Erkundungen auf Friedhöfen: Ein Friedhof vieler Völker in Olsztyn

Ist schon die Inschriftswand an der rechten Seite vielschichtig und widersprüchlich, so ist es der kleine Friedhof am östlichen Stadtrand von Olsztyn selbst noch weit mehr als diese erahnen ließe.

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Klar im Mittelpunkt steht das Sowjetische und Kommunistische, wie schon die schmiedeeisernen Tore in der Steinmauer, die einen von draußen hineinbitten, bezeugen. Rechts ist eine kleine Pforte, in deren offenem Quadratraster schachbrettartig gleichfalls offene fünfzackige Sterne angeordnet sind. Links ist ein breites Tor, in dem neben den Sternen offene Hammer-und-Sichel-Formen sind, die in abwechselnden Bändern schräg nach unten zur Mitte verlaufen.

Dahinter führt ein breiter Bereich mit zwei Wegen und mittiger Grünfläche auf das zentrale Monument aus fünf großen grauen Steinen mit leicht unregelmäßigen rechteckigen Vorderseiten zu. Einer bildet horizontal den Sockel, darauf folgen in einer nächsten Ebene zwei weitere und in einer dritten rechts einer in derselben Ausrichtung, nur links oben steht ein Stein vertikal über und er zeigt ein Relief mit Hammer und Sichel.

Auf der Rückseite dieses Steins ist ein Stern und an dem darunter die Zahl 1945.

Die Steine und ihre Anordnung erinnern beispielsweise an den Sowjetisch-Polnischen Friedhof in Gdynia, was vielleicht weniger auf einen gemeinsamen Gestalter als auf eine Mode hinweist.

Schon, um den Stern zu sehen, muß man um das Monument herumgehen, wozu in der Friedhofsgestaltung nichts besonders anregt, und das Weitere steht erst recht wie beliebig an dem geschwungenen Weg um den zentralen Bereich, wo ansonsten noch kleine Grabplatten und unleserliche Holzkreuze sind. Irgendwo links ist ein größerer Stein mit einem Propellerrelief und zwei spiegelglatten schwarzen Gedenktafeln für die französischen Flieger des an der Seite der Sowjetarmee kämpfenden Regiments Normandie-Niemen.

„Den Fliegern des Freien Frankreich des Regiments Normandie-Niemen, die ihre Leben im Kampf für die Befreiung von Warmia und Mazury gaben“

Irgendwo rechts ist das Denkmal für die polnischen Soldaten. Am höchsten Punkt einer schräg nach links ansteigenden niedrigen Doppelwand steht ein äußerst muskulöser und bis auf den Helm nackter Soldat. Nach links oben ausgestreckt hält er eine Stange mit einer schmalen Fahne, die sich hinter ihm in der Luft windet, rechts wieder neben ihn kommt, wo er mit der ausgestreckten zweiten Hand in sie greift, und sich schließlich um seine Lenden schlingt.

Das Kunstwerk ist, wie für die schwebende Fahne nötig, aus Beton, heute aber in einem deutlich ins Hellblaue gehenden Weiß angemalt. Die scharfen, etwas eckigen Züge des Gesichts wie des Körpers wirken comichaft und homoerotisch, vor allem aber verschwendet an einer bezugslos im Hintergrund stehenden Plastik.

Davor steht noch eine niedrige Betonmauer, die nach vorne einen kronenlosen polnischen Adler zeigt und nach rechts die nüchternen Worte: „Pamięci żołnierzy polskich poległych w latach 1939-1945“ (Dem Andenken der in den Jahren 1939 bis 1945 gestorbenen polnischen Soldaten)

Das ist der erste Teil des Friedhofs, der neuere und, wiewohl er so viel heute Unliebsames hat, gleichsam offizielle. Der zweite liegt rechts davon unter hohen Bäumen, ein Durchgang im Drahtzaun etwas hinter der Inschriftswand führt zu ihm und zur Straße gibt es ein Tor, dem alles Repräsentative fehlt. Weite Flächen sind auch leer, er scheint noch notdürftiger instandgehalten als schon der andere Teil.

Am straßenseitigen Rand sind verschiedene polnische Gräber.

Einige davon sind einheitlich gestaltet Soldaten des Korpus Bezpieczeństwa Wewnętrznego (Korps für innere Sicherheit, KBW) gewidmet, die nach dem Krieg „na połu chwały“ (auf dem Feld der Ehre) im Kampf mit antikommunistischen Banditen fielen.

Im Gegensatz dazu liegt hier auch ein entschieden antikommunistisches Ehepaar, er 1920 am Angriffskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt, sie 1941 bis 1946 in Sibirien interniert.

Ganz versteckt, nah beieinander unter ebenso regelmäßigen Bäumen, sind viele kleine Steine.

Die Inschriften sind schwer zu lesen, aber sie sind auf Deutsch, Namen gegen Ende des ersten Weltkriegs gestorbener Soldaten unter einem Eisernen Kreuz.

Unvermittelt tritt neben Sowjetbürger, Polen und Franzosen noch der deutsche Kriegsgegner, übriggeblieben aus einem anderen Krieg jedoch.

Und dann ganz links am Rand anders geformte kleine Steine, ebenfalls deutsch beschriftet, aber mit orthodoxem Kreuz und russischen Namen: russische Soldaten aus dem ersten Weltkrieg.

Diese Gräber erinnern daran, daß das damalige Allenstein, anders als die allermeisten anderen deutschen Städte, schon im ersten Weltkrieg sehr nahe bei Kriegsschauplätzen war, aber erklärt ist das nirgends. Die Gräber wirken stattdessen wie zufällig übriggeblieben und sind das vielleicht auch.

So ist auf dem kleinen Friedhof am Rande von Olsztyn von allem etwas und nichts paßt zum anderen, nie ergibt sich ein einheitliches Bild und wie auch, so ist die Geschichte. Aber wenn sich irgendwo darin die schönsten Worte und Ideen – „Socjalizm, wolność, pokój“ (Sozialismus, Freiheit, Frieden) – finden, dann ist das bereits viel wert.