Turiner Einzelheiten: Camera di Commercio

Anderswo würde man den Piazzale Valdo Fusi (Valdo-Fusi-Platz) nicht bemerken, aber in Turin, und nicht nur in seinem zentralen Teil, ist er etwas Besonderes. Grundsätzlich ist er denn auch nur eine rechteckige Lücke in der Blockrandbebauung, umgeben von teils historistischen, teils älteren Gebäuden. Was ihn prägt, ist das Gebäude im nördlichen Teil seiner Westseite.

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Das rechteckige Erdgeschoß besteht aus dunkel verspiegeltem Glas, unterbrochen nur von den tiefer liegenden Eingängen vorne in der Mitte und an den Seiten, deren Wände mit hellem glattem Stein verkleidet sind. Darüber ist eine Terrassenebene, auf der dann aufgestützt, frei und von den Seiten deutlich zurückgesetzt drei weitere Geschosse stehen. Sie sind ganz mit silbrigem Metall verkleidet, haben hohe vertikale Fenster mit abgerundeten Ecken und die Schmalseiten sind nach außen vorgewölbt. Zusammen mit dem leicht ansteigenden Geschoßboden über den Stützen, der eine Verkleidung mit nach vorne zeigenden Streifen hat, und dem halb versteckten Walmdach, das in der Schräge runde Oberlichter und oben große technische Aufbauten hat, entsteht eine markante schwebende Form, die völlig vom übrigen Platz abgehoben scheint. Am rückwärtigen Abschluß der Terrassenebene sind links und rechts zwei viergeschossige eckige Bauteile mit dunklem Metall und Glas, die an die nächsten Gebäude der hier folgenden Straßen anschließen.

Das Besondere an dem Gebäude ist, daß in ihm, oder wenigstens in dem aufgestützten und freistehenden Bauteil, die Blockrandbebauung aufgebrochen ist. An seinem Beispiel merkt man umso stärker, daß das in Turin sonst eigentlich nie geschieht.

In den Eingängen steht in braunen Metallbuchstaben neben einem Logo, das stilisiert das Dach der Mole Antonelliana zeigt: „Camera di commercio/industria artigianato e agricoltura/di Torino“ (Handelskammer/Industrie Handwerk und Landwirtschaft/von Turin).

Die Terrassenebene ist, wie man werktags sieht, ein Parkdeck, das von rechts seine Auffahrt hat.

Es ist mithin ein Gebäude, das gut in die kapitalistische Autostadt Turin paßt und auch seine Architektur paßt völlig zu einer gewissen kapitalistischen Architekturmode aus den Siebzigern, der etwa Frankfurt am Main das Dresdner Bank-Hochhaus oder Westberlin das BfA-Hochhaus verdanken. Doch in Turin gibt es nichts Vergleichbares.

Der Piazzale Valdo Fusi davor steigt an den Schmalseiten im Norden und Süden mit Wiesen schräg an, unter denen sich die Eingänge zu Tiefgaragen und Geschäfte verbergen. Seine übrige Fläche ist etwas versenkt und besteht größtenteils aus Skateanlagen. In der Mitte steht ein Glashaus mit Satteldach, das einem Luxusgewächshaus gleicht und in dem ein Restaurant ist.

Während also das Gebäude der Handelskammer Moden der Siebziger entspricht, gehört der 2004 gestaltete Platz in die städtebaulichen Moden der letzten dreißig Jahre. Er ist eine von deren weniger schlimmen Ausformungen, zumal dort zuvor selbstverständlich bloß ein Parkplatz war. Man bemerkt beide, wie nicht oft genug zu sagen ist, nur deshalb, weil sie in Turin so selten sind.