Das Hajduk-Hochhaus von Split

Hochhäuser gibt es in Split viele und Graffiti über den örtlichen Fußballverein Hajduk erst recht. Auch die Verbindung von beidem ist nicht selten, aber es gibt nur ein wirkliches Hajduk-Hochhaus.

Es steht prominent an der Stelle, wo zwei aus dem Zentrum kommende Straßen zu einer breiten Achse in die östlichen Wohngebiete zusammenfließen, und ist durch seine erhöhte Lage auch für die zentrumsnahe Stadtsilhouette wichtig.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Auf quadratischem Grundriß hat es sechzehn Geschosse. Seine Fassade besteht zu zwei gegenüberliegenden Seiten aus geschoßhohen Fensteröffnungen mit Sonnenblenden zwischen je drei vertikale Wandstreifen und zu den beiden anderen Seiten aus horizontalen Balkonen und deren Geländern, wodurch auch die Ecken gleichsam aufgeweicht sind. Auf dem Dach ist ein weiteres technisches Geschoß mit kreisrundem Grundriß, das einen deutlichen Kontrast zum übrigen Baukörper schafft.

Um sich hat es eher wenig Platz, aber es steht völlig frei und leistet sich vorn in Richtung der Ecke der Straßen, wo noch eine Tankstelle folgt, einen kleinen Grünbereich, während rückwärtig, wo es durch den Höhenunterschied noch ein Sockelgeschoß hat, Parkplätze sind.

Im Erdgeschoß ist der Eingangsbereich deutlich zurückgesetzt und die übrigen Geschosse ruhen an der Parkplatz- wie der Eckseite auf je fünf Stützen in der Form parallel zueinander stehender Wände. Es ist hier, daß das Hochhaus zum Hajduk-Hochhaus wird.

Daß sich irgendwo das aktuelle Hajduk-Logo findet – ein blauer Kreis gefüllt mit rot-weißem kroatischem Karo, in dem weiß oben Hajduk, unten Split geschrieben ist, während links und rechts zwei horizontale Striche sind (teils variiert als links 19 und rechts 11) –  das versteht sich von selbst, denn so ist es in der Stadt normal. Auf der Eckseite aber ist das Logo außer ganz rechts auf jeder der Stützen und zwar von rechts nach links variiert: in normalen Farben, in blasseren Farben, in dicken farbigen Umrissen und in dünnen schwarzen Umrissen.

Von links nach rechts auf den anderen Seite der vier rechten Stützen sind entsprechende Variationen der schräg geschriebenen Jahreszahl der Klubgründung, 1911, zwischen Streifen in den Klubfarben Rot und Blau, in denen auch die Erdgeschoßwand bemalt ist.

Im ersten Moment kann man meinen, daß hier ein Graffiti-Künstler in seiner Arbeit gestört wurde, aber tatsächlich tat er sie in so vollendeter Form, daß er es wahrhaft verdient, Künstler genannt zu werden. Wie sich das Logo auf den parallelen Wänden in vier Stufen vom Entwurfsstadium zu seiner normalen, jedem Besucher von Split vertrauten Form zusammensetzt, erinnert an den Animationseffekt von Daumenkinos. Statt mit dem Daumen schnell zu durchblätternder Seiten ist es hier der Beton der Hochhausstützen, der zum Medium wird. Gerade in der Vorbeifahrt im Auto ist der Eindruck von Bewegung frappierend.

Es ist eine großartige künstlerische Ausnutzung sowohl der baulichen Gegebenheiten als auch der Lage des Gebäudes in der Stadt, die ein großes Talent verrät. Vielleicht sieht man hier, daß jede künstlerische Betätigung irgendwann Meisterwerke hervorbringt. Vielleicht brauchte es tausend mediokere Hajduk-Graffitis in der ganzen Stadt, damit dieses eine entstehen und das Hochhaus in das Hajduk-Hochhaus verwandeln konnte.

Was auch immer man über Fußball oder Fußballfankultur denkt, schätzen muß man, wie hier durch ein so simples Motiv wie ein Vereinslogo das Graffiti in den Bereich baugebundener Kunst erhoben wird. Schöner könnte das Hajduk-Hochhaus einzig sein, wenn es das Logo aus der sozialistischen Zeit, in der ein durch stolze Partisanentradition erworbener roter Stern das kroatische Karo ersetzt hatte, zeigte.

Das wäre wohl auch die größtmögliche künstlerische Provokation in Split, da es den geliebten Verein mit der offiziell weniger geliebten sozialistisch-jugoslawischen Geschichte verbindet. Doch auch so bleibt einem nach der Begegnung mit dem Hajduk-Hochhaus nichts anderes übrig, als Fan von jugoslawischer Architektur und von Hajduk Split zu werden.