Architektur auf Architektur

In der Raadhuisstraat (Rathausstraße) im Zentrum von Amsterdam ist ein für die Stadt typisches schmales Haus mit weiß verziertem Giebel, einigen schmucklosen Geschossen aus dunklem Backstein und einem Ladenraum im Erdgeschoß.

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Falls es auffällt, dann wegen eines Schilds über dem Erdgeschoß, in dem groß steht: Eerste Hollandsche Levensverzekerings-Bank (Erste Holländische Lebensversicherungsbank).

Wenn man genauer hinschaut, mag man bemerken, daß die holzgefaßten Glasflächen des Ladenraums rechts geschwungen zum zurückgesetzten Eingang verlaufen, daß die schmalen Seitenteile beidseits des Erdgeschosses mit dezent ornamentiertem schwarzen Stein und beige und braun bemalten Kacheln verkleidet sind und oben mit angedeuteten Kapitellen unter dem Schild anschließen und daß sich links im Stein sogar „H.H. Baanders, Architect“ verewigt hat. Er war Architekt nicht des Gebäudes, sondern der Erdgeschoßfassade und des Raums, in dem also eine Bankfiliale war. Auf dem Schild, das ebenfalls aus Kacheln besteht, ist weiterhin rechts weiß auf Blau ein deutlich größeres Gebäude abgebildet und unter dem Namen der Bank steht eine Adresse: Kantoor (Büro) Keizersgracht 174-176.

Weit ist es bis dahin nicht, der Straße folgend über zwei Kanäle, vor der Westerkerk (Westkirche) nach rechts und dort, Ecke Keizersgracht (Kaiserkanal) und Leliegracht (Lilienkanal) steht das Bürogebäude vom Schild.

Der Hauptsitz der Hollandsche Levensverzekerings-Bank ist auf eine ganz andere Weise ein typisch Amsterdamer Bau. Von fünf Geschossen an den Seiten, mit denen er ohnedies schon höher ist als alle Nachbarhäuser, steigt er zur Ecke hin auf sechs, sieben, acht Geschosse an und endet in einer komplizierten Dachkonstruktion mit Schrägen, Uhren, obeliskgerahmten Giebeln und einem offenen Türmchen.

1905 von dem in der Raadhuisstraat genannten Herman Henrik Baanders errichtet ist es ein Bau aus der Zeit, als Amsterdam New York sein wollte, weit über die alte Stadt hinauswachsende Architektur, Symbol einer neuen Zeit des Kapitalismus. Das Gebäude ist monumental bei gemäßigt historistischen Formen, die starke Jugendstilanklänge haben. Es zieht seine Wirkung vor allem aus den vertikal gegliederten Volumen und der unten schwarzen, oben grauen Steinverkleidung, während die Ornamente leicht zu übersehende Gravuren im Stein sind.

Die Bank schmückt sich mit zwei Mosaiken in billigstem akademistischen Stil, der keinerlei Jugendstilanklänge hat. Statt mit einem Künstlernamen sind sie mit dem Ortsnamen Briare nach dem Mosaikhersteller Émaux de Briare (Briarer Emaillen) aus der gleichnamigen zentralfranzösischen Stadt gezeichnet. Das erste ist neben der Ecke zum Leliegracht im zweiten Geschoß unter dem Ansatz eines Erkers und zeigt eine sorgenvoll oder trauernd dasitzende Frau, die von einem vor ihr stehenden weißgekleideten Mädchen und einem hinter ihr stehenden großflügligen Engel auf eine Versicherungspolice, die vor ihr auf einem Rot umhüllten Tisch liegt, hingewiesen wird.

Man könnte das als Allegorie der Lebensversicherung bezeichnen, aber auch als einfache Werbung, die bloß durch die Mosaikform über die Zeiten gerettet wurde. Das gilt umso mehr, als das zweite Mosaik hoch oben in den zum Keizersgracht gerichteten Giebeln genau dieselbe Szene von Frau, Mädchen und Engel zeigt, nun aber auf einer Wiese in einer Berglandschaft.

Es ist eine entschieden unniederländische Landschaft und damit vielleicht eine niederländische Traumlandschaft, die gut zu einem Gebäude paßt, das mit der überkommenen niederländischen Architektur bricht und, auf ebenso mediokre Weise wie das Mosaik, von etwas Neuem träumt.

Näher scheint es diesem in zwei halbrunden Giebelfeldern im Abschluß der Fenster an beiden Rändern der Fassade zu kommen.

Auf goldenem Grund sind hier Reliefs rechteckiger und quadratischer Formen in vor- und hintereinander verschachtelter vertikaler und horizontaler Anordnung.

Das ist eine geradezu kubistische Ornamentik, die auf dem Gebäude und neben seiner Kunst völlig fremd wirkt. Tatsächlich wurden die seitlichen Teile jedoch erst 64 Jahre später an den Eckbau angefügt, weshalb sie auf dem Schild in der Raadhuisstraat noch fehlen. Statt auf etwas Neues vorzuweisen, waren sie damit nur eine konservative Anknüpfung an das Alte und die Reliefs nur ein kleiner ironischer Bruch.

Bleibt die Abbildung des Bankgebäude auf dem Schild in der Raadhuisstraat, gleichsam als Logo. Daß ein neues Bürogebäude von einer Firma zu Werbezwecken benutzt wird, ist nicht einmal ungewöhnlich, doch selten wurde das Bild eines Gebäudes selbst zum Teil der Architektur und noch seltener überdauerte es die Zeiten. Man sieht in der Raashuisstraat also Architektur abgebildet auf Architektur. Sogar das obere Mosaik ist auf dem Schild gut zu erkennen.

Wenn die Darstellung sehr viel detaillierter wäre, hätte man es mit Architektur abgebildet auf Architektur abgebildet auf Architektur zu tun, denn in der Berglandschaft des Mosaiks fehlt auch rechts im Hintergrund eine zweitürmige Kirche in einem vagen Phantasiestil nicht.

Diese Vervielfachung der Architektur erst, dieses Ineinander gebauter und abgebildeter Architektur, macht das Gebäude der Eerste Hollandsche Levensverzekerings-Bank so interessant. Wer weiß, vielleicht gibt es anderswo in Amsterdam oder in den Niederlanden weitere ehemalige Filialen mit ähnlichem Schild.

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