Städtebau und Coronavirus oder Wann ist ein Park ein Park?

Für mich war es der sprichwörtliche Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte, als am 1.4.2020 in Polen die Strände und Parks geschlossen wurden. Denn so sehr es mir fehlte, am städtischen Leben wenn schon nicht viel teilzunehmen, so es doch in Großraumbüros, Straßenbahnen und Fast-Food-Restaurants wenigstens zu erleben, alle sicher sinnvolle Einschränkung war halb so schlimm, wenn zehn Minuten von meiner Wohnung in Gdańsk-Przymorze der Strand von Jelitkowo wartete und fünf Minuten von ihr der Park Reagana (Reagan-Park). Aber darauf verzichten? – Nein! Ich trat, da das als Insel der Normalität jenseits des Meeres lockende Schweden die Schließung der polnischen Strände womöglich nicht als zwingenden Einreisegrund akzeptiert hätte, die Reise nach Deutschland an – „Home is where when you go there, they have to let you in“ (John Dolans Paraphrase einer Zeile von Robert Frost).

Dabei hatte ich es noch gut, denn direkt vor meiner Wohnung, keine Minute mit dem Aufzug oder der Treppe, habe ich eine großzügige Grünfläche, in der im polnischen Frühjahr Forsythiensträucher und Kirschbäume blühten und Weiden ihren Anspruch, zu den immergrünen Bäumen gezählt zu werden, deutlich machten, während auch alle anderen Pflanzen erste Knospen bekamen. Ich wohne in einem blühenden sozialistischen Wohngebiet. Ein Park ist die Grünfläche vor meinem Gebäude nicht, dem Namen nach nicht und nicht nach Definition der polnischen Behörden. Aber selbst wenn, wie wollte man sie sperren, wenn sie so eng mit der Gesamtstruktur des Wohngebiets verwoben ist, daß sie sich nur auf bizarren Umwegen vermeiden ließe?

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Es stellt sich die Frage, was einen Park zum Park macht. Groß genug, um mit einem wohlklingenden Namen versehen grüne Lunge einer enger bebauten Gegend zu sein, ist meine Grünfläche allemal. Hier aber ist sie nur ein winziger Teil der Grünflächen des Wohngebiets Przymorze und der fast nahtlos im Süden und im Norden anschließenden Wohngebiete Zaspa und Żabianka. Auch ohne die offiziellen Parks, die es auch hier gibt, haben die Bewohner dieser Gegenden alle Vorteile von Parks direkt vor der Haustür. Überkommene Bezeichnungen wie Park – und in geringerem Maße auch Platz oder Straße – werden, wie man merkt, in solchen neuartigen und fortschrittlichen Stadträumen geradezu unsinnig. Ein Nebeneffekt des offenen Städtebaus von Wohngebieten wie diesen und unzähligen anderen, die einst in sozialistischen wie kapitalistischen Staaten entstanden, ist, daß er durchaus coronagerecht ist. Andere Aspekte, etwa die Aufzüge, die offiziell nur noch einzeln benutzt werden dürfen, verursachen zwar wiederum Probleme, aber heute mehr denn je ist es ein Glück, in solch einem Wohngebiet zu wohnen. Den Park kann uns keiner nehmen.

Nicht zuletzt zeigen die parkartigen Grünflächen vor meinem Gebäude und darüber hinaus, wie widersinnig die polnischen Schließungsmaßnahmen sind: sie treffen die offenen Räume, wo sich Menschen gut aus dem Weg gehen können, während die engen Gehsteige insbesondere in Gegenden mit dichter Blockrandbebauung weiter benutzt werden müssen und bloß noch voller werden. Dies war auch der eigentliche Grund für meine Abreise, denn ich kann zwar überall Vieles hinnehmen, aber meine Vernunft kann ich mir auch gleich in meiner Muttersprache beleidigen lassen.

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