Die Klassengesellschaft im Food Court

Die Galeria Metropolia ist ein gescheitertes Einkaufszentrum im Gdańsker Stadtteil Wrzeszcz. Es hatte nie eine wirkliche Chance, da alle wichtigen Geschäfte bereits in der weit größeren und als erstes Einkaufszentrum der Trójmiasto (Dreistadt) fest etablierten Galeria Bałtycka direkt jenseits der Gleise waren.

Was es bei seiner Eröffnung Ende 2016 hervorhob, war, daß es mit einem Eingang in der Unterführung, einer Brücke und einem eigenen Bahnsteig, dank dem die nach Norden fahrenden Züge der SKM (Stadtschnellbahn) von zwei Seiten betreten werden können, direkt an den Bahnhof Wrzeszcz anschließt.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Falls es sich damit für nicht-motorisierte Besucher aus dem Umland interessant machen wollte, war diese Chance spätestens zwei Jahre später hinfällig, als mit dem riesigen Forum Gdańsk, das nicht nur nah am SKM-Bahnhof Śródmieście, sondern auch an der Altstadt liegt, das nächste Einkaufszentrum öffnete. In den wenigen Jahren seiner Existenz schlossen fast alle ursprünglichen Geschäfte und an ihre Stelle traten bizarrerweise vor allem Möbelläden oder auch, wieso nicht, eine Go-Kart-Bahn. Die Fassade wurde derweil immer mehr mit Werbung beklebt, wie ein Vergleich zwischen dem Zustand Ende 2016 und Mitte 2018 zeigt.

Der einzige Teil der Galeria Metropolia, der von Anfang an offenkundig gut lief, war der Food Court im zweiten Geschoß, der auch von ihrem neben dem Bahnsteig besten architektonischen Element profitieren konnte: einer riesigen eingewölbten Fensterfront mit Blick auf die ältere Bebauung von Wrzeszcz beidseits der erhöhten Gleise.

Unweigerlich zog es die Besucher an diese Fenster, um zu ihrem Essen auch diese bei Tag wie Nacht großartige Aussicht zu genießen. Neben vertrauten Ketten wie Burger King, Subway oder Pizza Hut und allerlei Cafés siedelte sich hier auch ein Hummus-Restaurant, das sich an das gesundheitsbewußte Hipsterpublikum der nahen Straße Wajdeloty richtet, und eine Filiale des „berlin-inspirierten“ (Eigenwerbung) Kult Gemüse Kebab an. Ein wenig entstand hier die Atmosphäre eines luxuriösen, aber unprätentiösen Bahnhofsrestaurants. Es ist sogar möglich, am Fenster sitzend die SKM näherkommen zu sehen, aufzustehen und rechtzeitig am einkaufszentrumseigenen Bahnsteig zu sein, um einzusteigen.

Angesichts dieser Situation schien es nur angemessen, daß die Verantwortlichen an die beiden einzigen Qualitäten der Galeria Metropolia – Bahnsteig und Food Court – anzuknüpfen suchten. Im Laufe des Jahres 2019 wurde der Bahnhofscharakter durch digitale Anzeigetafeln bei den Ausgängen betont und im dritten Geschoß ein zweiter Food Court namens „Stacja Food Hall“ eröffnet. Anders als der etablierte Food Court darunter richtet dieser sich ganz an ein anspruchsvolleres oder sich für anspruchsvoller haltendes Publikum und hat Filialen angesehener Gdańsker Restaurants. Er ist Aiolï statt McDonald’s, Alma statt Biedronka.

Doch bei der Gestaltung dieses Raums wurde seine spezifische Qualität völlig mißachtet: der Blick auf die riesige Fensterfront ist fast vollständig von farbigen matten Scheiben in schwarzer Fassung verdeckt, so daß ein ständiges Zwielicht herrscht.

Aus einem Aussichtspunkt wurde ein Keller gemacht. Der Popularität der „Stacja Food Hall“ scheint das erst einmal keinen Abbruch zu tun, was fast noch trauriger ist als die schlechte Innenarchitektur.

So herrscht in der Galeria Metropolia eine Situation, die ein gutes Bild für die gesellschaftliche Situation im kapitalistischen Polen und anderswo ist: die verzweifelt um Distinktion ringende klasa średnia (Mittelschicht) sitzt oben im Dunkeln, alle anderen unten im Licht.