Baumarchitekturen

Der schönste Park in Olsztyn ist vielleicht gar keiner. Gelegen im Süden der Stadt ist er vom Ufer des Flüßchens Łyna ein bewaldeter Hügel, von der Tuwima (Tuwim-Straße) einige Bäume hinter alten Gebäuden mit Satteldächern, die irgendwas zwischen Landwirtschaftlichem und Industriellem, zwischen Bauernhof und Fabrik sind.

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Auch seine nächste Umgebung, zwei Einfamilienhäuser, weitere Schuppen oder Ställe, eine Betonstraße, passen kaum zu einem Park.

Und doch ist es ein Park und nicht etwa ein Wald, zu vielfältig, zu bewußt gewählt und skulptural eingesetzt sind die Bäume. Da ändert es auch nichts, daß die Wege bestenfalls Trampelpfade sind und es keine Bänke und nur einen einzigen Mülleimer gibt. Er entstand im späten 18. Jahrhundert als Teil eines alten Gutshofs und trägt nach diesem heute den Namen Pozorty.

Der Höhepunkt des Parks ist zwangsläufig eine riesige Roteiche, die am Hang zur Łyna einen weiten Bereich ganz alleine einnimmt.

Obwohl ihr Stamm bis unten hin gespalten, eigentlich zwei, drei mächtige Stämme ist, steht sie gerade und hoch. Denn sie ist ein Parkbaum, menschengemachte Natur: vielerlei starke Bänder tun ihr Bestes, den Stamm, die Stämme zusammenzuhalten.

Doch die schönsten Bäume des Parks sind weiter oben auf einer Fläche zwischen den Schuppen. Da ist ein zarter Nadelbaum, wie er im Norden Europas gewiß nicht heimisch ist.

Da ist eine vielstämmige Eiche, die an einen komplizierten Leuchter erinnert.

Und da ist eine Hängebuche.

Was dem Park von Pozorty an Architektur fehlt, um Schloßpark zu sein, muß ihm dieser architektonischste der heimischen Bäume geben. Er muß selbst Schloß werden. Ganz selbstverständlich, daß einer der Wege durch die Hängebuche hindurchführt und sie von der Betonstraße her der Eingangsbau des Parks ist. Wenn man unter das Dach und zwischen die Wände ihrer bis zum Boden hängenden Zweige getreten ist, sieht man, daß auch sie zwei Stämme hat, wobei der kleinere rechte dadurch entstand, daß vor langer Zeit ein Teil des größeren linken umstürzte und neue Wurzeln schlug.

Zwischen den Stämmen ist unten ein mannshoher leicht nach vorne geneigter Rundbogen, als wolle der Baum wirklich Architektur zitieren, und oben verwuchs ein Ast des rechten wieder mit dem linken.

Ein anderer Ast des rechten Stamms wird von einer stählernen Krücke gestützt, aber die Geschichte des Baums zeigt ja, daß er diese menschliche Hilfe nicht braucht.

Menschlich ist die Olsztyner Hängebuche dadurch, daß sie in ihrem Park schützender und verbergender Ort unzähliger Treffen unterschiedlichster Art zwischen Menschen war. Wenn sie schreiben könnte, sie würde Bände füllen. Stattdessen muß das genügen, was Generationen von Besuchern in ihre Stämme ritzten.

Und wenn man auf dem linken Stamm „lato 95“ (Sommer 95) liest, ist das nicht weniger schön und assoziationsreich als das „winter of ’82“  oder „summer of ’69“ der Popsongs.  Dieser Park muß gar keiner sein, um der schönste Park in Olsztyn zu sein.