Archiv des Autors: Philipp Eichhoff

Über Philipp Eichhoff

Autor dieser Texte. Wien, vorher Frankfurt am Main, Berlin und Zittau.

Palom pomorcu

Wenn man Split vom Meer her erreicht, sieht man noch vor dem Turm der Kathedrale einen anderen Turm. Er hat einen rechteckigen Grundriß, mit hellem glattem Stein verkleidete Schmalseiten und Breitseiten aus unzähligen in Beton eingelassenen runden Glaselementen. So, ein weißer und in der Sonne schimmernder Monolith, steht er über der Klippe rechts der Hafeneinfahrt.

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Wenn man näher kommt, sieht man, daß er nicht allein ist. Rechts von ihm steht auf der Klippe ein Kunstwerk aus dem gleichen weißen Stein, von dem man kaum sagen kann, ob es Relief oder Skulptur ist. In einem rechteckigen Rahmen zeigt es einen Mann in schräger Position, der sich mit der Hand an etwas festhält, die andere wie auch die Beine ausgestreckt hat und mit nach oben gerichtetem Gesicht etwas ruft, während von unten Wellen an ihn schlagen. Das ist mit nur einigen wenigen großen und einfachen Formen dargestellt, um die man durch das Relieffeld hindurchblicken kann, aber man sieht den Seemann im Sturm, der das Schiff mit größter Mühe unter Kontrolle hält, den Kampf des Menschen mit dem Meer.

Mit dem Turm, hohen Nadelbäumen im Hintergrund, riesigen Agaven, die sich davor an den Rand der Klippe klammern, dem grauen Fels und dem blaugrünen Wasser bildet das Kunstwerk ein ganzes Ensemble, das man vom Meer her kommend vielleicht mehr erahnt als in allen Details sieht.

Wenn man sich ihm vom Land, von der Stadt Split her. nähert, sieht man die Reliefwand am Rande eines großzügigen Platzes im Schatten der Nadelbäume, rechts flankiert von dem Turm und vor dem blauen Hintergrund des Meeres und der Insellandschaft.

Dank der Verwendung des Durchbruchsreliefs ist die Szene von hier aus so gut zu sehen wie von unten im Meer, aber man ist ihr näher und sie bekommt eine explizite Bedeutung, da in einer rechts anschließenden niedrigen weißen Steinwand steht: „Palom pormorcu“. „Dem gefallenen Seemann“ also und damit allen gefallenen Seeleuten ist es ein Denkmal und die Szene paßt dazu.

Das Schöne und Wichtige ist, daß sie den Kampf, nicht den Tod zeigt. An der Hafeneinfahrt ist das Denkmal ein Memento Mori, aber kein Symbol von Vergeblichkeit, sondern vielmehr Ansporn, den Kampf mit den Elementen nie aufzugeben. Nur so sind die gefallenen Seeleute zu ehren, wußte der Bildhauer Andrija Krstulović wohl. Hinzu kommt vor dem Turm noch ein Anker und auf einer Fläche aus weißen Stein eine liegende rechteckige Platte aus demselben, die vielleicht für Kränze gedacht war.

Heute sind die beiden Seiten des Denkmals weit voneinander entfernt. Unten am Meer würde man nichts vom Platz ahnen und auf diesem nichts von den Klippen. Nichts scheint die stille Gegend mit freistehenden Häusern aus dem 19. Jahrhundert, durch die man auf den Platz kommt, mit dem touristischen Treiben des Fährhafens zu verbinden. Die Seeleute müßten einen recht weiten Umweg zur Ehrung ihrer gefallenen Genossen machen.

Das war nicht immer so. Zum 1958 eröffneten Ensemble gehört eigentlich noch ein rechts des Hafens, am Rande des Hügels mit dem Denkmal, stehendes Gebäude. Es ist recht lang und hat drei Geschosse, die von großen Flächen mit weißer Steinverkleidung und im vorderen Teil, zum Meer hin, viel Glas bestimmt sind.

Auf dem nach vorne überstehenden Dach ist eine große Terrasse und nur im hinteren Teil zurückgesetzt ein weiteres verglastes Geschoß.

Diese Terrasse aber befindet sich auf einer Ebene mit dem Platz des Denkmals, erweitert, vervollständigt ihn, verbindet ihn mit dem Hafen, zu dem er gehört.

Einst war das Gebäude das Schmuckstück des Hafens und mit Turm und Kunstwerk Höhepunkt seiner Gestaltung durch den jugoslawischen Sozialismus. Heute steht es leer und verfällt, die Verbindung zwischen Platz und Hafen ist versperrt.

Noch immer empfängt Split seine vom Meer her kommenden Gäste auf schönste Weise, aber es ist nur noch die halbe Schönheit. Was fehlt, sind Jugoslawien und der Sozialismus.

Dreimal Polen

Abseits der Straße Długie Ogrody (Lange Gärten) östlich der Gdańsker Innenstadt treffen drei Zeiten aufeinander.

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Am Ende der parallel verlaufenden Erschließungsstraße stehen einige backsteinerne Mietskasernen. Schon in der deutschen Zeit lebten dort Arme, im sozialistischen Polen wurde es kaum besser und erst recht heute kann man in der ewig offenen Tür und auf der matschigen Straße spielende Kinder sehen, eine Szene, die man von alten Photos oder aus Fernsehberichten über Dritte-Welt-Länder kennt.

Dann folgen quer zur Straße stehende zwölfgeschossige Wohnhäuser. Diese fortschrittliche Architektur wird in Deutschland fälschlich mit Armut verbunden, ist in Polen aber einfach die typischste Wohnform. Die Grünflächen zwischen den Gebäuden sind weit und breit das Einzige, was dem Straßennamen gerecht wird.

Davor, entlang der der Straße, ist schließlich eine neue Wohnanlage, die erst im letzten Jahr fertiggestellt wurde. Sie nennt sich nach den Długie Ogrody, aber von Gärten oder Grün gibt es keine Spur. Stattdessen handelt es sich um eine Art Neoblockrandbebauung aus durchgehenden Teilen zur Straße und regelmäßigen Quertrakten um winzige erhöhte Höfe. Von ihrer Umgebung schottet sich diese Architektur hermetisch ab, der ganze Erdgeschoßbereich zur Erschließungsstraße ist eine öffnungslose Mauer mit Backsteinverkleidung.

Auf engem Raum sieht man hier also die Architektur des deutschen Kapitalismus, des polnischen Sozialismus und des polnischen Kapitalismus. Das Nebeneinander zeigt klar, welche die beste ist und wie groß der Rückschritt seit 1989. Ob man will oder nicht, hier sieht man die Gegenwart und Polen.

Lenin im Kloster

Schon das ehemalige Franziskanerkloster liegt im westböhmischen Cheb eher abseits des Touristenrummels, der sich auf den Marktplatz und die nahe bei diesem stehenden beiden Hauptkirchen konzentriert. Es bildet einen eigenständigen Komplex innerhalb der Stadt, dessen Zentrum der schmale Františkánské náměstí (Franziskanerplatz) mit der gotischen Kostel  Zvěstování Panny Marie (Kirche Mariä Verkündigung), der barocken Kostel Sv. Kláry (Kirche der heiligen Klara) und vielen weiteren meist einfachen barocken Gebäuden darstellt.

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Vertikale gotische Strebepfeiler und weißer barocker Giebel mit zwei Heiligenstatuen stehen sich gegenüber, aber nicht feindlich, nur rat- und bezuglos, beide vollständig Gebäude ihrer Zeit.

Daß der Barock es sich nicht nehmen ließ, die gotische Kirche seinen Vorstellungen anzupassen, kann man im Inneren des heute eher notdürftig, aber sympathisch museal genutzten Baus am Umriß eines hohen barocken Altars über einer gotischen Nische oder an einem Wandbild, das eine hohe Altararchitektur imitiert, erkennen.

Er beließ aber den gotischen Kreuzgang mit Kreuzrippengewölbe und spitzbögigen Fenstern, deren Maßwerk vielfach variiert, nur annähernd regelmäßig abgewechselt und an der ersten Seite sogar fast nicht wiederholt ist.

Um das Franziskanerkloster ganz zu verstehen, muß man auch seinen Garten, der direkt hinter der Kirche liegt, aber nur auf Umwegen zu erreichen ist, sehen. Und sogar dieser Garten besteht noch aus mehreren Teilen, die teils leicht zu übersehen sind. Der erste und größte Teil ist eine geometrische rechteckige Anlage mit Beeten, Wiesen, Bäumen, Spalieren und in der Mitte im Brunnen der banalen Skulptur eines wasserholenden Mädchens.

Zur Stadt hin bildet seine Breitseite ein langer Speicherbau mit hohem Satteldach, zur anderen ein weißgetünchter Rest der Stadtmauer mit hölzernem und rotgeziegeltem Wehrgang, über dem schon eine Villa des anschließenden großbürgerlichen Viertels aufragt. Jenseits der niedrigeren Mauern an der Schmalseite des Eingangs steht ein k.k. Schulgebäude und an der gegenüberliegenden ein schlichter zweigeschossiger Barockbau mit Walmdach.

Doch zwischen diesem Bau und der Stadtmauer, wo man schon die Rückseite der Verkündigungskirche sieht, geht es weiter in den zweiten Teil des Klostergartens.

Schmaler als der erste verläuft er etwa quer zu ihm und ist vom genannten Barockbau und einem zweiten mit rundbögigen Arkaden gerahmt. An der Grundseite steht ein barockes Torgebäude, das sich mit nun drei Geschossen am Anfang der anderen Seite fortsetzt, während sich im folgenden die gotischen Strebepfeiler und Spitzbögen der Kirche auftürmen. In diesem Teil ist es noch stiller und im Sommer duftet alles nach Rosen.

Hier erst, wo man die vom Platz her wenig einladende gotische Kirche über das Grün des Gartens hinweg sieht, kann man begreifen, was für einen Luxus es bedeutete, in einem Kloster zu leben. Mitten in der engen Stadt, direkt hinter ihren engen Gassen und meist kaum größeren Plätzen hatte das Kloster diesen großzügigen Garten und es hatte ihn für sich. Um zu erklären, wieso jemand Mönch sein wollte, genügt dieser Kontrast zwischen steinernen Gassen und grünem Garten völlig.

Es bleibt noch der dritte Teil des Klostergartens, in den man gelangt, wenn man an der Stadtmauer weitergeht. Im Winkel zwischen dieser, der Kirche und noch einem Barockbau, hinter einer niedrigen Mauer mit verschlossenem Tor, steht dort Lenin. Er hat das linke Bein vorgesetzt, die rechte Hand in der Hosentasche und den Oberkörper leicht zurückgelehnt, so daß sein Mantel locker hinter seinen Beinen hängt. Auf dem Kopf trägt er eine Schiebermütze und sein spitzbärtiges Gesicht ist auch ohne viele Details sofort zu erkennen. Eine klassische ikonische Darstellung inspiriert von Photos aus der Zeit der Revolution, hier überlebensgroß und aus Bronze.

Lenin ist nicht allein in seiner Ecke beim Kloster. Etwas rechts hinter ihm, ebenfalls aus Bronze und etwa lebensgroß, steht Julius Fučík, was ob des Größenunterschieds einen reichlich komischen Eindruck macht.

Rechts gegenüber steht weiterhin ein sandsteinerner Grenzsoldat mit Maschinenpistole und Schäferhund.

Es sind Denkmäler der sozialistischen Tschechoslowakei, die von ihren öffentlichen Plätzen entfernt und hierher ausgelagert wurden. Lenin, Führer der Oktoberrevolution und des ersten sozialistischen Staats, stand dargestellt von Vladimír Relich seit 1979 vorm Bahnhof. Fučík, Schriftsteller und Märtyrer der kommunistischen Bewegung der Tschechoslowakei, stand geschaffen von Miloslav Soňka seit 1960 in der nahen Stadt Františkovy Lázně. Der Soldat, der „Na stráži míru“ (Auf Friedenswacht), wie die Skulptur von Jan Hána heißt, die Grenze zum nahen Westdeutschland schützte, stand seit 1955 im Gottwaldovy Sady (Gottwald-Park) von Cheb, der inzwischen auch anders heißt.

Hier aber stehen sie zusammen, immerhin noch sichtbar. Es erinnert daran, wie besiegte oder in Ungnade gefallene Herrscher einst gezwungen wurden, ins Kloster einzutreten, um auf harmlose Weise ihre letzten Tage zu verleben. Hier ist das wiederholt mit den Denkmälern beim Klostergebäude. Sie stehen dort und die, die sie dorthin gestellt haben, mögen denken, daß sie dort ihre letzten Tage verleben und noch dem Spott der Betrachter ausgesetzt sind. Aber sie warten, bis ihre Zeit kommt, sie haben Zeit, sie sind Kommunisten. Und ganz unpassend ist auch dieser Ort für sie nicht, denn ihnen ist es zu verdanken, daß der Klostergarten für alle zugänglich ist und Mönche weit und breit nicht zu sehen sind.

Erkundungen auf Friedhöfen: Eine Inschrift in Olsztyn

In Olsztyn hat sich vom Erbe des Sozialismus noch viel bewahrt, zumal für polnische Verhältnisse, weshalb es auch nicht erstaunen sollte, daß man hier auf einem kleinen Friedhof am östlichen Stadtrand die wohl schönsten Worte in polnischer Sprache, die man noch öffentlich finden wird, liest. Der weiß in schwarze Steinplatten geprägte Text beginnt vertraut, gleichsam langweilig:

„Na cmentarzu tym spoczywa 4262 żołnierzy Armii Radzieckiej poległych w walce z hitlerowskim najezdczą podczas zwycięskiej ofensywy zimowej w 1945 r. na terenie miast i powiatów Olsztyna, Szczytna, Reszla, Jezioran, Biskupca, Nidzicy, Dobrego Miasta, Barczewa” (Auf diesem Friedhof ruhen 4262 Soldaten der sowjetischen Armee, die im Kampf mit dem hitlerischen Eindringling während der siegreichen Winteroffensive 1945 auf dem Gebiet der Städte und Kreise Olsztyn, Szczytno, Reszel, Jeziorany, Biskupiec, Nidzica, Dobre Miasto, Barczewo fielen)

Gerade, wenn man meint, die Liste der Orte wolle gar nicht aufhören, ändert sich der Ton:

„Pamięc o nich zachowana zostanie na zawsze wśród mieszkańców tej ziemi jako wieczysty symbol braterstwa narodów w walce o najpiękniejsze ideie ludzkości“ (Für immer wird die Erinnerung an sie unter den Bewohnern dieses Lands als ewiges Symbol der Bruderschaft der Völker im Kampf um die schönsten Ideen der Menschheit bewahrt werden)

Und als sei das nicht schon genug, werden diese Ideen in einer letzten abgesetzten Zeile noch expliziert:

„Socjalizm, wolność, pokój“ (Sozialismus, Freiheit, Frieden)

Genau so muß ein guter Text geschrieben sein. In nur zwei Sätzen von nüchternen Fakten über aufrichtiges Pathos zu einem Abschluß, der in seiner unerwarteten Stärke zu Tränen rühren kann. Vielleicht schrieb den Text ein Komitee, aber es schrieb wie ein Kommunist. Ihre Wirkung bekommen die Worte auch dadurch, daß sie in Polen so selten sind, und das nicht vor allem wegen späterer Zerstörungen, nein, das Wort Socjalizm findet sich auch auf unverändert erhaltenen Inschriften eigentlich nie. Wenn das in Olsztyn anders ist, dann doch wohl, weil es jemand mehr wollte, als er das staatsoffiziell hätte tun müssen, weil jemand Kommunist war.

Die Inschrift bildet den mittleren und größten Teil einer freistehenden Wand an der rechten Seite des Friedhofs.  Links daneben auf dem niedrigen Sockel im selben schwarzen Stein ist ein kaum merklich vorgesetzter und etwas höherer Teil mit Kreuz und der konventionelleren Inschrift:

„Na kwaterze polskiej spoczywa 290 żołnierzy polskich poległych śmiercią bohaterską w obronie ojczyzny przed nawałą faszystowską“ (Im polnischen Abschnitt ruhen 290 polnische Soldaten, die in den Jahren 1939 bis 1945 bei der Verteidigung des Vaterlands gegen den faschistischen Ansturm eines heldenhaften Todes fielen)

Das christliche Symbol paßt überhaupt nicht zum kommunistischen Text daneben, aber das ist ein typisch polnischer Kompromiß.

Rechts ist ein etwas niedriger Teil mit auf andere Art ungewöhnlicher Inschrift:

„We wspólnych grobach obok żołnierzy polskich spoczywają lotnicy wolnej Francji, którzy oddali swe życie za liberté, egalité, fraternité” (In Gemeinschaftsgräbern ruhen neben den polnischen Soldaten Flieger des freien Frankreich, die ihr Leben für Liberté, Egalité, Fraternité gaben)

Die drei Leitsprüche der französischen Revolution, die über deren bürgerlichen Charakter hinausgehen, treten in Originalsprache neben die drei sozialistischen auf Polnisch und sie passen gut zusammen.

Vor dem mittleren und dem rechten Teil ist noch ein kleiner Quader mit den allen drei Gruppen gemeinsam geltenden Worten:

„Wieczna chwała poległym bohaterom“ (Ewiger Ruhm den gefallenen Helden)

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Ob der rechts frei auf dem Sockel liegende Quader einmal etwas trug, ist ungewiß, aber man will hoffen – und die Inschrift gibt einem das Recht dazu – daß es etwas war, das alles Schönste dieser Denkmalwand noch schöner gemacht hätte.

 

Centre Pompidou Málaga

Wieso es im südspanischen Málaga oder irgendwoanders als in Paris ein Centre Pompidou geben sollte, ist schwer zu erklären, aber so ist das eben.

Die andalusische Filiale des berühmten Pariser Museums- und Bibliothekszentrums befindet sich weit im Osten der Stadt. Von der Halbinsel am Hafen, wo die Kreuzfahrtschiffe halten und erst ein weißer Leuchtturm, dann dicht an dicht Wohnhochhäuser stehen, sieht man es in der Ferne noch hinter einer Klippe, die die Strand- und Vorortlandschaft abschließt, als unklaren und fremdartigen Turm.

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Neugierig zumindest macht seine Architektur, hinzukommen jedoch ist nicht ganz leicht.

Es folgt passenderweise auf den zweiten Hügel des sehr teuren Villenvororts El Candado (wörtlich das Vorhängeschloß), der auch einen Jachthafen am Meer und einen Golfplatz im Tal hat.

Aber auch von diesem ist es noch getrennt durch steinige Hänge, wo nach der subtropischen Üppigkeit der Stadt nur noch Kräuter und wenige kleine Bäume unter der südlichen Sonne wachsen, bloß eine letzte Villa schaut neugierig über die Hügelkuppe.

Offenbar ist das Centre Pompidou Málaga noch etwas radikaler in seiner Bemühung, von allem anderen losgelöstes Wahrzeichen seiner Stadt zu sein als die berühmtere Filiale eines anderen Museums im nordspanischen Bilbao.

Es ist ein hohe blaue Stahlkonstruktion, in der silbergraue rohrartige Formen aufgehängt sind, während zwei enorme gelbe Rohre im spitzen Bogen noch nach oben vorstehen und dann parallel außen hinunterführen. Zu diesem Turm kommen verschiedenste Sockelbauten, am auffälligsten ein dicker Betonzylinder mit Zeltdach und vier miteinander verbundene schmalere Betonzylinder mit flachen Abschlüssen.

Wie das ursprüngliche Centre Pompidou als scheinbar industrielle Skulptur aus dem Häusermeer von Paris ragt das Centre Pompidou Málaga aus der rauhen mediterranen Landschaft vor dem Hintergrund des tatsächlichen Meers.

Die architektonische Verwandtschaft jedoch ist offenkundig, wobei es überraschen kann, daß zum vertrauten High-Tech-Stil so viel brutalistischer Beton kommt, aber irgendein Alleinstellungsmerkmal muß es wohl geben.

Wie vielleicht schon deutlich wurde, war alles nach dem ersten Satz  dieses Texts eine Lüge. Das betreffende Gebäude ist tatsächlich Teil einer Zementfabrik mit großem Steinbruch. Sie ist lokal vor allem für Umweltverschmutzung bekannt und ging seit 1990 durch die Hände von italienischem und französischem Kapital, bevor sie vor kurzem als Teil der Heidelberg Cement Group in deutschen Besitz kam.

Ein Vergleich mit dem Pariser Centre Pompidou kann aber einiges über dieses aussagen, denn die architektonischen Gemeinsamkeiten sind ja tatsächlich groß. Im ersten Fall handelt es sich um einen modernen Industriebetrieb, der genau so gebaut ist, wie er zum Erfüllen seiner Funktion eben sein muß, und der keinerlei ästhetische Absichten hat. Im zweiten Fall handelt sich um einen Museumsbau, der die Formen industrieller Architektur für ästhetische Zwecke benutzt. Zwar behauptete die High-Tech-Architektur, eine Architekturmode der späten siebziger Jahre, von der Modulhaftigkeit und Veränderbarkeit der Industriearchitektur inspiriert zu sein, aber das Centre Pompidou war nie modular oder veränderbar; die funktionalen Formen von Industriebetrieben waren in ihm zum Ornament geworden. Das verbindet den High-Tech nebenbei gesagt mit jener anderen Architekturmode der späten Siebziger, der Postmoderne: wo diese die überkommenen Architekturstile bestahl, bestahlt jene die Industriearchitektur. Immer noch besser immerhin war der High-Tech, weil seine Idee eine theoretisch gute war, während die Postmoderne in ihrer gesamten Idee reaktionär war. Beide logen, aber die Postmoderne wollte nie etwas anderes als zu lügen.

All das erzählt der beeindruckende Industriekomplex der Zementfabrik am Rande von Málaga, aber vor allem erfüllt er seine Funktion.

Im Übrigen gibt es das Centre Pompidou Málaga wirklich, aber es steht im Stadtzentrum als wichtiger Angelpunkt der Hafenpromenade und es versucht glücklicherweise nicht, die Formen des Pariser Stammhauses zu imitieren. Es hat einen geschoßhohen Sockel mit nach oben und außen abgeschrägten Wänden, auf dessen mit den Nebenbauten verbundener Terrassenfläche ein gläserner Würfel ruht.

Seine leicht nach unten schrägen quadratischen Scheiben sind abwechselnd transparent, vertikal weiß gestreift, gelb, rot, grün und blau, was sowohl tags bei Sonnenlicht als auch nachts in der von innen strahlenden Beleuchtung eine markante und photogene, aber sehr einfache Form ergibt, die gut an diese Stelle paßt.

Großartige Architektur ist dies nicht, schlechte ebensowenig. Wieso es in Málaga ein Centre Pompidou gibt, ist dennoch nicht zu erklären.

Neubrandenburgs Bauarbeitern

Die Betriebsschule „Ernst Brünkmann“ in Neubrandenburg ist so etwas wie das Tor zu dem großen Industriegebiet im weiten Tal zwischen den Wohngebieten Datzeberg und Oststadt, wo unter anderem der Betriebshof des Stadtverkehrs ist. Ihr gehört ein langes fünfgeschossiges Gebäude parallel zur, aber weit abseits der Sponholzer Straße und ein niedrigerer vorgesetzter Saalbau kurz vor der Ecke zur Warliner Straße, die ins Industriegebiet hineinführt. Daß es auch ein Wohnheim beherbergte, sieht man den horizontalen Fensteröffnungen und den beiden Treppenhäusern, vor denen kleine quadratische Fenster in einem Betonraster sind, nicht an.

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Ihren Namen verkündet die Schule gut sichtbar links oben auf der zur abzweigenden Straße zeigenden Wand des Vorbaus. Auf zwei Reihen vertikaler rechteckiger Platten aus rotbraunem Ton verteilen sich die Reliefbuchstaben des Schriftzugs, während ganz am Anfang das Logo ist.

Es besteht aus den vertikal gesetzten Buchstaben BMK für „Bau- und Montagekombinat“ über einer Art stilisiertem Springbrunnen und einem I auf einem H für „Industrie- und Hafenbau“, wobei man den Namen dieses Neubrandenburger VEB schon kennen muß, um nicht im I einem Kran mit weiterem schrägen Element und im H einen Stahlträger zu erkennen.

Vor der Wand und links quer zu ihr ist eine backsteinerne Sitzanlage und die gesamte Fläche bis zur Straßenecke ist als kleiner Garten gestaltet.

Rechts über der Bank hängt an der Wand ein großes Tonrelief.

Im bandartigen rechten Teil zeigt es flach und stilisiert allerlei technische Anlagen wie Gerüste, Schornsteine, Kräne, Silos,

während im kurzen vertikalen linken Teil drei nach rechts blickende Bauarbeiter, deren Körper viel plastischer aus der Fläche ragen, zu sehen sind. Der mittlere von ihnen sitzt mit baumelnden Beinen und aufgestützten Armen lässig in einem Gerüst, was entfernt an die berühmte Photographie auf einem Stahlbalken posierender Arbeiter beim Bau eines New Yorker Wolkenkratzers erinnert.

Diesem kleinen Kunstwerk gelingt, indem es die Arbeiter beim Blick auf ihr Werk zeigt und durch den Wechseln von erhabenem zu flachem Relief subtil und deutlich ihre Bedeutung hervorhebt, eine sozialistische Aussage, die noch dadurch verstärkt wird, daß es in Farbe und Material mit dem Namensschriftzug wie der Bank verbunden ist und dank der Lage an der Ecke noch über den so von ihm geprägten Garten hinauswirkt.

In gewisser Weise ist an dieser Ecke der Betriebsschule „Ernst Brünkmann“ die gesamte DDR. Was sie auszeichnete, was die enorme Liebenswürdigkeit, mit der sie schöne Orte dort schaffen wollte, wo es sie früher nie gab, in den Wohngegenden oder wie hier den Betriebsstätten der Arbeiter. Die Kunst war ihr Mittel, den Arbeitern vom Wert ihrer Arbeit zu erzählen und sie mit Stolz auf diese und sich selbst zu erfüllen. Manchmal war sie dabei pathetisch, aber öfter, wie auch hier, ganz und gar nicht, wohl weil sie glaubte, die Arbeiter ohne Pathos und mit bloß leicht überhöhter Darstellung ihrer Lebenswirklichkeit besser zu erreichen. Vielleicht war der ganze Glaube der DDR an die Kraft von Schönheit und Kunst verfehlt, vielleicht scherten sich die Betriebsschüler auf den Bänken nie um das Relief. Liebenswürdigkeit wirkt schnell rührend und naiv, aber kann das als Argument gegen sie gelten?

Der heutige Zustand der Ecke zeigt denn, was nach dem Ende der DDR geschah. Das Gelände ist abgesperrt, das gesamte Gebäude steht leer und verfällt langsam, über das Relief wurde erst ein silbriges Graffiti gemalt und nun wachsen junge Bäume davor.

In der rechten oberen Ecke hängt ein Aufkleber mit weißer Fläche zwischen roten Streifen, der an die „My name is“-Aufkleber, die die Graffitiszene als guten Träger für Tags entdeckt hat, erinnert, aber hier die Immobilie zum Kauf ausweist – allerdings ohne Name oder Adresse, da eh niemand glaubt, daß sie je jemand kaufen wollte.

All der Vandalismus, der Gebäude und Kunst schädigte, wird von dem Vandalismus des Kapitalismus, den dieser Aufkleber ausdrückt, übertroffen und überhaupt erst ermöglicht.

Tschechoslowakische Bahnhöfe: Jičín

Jičíns Bahnhof ist einer der relativ wenigen, den die bürgerliche erste tschechoslowakische Republik der Zwischenkriegszeit sich baute. Man würde es vielleicht schon dem dreigeschossigen Gebäude mit über Kreuz ineinandergesetzten Satteldächern anmerken, etwa am Fehlen von Ornamenten, am horizontalen Putz des walmdächigen Flachbaus daneben oder an den abgerundeten vertikalen Treppenhausfenstern auf der Stadtseite, aber das wäre noch recht belanglos und vermutlich handelt es sich um einen Umbau. Beim links anschließenden Hallenbau hat man die erste Republik dann ist Rein- wie Hochform.

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Zum Bahnsteig hin beginnt er noch vor dem Gebäude mit einem hohen Vordach auf quadratischen Stützen, unter dem nur bei dessen Ende ein kleiner Vorbau ist, bevor es vor der gesamten Halle und noch darüber hinaus verläuft. Die Halle selbst ragt darüber nicht sehr viel höher mit weißem Putz und Fensterflächen auf, zu denen nur an den Ecken etwas Verkleidung aus rotbraunem Backstein kommt. Ihre seitlichen Wände sind überdies etwas höher geführt und bilden Streifen, die auf den Bahnsteig zu verlaufen und in stilisierten Reliefs geflügelter Räder enden, als seien sie zwei Schienen, auf denen hoch oben ein Zug fahren könnte.

Zur Stadt hin beginnt der Hallenbau ebenfalls noch vor dem Gebäude, aber nun mit großen Fensterflächen in den weißen Wänden. Beim Ende des Gebäudes folgt bald der quergesetzte Eingangsbereich. Ein Vordach ruht links auf einer backsteinverkleideten rechteckigen Stütze, die die Glasfläche teilt, und einer zweiten, nach der es aber noch freischwebend weiterläuft, während rechts eine Wand mit ebensolcher Verkleidung an den folgenden flachen Teil anschließt. Oben aus der Wand ragt nach vorne eine flache weiße Strebe, die im rechten Winkel in eine entsprechende Stütze übergeht, was eine freistehende L-Form ergibt und wie ein Tor oder ein symbolischer zweiter Eingang, dessen Funktion indes unklar bleibt, wirkt.

Die über dem folgenden flachen Teil mit großen Fenstern aufragende Halle hat zu dieser Seite keine Öffnungen und ihre höheren Seitenwände sind mit einer schwebenden Strebe verbunden.

Mitten in diese kubischen Formen in Weiß und Rot ist auf eine Art Sockel in der linken Seite des Vordachs eine Skulptur aus grauem Stein gesetzt, die eine nach rechts gelehnte Frauenfigur auf einem geflügelten Rad zeigt. In den ausgebreitenen Armen hält sie rechts eine Fackel oder aber eine kurze Fahnenstange, deren schmales und langes Tuch hinter ihrem Körper weht.

Alles an dieser Personifikation des Eisenbahnwesens scheint in Bewegung, fast im Flug, im Sprung, aber doch vom Rad auf der Erde gehalten zu sein und den Ankommenden also einzuladen, in den Bahnhof zu treten, eine Fahrkarte zu lösen und selbst die Bahnfahrt zu beginnen.

Leider ist das Halleninnere von jeder ursprünglichen oder späteren Gestaltung befreit worden und es verblieben einzig drei Wandbilder ganz oben in der stadtseitigen Wand.

Horizontal rechteckig und von den Streben der Halle separiert zeigen sie in einem unauffällig realistischen Stil von links nach rechts: die nahen Prachovské Skály (Prachover Felsen), ein Panorama der Stadt Jičín und die Burgruine Trosky von den Prachovské Skály aus.

Wertvoll ist dieses Werk von Jindřích Procházka von 1936, wie die Angaben im mittleren Bild lauten, gewiß nicht, aber doch ein interessantes Zeitdokument. Während er außen ganz der Eisenbahn gewidmet ist, geht der Bahnhof innen auf seine touristisch so wertvolle Region ein. Aber nützlicher ist dem ankommenden Wanderer die große Karte, die links in der Bahnsteigwand hinter Glas im Relief das gesamte Český Ráj (Böhmische Paradies) mit Straßen, Bahnstrecken und ausgeschilderten Wanderwegen zeigt und 1968 auf den aktuellen Stand gebracht wurde.

Der Bahnhof von Jičín ist nicht nur irgendein Bahnhof der ersten Republik, sondern einer ihrer besten und fortschrittlichsten. Die Monumentalität, die in anderen Bahnhöfen der Zeit noch zu finden ist, fehlt hier völlig. Man sieht an ihm auch, wie in der besten Bahnhofsarchitektur der bürgerlichen Tschechoslowakei schon viel von der sozialistischen angelegt war. Sachliche, aber manchmal überraschende und immer wohlausgewogene Gebäudeformen in Verbindung mit realistischer Kunst mit Bezug auf das Bahnwesen oder die Umgebung – so sehen auch viele spätere tschechoslowakische Bahnhöfe aus. Auch Wanderkarten gehörten selbstverständlich dazu. Und sogar die später häufige Verbindung von Hochbau und Halle ist hier vorweggenommen, obwohl der Hochbau in diesem Fall älter als die Halle ist und wenig zu ihr paßt.

Auch in der Bahnhofsarchitektur zeigte sich die Tschechoslowakei in Jičín als das fortschrittlichste bürgerliche europäische Land der Zwischenkriegszeit.