Dörfliche Weihnacht

Der schönste Weihnachtsbaum von Gdańsk steht natürlich in Przymorze. Man findet ihn genauer gesagt etwa auf der halben Länge der Jagiellońska (Jagiellonischen Straße). Wenn man abends vor den Geschäften an der Straße entlang und auf die lichtergeschmückte Tanne zugeht, während jenseits der Straße der spitze Turm der für polnische Verhältnisse kleinen Kirche hinzukommt, kann man sich leicht wie in einem Dorf zur Weihnachtszeit fühlen.

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Aber auch am Tag, besonders, wenn es geschneit hat oder ein fliegender Händler unter Einbeziehung des Straßenhandel verbietenden Schilds den neuesten Weihnachtskitsch verkauft, kommt die dörfliche Weihnachtsstimmung leicht auf.

„Straßenhandel verboten ! Privatgrundstück Wohnungsgenossenschaft ‚Przymorze'“

Denn es ist ja eine Art von Dorf, durch das man geht. Da ist die Hauptstraße mit Biedronka-Discountsupermarkt, Café, Bankfilialen, Bäcker, kleineren Lebensmittelläden, Bar Mleczny (Schnellrestaurant), Goldschmied/Uhrmacher/Pfandleiher, Wäscherei, Apotheke und Bibliothek auf der einen und Schulen und Poliklinik auf der anderen Seite. Da ist die Kirche. Da ist der zentrale Platz mit dem Weihnachtsbaum und der Bushaltestelle. Bloß wohnen die bis zu fünftausend Einwohner dieses Dorfs nicht in verstreuten Einfamilienhäusern, sondern im elfgeschossigen Falowiec (Wellenhaus), der sich als der mit etwa 800 Metern zweitlängste seiner Art hinter den niedrigen Ladenbauten mäandernd an der Straße erstreckt.

Und dieses Dorf ist nicht irgendwo auf dem Land gelegen, sondern Teil des großen Wohngebiets Przymorze, das wiederum Teil von Gdańsk und mit diesem Teil der Trójmiasto (Dreistadt) ist. So führt durch den Platz, quer zur Straße, in die eine Richtung unter dem Falowiec hindurch und in die andere Richtung an der Kirche vorbei in niedrigere Wohnbebauung hinein, ein großzügiger Fußgängerboulevard, wie ihn kein Dorf kennt. Ihn gehend eröffnen sich weitere Blicke auf den Weihnachtsbaum, dem man sich entweder langsam nähert oder den man nach der Durchquerung des Falowiec plötzlich vor sich hat.

Doch wie das Dorf also nicht nur ein Dorf ist, so ist auch der Weihnachtsbaum mehr, denn er steht das gesamte Jahr über in seinem runden Hochbeet auf dem offenen Platz. In der Weihnachtszeit, einen Monat pro Jahr, kann der Baum leuchten und wird mit seinem Schmuck zum Weihnachtsbaum, aber das ist nur eine Aufgabe, die er zur Freude aller übernimmt, nicht sein Existenzzweck.

In Dörfern wie diesem und mit Weihnachtsbäumen wie diesem läßt es sich gut aushalten.