Die junge Tschechoslowakei am Hang – Sokolovna und hussitische Kirche

Die vom Bahnhofsvorplatz in sanfter Steigung und sanftem Fall zur Altstadt führende 9. Května (Straße des 9. Mai) ist die natürliche Hauptstraße von Tábor, seit es über die mittelalterlichen Grenzen hinausgewachsen ist. Als Stadtplanung des 19. Jahrhunderts ist sie so gut, wie sie eben sein kann, und auch jede denkbare fortschrittlichere Alternative würde zumindest ihren Verlauf übernehmen. An ihrem höchsten Punkt steht ein k.k.-Schulgebäude, das groß, weiß, historistisch die Staatsmacht repräsentiert, wobei diese örtlich schon lange tschechisch bestimmt war. Als städtischer Organismus war die Straße gegen 1900 fertig, auch wenn selbstverständlich noch später Teile der Blockrandbebauung neu errichtet oder Fassaden verändert wurden. Was dem tschechoslowakischen Staat beziehungsweise seinen Vorbereiterorganisationen wichtig war, mußte daher in die Seitenstraßen.

Das erste war noch zur österreichischen Zeit im Jahre 1903 die Sokolovna, wie die Versammlungsgebäude des tschechischen Turn- und Kultursvereins Sokol (Falke) heißen. Sie steht am Ende einer kurzen links von der 9. Května abzweigenden Straße, die beinahe wie ein kleiner Platz wirkt, und ist ein überladener historistischer Bau mit drei Geschossen, der wie andere Sokolovny dieser Zeit viel zu viel Tschechisch-Nationales aussagen will.

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Um zu verstehen, wieso sie dennoch bereits ein wichtiger Bau ist, muß man rechts neben ihr die Treppen zur Budějovická (Budějovicer Straße) hinabgehen. Auch hier hat die die Sokolovna drei Geschosse, doch der Höhenunterschied zwischen den beiden Straßen ist so groß, daß das dritte Geschoß hier die die Fortsetzung des ersten von oben ist. Man sieht, daß die Architekten mit der Hanglage rein gar nichts anzufangen wußten, ihnen aber immerhin bewußt war, daß das Gebäude, wie im übrigen auch eine freistehende Sokolovna auf ebenem Gelände, zu beiden Straßen Fassaden haben muß.

Das zweite Gebäude ist ein sbor (wörtlich Chor), wie die hussitische Kirche, die ursprünglich als církev československá (tschechoslowakische Kirche) noch stärker ihre intendierte staatsoffizielle Rolle betonte, ihre Gotteshäuser nennt. Dieser heißt als „Sbor božích bojovníků“ nach „göttlichen Kämpfern“ oder einfach „Gotteskriegern“, eine gängige Bezeichnung für die Hussiten. Genau wie ein unehrlicher Islamist oder ein trauriger liberaler Muslim heute vielleicht behaupten würde, daß Jihad ja gar nichts mit Krieg zu tun habe, würde vielleicht auch ein heutiger hussitischer Geistlicher die Radikalität dieses Namens abzumildern suchen, aber die Erbauer der Kirche wußten genau, was sie sagen wollten: die Hussiten waren Gotteskrieger, die von Tábor aus halb Europa in Angst und Schrecken versetzt hatten, und das war etwas Gutes. Von Nutzen war diese kämpferische Tradition bei der Eröffnung Mitte 1939, als der tschechoslowakische Staat gerade von den Deutschen zerschlagen worden war, allerdings erst einmal nicht.

Das Gebäude bedient sich einer schnörkellos weißen funktionalistischen Architektur wie viele solcher Kirchen. Vom Platz ist durch eine Seitenstraße links der hohe und schlanke Turm zu sehen. Er beginnt öffnungslos auf quadratischem Grundriß, wird oben, wo er vor Lamellen zu allen Seiten kupferne Kreuze hat, schmaler und endet mit einem großen kupfernen Kelch, dem zentralen Symbol des Hussitentums.

Das Gebäude am Ende der kurzen Seitenstraße hat nur im oberen der zwei Geschosse große Fenster und keinerlei monumentalen Elemente. Dafür wächst es geradezu aus den angrenzenden viergeschossigen tschechoslowakischen Mietshäusern in der Farského (Pfarrstraße), der Parallelstraße zur 9. Května, die von der Sokolovna herkommt, heraus. Aus dem Sims unter dem dritten Geschoß der links daneben stehenden Pfarrei wird das leicht überstehende Dach der Kirche.

Erst von der unteren Straße, der Budějovická, die man wiederum über eine Treppe rechts neben der Kirche erreicht, versteht man, wieso der Turm gerade in der äußersten Ecke des Gebäudes angeordnet wurde. Er richtet sich nämlich nur nebenbei an de Platz, hat vordringlich aber weit größere Ziele: die alte, einst hussitische Altstadt und deren nunmehr katholischen Kirchturm.

In der Sichtachse der engen Straße kann man beide Türme direkt nebeneinander sehen und, eckig, weiß, mit kupfergrünem Abschluß, scheinen sie einander sogar durchaus verwandt.

Wichtiger noch ist, daß man den Turm genau in der Mitte des Blickfelds hat, wenn man in der Altstadt Richtung 9. Května geht. Wiewohl recht weit entfernt und wiewohl nicht höher als normale Häuser, hat der Turm somit allein durch seine Lage eine erstaunliche Reichweite.

Das dazugehörige Gebäude ist zur Budějovická deutlich höher und monumentaler als zur Farského und erstreckt sich auch noch vor der Pfarrei. Die weißen Wände sind durch schmale vertikale Streifen mit Glasbausteinen und vertikale Streben strukturiert, die vor einer großen Dachterrasse weiter aufragen und von horizontalen Balken erst als Geländern und dann als Abschluß gequert werden.

Bei aller funktionalistischen Einfachheit entsteht so eine gotische Struktur, wiederum wie bei der Kirche in der Altstadt. In diesem unteren Raum allerdings ist nicht die Kirche, sondern: das Kolumbarium, die Aufbewahrungsstätte für Urnen. Wie man sieht war die von den Katholiken abgelehnte Feuerbestattung für die hussitische Kirche wie für die junge Tschechoslowakei insgesamt sehr wichtig. Auf unerwartete Art wird hier zudem die Tradition von bei der Kirche liegenden Friedhöfen oder gar von Katakomben wiederbelebt.

In den seit dem Bau der Sokolovna vergangenen sechsunddreißig Jahren hatten die Architekten also gelernt, auf kreative Weise mit der Hanglage umzugehen und ein vielseitiges Gebäude wie diese Kirche hineinzusetzen. Eine neue Zeit hatte begonnen.

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