quadratische Stützen, die unter dem dritten Geschoß durch ein horizontales Band verbunden sind, in dem Linien flache Dreiecksgiebel andeuten, während aus den Stützen ragende Elemente als stilisierte Kapitelle verstanden werden können. Diesen historistischen Anklängen tritt sofort das Vordach über dem Eingang, der rechts in der zum Platz zeigenden Schmalseite ist, entgegen. Auf der Höhe des zweiten Geschosses ruht er auf vorgesetzten Stützen, die aus geraden und schrägen Teilen bestehen, und ragt sehr weit in den Platz hinaus, wobei seine Unterseite stetig schmaler wird.

Hat der übrige Sockel, der früher offen, heute verglast ist, noch etwas Konservativ-Monumentales, so ist dieses Vordach schon der Flügel eines Raumschiffs. Rechts neben und L-förmig bis hinter den Hotelbau ist ein Trakt mit Restaurants und Sälen. Bis auf sein Dach, das in der Höhe und auch der Form an das Band zwischen den Stützen anschließt, besteht er ganz aus Glas und einer innenliegenden Stahlkonstruktion, so daß er ebenfalls weit neuer als das Hotel selbst wirkt. Abgeschlossen wird der Sockel des eigentlichen Baus von einem breiten Streifen mit Mustern aus teils geriffelten Kacheln in bunten, aber dunklen Farben, die wie Buchstaben einer fremden Schrift wirken.

Die folgenden Geschosse mit den Zimmern bilden ein regelmäßiges Raster aus vorgesetzten vertikalen und zurückgesetzten horizontalen Streben, unterbrochen außer bei der Eingangsseite durch geschlossene Flächen bei jeweils einer Ecke. Erst im obersten Geschoß ist heute ein Restaurant mit größeren Fenstern zwischen den Streben und leicht überstehendem Dach.

Vielleicht könnte man das Hotel Unirea als zu unentschlossenen, zu konservativen Bau bezeichnen, wenn es alleine stünde. Aber das tut es ja nicht, es ist nur ein Element des Piața Unirii und es ist bewußt nur als sein Höhepunkt, nicht aber als sein Mittelpunkt gestaltet.

Der Platz wird als weite, etwa dreieckige Form zum Hotel Unirea hin schmaler und setzt sich links von ihm als breiter Fußgängerboulevard fort. Nach einer Straße, die die Grundseite des Dreiecks bildet, beginnt er links mit dem schräg gesetzten historistischen Bau des Hotels Traian, an dem einzig die gußeisernen Doppelsäulen vor den großen verglasten Sälen im Erdgeschoß beachtenswert sind.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Auf der rechten Seite steht das erste Gebäude jenes sechsgeschossigen Typs, der das Rückgrat des Piața Unirii bildet und ihn im eigentlichen erst zum Platz macht.

Im Erdgeschoß hat der Gebäudetyp steinverkleidete eckige Stützen, die oben von schmalen horizontalen Streben gequert werden, und als Übergang zu Wohngeschossen ein Band derselben Steinverkleidung. Durch die leichten Höhenunterschiede im Platz kann das Erdgeschoß auch im selben Gebäude unterschiedlich hoch sein und zumeist sind darin Läden. Die Breitseiten der fünf Wohngeschosse sind durch Streifen zwischen den Geschossen klar horizontal strukturiert und haben abwechselnd einzelne rechteckige Fenster und doppelte geschoßhohe mit einer Brüstung aus einem dünnen Betonband und einem Metallgitter. Zum flachen Dach leitet ein weiteres steinverkleidetes Band über und weit zurückgesetzt sind auf der Dachterrasse Aufbauten mit freischwebenden Vordächern. An den Schmalseiten sind jeweils zwei lange, durch milchige Wände getrennte vertiefte Balkone mit Geländern aus Metall und grünem Plexiglas, die über dem Erdgeschoß vorragen.

Das erste dieser Gebäude also steht rechts. Es ist das ungewöhnlichste, da es ein Eckbau ist, der einen Teil an der Strada Cuza Vodă (Fürst-Cuza-Straße) hat, bevor er mit Kolonnaden die rechte Platzseite bildet.

Es endet dort kurz vorm Restaurant des Hotels Unirea, das bereits höher am Hang steht. In seiner Fortsetzung, sozusagen hinter dem Hotel, folgt ein weiteres Gebäude des Typs.

Links steht das erste der Gebäude nach der neben dem Hotel Traian einmündenden Strada Alexandru Lăpușneanu (Alexandru-Lăpușneanu-Straße). Entsprechend den beiden Stufen des Fußgängerboulevards, der sich nun öffnet, steigen die nächsten beiden Gebäude an, sind aber auch leicht nach rechts versetzt.

Während so links eine subtile Verengung vom Platz zum Boulevard hin entsteht, wird der Bereich rechts nach dem Hotel durch ein weiteres der Gebäude abgeschlossen.

Das ist der bauliche Rahmen des Piața Unirii. Keines der Gebäude ist für sich genommen weiter auffällig, aber das müssen sie auch nicht sein, sie müssen nur den Platz schaffen.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Etwa vor dem Hotel Traian, und damit bewußt nicht in der Mitte des Platzes, steht das Denkmal für die namensgebende Unirea (Vereinigung), das 1912 errichtet wurde. Auf einem irgendwie neoromanischen Steinsockel zeigt es in Bronze oben den Fürsten Alexandru Ion Cuza und niedriger einige Politiker, Kränze mit Daten und eine Urkunde mit sehr viel Text, der dank den Tauben nur noch mühevoll zu lesen ist, wenn das denn irgendjemand gewollt hätte. In der Tat lief die Vereinigung der rumänischen Fürstentürmer Moldawien und Walachei im Jahre 1862 wohl so ab; die Bevölkerung war nicht beteiligt.

Aus Autorenkollektiv: Județule Patriei – Iași, București 1980

Zum Denkmal kommen auf dem Platz drei runde Springbrunnenbecken, die zusammen ein Quadrat um die offene Platzmitte bilden. An jedes der Becken schließen umzäunte Grasflächen an, eine weitere kleinere ist beim Denkmal. Außer je einem Nadelstrauch sind sie jedoch leer, überhaupt ist die Vegetation spärlich und beschränkt sich auf Bäume vor dem Gebäude rechts und an der Ecke beim Anfang des Boulevards. Bänke gibt es dafür umso zahlreicher. Auf dem Boulevard gibt es ebenfalls Beete mit Gras und Sträuchern, die langgestreckt in seiner Richtung verlaufen, und in den Treppen zwischen den Ebenen sind gestufte Brunnen.

Der Boden des Platzes hat breite Streifen aus schwarzem und weißem quadratischen Kopfsteinpflaster in Richtung Boulevard und Hotel und schmalere Streifen aus schwarzem quer dazu, zwischen denen ebenfalls quer große rechteckige Flächen aus glattem Waschbeton sind.  Der Boden des Boulevards wurde in jüngster Zeit erneuert, so daß die billigen Steinplatten nun verdreckt sind, ein Schicksal, das dem übrigen Platz hoffentlich erspart bleibt.

Auf dem Boden nämlich befindet sich die künstlerische Gestaltung des Piața Unirii: Mosaike aus weißem, schwarzem, grauem und rotem glatten Stein. Die Steine sind meist nicht kleiner als das des übrigen Pflasters, weshalb die Motive zwangsläufig einfach und stilisiert sind. Ein erstes Band mit Pflastermosaik erstreckt sich kurz nach der Straße über den Platz, ein zweites ornamentales nach den hotelnäheren Beeten. Das entscheidende dann verläuft direkt vor der breiten Treppenanlage, die zum Boulevard und zum Hotel hinaufführt.

Spätestens hier wird deutlich, daß diesen Platz ein sozialistischer Staat baute. In den äußeren der rechteckigen Mosaiksegmente, zwischen denen noch kleinere Symbole sind, sieht man die Natur, ein Wildschwein links und einen Hirsch rechts, aber ansonsten ist da die sozialistische Gesellschaft: ein Traktor, Industriebetriebe, Kunst und, vielleicht am schönsten, direkt unter dem Vordach des Hotels Unirea ein Kran, der eine Großplatte aus Beton zu einem halbfertigen Wohngebäude hebt.

Ist hier die Baugeschichte des Piața Unirii selbst enthalten, so bezieht sich das Rechteck daneben auf seinen Namen: nebeneinander sind hier ein moldawischer Stier und ein walachischer Rabe/Adler gezeigt.

Ein weiteres großes Bodenmosaik ist zwischen den Grasflächen an der rechten Seite des Platzes. Es zeigt, wie sich ein keuleschwingender Reiter links und ein Stier rechts, über dem ein Vogel fliegt, aufeinander zu bewegen. Es ist das größte Mosaik und das einzige aus glattem Stein, doch hier scheitert die Anordnung auf dem Boden. Das liegt nicht etwa daran, daß das Maß an Details für die verwendete Technik zu groß ist, auch nicht daran, daß der historische Bezug nicht leicht verständlich ist, sondern einfach daran, daß man deutlich höher stehen müßte, um die Szene gut zu erfassen.

Dafür kann man an Sommerabenden erleben, wie diese große glatte Fläche, hinter der heute eine lateinamerikanische Bar ist, von den Paaren einer Tanzschule zum Bachatatanzen genutzt wird. Mag das Mosaik also künstlerisch gescheitert sein, so ist es immerhin ein schönes Symbol für das Leben auf dem Platz im Herzen von Iași.

Ein Albtraum von Gotenhafen

Wenn man in Gdynia den Hauptbahnhof hinter sich läßt und mit der SKM (Stadtschnellbahn) weiter nach Norden fährt, sieht man rechts die weite Industrielandschaft des Hafens und links vermischte Bebauung vor den Hügeln. Doch plötzlich taucht darin ein Monster auf.

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Es ist ein Gebäude so böse, daß es alles andere überdeckt. Schon höher am Hang, durch einen weiten kahlen Vorbereich von der großen Morska (Meeresstraße) getrennt, steht es da. Besonders groß ist es den bloßen Daten nach nicht einmal: der Hauptteil hat fünf Geschosse, wobei das unterste halb unterirdisch ist, und dahinter ist in der Mitte ein noch einmal zwei Geschosse höherer Teil. Aber es will groß sein und alles um sich herum kleinmachen. Die vertikalen Linien der Fenster der vier unteren Geschosse sowie der Putzflächen zwischen ihnen werden von den schmalen vertikalen Ritzen des fünften Geschosses vom bloß Monumentalen ins Monströse verstärkt. Wie Schießscharten oder Pechnasen mittelalterlicher Burgen drohen sie der Umgebung entgegen.

In der Mitte ist der Eingangstrakt deutlich vorgesetzt und ein riesiger tiefer Rundbogen mit vertikalem Streben erstreckt sich über die ersten vier Geschosse. Oben sind wieder die Schießscharten und das noch weiter als sonst schon überstehende Dach, dessen Wirkung durch antikisierende Kranzgesimse noch verstärkt wird.

Dieses durch und durch reaktionäre Gebäude baute sich im Jahre 1929 das Instytut Handlu Morskiego (Institut für Seehandel). Wie eine feindliche Zwingburg sitzt es über dem Hafen, der einem zu Füßen liegt, wenn man aus seinen Fenstern blickt oder aus seiner Tür tritt. Dort die modernste Technik, die zu klarsten Formen zwingt, hier eine unsäglich rückwärtsgewandte Architektur.

Doch diese Verbindung war in der Zwischenkriegszeit nichts Besonderes. Architektur galt noch immer weithin als etwas, das würdevoll und schmückend der Technik entgegengesetzt sein müßte. Reaktionäre Architektur wie diese in Gdynia entstand in den Zwanzigern überall, ob nun in bürgerlich-demokratischen Staaten wie der Tschechoslowakei oder Deutschland, im faschistischen Italien oder eben in einer Quasi-Diktatur wie Polen. Politische Schlüsse lasen sich daraus also nicht ziehen, aber es genügt ein einziger Blick auf das Instytut Handlu Morskiego, um zu spüren, wie wohl sich in ihm nach 1939 die neuen deutschen Herren der Stadt, die sie in Gotenhafen umtauften, gefühlt haben müssen. Denn in dieser Architektur war schon viel von Gotenhafen angelegt, bevor irgendwem dieser perverse Name eingefallen wäre.

Gdynia selbst war 1939 bereits viel weiter, war es auch 1929 eigentlich schon gewesen. Trotz all ihren Mängeln sind die übrigen Teile der Stadt glücklicherweise viel näher an der Klarheit des Hafens als an der Menschenfeindlichkeit des Seehandelsinstituts.

Tauben in Würzburg

Die Burkarder Kirche gehört zu den unauffälligeren Kirchen Würzburgs. Dazu trägt vor allem ihre Lage am anderen, linken, dem Stadtzentrum gegenüberliegenden Mainufer bei. Sie steht dort am weniger beliebten, weil (laut Wegweiser um fünf Minuten) längeren Weg hinauf zur Festung Marienberg, deren Weinberge direkt hinter ihr beginnen. Aber auch architektonisch scheint sie sich vor der Stadt geradezu zu verstecken.

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Im Kern ist St. Burkard ein romanischer Bau mit zwei zum Ufer zeigenden Türmen, weder besonders hoch, noch besonders klein.

Doch davor wurden ein hoher gotischer Quertrakt und ein Chor, die größer als der ganze romanische Kern sind, gebaut. Das verdeckte den älteren Teil zum Fluß hin völlig.

Es entstand ein widersprüchliches, uneinheitliches Gebäude, das die Türme in der Mitte hat, wobei sie hinter dem gotischen Teil ohnedies kaum zu sehen sind. So könnte die Kirche als Beispiel dafür dienen, wie gleichgültig frühere Zeiten gegenüber Vorgängerbauten waren, wie wenig wert sie auf ein harmonisches Gesamtbild legten.

Doch es gibt noch ein weiteres Türmchen am Ende des Satteldachs des romanischen Teils. Es ist der Beitrag des Barock zu dem Gebäude: achteckig, mit Schiefer verkleidet, zwei hölzerne Streifen mit horizontalen Lamellen in Rundbögen, Kuppelhaube und hohe bronzene Spitze mit Kugel und Doppelkreuz. Sowohl über dem ersten Streifen als auch am Ansatz des Dachs sind geschwungen vorstehende Simse, die den Turm noch stärker horizontal gliedern.  Hinter den Lamellen waren oder sind vielleicht Glocken, aber da auf den Simsen und dem Dach immer Tauben sitzen, könnte man auch denken, daß das Türmchen nur für diese Tiere gebaut worden sei.

Von der anderen Seite, vom Hang aus, sieht man dann, daß das Türmchen nur halb auf dem Dach der Kirche steht und halb auf einer nach oben in mehreren Stufen breiter werdenden Stütze, einer Art umgedrehten Pyramidenhälfte an der Wand.

Und mit einem Mal gewinnt das so beliebig zusammengewürfelte Gebäude doch noch eine gewisse Harmonie. Da ist der Turm, ein sogenannter Giebelreiter, der auf seiner Pyramidenstütze zu balancieren scheint, darunter eine hundeartige Fratze und noch darunter ein recht großes rundbögiges Fenster mit Maßwerk.

Der schlichte Baukörper der romanischen Kirche wird zur Leinwand, auf der Gotik und Barock sich ausprobieren können. Respekt oder Verständnis für die Romanik ist hier ebenfalls nicht, wieso auch, aber anders als die rüde vorgesetzten gotischen Bauteile wissen das Türmchen, die Skulptur und das Fenster mit dem Vorhandenen etwas anzufangen.

Wenn es scheint, als sei das Türmchen nur halb entschlossen, auf dem Giebel der Kirche zu verharren, dann vielleicht, weil es ein in Würzburg häufiger anzutreffendes Architekturelement ist.

Genau so, achteckig auf sich nach oben verbreiternden Stützen und weit vorragend, sitzen einige kleine Wachräume aus rotem Sandstein in den Mauern der Festungsanlagen.

Wiewohl ungleich funktionaler mit kleinen Schlitzen, die geschütze Aussicht oder Schüsse erlauben, sind sie auch viel reicher verziert, was ihnen die architektonische Klarheit nimmt. Ein ähnliches Element ist in einem Giebel des Karmelitenklosters dann zu einer Zierform ohne Sinn, aber auch ohne Leichtigkeit geworden.

Wie die Tauben scheint das Türmchen der Burkader Kirche aufgeflogen zu sein und sich anderswo niedergelassen zu haben, aber nie ganz, immer bereit, gleich wieder abzuheben. Und zu Hause ist es doch, wenn überhaupt irgendwo, nur bei der Kirche.

Der massive gotische Vorbau der Burkarder Kirche wirkt nunmehr wie eine Mauer, die das Türmchen und die anderen intimeren Teile schützen soll. In gewisser Weise ist die zu den Weinbergen gewandte Seite sogar die Vorderseite, doch an wen könnte sie sich richten? An die Festung etwa? Doch von dort blickt man wohl eher hinaus aufs weite Panorama von Würzburg als hinab zur kleinen Kirche am Fuße des Marienbergs. Und selbst wenn man es täte, die halbschwebende Form des Türmchens ist von hier nicht mehr als solche auszumachen. Vielleicht will die Kirche ihre Schönheit einfach für sich behalten.

Bleiben also einige Blicke vom Hang und bleiben die Tauben, denen die versteckte, geschützte Lage mit gutem Zugang zu den Weinbergen gewiß recht ist. Sie können nicht wissen, daß der von ihnen zur Heimstatt auserkorene Gebäudeteil architektonisch gut auch ein Taubenschlag sein könnte. Dank den Tauben ist das Türmchen nicht nur hübsch, sondern auch nützlich. Damit hat St. Burkard vielen auffälligeren und wichtigeren Kirchen Würzburgs etwas voraus.

Alma oder Polen im Supermarkt

Alma war ein Luxussupermarkt. Alma war ein Ausdruck des Glaubens der liberalen polnischen Eliten an den Kapitalismus.

Obwohl es Alma seit spätestens 2017 nicht mehr gibt, kann man noch vielerorts Spuren davon sehen. In Sopot etwa, der reichsten Gliedstadt der Trójmiasto, steht recht zentral an einem Parkplatz hinter der großen Durchgangsstraße Aleja Niepodległości (Uabhängigkeitsallee)  ein kleines Einkaufszentrum, in dem Alma das wichtigste Geschäft war.

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Es ist ein verhältnismäßig eleganter Bau, die Verkleidung des eckigen Körpers und das Glas der vorgewölbten Fassade in dunklem Alma-Grün. Heute sieht es gleichzeitig unberührt und verlassen aus. Schilder in den Türen müssen auf die noch geöffneten Geschäfte im Obergeschoß hinweisen. Im Erdgeschoß jedoch blickt man in den Alma-Supermarkt. Logos, Regale, Kassen, alles ist noch da, bloß Menschen, Waren, auch Licht fehlen.

Das Schicksal der Geschäfte oben scheint auch absehbar, der Moment, da die Tauben das Gebäude ganz für sich haben werden, nah, doch wer weiß.

Beim Bahnhof Oliwa in Gdańsk beispielsweise trat an die Stelle von Alma ein Biedronka-Supermarkt. Das ist sehr symbolisch, denn Biedronka, ein von portugiesischem Kapital ausgebauter Discounter mit nettem polnischen Namen (übersetzt Marienkäfer) und entsprechendem Logo, ist eine Art Anti-Alma.

Was Alma sein sollte, sieht man in Sopot noch an einer makellosen Reklame: auf weißem Hintergrund eine Erdbeere und ein Champagnerkorken.

Alma sollte zeigen, daß der Kapitalismus sein Versprechen erfüllt und Polen reich gemacht hat. Diese Vorstellung muß jedem, der Polen kennt, lachhaft erscheinen, doch genau das glaubten die liberalen Eliten, ja, sie glauben es noch heute. Tatsächlich hat sich in der polnischen Gesellschaft seit 1989 eine Oberschicht und auch eine prekäre Mittelschicht, die in outgesourcten Abteilungen westlicher Firmen arbeitet und in hypothekenbelasteten Eigentumswohnungen in engen abgezäunten Wohnanlagen lebt, herausgebildet, während alle anderen bestenfalls durch das Geld, das im Westen arbeitende Familienmitglieder schicken, vor dem schlimmsten Elend bewahrt werden. Die Menschen der neuen Ober- und Mittelschichten hätten bei Alma einkaufen sollten, doch sie waren einfach nicht zahlreich genug oder gingen lieber doch zu Biedronka.

Das Scheitern von Alma ist das Scheitern des Glaubens an den Kapitalismus. Ihm entspricht der Niedergang der PO, der liberaleren rechten Partei Polens. Sie, die Alma-Partei, glaubt noch heute, daß in Polen dank dem Kapitalismus alles wunderbar läuft. Da das für weite Teile der polnischen Gesellschaft, insbesondere außerhalb der großen Städte, nichts mit der Realität zu tun hat, hatte die PiS, die rechtere rechte Partei Polens, ein leichtes Spiel. Als Biedronka-Partei versprach sie zum einen, die liberalen Eliten etwas zu ärgern, und zum anderen, die Härten des Kapitalismus mit bescheidenen sozialpolitischen Maßnahmen etwas zu mildern. Der Sieg der PiS war somit unausweichlich, zumal die Sozialdemokratie, die in der Übergangszeit der Neunziger noch gebraucht worden war, sich vorher durch die Unterstützung sämtlicher liberalen wirtschaftlichen wie reaktionären geschichtspolitischen Maßnahmen selbst abgeschafft hatte, und es auch sonst keine nennenswerte Linke gibt. Wenn man heute Zeichen der sozialdemokratischen SLD sieht, sind das so sehr Relikte einer vergangenen Zeit wie die verbliebenen Genossenschaftsläden von Społem.

Polen hat politisch heute die Wahl zwischen Alma und Biedronka, eine furchtbare Wahl. Und Alma gibt es nicht einmal mehr.

Brücken in Tczew

Venedig des Nordens – so wird Tczew nie genannt. Das liegt vermutlich daran, daß Venedig, zu Recht oder zu Unrecht, als idyllische Lagunenstadt weltberühmt ist, während Tczew als auf den ersten Blick eher trostlose Kleinstadt irgendwo im flachen Land südlich von Gdańsk nicht einmal in Polen weiter bekannt ist. Was Venedig und Tczew jedoch verbindet, ist ihre Abhängigkeit von Brücken.

Tczew ist als wichtiger Eisenbahnknoten ungewöhnlich stark von Bahngleisen zerschnitten. Anders als in anderen Städten dieser Art verlaufen die Gleise dort immer in vertieften Bereichen, während die Stadt mit ihren Straßen und Häusern separiert von ihnen höher liegt. Was für Venedig das Wasser der Kanäle ist, das sind für Tczew die Schienen der Eisenbahnanlagen. Von diesen ist die Stadt in mehrere größere und kleinere Inseln zerteilt, die wie in Venedig mit Brücken verbunden werden müssen.

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Tczew weiß von seiner Verwandtschaft mit Venedig vermutlich nichts. Wenn es etwas an sich findet, worauf es stolz sein will, dann zwar durchaus eine Brücke, aber bloß eine Eisenbahn- und Straßenbrücke über die Wisła (Weichsel) von 1857.

Mit ihren letzten verbliebenen Türmen und Zinnen zeigt sie alles, was an der historistischen Architektur dieser Zeit falsch war. Denn wie haarsträubend lächerlich ist es, einen solchen stolzen Stahlbau, einen Ausdruck des technischen Könnens und der industriellen Möglichkeiten einer Zeit in die sinnlos gewordenen Formen des Mittelalters zu hüllen! Gegenwärtig wird die Brücke aufwendig restauriert, während die Züge auf einer neueren ehrlicheren Brücke daneben fahren.

Noch zwei weitere markante Brücken hat Tczew und anders als die Eisenbahnbrücke sind sie Teil des Stadtarchipels. Mit der ersten überbrückt die Wojska Polskiego (Straße der polnischen Armee) Schienenstränge, um zwei Inseln der Stadt zu verbinden. Ihr einziger weiter Bogen aus blauem eckigen Stahl führt von der einen Straßenseite auf der einen Seite des breiten Gleisgrabens zur anderen Straßenseite auf dessen anderer Seite und legt sich also schräg über die von Stahlseilen gehaltene Fahrbahn.

Diese einprägsame Asymmetrie ist aus der zwar etwas gesuchten, aber doch einfachen Lösung der Bauaufgabe gewonnen und unterscheidet diese Ende 2011 eröffnete Brücke von vielen anderen jüngeren Brücken in Polen, die, wenn auch auf andere Art als die historistische Weichselbrücke, überladen und kompliziert wirken. Gelungener als die Calatrava-Brücke bei Venedigs Piazza di Roma (Rom-Platz) ist diese Tczewer Brücke allemal.

Tczews Rialto schließlich, das ist die zweite der markanten Brücken: der Bahnhof. In ihm wird die Brücke zum Gebäude. Auf hohen Betonstützen ruht der geschlossene backsteinerne Gang über den Gleisen.

Ganz wie bei der Rialtobrücke in Venedig ist kaum mehr wichtig, welche Orte der Stadt der Bahnhof verbindet, da er selbst ganz Ort eigenen Rechts ist. So weit wie der Markusplatz von Rialto ist Tczews altes Zentrum vom Bahnhof entfernt. Wie dort der Verkehr von Vaporetti (Wasserbussen), Wassertaxis und Motorbooten fließt hier der Nah- und Fernverkehr auf einer der wichtigsten polnischen Bahntrassen unter dem Brückengebäude hindurch.

Beide Brücken passen nach Tczew und hätten es verdient, seine Wahrzeichen zu sein. Aber genau wie in Venedig nur die hunderte prosaischer Brücken eigentlich wichtig sind, zählen auch in Tczew die vielen unbeachteten Brücken.

Sie sind schmucklose Zweckbauten, mal mit stählernem Aufbau, mal ohne, oft in abblätternden Farben, oben Gelb, unten Hellblau, gestrichen, vielleicht haben sie auch Namen. Und sie sind, beinahe ebenso wie in Venedig, entscheidend für das Funktionieren der Stadt. Da Tczew zwei Ebenen hat, eine untere für die Schienen und den darauf fließenden Zugbetrieb und eine obere für die eigentliche Stadt, ist es immer äußerst aufwendig und vielerorts nachgerade unmöglich, anders als über die Brücken von einer Insel zur anderen zu kommen. So auf die Brücken angewiesen, so von ihnen abhängig, meint man, wie in Venedig, daß sie nie da sind, wo sie sein sollten, daß es viel mehr von ihnen geben sollte. Wie in Venedig findet man sich damit ab.

Die Probleme, die einem die Stadtstruktur bereitet, als Ausdruck des Charmes eines jedenfalls besonderen Orts zu empfinden, ist in Nordpolen wohl etwas schwieriger als in Norditalien. Aber hiermit wurde Tczew so genannt: Venedig des Nordens.