Alkmaarer Löwen

Daß Alkmaar sich in den Dreißigern entschloß, an die Ecke bei der Kirche beidseits einer Straße zwei riesige neogotische Backsteinklötze zu setzen, war selbstverständlich völlig reaktionär und damit für ein nordholländisches Provinzstädtchen ganz typisch.

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Daran ändert auch nichts, daß sie, das damalige Politiebureau (Polizeiwache) und das Bürogebäude Hooge Huys (Hohes Haus), nur im Vergleich zu den zwei, dreigeschossigen Häuschen der übrigen Stadt hoch sind. Daran ändert ebensowenig, daß die beiden Gebäude ihre neogotischen Bezüge einzig aus den hohen rechteckigen Fenstern, die mit grauem Stein abschließen, den grausteinigen Kranzgesimsen der überstehenden Satteldächer und vor allem den hohen Treppengiebeln beziehen, wobei beim rückwärtigen Giebel des Hooge Huys‘ der mittlere höchste Teil ein Schornstein ist.

Außer durch die Giebel sind nicht einmal die Vertikalen besonders betont und die Eingänge sind zwar unschön steinern, aber nicht weiter monumental. Statt gotisierender oder sonstiger Ornamentik trägt jedes der Gebäude einige Kunstwerke.

Über dem zur Kirche zeigenden Eingang in der Giebelseite des Politiebureau ist es ein recht konventionelles Relief des Alkmaarer Wappens – ein Turm auf einem von Löwen flankierten und mit einem Lorbeerkranz bekrönten Schild, darunter auf einem Band die Worte: „Alcmaria Victrix“ (Alkmaar die Siegerin).

Das Hooge Huys hat in der Mitte der Giebelseite eine runde Fläche, die ein schlechterer reaktionärer Architekt mit einem Rosettenfenster gefüllt hätte, dieser aber mit einem hellgrauen Steinrelief.

Auf ihm ist ein Pelikan, der in Rückgriff auf ein klassisches Mißverständnis biologischer Vorgänge, das zur Christussymbolik wurde, drei vor ihm sitzende Junge mit seinem eigenen Herz füttert. Die Szene ist frontal gezeigt und die aufgespannten Flügel der Pelikanmutter sowie die im Bogen sitzenden Pelikanjungen füllen den Kreis genau aus, während die Linien der vier zueinander zeigenden Schnäbel eine völlig regelmäßige ⅄-Form mit zusätzlichem Mittelstrich ergeben.

Bei seinem Ende hat das Hooge Huys einen zurückgesetzten Teil, so daß zum Nachbargebäude hin an der Straße ein kleiner Hof entsteht, und auf dessen beiden Torpfosten sitzen Löwenskulpturen aus hellem grauem Stein, die kleinere Wappenschilder halten. Das linke Wappen zeigt einen nach links blickenden roten Löwen mit gelber Zunge und gelben Krallen auf gelbem Grund, ist in der unteren Hälfte aber nur schwarz, das rechte zeigt denselben Löwen, aber ohne das Schwarz und mit einer horizontalen gelben Linie unterhalb des Kopfs. Wohl, weil hier Holland ist, mag man darin ein langsames Versinken im Wasser erkennen.

Die Löwenskulpturen, die spiegelbildlich die rechte beziehungsweise die linke Tatze auf die Wappenschilder legen, haben nichts von Wappentieren, sondern sind wie schon die Pelikane gehauen in einem zarten, leicht stilisierenden realistischen Stil, der das Weiche, Abgerundete, Fließende liebt, ohne es zu übertreiben.

Hier gelingt es, wappenschützende Löwen würdevoll und wachsam, aber ohne Aggressivität oder Brutalität zu zeigen, was  ausweislich einiger tschechoslowakischer Beispiele derselben Zeit nicht so selbstverständlich ist.

Diese Löwen sehen zwar nicht geradezu so aus, als ob man sie streicheln wollte, aber auch nicht, als ob sie einen gleich anspringen und fressen wollten.

Die bildhauerische Ausstattung des reaktionären Hooge Huys ist seiner Architektur somit weit voraus. Ihr liebenswerter Realismus erinnert am ehesten an spätere Kunst der sozialistischen Staaten.

Endgültig bestätigt wird das Können des belgischen Bildhauers Maurice Xhrouet durch ein horizontal sechseckiges Tonrelief, das unauffällig, fast versteckt im Backstein im Hof hängt. Es zeigt eine Henne, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln die Fläche ausfüllt und links und rechts ein Küken beschirmt.

Hier bekommt ein ganz alltägliches Tier eine stilisierte und symmetrische Form mit unaufdringlicher Symbolik. Vielleicht war es eine Vorübung für das Relief an der Giebelseite, die zugunsten der etwas repräsentativeren und viel bezugsreicheren Pelikanszene abgelehnt, aber wenigstens im Hof angebracht wurde. Wer weiß, was dieser Künstler erst bei besseren Auftraggebern vermocht hätte.

Als in anderen Teilen Alkmaars progressivere Architektur entstand, war die realistische Kunst schon verpönt und ein Xhrouet hätte wenig Chancen gehabt. Die Qualität der Kunstwerke ist wie eine Anklage an die Stadt, nicht schon in der Zwischenkriegszeit statt eines reaktionären Hooge Huys‘ Hochhäuser gebaut zu haben. Bis ins Zentrum kam die fortschrittliche Architektur auch nie so ganz, denn noch in den Sechzigern wurde neben den Hof des Hooge Huys‘ ein ähnlicher Backsteinbau, der Hof Van Teylingen, gebaut und das schlimme Erbe der Dreißiger fortgeführt wurde. Aber Xhrouets kleiner Zoo aus Pelikanen, Löwen und Hühnern tröstet über all das hinweg, ein klein wenig zumindest.