Janské Lázně im Sozialismus – Zentrum

In Kurorten wie Janské Lázně in Ostböhmen zeigen sich alle Zeiten gerne mit ihrer repräsentativsten Architektur, hier waren sie noch entschiedener sie selbst als anderswo und das gilt also auch für den Sozialismus. Denn die sozialistischen Staaten mochten Kurorte, lag doch in der Öffnung dieser einst den Privilegierten vorbehaltenen Orte für die Werktätigen eine einfache und überzeugende Symbolik. In Janské Lázně ist der tschechoslowakische Sozialismus mit seinem Besten wie mit seinem Schlechtesten vertreten.

Das Schlechteste ist das heutige Hotel Janský Dvůr mit eigenartigen historistischen Formen, Kupferdach und eckigem Türmchen und man kann es  nicht übersehen kann, wenn man die sich zwischen anderen Hotels und Pensionen aus dem Tal hinaufwindende Straße Richtung Zentrum geht.

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Es ist ein trauriges Gebäude, an dem zu sehen ist, daß es auch in der tschechoslowakischen Architektur in den späten achtziger Jahren, immerhin später und weniger deutlich als in der DDR, eine reaktionäre Wende gab. Daß es sich nicht um einen Neubau, sondern um den Umbau eines Hotels von 1926, das seinerseits die Erweiterung eines noch älteren Hotels namens Preußischer Hof aus der Frühzeit des damaligen Johannisbad war, handelt, ist keine Entschuldigung für das, was hier zwischen 1986 und 1990 geschah.

Links zu erahnen der frühere Zustand (Aus Hyhlík, Vladimír/Přučil, František: Východní Čechy, Praha 1978)

Alle Worte sind zu viel dafür, aber es ist nun einmal da und unübersehbar.

Das Zentrum von Janské Lázně ist dann ein sich leicht verjüngender Platz mit Grünflächen, Quellenpavillon und sehr vielen Bänken direkt dort, wo die Straße für eine Weile nicht ansteigt. Links ist er vom Lázeňský Dům (Kurhaus), das auf das Hotel folgt und mit ihm durch einen Brückentrakt verbunden ist, gerahmt.

Der historistische Bau mit weißgerahmten Fenstern und wenigen, fast ganz auf das Kranzgesims unter dem Dach reduzierten Ornamenten verläuft erst lange dreigeschossig oberhalb der Straße und dann quer zu ihr mit hohem Walmdach und kleinem Uhrtürmchen.

Rechts des Platzes steht mit der Kolonnade, einem Stück leichter Jugendstilarchitektur, das wichtigste ältere Gebäude des Zentrums. Unter ihrem langen flachen Tonnendach ist ein einziger großer Saal, den große rundbögige Fenster mit grünen Rahmen nach außen öffnen.

Sowohl innen, wo vor den Fenstern zusätzlich Säulen sind, als auch außen, ist somit nicht zu viel Platz für Jugendstilornamente im weißgelben Putz. In der Mitte ist ein höheres Tonnendach quergesetzt, dessen halbrunde ornamentierte Giebelfläche über das abgerundete Dach eines halbachteckigen verglasten Vorbaus zeigt.

In den Ecken sind turmartige Teile, deren die Fenster zweier Geschosse rahmenden pfeilerartigen Wände unter den überstehenden Dächern leicht nach innen geschwungen sind, so daß diese hutartig aufgesetzt wirken.

Diese Kolonnade ist ganz Österreich, in den Türmen sind Spuren der Wiener Stadtbahn, im Dach ist ein wenig vom dortigen Schmetterlingshaus.

Es folgt ein zweigeschossiger Gebäudekomplex, der L-förmig an die Kolonnade anschließt und als Gegenstück des Kurhauses das Zentrum rahmt. Er hätte eigentlich bloß große Fensterbänder und braunen Putz, doch vor diese sind Rahmen aus dunkelbraunem Metall und Glas gesetzt. Regelmäßige vertikale Rechtecke mit kleinen Zwischenräumen bildend umfassen sie die Fenster des Erdgeschosses und das gesamte Obergeschoß oder bei den Eingängen nur dieses und umlaufen auch die Ecken.

Zurückgesetzt am Übergang zur Kolonnade und im Winkel der beiden Bauteile und vorgesetzt in der zur Straße zeigenden Schmalseite sind fensterlose Trakte, die wie die unteren Teile des Erdgeschosses eine Verkleidung aus grauen Steinplatten mit brauner Maserung haben.

Hier setzte die fortschrittliche Architektur der Tschechoslowakei fort, was der gesamtösterreichische Jugendstil begonnen hatte. Der Gebäudekomplex schließt direkt an die Kolonnade an, er ist auch so hoch wie sie, aber er ist etwas ganz Eigenes, Ausdruck seiner Zeit wie sie Ausdruck der ihren war.

Er ist ein Beispiel feinfühliger fortschrittlicher Architektur, die voller Selbstbewußtsein auf die Bedingungen des Orts eingeht und ihn verwandelt. Nicht in den Formen, sondern in den Funktionen und im städtischen Zusammenhang ist er Kolonnade wie Kurhaus verwandt. In diesem wahrlich multifunktionalen Bau sitzt die Verwaltung des staatlichen Heilbads Janské Lázně ebenso wie Rathaus und Stadtverwaltung, aber zudem gibt es ein Restaurant und ein Kino. Jenseits des quergesetzten Teils, wo die Straße dann bald wieder ansteigt, ist weiterhin die Post, denn es hat keine unnötigen Rückseiten.

Angesichts dieses 1983 eröffneten Bauwerks, mit dem die tschechoslowakische Architektur so leicht zeigt, was sie vermag, ist das nahe Hotel Janský Dvůr einerseits leichter zu vergessen, andererseits der Niedergang der Endzeit noch trauriger zu spüren. Den Titel des Besten in Janské Lázně darf es sich glücklicherweise mit einem weiteren Gebäude teilen.

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