Turiner Einzelheiten: Mole Antonelliana

Turins Wahrzeichen ist die Mole Antonelliana, aber wenn man es nicht wüßte, würde man es vielleicht nicht herausfinden. Es handelt sich um einen 167 Meter hohen Turm aus dem späten 19. Jahrhundert in entsprechenden neoklassizistischen Formen. Auf einem fast den gesamten Straßenblock einnehmenden Sockel, der allein schon höher als die umstehenden Gebäude ist, sitzt eine sehr hohe Kuppel mit vier steil und geschwungen ansteigenden Seiten, darauf sind weitere Geschosse mit zwei hohen säulenumstandenen Umgängen und Dreiecksgiebeln und darauf erhebt sich ein stetig schmaler werdender runder Teil mit Umgängen in regelmäßigen Abständen, der in einem Stern endet.

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Es ist eine markante Form, insbesondere die Kuppel und der die Höhe beinahe verdoppelnde runde Schaft, aber man sieht sie nur selten und noch seltener gut. Im so einfachen und wohlgeordneten Turin mit seinem rechtwinkligen Straßenraster und seinen großen Achsen steht die Mole ohne Bezug zu irgendetwas. Keine Straße führt auf sie zu, kein Platz ist vor ihr. Daß sie einen monumentalen Eingang mit riesiger Tempelfassade hat, ist völlig unnötig, da man ihn erst recht von nirgendwoher sehen kann. Wenn man die Mole sieht, ist es immer als Überraschung.

Manchmal nur überquert man eine Straße und plötzlich steht sie in all ihrer imposanten Größe in der Ferne. Vom zentralen Piazza Castello (Burgplatz) oder Piazza Vittorio Veneto (Vittorio-Veneto-Platz) aus ist ihr oberer Teil manchmal zu sehen, aber wie etwas Fernes, Unverständliches.

Vom Monte dei Cappuccini (Kapuzinerberg) oder einem der anderen Hügel jenseits des Flusses Po aus ist sie zwar die höchste, aber zugleich nur eine der aus der Stadt aufragenden Spitzen.

Am besten sieht man sie von manchen Stellen am Ufer des Po, etwa im Süden von der Ponte Isabella (Isabella-Brücke) über den Park Valentino hinweg.

In San Mauro im Norden, wo von Turin sonst nichts zu ahnen ist, wird sie sogar zur Stellvertreterin der Stadt.

Erst von außerhalb kann die Mole daher so wirklich als Wahrzeichen wirken und vielleicht ist ja gerade das der Sinn eines Wahrzeichens. In mancher Hinsicht gleicht ihre Lage in der Stadt dem eines frühen amerikanischen Hochhauses, wie Turin durch chaotische Bebauung in einem strengen Straßenraster ohnedies etwas Amerikanisches hat. Anders als diese Hochhäuser hatte die ursprünglich als Synagoge begonnene und nach enormen Kostenüberschreitungen von der Stadt fertiggestellte Mole aber nie einen konkreten Nutzen, war mehr Beispiel für bauliche Möglichkeiten, ein Piemonteser Turm von Babel. Vielleicht ist sie das Wahrzeichen der Stadt gerade, weil sie beinahe unsichtbar ist.

Kachelrelief von A. Vaudetti (Via Moncalvo 44)

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