Dreimal Polen

Abseits der Straße Długie Ogrody (Lange Gärten) östlich der Gdańsker Innenstadt treffen drei Zeiten aufeinander.

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Am Ende der parallel verlaufenden Erschließungsstraße stehen einige backsteinerne Mietskasernen. Schon in der deutschen Zeit lebten dort Arme, im sozialistischen Polen wurde es kaum besser und erst recht heute kann man in der ewig offenen Tür und auf der matschigen Straße spielende Kinder sehen, eine Szene, die man von alten Photos oder aus Fernsehberichten über Dritte-Welt-Länder kennt.

Dann folgen quer zur Straße stehende zwölfgeschossige Wohnhäuser. Diese fortschrittliche Architektur wird in Deutschland fälschlich mit Armut verbunden, ist in Polen aber einfach die typischste Wohnform. Die Grünflächen zwischen den Gebäuden sind weit und breit das Einzige, was dem Straßennamen gerecht wird.

Davor, entlang der der Straße, ist schließlich eine neue Wohnanlage, die erst im letzten Jahr fertiggestellt wurde. Sie nennt sich nach den Długie Ogrody, aber von Gärten oder Grün gibt es keine Spur. Stattdessen handelt es sich um eine Art Neoblockrandbebauung aus durchgehenden Teilen zur Straße und regelmäßigen Quertrakten um winzige erhöhte Höfe. Von ihrer Umgebung schottet sich diese Architektur hermetisch ab, der ganze Erdgeschoßbereich zur Erschließungsstraße ist eine öffnungslose Mauer mit Backsteinverkleidung.

Auf engem Raum sieht man hier also die Architektur des deutschen Kapitalismus, des polnischen Sozialismus und des polnischen Kapitalismus. Das Nebeneinander zeigt klar, welche die beste ist und wie groß der Rückschritt seit 1989. Ob man will oder nicht, hier sieht man die Gegenwart und Polen.