Erkundungen auf Friedhöfen: Eine Inschrift in Olsztyn

In Olsztyn hat sich vom Erbe des Sozialismus noch viel bewahrt, zumal für polnische Verhältnisse, weshalb es auch nicht erstaunen sollte, daß man hier auf einem kleinen Friedhof am östlichen Stadtrand die wohl schönsten Worte in polnischer Sprache, die man noch öffentlich finden wird, liest. Der weiß in schwarze Steinplatten geprägte Text beginnt vertraut, gleichsam langweilig:

„Na cmentarzu tym spoczywa 4262 żołnierzy Armii Radzieckiej poległych w walce z hitlerowskim najezdczą podczas zwycięskiej ofensywy zimowej w 1945 r. na terenie miast i powiatów Olsztyna, Szczytna, Reszla, Jezioran, Biskupca, Nidzicy, Dobrego Miasta, Barczewa” (Auf diesem Friedhof ruhen 4262 Soldaten der sowjetischen Armee, die im Kampf mit dem hitlerischen Eindringling während der siegreichen Winteroffensive 1945 auf dem Gebiet der Städte und Kreise Olsztyn, Szczytno, Reszel, Jeziorany, Biskupiec, Nidzica, Dobre Miasto, Barczewo fielen)

Gerade, wenn man meint, die Liste der Orte wolle gar nicht aufhören, ändert sich der Ton:

„Pamięc o nich zachowana zostanie na zawsze wśród mieszkańców tej ziemi jako wieczysty symbol braterstwa narodów w walce o najpiękniejsze ideie ludzkości“ (Für immer wird die Erinnerung an sie unter den Bewohnern dieses Lands als ewiges Symbol der Bruderschaft der Völker im Kampf um die schönsten Ideen der Menschheit bewahrt werden)

Und als sei das nicht schon genug, werden diese Ideen in einer letzten abgesetzten Zeile noch expliziert:

„Socjalizm, wolność, pokój“ (Sozialismus, Freiheit, Frieden)

Genau so muß ein guter Text geschrieben sein. In nur zwei Sätzen von nüchternen Fakten über aufrichtiges Pathos zu einem Abschluß, der in seiner unerwarteten Stärke zu Tränen rühren kann. Vielleicht schrieb den Text ein Komitee, aber es schrieb wie ein Kommunist. Ihre Wirkung bekommen die Worte auch dadurch, daß sie in Polen so selten sind, und das nicht vor allem wegen späterer Zerstörungen, nein, das Wort Socjalizm findet sich auch auf unverändert erhaltenen Inschriften eigentlich nie. Wenn das in Olsztyn anders ist, dann doch wohl, weil es jemand mehr wollte, als er das staatsoffiziell hätte tun müssen, weil jemand Kommunist war.

Die Inschrift bildet den mittleren und größten Teil einer freistehenden Wand an der rechten Seite des Friedhofs.  Links daneben auf dem niedrigen Sockel im selben schwarzen Stein ist ein kaum merklich vorgesetzter und etwas höherer Teil mit Kreuz und der konventionelleren Inschrift:

„Na kwaterze polskiej spoczywa 290 żołnierzy polskich poległych śmiercią bohaterską w obronie ojczyzny przed nawałą faszystowską“ (Im polnischen Abschnitt ruhen 290 polnische Soldaten, die in den Jahren 1939 bis 1945 bei der Verteidigung des Vaterlands gegen den faschistischen Ansturm eines heldenhaften Todes fielen)

Das christliche Symbol paßt überhaupt nicht zum kommunistischen Text daneben, aber das ist ein typisch polnischer Kompromiß.

Rechts ist ein etwas niedriger Teil mit auf andere Art ungewöhnlicher Inschrift:

„We wspólnych grobach obok żołnierzy polskich spoczywają lotnicy wolnej Francji, którzy oddali swe życie za liberté, egalité, fraternité” (In Gemeinschaftsgräbern ruhen neben den polnischen Soldaten Flieger des freien Frankreich, die ihr Leben für Liberté, Egalité, Fraternité gaben)

Die drei Leitsprüche der französischen Revolution, die über deren bürgerlichen Charakter hinausgehen, treten in Originalsprache neben die drei sozialistischen auf Polnisch und sie passen gut zusammen.

Vor dem mittleren und dem rechten Teil ist noch ein kleiner Quader mit den allen drei Gruppen gemeinsam geltenden Worten:

„Wieczna chwała poległym bohaterom“ (Ewiger Ruhm den gefallenen Helden)

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Ob der rechts frei auf dem Sockel liegende Quader einmal etwas trug, ist ungewiß, aber man will hoffen – und die Inschrift gibt einem das Recht dazu – daß es etwas war, das alles Schönste dieser Denkmalwand noch schöner gemacht hätte.

 

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