Das aufgeschnittene Gebäude

Im Wohngebiet Witomino in den Hügeln von Gdynia gibt es einen ungewöhnlichen Gebäudetyp, der auf den ersten Blick beinahe zu gewöhnlich aussieht. Langgestreckt, fünf Geschosse, regelmäßige horizontale Fensteröffnungen, Flachdach – solche Gebäude gibt es in Witomino und in tausend anderen Wohngebieten dutzendfach. Wenn man vier von ihnen oberhalb der Straße schräg aufgereiht sieht, könnte man sie übersehen wollen.

Aber hier sind es eigentlich zwei Gebäude, die deutlich versetzt parallel zueinander stehen und an den Innenseiten, wie man hier sagen muß, offene Laubengängen haben, von denen die Wohnungen erschlossen sind.

In der Mitte sind sie durch ein Treppenhaus verbunden, dessen Dach schräg von einem zum anderen Teil aufsteigt, da sie auch kaum merklich auch in der Höhe versetzt sind.

Es wirkt, als sei hier eines der gewöhnlichen, allzugewöhnlichen Gebäude aufgeschnitten und auseinandergezogen worden, um dem neugierigen Betrachter einen Blick ins sonst verborgene Innere zu gestatten.

Selbstverständlich sind es vielmehr funktionale Überlegungen, die zu dieser Lösung führten. Es entsteht ein für die fortschrittliche Architektur eher ungewöhnlicher Raum mit recht eng einander gegenüberliegenden Laubengängen. Wenn noch Wäsche vor den Wohnungen hängt, erinnert es fast mehr an die Pawlatsche genannten offenen Korridore in den Hinterhöfen österreich-ungarischer Mietskasernen oder gar an mediterrane Hinterhöfe als an Gebäude des sozialistischen Polen. Dieser Vergleich bleibt jedoch zu oberflächlich, da die aufgeschnittenen Gebäude ja im Gegenteil deutlich nach außen, zum städtischen Raum des Wohngebiets, ausgerichtet sind. Eher handelt es sich um eine Fortentwicklung der besten Gdyniaer Gebäude der Zwischenkriegszeit, die ebenfalls Laubengänge haben.

Nicht nur, weil sie auf so subtile Weise mit den üblichen Gebäudetypen spielen, sind diese Witominoer Gebäude ein wertvolles Experiment, das es auszuwerten gelten wird.