Turiner Einzelheiten: Lila, Weiß und Grün

Ein typisches bürgerliches italienisches Wohngebäude aus den Fünfzigern oder Sechzigern, gelegen in einer der teureren Gegenden von Turin in den Hügeln jenseits des Po. Ein Eckbau links der ansteigenden Via Giovanni Boccaccio (Giovanni-Boccaccio-Straße), vier Obergeschosse auf dünnen runden Betonstützen, die das Erdgeschoß bis auf den weit zurückgesetzten und von der Straße aus gleichsam unsichtbaren Eingangsbereich auflösen. Der aufgestützte Baukörper ist ganz mit kleinen quadratischen cremefarbenen Kacheln verkleidet, zu denen als Kontrast in den Geländern der Eckbalkone und unter den großen Fensterflächen in der abzweigenden Via Guido Cavalcanti (Guido-Cavalcanti-Straße) ebensolche in kräftigem Lila kommen.

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Das Gebäude füllt in schnörkellos kubischer Form sein Grundstück aus, doch zur Via Boccaccio ist auch eine große Einbuchtung. Da sich um sie zu zwei Seiten laubengangartige Balkone legen, die links von einer fortgesetzten runden Stütze getragen werden, während rechts nur schmale Fensterbänder und geschoßhohe ornamental durchbrochene Betonblenden sind, wirkt sie wie ein zufällig offengelassener Hinterhof.

In diesem Bereich steht, ihn bis ins dritte Geschoß ausfüllend, ein immergrüner Baum in nach oben verjüngter Kegelform, wie er in Italien so häufig ist, eine Magnolie, die aber mit den schön- und kurzblühenden Zierbäumen nördlicher Vorgärten und Parks wenig zu tun hat. Sie ist wie der Höhepunkt des wohlgestalteten und ebenso exotischen Gartens unterhalb der aufgestützten Geschosse, zwischen den Betonstützen.

Diese Vegetation und diese Architektur gehören zusammen und sind sehr italienisch. Sie sind geschmackvoll und hübsch und sie sind hier so normal wie bei uns im Norden unbekannt. Ähnliche Gebäude gibt es in Turin zu dutzenden, wenn auch meist eher ohne die Le Corbusier’sch angehauchten Stützen. Gerade diese helfen jedoch, über die hübschen exotischen Oberflächen, in die man sich so gerne verlieben will, hinwegzusehen, denn sie sind für die Stadt ohne Bedeutung. Es handelt sich dennoch um Blockrandbebauung. Um den Garten verläuft eine Mauer mit horizontaler Steinverkleidung und ein Stahlzaun, ganz links neben der Brandmauer des Nachbarhauses ist eine Einfahrt, durch die man bloß in einen kleinen Hinterhof mit einigen Garageneinfahrten kommt.

So fern seine Formen auch davon sind, städtebaulich geht das Gebäude nicht über das 19. Jahrhundert hinaus. Es ist damit durchaus typisch für das kapitalistische Italien der Nachkriegszeit.