Paläste und Palasthaftigkeit in Gdynia

Daß Gdynia erst ab 1926 erbaut wurde, heißt leider nicht, daß dort nicht versucht wurde, Paläste zu bauen. Nach den in die Blockrandbebauung gepreßten manchmal historistischen und oft modernistischen Wohn- und Bürogebäuden der Zwischenkriegszeit, die sich gewiß gerne als Paläste sahen, war es, wie in den anderen sozialistischen Staaten auch, das kurze stalinistische Intermezzo der frühen Fünfziger, das sich entschieden um „Palasthaftigkeit“ (Karel Teige) bemühte.

Der stalinistische Teil von Gdynia ist glücklicherweise recht klein und völlig unscheinbar. Er besteht aus einigen Straßen, die parallel zu den Bahngleisen und der großen Aleja Wyzwolenia (Allee der Befreiung) verlaufen und sich etwas den Hang des Wzgórze Nowotki (Nowotko-Hügel, heute Wzgórze Św. Maksymiliana [Hügel des heiligen Maximilian]) hinaufziehen. Es sind unten sechsgeschossige Gebäude, weiter oben niedrigere, allesamt freistehend in großzügigen Grünflächen und mit nur leichter stalinesker Ornamentik.

Bald nach dem stadtseitigen Beginn der Bebauung versteckt sich ein Gebäude, das wohl das Zentrum sein will. Es steht etwas höher am Hang und hat in der Mitte einen zwei Geschosse hohen Durchgang mit eckigen Stützen, zu dem eine breite Treppe hinaufführt. Vor den Teilen beidseits davon sind breite Terrassenebenen, unter denen zur Straße hin zwischen Stützen Garagen sind.

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Hier ist alles um Monumentalität und Palasthaftigkeit bemüht. Das Gebäude hat zwar nur sechs Geschosse, wirkt aber viel höher, da die ersten beiden als Sockel mit Steinstruktur oder Durchgang mit Säulen gestaltet sind und da es höher am Hang steht. Man geht zu ihm hinauf wie zu einem Schloß oder einem Tempel und wird von der Architektur entsprechend eingeschüchtert. Allerdings hat die Monumentalität letztlich keinen Adressaten, da die Fassade über eine Grünanlage hinweg bloß zur Aleja Wyzwolenia und der Bahnstrecke zeigt. Niemand außer wenigen Fußgängern kommt je gerade auf sie zu und es ist schwer vorstellbar, daß die stalinistische Stadtplanung etwas anderes vorsah, weil jenseits von Straße und Bahn bald bloß ein Hügel folgt.

Die städtebaulich ungünstige Lage ist aus fortschrittlicher Sicht ein Glück, doch nicht einmal in sich das Gebäude gelungen. Auf die Terrassen, die auf derselben Höhe wie der Durchgang sind, kommt man von diesem nicht etwa ebenerdig, sondern weiter unten auf der Treppe über abzweigende Treppen.

Statt zu verbinden, trennen die Terrassen. Sogar abgesehen von seinen monumentalen stalinistischen Formen ist das Gebäude schlichtweg schlechte Architektur, was umso trauriger ist, wenn man um die erstaunlichen Höhen, die die fortschrittliche Architektur Gdynias am Vorabend des Kriegs ganz in der Nähe erreicht hatte, weiß.

Nachdem auch Gdynia Mitte der Fünfziger wieder von der stalinistischen Architektur abgekommen war, wurde nicht mehr versucht, Paläste zu bauen oder aber jedes Gebäude wurde im Le Corbusier’schen Sinne zum Palast. Und dann gibt es noch ein kleines Verwaltungsgebäude in der Einfamilienhausgegend von Redłowo, das man schwer sehen kann, ohne an einen Palast zu denken.

Es hat in recht weitem Abstand zueinander zwei zweigeschossige Trakte quer zur Legionów (Legionenstraße), die aus einfachen, beinahe provisorischen Betonfertigteilen bestehen. Die zur Straße zeigenden Schmalseiten sind etwas höhergeführt und haben in der Mitte die Gangfenster. An den Breitseiten sind lange horizontale Fenster, die durch dunkles Holz weiter zu Bändern verbunden sind. Zwischen den beiden Quertrakten ist bei ihren von der Straße entfernten Enden ein ebenfalls zweigeschossiger Trakt mit schmalen vertikalen Fensterschlitzen, die in beiden Geschossen leicht versetzt angeordnet sind. Wie man an den Seiten sieht, besteht er aus weißem Mauerwerk. Vor diesem Trakt ist etwas nach links der Mitte versetzt ein Eingangsbau, der von Weitem flach wirkt, tatsächlich aber noch ein Untergeschoß hat, da der Bereich zwischen den Quertrakten vertieft ist.

Zum Eingang in der Mitte führt über den Graben eine breite und etwas ansteigende Brücke, aufgehängt an beiden Seiten in großen A-förmigen Stützen, die auch das erst gerade, dann leicht schräg nach oben verlaufende Vordach tragen.

Was man hier sieht, ist eine mit einfachsten Mitteln geschaffene dreiflüglige Anlage wie bei einem barocken Schloß oder Palast. Auf typisch barocke Art sucht alles an dem Gebäude den Blick auf die Mitte zu lenken, wo vor dem Eingang sein einzig expressives, aber dennoch funktionales Element – Brücke, Stützen und Vordach – ist, Ehrenhof und Skulptur in einem. Ganz anders wäre die Wirkung des Gebäudes vielleicht, wenn es frei stünde, da hinter ihm kein ausgedehnter Park, sondern in der Mitte und rechts zwei weitere Quertrakte, die den übrigen entsprechen, anschließen.

Monumentalität oder Palasthaftigkeit fehlen dem Gebäude völlig und doch ist es weit mehr ein Palast als das traurige stalinistische Gebäude, das so gerne einer wäre. Während die Architekten dort vom Palast ein paar äußere einschüchternde Elemente übernahmen, reduzierten sie ihn hier auf das Wesentliche seiner Struktur. Daß sie nicht wußten, was sie taten, ist äußerst schwer vorstellbar, aber zugleich nicht wichtig, denn das Gebäude braucht keine Bezüge auf Barock, Paläste, was immer, um gelungen zu sein. Es ist ein Palast nur nebenbei und zuerst eine funktionale Lösung für ein architektonisches Problem.

Was man hier weiterhin sieht, ist ein vielleicht spezifisch polnisches Gespür für die Bedeutung von Eingängen und ihren Dächern als nicht monumentales, aber expressives Element, das ein Gebäude entscheidend prägen, ja, erst zu dem, was es ist, machen kann. Am Verwaltungsgebäude in Kielce oder der Wirtschaftsfakultät in Sopot war das bereits gut zu erkennen, hier, wo das Gebäude an sich noch schlichter ist, wird es weitergeführt.

Es handelt sich bei dem Gebäude um nicht weniger als ein kleines und bescheidenes Meisterwerk fortschrittlicher Architektur. Man könnte sagen, Gdynia braucht keine Paläste, aber hier hat es den Palast, den es verdient.