Die Bundesrepublik in Schirnding

Daß der Bahnhof von Schirnding aussieht, wie er aussieht, ist ebensowenig ein Zufall wie die Tatsache, daß der Bahnhof von Cheb so aussieht, wie er aussieht. Es ist Ausdruck des Systemkonflikts. Als der erste westdeutsche beziehungsweise der erste größere tschechoslowakische Bahnhof mußten das oberfränkische Schirnding und das westböhmische Cheb ihre jeweiligen Systeme, Kapitalismus und Sozialismus, die durch eine befestigte Grenze getrennt, aber durch die Bahnstrecke verbunden waren, repräsentieren. Schirnding tut das folgendermaßen:

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Oberhalb des vom neueren Teil des Dorfs heraufführenden Wendekreises steht ein Flachbau mit eckigen hellen Betonstützen, einer Verkleidung aus horizontalen rechteckigen dunkelgrünen Kacheln, aluminiumgefaßten Glasflächen und einem dicken Dachstreifen aus hellem Metall.

Zum Wendekreis hin zeigt rechts eine kachelverkleidete Wand und links ein gläserner Eingang mit großem rechteckigen Vordach, das auf nur zwei dünnen runden Stahlstützen ruht. Vom Bahnsteig weg zeigen erst eine Fläche mit großen Fenstern auf einem niedrigen Kachelteil, dann weitere, nur mit kleinen Fenstern versehene Flächen.

Zum Bahnsteig hin sind unter einem Vordach eine Fläche mit quadratischen Glasbausteinen, von denen einige je drei vertikale pyramidale Vertiefungen haben, ein oben verglaster Schalter für „Reisebedarf“, eine Glastür, bis zum Rand des Vordachs vorgesetzt der oben verglaste Kontrollraum des Stationsvorstehers und weiter rechts Eingänge zu technischen Räumen.

Die Betonstreben stehen dabei regelmäßig zwischen den einzelnen Teilen.

Im Inneren ist entsprechend ein heller Raum mit einem Boden aus quadratischen glatten grauen Steinplatten und einer Decke aus quer zu den Gleisen zeigenden weißen Kunststoffleisten, wie sie bereits die Vordächer haben. Auf der dem Eingang gegenüberliegenden Seite sind zwischen horizontalen weißen und graubraunen Kachelstreifen der Eingang zu den Toiletten, die Gepäckaufbewahrung und der Fahrkartenschalter. Darüber ist nach einem weißen Band nur noch graubraune Verkleidung, in der eine kleine Uhr hängt.

Neben der Wand an der Eingangsseite führt eine Treppe mit eckigen hölzernen Handläufen hinab, auf die durch die Glasbausteinwand Licht fällt. Die beiden Wände der Treppe sind mit vertikal gesetzten größeren rechteckigen weißen Kacheln verkleidet und neben ihr ist wie ein transparenter Raum im Raum der Bereich für Reisebedarf.

Durch die Unterführung gelangt man auf einen zweiten Bahnsteig mit einem Dach, das auf eckigen Stahlstützen sitzt und einen Dachstreifen und Deckenleisten wie das Bahnhofsgebäude hat.

Sowohl vor der Glasbausteinwand als auch auf dem zweiten Bahnsteig steht eine Betonbank mit blauen Holzlatten, beim Eingang steht ein Mülleimer mit seitlichem Aschenbecher aus mattgrauem Stahl  und an der Gebäudeecke hängt ein gelber Briefkasten der Bundespost.

Und zu den Gleisen zeigend steht im Dachstreifen in schwarzen Metallbuchstaben auf einer schwarzen Linie der Name Schirnding.

So repräsentierte sich die Bundesrepublik im Jahre 1966, als der Bahnhof erbaut wurde, an der tschechoslowakischen Grenze. Sachlich, modern, bescheiden. Elegant, aber nicht verspielt, farbig, aber nicht bunt. Alles, was für das zeitgemäße Bahnreisen nötig ist, bietet der Bahnhof auf kompakte und funktionale Weise. Vermutlich war der aus der Tschechoslowakei kommende Reisende beeindruckt, wenn er den Bahnhof Schirnding sah. Aber den Systemkonflikt erkannte er vermutlich nicht, denn tschechoslowakische Bahnhöfe derselben Zeit sahen zwar anders, aber nicht ganz anders aus. Jemand hätte mit dem Vergleich zweier Bahnhöfe gut die Konvergenztheorie belegen können, was sie nicht richtiger gemacht hätte. Ganze Systeme zu repräsentieren ist eben von einzelnen Gebäuden schlichtweg etwas viel erwartet. Einziger augenfälliger Unterschied ist, daß ein ähnlich großer Bahnhof der Tschechoslowakei irgendwelche Kunst hätte, während Schirnding sich mit einem Muster in den Glasbausteinen begnügen mußte. Aber um zu zeigen, was sozialistische Architektur ausmacht, müssen andere Unterschiede aufgezeigt werden.

Heute ist das alles hinfällig, es gibt keinen Systemkonflikt mehr, keine Tschechoslowakei und auch nicht mehr die Bundesrepublik, die diesen Bahnhof baute. Die heutige Bundesrepublik (die wirklich zur Unterscheidung einen anderen Namen bräuchte, aber das wäre der Ehrlichkeit zu viel erwartet) schloß Bahnhof, Unterführung und zweiten Bahnsteig, setzte an den ersten Bahnsteig ein gläsernes Wartehäuschen, das kleiner ist als der überdachte Fahrradunterstand daneben, und läßt das Gebäude nur deshalb nicht völlig verfallen, weil der Kontrollraum noch immer besetzt ist.

Repräsentieren muß sich der heutige großdeutsche Staat nicht, denn er beherrscht ja Europa und auch jenseits der Grenze ist kein anderes System mehr, sondern eine Halbkolonie.

Der Bahnhof Schirnding steht heute als ein Museum der alten Bundesrepublik.

 

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