Archiv des Autors: Philipp Eichhoff

Über Philipp Eichhoff

Autor dieser Texte. Wien, vorher Frankfurt am Main, Berlin und Zittau.

Sprachen bei Nepomuk

Heute ist Nepomuk der wichtigste Orte in der Gegend südwestlich von Plzeň und es verdankt das allein seinem heiligen Johannes. Noch, daß der Bahnhof nach Nepomuk heißt, obwohl er eigentlich im einige Kilometer entfernten Örtchen Dvorec liegt, zeugt davon. Früher, zu Zeiten von Johannes von Nepomuk im 14. Jahrhundert und auch noch später, waren das Zisterzienserkloster im passend benannten Ort Ort Klášter und insbesondere das Schloß Zelená Hora weit wichtiger. Noch heute ist es auf dem in der Tat Grünen Berg, nach dem es heißt, die eindeutige Dominante der Gegend, auch wenn der Berg eher ein Hügel ist und der heutige barocke Bau mit entsprechendem Turm und Haube nicht ungewöhnlich imposant ist.

Am Beginn der Allee, die oberhalb von Nepomuk zu ihm hinaufführt, steht eine große barocke Skulptur, der tote Jesus in den Armen der trauernden Maria, eine Pietà.

Künstlerisch ist sie wohl nicht schlecht, wobei besonders die hohen Kronen der beiden Figuren, die heute an altmodische Kochmützen erinnern, auffallen. Die Krone des ansonsten durchaus angemessen schlaff und, nun, tot in Marias Armen hängenden Jesus steht dabei in zweifelhafter Befolgung der Gesetze der Schwerkraft fast horizontal ab.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Doch was dem Denkmal seinen Wert gibt, sind die Inschriften an der Seite seines hohen Sockels. Die vordere ist auf Latein, wie das üblich ist:

„Dolorosae Virgini ac Gratiosae Matri Saschinensi ex singulari devotione obvaria beneficia percepta ericitecit Josephus Franciscus Ludl Director Grunberg a die XXV marti Vt Io sa Virgo InteurIs gressVs nostros DirICat atoVe In hora MortIs nobIs pro­­pItIa sVCCUrat“

Wenn man ohne Sprachkenntnisse auch wenig versteht, so sieht man doch, daß auf Tag und Monat, XXV Marti, keine Jahreszahl, sondern ein Satz mit einigen großen Buchstaben folgt: ein Chronogramm.  Es ergibt die Zahl 1741. Chronogramme gehören zur barocken Kunst und an diesem ist bestenfalls auffällig, daß es weder im gesamten Text versteckt ist, noch die Jahreszahl bloß wiederholt, sondern im Text genau die Stelle der Zahl einnimmt.

Die Inschrift auf der rechten Seite ist Tschechisch:

„Bolestne Pannie a Milostiwe Matceboži Sassinske z obwzlasstni pobožnosti za rozlične dosahnute dobrodini postawiti dal Iozef Francz Ludl Sprawce Zeleno Horski dne XXV. Brzezna abI ta sVata panna krokI nasse rzIDIa a przI sMrtI sVaV przIVIetIVostI nas V boha ChranILa“

Der Inhalt dürfte derselbe sein und wieder folgt auf Tag und Monat, XXV. Brzezna, das Chronogramm, doch die Zahl 1741 setzt sich aus anderen Ziffern zusammen. Die Sprache ist sehr altertümlich, aber verständlich, und die Rechtschreibung sehr weit vom heutigen Standard entfernt. So gibt es außerhalb des Chronogramms W statt V und wo heute Y wäre, ist immer I. Von den spezifisch tschechischen Zeichen sind Č und Ž bereits vorhanden, während Ř als RZ und Š als SS wiedergegeben ist.

Die Inschrift auf der linken Seite ist auf Deutsch:

„Der Schmertzhafften Iungfrauen und Gnadenreichen Saschner Mutter Gottes aus sonderbarer andacht wegen vielfaeltig erhaltenen gnaden hat aufrichten lassen Joseph Frantz Ludl Verwalder in Grunberg den XXV marti auf das Die Gottes gebaehrerIn Vnsere sChritt beVartn VnD beI Vns bIs In Letzte stVnD VoLte Verharren“

Wieder sind Inhalt und Chronogramm identisch. Wie weit Sprache und Rechtschrebung vom aktuellen Standard abweichen, kann jeder selbst beurteilen. Die Auflösung des Chronogramms wird dadurch erschwert, daß bei einer Restaurierung leider einige Buchstaben nicht und andere am Ende, wo der Restaurator wohl keine Lust mehr hatte, sich anzustrengen, beliebig falsch ausgemalt wurden.

Daß dieses Schicksal nicht nur der Mehrsprachigkeit der Sockelinschriften geschuldet ist, sieht man daran, daß auf der tschechischen Seite ein sinnloses „breezna“ statt dem korrekten „brzezna“ ausgemalt wurde.

Ohne es vielleicht zu wollen, hinterließ Josephus Franiscus/Jozef Francz/Joseph Frantz Ludl, der Director/Sprawce/Verwalder von Grunberg/Zelená Hora neben dem Marienbildnis auch einen potentiellen Rosettastein, der die Schlüssel zu drei Sprachen birgt. Es sind Latein, die Sprache der Kirche, Deutsch, die Sprache des Staats, und Tschechisch, die Sprache des Volks. Daß Ludl ein deutscher Name ist, sagt noch nichts darüber aus, welcher Sprache sich der Erbauer am nächsten fühlte, obwohl man annehmen kann, daß es nicht Latein war. Daß Tschechisch überhaupt vertreten ist, deutet im Gegenteil darauf hin, daß Ludl es entweder selbst sprach oder ihm zumindest sehr wichtig war, auch von der tschechischen Bevölkerung verstanden zu werden. Häufig nämlich ist das Beieinander beider Sprachen auf Denkmälern keineswegs, so nah Tschechen und Deutsche in Böhmen auch beieinander lebten.

Während für den tschechischen Bauern in früheren Zeiten, der etwas nach Zelená Hora hinaufzuliefern hatte, die Ludl’sche Pietà der erste Vorbote des Schlosses war, ist sie für den heutigen Besucher auch der Endpunkt. Bald danach sperrt ein rostiges grünges Tor die Allee ab, es folgt ein militärischer Bereich, der aber auch nicht mehr viel genutzt scheint.

„Zámek Zelená Hora/Schloß Grünberg/Greenhill castle“ steht dort, ein Echo der Sprachen auf dem Sockel. Das Englische hat Latein ersetzt, was auch deshalb paßt, weil eine hohe weiße Säule an der Wegkreuzug noch vor der Skulptur an im Jahre 1620 auf dem Schloß einquartierte und wenig später besiegte protestantische englische Soldaten erinnert, ohne daß Inschriften in irgendwelchen Sprachen das jedoch erläutern.

Nepomuk, Stadt wie Heiligen, hat man am Rande von Zelená Hora so bereits vergessen, denn nicht allem ist man bei seinem Ursprung am nächsten.

Werbeanzeigen

Bauen für die Zukunft

Es war einmal ein Vororthäuschen, das mehr sein wollte. Als es 1899 erbaut wurde, stand es in mindestens zweifacher Hinsicht am Rande: am Rande von Oliwa und mit diesem am Rande von Gdańsk, zu dem es noch nicht gehörte und von dessen polnischem Namen beide noch wenig ahnten. Doch es lag auch mit einer Handvoll anderer Häuschen, die zusammen nach einem kleinen Gasthaus auf älteren Karten Klein-Krug hießen, an der Chaussee nach Sopot und wenn schon Oliwa ein Villenvorort war, dann war Sopot geradezu mondän. Das wußte das Häuschen und dementsprechend zeigte es sich.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Es hat bloß zwei Geschosse, von denen das obere bereits halb unter dem Satteldach liegt. Zum Nachbarhaus, das in nur geringem Abstand links steht, hat es eine Brandmauer, läßt es sich aber nicht nehmen, sie oben, vor der zur Straße zeigenden Hälfte der Dachschräge, mit einem Treppengiebel als irgendwie Gdańsker Zitat zu beschließen. Im linken Teil ist im Erdgeschoß wie im Obergeschoß je ein großes Fenster, wobei das obere als halbe Gaube aus dem Dach ragt. Der rechte Teil ist zur Straße hin leicht vorgesetzt und endet im Erdgeschoß als halbes Achteck. Im Obergeschoß ist darauf ein Balkon, hinter dem eine große rundbögige Fenster- und Türfläche ist. Das über diesem Teil quer gesetzte Satteldach beschirmt den Balkon und unter seinen Schrägen nehmen geschwungene Balken das Rund des Fensters wieder auf.

Und über all dem ist der Turm. Sein Ansatz hat dank einem gewalmten Teil des Dachs eine Pyramidenform, bevor es auf mit der Spitze zur Straße zeigender quadratischer Grundfläche weiter ansteigt. War er bisher mit rotem Blech verkleidet, so folgt nun ein hölzerner Teil, der mit nach außen geschwungenen Streben breiter wird und mit einem wiederum roten Kuppeldach abschließt. Noch darauf erhebt sich eine hohe Spitze, die über mehrere Kugelelemente immer schmaler wird. Erst weit oben findet sie und damit der Turm mit einer Wetterfahne, in der die Jahreszahl 1899 steht, ihr Ende, aber wie es scheint nur widerwillig, weil die Gesetze der Physik und der damaligen Bautechnik mehr nicht erlauben.

Es ist wirklich ein Turm, kein Türmchen, denn mit ihm verdoppelt das Häuschen seine Höhe beinahe. Architektonisch hat er keinerlei Funktion, aber für den Anspruch des Häuschens ist er entscheidend. Groß wollte es sein, hoch, repräsentativ, den Fuhrwerken auf der Chaussee von Bedeutung und Wohlstand künden. Nicht ein letztlich kleines Vororthäuschen am Rande des Rands, sondern ebenbürtig den Villen von Oliwa und Sopot wollte es sein. Sogar die Jahreszahl 1899 auf der Spitze wirkt symbolisch: das neue Jahrhundert möge kommen, das Häuschen ist fertig, es ist bereit.

Auf ganz anrührende Weise sieht man hier ein Bauen für die Zukunft, die anders als die Potenzierung des Gegenwärtigen aber nicht ansatzweise gedacht werden konnte: bevor ein Nachbar eine wirkliche Villa mit drei Geschosse oder auch bloß zwei vollen baut, muß das Häuschen wenigstens den höchsten Turm haben. Das gelang. Das Häuschen ist auch hundertzwanzig Jahre später noch auf weiter Strecke das repräsentativste auf seiner Straßenseite. Aber das ist nicht deshalb so, weil es den Wettbewerb gewann, sondern weil der Wettbewerb nie stattfand. Alles, worum es sich bemühte, wurde schon wenig später völlig bedeutungslos.

Vor allem rückte es noch mehr an den Rand. Zwar entstand ringsum eine polnische Trójmiasto (Dreistadt), die als Bandstadt viele Zentren oder keines hat, aber die Chaussee wurde zur vielspurigen Schnellstraße, die diesen neuen Stadtorganismus für Autos erschließt und in diesem Abschnitt Aleja Grunwaldzka (Grunwaldallee) heißt. Anders als die Fuhrwerke fahren die Autos viel zu schnell, um das nah an der Fahrbahn stehende Häuschen auch nur wahrnehmen zu können, Turm hin oder her.

Und die Zukunft, die wirkliche Zukunft, steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Form einiger schräg aufgereihter elfgeschossiger Wohnhochhäuser. Sie bemühen sich nicht darum, hoch zu wirken, sie sind es einfach. Sie wollen nichts repräsentieren, sondern nur ihre Funktion erfüllen. Erst im Vergleich mit dem Häuschen stehen sie für die Zukunft, aber sie vergleichen sich ja nicht mit ihm, sie wissen nichts von ihm, sie existieren in ganz anderen Dimensionen.

Es war einmal ein Vorstadthäuschen, das mehr sein wollte, aber es scheiterte so absolut, daß sogar sein Scheitern unsichtbar wurde.

Cmentarz ofiar hitleryzmu na Zaspie

Der Friedhof der Opfer des Hitlerismus in Zaspa liegt am Rande des gleichnamigen Gdańsker Wohngebiets, zu drei Seiten locker umgeben von dessen Bebauung, zur vierten an der Straße Bolesława Chrobrego mit kleinindustriellem Gelände. Man sieht ihm nicht mehr an, daß er älteren Ursprungs ist und hier ab 1939 die im nahen KZ Stutthoff und dessen Außenlagern ermordeten Menschen begraben wurden.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Die heutige Gestaltung des Friedhofs hat eigentlich nur zwei Elemente. Das erste ist die umgebende Mauer aus großen +-förmigen Betonteilen auf einer Basis aus Beton.

Zwei von ihnen stehen jeweils aufeinander, aber immer nach vorne oder hinten und durch kleinere Betonwürfel in der Höhe versetzt, so daß die Mauer trotz ihren einfachen Bestandteilen unregelmäßig und bewegt erscheint. Man kann in den +-Formen christliche Kreuze sehen, aber eher sind es die beiden so geformten Kreuze, die auch im Gdańsker Wappen übereinander angeordnet sind – man muß sich bloß die beiden rahmenden Löwen und die Krone darüber hinzudenken.

Das zweite Element sind die eigentlichen Grabsteine aus Beton. Sie bestehen aus einer breiten brusthohen Stele, die in der Mitte einen vertikalen Einschnitt hat, und einem kurz unterhalb ihres Abschlusses angefügten horizontalen Balken, der nach vorne und zu den Seiten leicht übersteht. Vorne sind darauf in einem Relief, das die Fläche auslöst, der Name und das Todesdatum genannt.

Links stehen kleiner in die Fläche eingeschnitten Geburtsdatum, Geburtsort und Beruf.

Rechts stehen Datum, Ort und Art des Todes sowie bei Insassen von Stutthoff deren Häftlingsnummer. Auf der Rückseite ist auf der Höhe des horizontalen Balkens außerdem ein quadratisches Relieffeld, das ein Wappen oder ein anderes Symbol zeigt. Auch in diesen Grabsteinen kann wer will christliche Kreuze sehen, aber sie sind es nicht so eindeutig, daß sich Nicht- oder Andersgläubige beleidigt fühlen müßten, eine für den polnischen Sozialismus sehr typische Dezenz.

Die Grabsteine stehen in regelmäßigen Reihen und dicht an dicht, aber sie sind immer zu mehr oder weniger großen Gruppen angeordnet, die recht frei und oft leicht schräg zueinander in dem weiten Gelände des Friedhofs verteilt sind.

Obwohl es einen Hauptweg gibt, sind die anderen Wege ihm nicht untergeordnet und verlaufen selten im rechten Winkel zu ihm. Neben den Gräberfeldern gibt es auch weite freie Flächen, was wohl darauf hindeuten soll, daß dort weit mehr Tote begraben sind als es Grabsteine gibt.

Beschattet wird der Friedhof von recht hohen Bäumen, die vielleicht gepflanzt wurden, als er 1987 angelegt wurde, und einigen noch größeren älteren Bäumen. Es gibt zudem weitere Gedenksteine und größere Denkmalelemente, unter anderem ein neueres aus Backstein für die Toten der Poczta Polska (Polnischen Post). Keines jedoch ist das zentrale Monument des Friedhofs, so daß er mit den locker verteilten Gräbergruppen unhierarchisch und dezentral ist. Alle der Toten, scheint er betonen zu wollen, sind gleichwertig als Opfer des Hitlerismus.

Die meisten der hier Begrabenen sind Polen, das Relief auf der Rückseite ihrer Steine zeigt einen polnischen Adler in einer recht hübsch stilisierten Version.

Die nächstgrößere Gruppe sind Sowjetbürger symbolisiert durch einen fünfzackigen Stern.

Ein auf der Spitze stehendes Dreieck, der in der DDR-Symbolik so wichtige rote Winkel, und ein kleines D bezeichnet deutsche Antifaschisten.

Tschechoslowaken mit dem sterngekrönten Löwen der ČSSR

teilen sich ein Feld mit wenigen Österreichern, deren zum Adler stilisiertes A (für Austria) das vielleicht schönste, gewiß aber eigentümlichste Symbol auf dem Friedhof ist.

Recht häufig ist ein NN für Opfer unbekannter Herkunft, wobei die Namen meist jüdisch oder deutsch klingen. Schließlich gibt es noch ein Feld für alle übrigen, die durch die offiziellen Wappen ihrer Länder ausgewiesen sind: Ungarn, Jugoslawen, nicht wenige Niederländer,

ein Italiener

und ein Franzose (das jener aus Nizza stammte und Frisör war, mag man amüsant finden).

Bei aller Internationalität ist der Friedhof ein zwangsläufig polnischer Ort. Die Vornamen und teils auch die Nachnamen der slawischen Toten sind in polonisierter Form geschrieben. Auch die Ortsnamen und Berufsbezeichnungen sind polnisch, so daß nicht für jeden Besucher sofort klar sein wird, daß etwa Heinz Hösch, aus Norymberga und marynarz, ein Seemann aus Nürnberg war.

Der Friedhof in Zaspa war das letzte der großen Friedhofsprojekte in Gdańsk und in seiner offenen, nicht hierarchischen Anlage ist er vielleicht auch das gelungenste. Hier konnte der Bildhauer Wiktor Tołkin noch besser als in Puck zeigen, was er konnte. Allein deshalb muß man froh sein, daß der Sozialismus in Polen nicht schon früher endete. Bedauerlich ist einzig, daß sich der Friedhof mit seiner, wenn auch wichtigen und schönen, Mauer von der Wohnbebauung Zaspas abschirmt. Es würde gut zu ihm passen, auch dort Eingänge zu haben und die Erinnerung an die Opfer des Hitlerismus mitten ins Leben zu tragen.

Essen in Velké Meziříčí

Das beste Essen meiner tschechoslowakischen Reise 2018 hatte ich in Velké Meziříčí etwa im Jahre 1985.

Ein Flachbau am Hang beim Bahnhof Velké Meziříčí zastávka (Velké Meziříčí Haltestelle), vorgesetzte Terrasse mit Hochbeet im Betongeländer, verglaste Vorderseite, von einem gemeinsamen Foyer in der Mitte erschlossen eine kleine coop Jednota-Kaufhalle rechts und das Bufet „U zastávky“ (Bei der Haltestelle) links, was oben unter dem Dach auch in weißen Rechtecken mit grünen Buchstaben als „Bufet“ und „Potraviny“ (Lebensmittel) ausgepriesen ist.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Ein Raum mit holzgetäfelten Wänden, nicht klein, nicht groß, nicht eng, nicht geräumig, sondern genau so, wie er sein muß. Stühle mit rotem Kunstlederpolster und weißem Saum, auf Stahlstützen im Boden befestigte Tische mit roten und grünen Tischdecken. Direkt neben der Glastür die Theke, wo ein älterer Mann, Herr Pěchota, das Essen ausgibt, nicht unfreundlich, nicht freundlich, nicht abweisend, nicht jovial, sondern genau so, wie er sein muß. An der Wand hinter ihm steht das Essensangebot des Tages und vor ihm schon die Fleischstücke, damit er nur noch die Soße darüber gießen und die knedlíky (Semmelknödel) dazulegen muß. Ich bestellte svíčková (Lendenbraten), er verstand sekaná (Hackbraten), aber das war die bessere Wahl. Wohl da ich recht spät kam und nichts davon mehr sehr warm war, stellte er es kurz in eine riesige Mikrowelle der Firma National. Jede andere Mikrowelle hätte im tschechoslowakischen Jahr 1985 anachronistisch gewirkt, aber dieses Modell der heute besser als Panasonic bekannten japanischen Firma kann man sich als teuren Import aus dem kapitalistischen Ausland gut vorstellen. Gleiches gilt für die beiden softpornographischen Aufnahmen an der Holzvertäfelung nach dem Ende der Theke, gleich hinter dem Getränkeangebot aus bereitstehenden Dessertdrinks und zu zapfendem Bier, bloß die Schamhaare fehlten. In der Wand sind weiterhin noch die Durchreiche der Geschirrückgabe und die Tür zu den Toiletten.

Das Essen konnte in dieser Umgebung nur gut sein und das Publikum war so gemischt und unprätentiös, daß ich mit langem Haar und bunter Tasche wohl als Tscheche hätte gelten können, wenn ich denn Bier getrunken hätte. Die Lage mit Fensterfront auf die Terrasse, das Grün und die eingleisige Bahnstrecke hätte nicht besser sein können, doch wenn das Gebäude sich zur andere Seite öffnete, würde es einen einzigartigen Blick über die Stadt bieten. Kirchturm, Schloß und Autobahnbrücke lägen zum Greifen nahe vor einem.

Für die Tschechoslowakei wäre das vielleicht besser gewesen, aber das Bufet wäre dann auch so ein unverkennbar perfekter Ort, daß es sich das Jahr 1985 wohl kaum über dreißig lange Jahre Kapitalismus so unverfälscht bewahrt hätte.

Głuchołazy

Zwei Turmspitzen hat die Kirche, zwei Teile verblieben von der vielhundertjährigen Linde auf dem Marktplatz und in gewisser Weise ist Głuchołazy ganz im mittleren Süden von Polen zwei Städte, wie es im übrigen zum Pluralnamen passen würde.

Den Kirchturm sieht man bereits, wenn man von der höher gelegenen Bahnstrecke über die Stadt blickt, was eher auf dem kurzen polnischen Abschnitt einer tschechischen Linie geschehen wird als bei der Anfahrt von Polen aus, da die nur am Wochenende möglich ist.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Die beiden barocken Turmhauben beginnen quadratisch mit bereits kupferverkleideten Umgängen, die in der Mitte durch einen schmalen Teil verbunden sind, steigen dann in runden geschwungenen Stufen mit offenen Laternen an.

Die Kirche steht leicht abseits des großen rechteckigen Rynek (Marktplatzes), zeigt aber mit dem Turm und dem unten in diesem angeordneten und im Putz durch ein dreieckiges Feld noch betonten gotischen Portal durch eine Öffnung in der Bebauung zu ihm.

Die Linde steht auf dem Platz etwa in einer Linie mit der Kirche. Sie ist es, die ihn, der heute keine Denkmäler oder Statuen und auch keine besonders markanten Gebäude hat, bestimmt. Ihr Stamm ist gleichsam gespalten, aber immer noch mächtig, sein größerer Teil wird von einem Holzgerüst gestützt, sein kleinerer Teil steht noch selbst.

Man müßte nicht einmal die Legenden davon, daß sie 1648 zur Feier des westfälischen Friedens oder, polnischer, 1683 von Soldaten der Armee Sobieskis auf dem Rückweg von Wien gepflanzt wurde, kennen, um zu spüren, daß sie ein für die Stadt Głuchołazy enorm wichtiger Baum ist, an dem viele Generationen auf dem Weg nicht nur zur Kirche vorbeigingen. Es paßt auch, daß sie nicht durch menschliche oder Umwelteinwirkungen einstürzte, sondern unter ihrem eigenen Gewicht im Jahre 1992 bald nach einem großen politischen Umbruch – und daß sie weiterwächst.

Głuchołazy ist ansonsten ein recht typisches preußisches Städtchen, was aber dank der Lage an der Grenze und in bergiger Gegend nur halb so schlimm ist. Es erstreckt sich mit historistischer Blockrandbebauung um den alten Kern, in dessen Mitte der Rynek liegt und von dem außerdem noch einige Mauerreste und ein Turm übrigblieben, bis zum Fluß Biała und den ansteigenden Hügeln sowie entlang der Ausfallsstraßen. Dieses erste Głuchołazy ist eine alte Kleinstadt in weitgehend preußischer Gestalt.

Im Westen aber setzt sich die Miethausbebauung weiter fort, als man das erwarten könnte und wird immer mondäner und repräsentativer. Nach einem als Park gestalteten Waldstück am Hügel beginnt es mit nun freistehenden Villen und Mietshäusern gleichsam von Neuem.

Das ist das zweite Głuchołazy: Głuchołazy-Zdrój (Bad Głuchołazy). Bäderbetrieb gibt es keinen mehr, aber noch immer konzentrieren sich die Hotels und Restaurants hier und nicht am Rynek. Das funktionale Schmuckstück von Głuchołazy-Zdrój ist die sogenannte Schaukelbrücke: eine kleine Hängebrücke für Fußgänger direkt neben der Eisenbahnbrücke, deren Stahlseile in vier filigranen offenen Pfeilern aus Stahlgittern hängen.

Anders als das alte Głuchołazy, das sich von der Biała ängstlich abwendet, nimmt das Bad den Fluß freudig in sich auf, wie die landschaftlichen Reize überhaupt erst hier entdeckt werden. Das zweite Głuchołazy also ist ein Kurort aus dem späten 19. Jahrhundert.

Doch Głuchołazy ist noch mehr.

Wie es neben der zweispitzigen katholischen Kirche beim Rynek weiter entfernt noch eine banale ehemals protestantische neogotische Kirche mit einem einzelnen Turm gibt und wie zwischen die beiden verbliebenen Teile der alten Linde eine neue, nun auch schon stattliche, gepflanzt wurde,

so ist auch Głuchołazy noch eine dritte Stadt: eine Industriestadt, erstaunlicherweise, und, noch erstaunlichererweise, eine, die ihre Industrie bis heute behalten hat. Man sieht sie sofort, wenn man vom Rynek nach Głuchołazy-Zdrój geht. Direkt nach einem backsteinernen preußischen Schulklotz und einem kleinen Bach blickt man auf die Fabrik von Schattdecor.

An stark renovierte alte Backsteinbauten mit Hallen und Schornsteinen schließt eine neue Anlage mit dem Schriftzug auf einer hohen grauverkleideten Wand, mehr Backstein und viel Glas an. Der neue Teil könnte auch in einem Gewerbegebiet irgendwo in Deutschland stehen. Daß die deutsche Firma, die Aufdrucke für Möbel herstellt, gerade Głuchołazy als Outsourcingstandort wählte, ist kein Zufall, sondern hängt mit dessen Industriegeschichte zusammen.

Jenseits des Flusses, aber durch aufgestützte Rohrleitungen mit dem Schattdecor-Areal verbunden, steht nämlich die Głuchołazer Papierfabrik, die schon viel eher in diese etwas verschlafene Stadt in den Bergen passen will.

Anfang des 20. Jahrhunderts erreichtet, zeigt sie der Straße eine mehr monumentale als spezifisch historistische Fassade, die doch nur bloße Konvention ist und nichts von den ganz durch die Funktion bestimmten Anlagen daher versteckt. Markant ist etwa eine schmale satteldachförmige, aber nur aus horizontalen Lamellen bestehende Konstruktion, die sich auf einer Halle entlangzieht, oder der große schwarze Würfel einer anderen Halle.

Da Głuchołazy von Kriegshandlungen nicht betroffen war, konnte die Fabrik schon 1946 mit voller Leistung produzieren, was sie äußerst wichtig für die Papierherstellung im nach dem Krieg wiederentstehenden Polen machte. Eine hübsche Anekdote aus den wilden Anfangsjahren des neuen polnischen Westens erzählt, wie die ersten polnischen Verwalter die wichtigsten Teile der Maschinen mit Hilfe deutscher Arbeiter im Fluß versteckten, damit sie nicht von sowjetischen Spezialisten, die die ehemals deutschen Gegenden nach nutzbarem Gerät als Reparationen absuchten, in die Sowjetunion geschafft werden konnten. An die „Głuchołaskie Zakłady Papiernicze“ (Głuchołazer Papierbetriebe) der sozialistischen Zeit erinnert noch ein typisches Werbebild an einer Brandmauer an einer Ausfallstraße, aber leider ist das Motiv nicht mehr zu erkennen und es steht eine Weide (immerhin) davor.

Auch heute noch existiert die Firma und sagt von sich, der größte Papierproduzent Polens zu sein, was man angesichts ihrer Geschichte angemessen und schön finden kann.

Das ist das dritte Głuchołazy. Aber, ob ein, zwei, drei Städte, es ist eine Vereinfachung, um Głuchołazy in den Vergleich vom Anfang zu pressen. Eigentlich ist es noch viele weitere Städte, das sozialistische Głuchołazy mit seinen Wohngebieten etwa oder das einstige Ziegenhals oder die Stadt an verschiedenen Grenzen. Jeder Ort ist mehrere Orte.

Und die scheinbar barocken Hauben der Kirche stammen von 1906, während der deutlich schlichtere ältere Turmabschluß aus Holz heute auf einem Nebengebäude am Rynek sitzt.

Und die größte Linde der Gegend,

deren hohler Stamm von einem zweiten Baum oder Baumteil fast ausgefüllt ist, steht bei einem Hof im übergangslos im Norden angrenzenden Dorf Bodzanów.

Und dort gibt es auch eine Fabrik und eine barocke Kirche mit Zwiebelhaube.

Und… Aber dies ist nur ein Text, die Welt ist immer mehr.

Die meisten hier enthaltenen Informationen teilen Głuchołazy (denn sie sind eben eine Pluralstadt) ihren Besuchern auf polnisch-, tschechisch- und deutschsprachigen Tafeln übrigens bereitwillig mit.

 

Die fonction oblique in Gdynia

Parkdecks auf Betonstützen gibt es bei vielen Bürogebäuden, da sie eben praktisch sind und mit deutlich weniger Aufwand als Tiefgaragen deutlich mehr Stellplätze als ebenerdige Parkflächen schaffen. Zu diesen Parkdecks gehört immer eine Auffahrtsrampe. Aber wieso eigentlich?

Hinter dem großen Bürogebäude des Morski Instyut Rybacki (Instituts für Meeresfischerei), das oberhalb des Zentrums von Gdynia heute vor allem riesigen Werbebannern zu dienen scheint, ist es anders. Hier fehlt die separierte Rampe und stattdessen fällt das Parkdeck mit seiner ganzen Fläche sanft auf das Straßenniveau ab.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Das ist eine so einfache wie kluge Lösung, denn wieso muß ein Parkdeck eigentlich eine ebene Fläche sein? Autos parken schließlich regelmäßig an Hängen und auch an solchen mit weit prekärerer Steigung als hier.

Wo anderswo Auffahrtsrampen aus Beton durch aufgeschüttete Hügel ersetzt wurden, wird hier das Parkdeck selbst zu einem Hügel aus Beton, der die Auffahrtsrampe unnötig macht. Das ist, wie gesagt, einfach, scheint sogar ganz naheliegend, wenn man es einmal gesehen hat, doch wie Jonathan Richman fragt: „If someone else can do it, how come nobody does?“ (Wenn jemand anderes es machen kann, wieso macht es dann keiner?)

Ideen, die technischen Möglichkeiten des Betons gerade für schiefe Ebenen auszunutzen, gab es selbstverständlich einige, etwa in Claude Parents „fonction oblique“ (schräger Funktion), und es ist nicht ausgeschlossen, daß der Schöpfer des Gdyniaer Parkdecks mit ihnen vertraut war, aber das ändert nichts daran: Was man hier sieht, ist nicht weniger als eine architektonische Großtat. Es ist das Parkhaus des klugen Manns.

Tábor

Tábor ist, wie etwa Washington oder Stalinstadt, eine Stadt, bei der schon der Name ein politisches Fanal ist. Da das 1420 gegründete Tábor deutlich älter ist als die anderen beiden Städte, ist das heute jedoch weniger offensichtlich. Ganz wie sie wurde auch Tábor von einer revolutionären Bewegung gegründet, allerdings nicht von einer bürgerlichen oder einer sozialistischen, sondern von einer frühbürgerlichen: den Hussiten.

Nach der Ermordung ihres geistigen Vaters und Namensgebers Jan Hus im Jahre 1415 wurde die hussitische Bewegung, die sich auf die arme tschechische Land- und Stadtbevölkerung und den niedrigen Adel stützte, immer stärker. Längst schon war aus einer religiösen Bewegung gegen die weltliche Macht der Kirche und für Gleichheit im Sinne der Bibel eine politische und militärische Kraft geworden. Als die Hussiten unter dem Heerführer Jan Žižka z Trocnova sich auf einem steilen Hügel in Südböhmen eine eigene Stadt gründeten, nannten sie diese unbescheiden nach dem Berg Tabor in Palästina, der als Ort der Verklärung Christi gilt, auf Tschechisch also Tábor. Entsprechend hieß der kleine, aber vor der Stadt aufgestaute Bach nun Jordán.

Aus Autorenkollektiv: Československo, Praha/Bratislava 1988 (Bild zum Vergrößern anklicken)

Aber Tábor blieb nicht der Name einer Stadt, sondern ging mit den militärischen Erfolgen der Hussiten um die Welt oder jedenfalls durch die um Böhmen gelegenen Teile Europas. Denn tábor nannten die Hussiten auch die Wagenburgen, zu denen sie die Wagen ihres auch Frauen und Kinder umfassenden Trosses in Schlachten zusammenstellten – eine neuartige Kampftechnik, die sie, zusammen mit ihrer Verwendung von Feuerwaffen (die Worte Pistole wie Haubitze sind tschechischen Ursprungs) und ihrer im Vergleich zu den gegnerischen Söldnerheeren ungleich größeren Kampfmoral, für mehrere Jahrzehnte beinahe unbesiegbar machte. Die Kriegszüge der Hussiten führten in die angrenzenden Teile Ungarns, des Deutschen Reichs und in polnischem Auftrag bis an die Ostsee. Überall lernten ihre Gegner ihre tábory kennen. Sogar in Wien gibt es eine Taborstraße, die aber nicht direkt nach den Hussiten – sie kamen nur bis Strebersdorf am anderen Donauufer – sondern nach einer von ihnen inspirierten Befestigung benannt ist.

Wenn die Hussiten eines gut konnten, dann Krieg führen. Eine der faszinierenderen Ideen für eine alternative Geschichte ist daher auch, wie es gewesen wäre, wenn sie gesiegt und ein hussitisches slawisches Reich zwischen Elbe, Ostsee, Bug und Donau gegründet hätten. Doch den heutigen nachtschechoslowakischen Tschechen sind ihre kriegerischen Vorfahren eher peinlich. Sie haben stattdessen den Defätismus verklärt, mit Švejk als Heiligem, was allerdings auf einem groben und absichstvollen Fehlverständnis von Kommissar Jaroslav Hašek beruht, denn der hatte mit Jan Žižka viel mehr gemein, als ihnen lieb sein kann. Nicht einmal, daß das Wort tábor tatsächlich aus dem Tschechischen in die Nachbarsprachen drang, wollen sie so ganz glauben (und sprachwissenschaftlich ist es nicht völlig eindeutig), obwohl es schon ob der enormen Stärke der Hussiten plausibel erscheint.

Daß die Hussiten nach der Schlacht von Lipany im Jahre 1434 letzlich scheiterten, lag neben ihrer Spaltung in gemäßigte und radikale Fraktionen, zu welchletzteren Tábor gehörte, auch daran, daß die gegnerischen kaiserlich-katholischen Heere ihre Kampftaktiken samt dem tábor übernommen hatten. Aber der Name der Stadt Tábor blieb und ihr revolutionärer Ursprung beeinflußte all ihre weitere Entwicklung.