Nachruf auf eine Unterführung

Es gab einmal eine Fußgängerunterführung unter der Liebknechtstraße im Herzen von Berlin.

Aus Volk, Waltraud: Historische Straßen und Plätze heute – Berlin, Hauptstadt der DDR, Berlin 1980

Es war keine besondere Unterführung. Zwei Treppen führten  parallel zur Straße hinab, ein Tunnel unter ihr hindurch und zwei weitere Treppen auf der anderen Seite wieder hinauf. Große karoförmige Emailleschilder auf Stangen wiesen oben auf sie hin, kleinere über den Tunneleingängen nannten die zu erreichenden Orte, alles war im sachlichen Wegweisersystem der Hauptstadt der DDR gestaltet, Weiß auf Blau.

Zum Vergleich eine Unterführung unter der Leipziger Straße

Es war keine besondere Unterführung und auch keine sehr gute, aber sie war genau dort, wo sie sein mußte für die Fußgänger, die vom Alexanderplatz durch den Bahnhof und am Fuße des Fernsehturms vorbei zu der Bebauung jenseits der Liebknechtstraße mit Markthalle und vielen gastronomischen wie kulturellen Einrichtungen gelangen wollten. Das, etwas an genau der richtigen Stelle zu haben, das nennt sich Stadtplanung.

Aus Autorenkollektiv: 750 Jahre Berlin – Das Buch zum Fest, Berlin/Leipzig 1986

Es gibt diese Unterführung noch immer, aber kein Schild weist mehr auf sie hin, keiner kann sie mehr benutzen, ihre Öffnungen sind mit Plakatwänden umbaut. Wer heute auf die andere Seite der Liebknechtstraße gelangen will, hat zwei Möglichkeiten: entweder eine Ampel parallel zu den Bahngleisen, die entschieden nicht dort ist, wo sie sein muß, und stattdessen zu einem Umweg um einen hier gar nicht existierenden Straßenblock zwingt, oder an der richtigen Stelle etwas neben der Unterführung die Überquerung von vier Fahrspuren und eines matschigen Pfads über zwei Straßenbahngleise, deren trennender Zaun hier unterbrochen ist.

Das ist die Wahl, die der deutsche Kapitalismus heute läßt: entweder der erniedrigende Zwang reaktionärer Stadtplanung oder Chaos, Anarchie, Dreck. Den bürgerlichen Freunden der bestehenden Ordnung wie ihren anarchistischen Verächtern mag das gefallen, aber für den Kommunisten kann nur Brechts Satz gelten: „Aber das Bestehende ist keine Ordnung.“ Die Unterführung unter der Liebknechtstraße war nicht viel, sie war nicht genug, aber sie war Ansatz einer Ordnung und deshalb fehlt sie so sehr.