Das Schönste in Iași

Korrektur: Der Text entsprach zwar zum Zeitpunkt seiner Abfassung Ende 2018 den Tatsachen, nicht aber zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung, denn seit dem 13. September 2019 gibt es auch im Palas-Einkaufszentrum einen McDonald’s.

Die McDonald’s-Situation in Iași ist eigentümlich. Es gibt einen in der Iulius Mall im Südosten der Stadt und einen weiteren beim Bahnhof im Nordwesten.

Das Einkaufszentrum Iulius Mall liegt einer großen Kreuzung bei den Fakultäten und Wohnheimen der Technischen Universität am Bahlui in einem durchaus städtischen Bereich, aber auch nicht zentral. Wiewohl im Jahre 2000 eröffnet, mithin nicht sehr alt, wirkt es wie aus einer fernen Zeit. Außen hat es zumeist eine Verkleidung aus weißen Quadraten, deren Ecken teils hochgeklappt sind, so daß eine hübsch bewegte Fassade wie bei einem sozialistischen Kaufhaus aus den Siebzigern entsteht.

(Bilder zum Vergrößern anklicken)

Innen ist es so eng und verwinkelt, so weit von westlichen Moden auch vor zwanzig Jahren entfernt, daß es wiederum an die Siebziger erinnert. Wie im Westberliner Europacenter etwa gibt es ein Restaurant über einem Wasserbassin. Wenn eine hohe rotbräunlich verkleidete Wand unter dem einfachen Glasdach Wasser herunterläuft, sieht das nur halb wie ein aufwendiger, etwas altmodischer Zierbrunnen und halb wie ein Wasserschaden aus. Hier, im engen Food Court, ist der McDonald’s.

Der McDonald’s beim Bahnhof ist ein sofort erkennbares Standardgebäude seiner Zeit mit hutartigem Walmdach und McDrive, völlig gleichgültig gegenüber seiner Umgebung, aber zugleich gut passend, da auf dem Bahnhofsvorplatz viel Platz ist.

Er war, 1998 eröffnet, der erste und bleibt das Flaggschiff der Iașier McDonald’s (tatsächlich gehört zum Kinderspielbereich etwas, das wie ein Schiff aussieht).

Keinen McDonald’s gibt es im Zentrum von Iași, das grob gesagt zwischen den beiden Filialen liegt. So schön die Vorstellung eines McDonald’s in einem der Pavillons des Piața Unirii (Platzes der Vereinigung), einer Vereinigung von Kapitalismus und Sozialismus also, auch wäre, sollte das dort vielleicht nicht überraschen. Doch daß es auch im Einkaufszentrum Palas keinen McDonald’s gibt, ist schlichtweg unfaßbar, ist es doch ein genuin kapitalistischer Ort, der geradezu danach verlangt.

Vielleicht ist das jedoch auch Absicht. Im Food Court von Palas gibt es unzählige einheimische Ketten, an einer Ecke unten einen Subway, aber schon KFC ist merkwürdig versteckt und unbeworben bei einer Rückseite, wo auch ein Drive Thru ist.

Man sieht dort ein durchaus anderes Publikum als im Food Court, keine Büroangestellten mehr, eher die, die die Büros putzen, oder aber Bewohner der umliegenden Dörfer auf Stadtbesuch, viele Roma auch. Das liegt übrigens nicht an den Preisen, die ähnlich sind. Vielleicht ist McDonald’s einfach zu demokratisch, zu egalitär für den heutigen Kapitalismus, der davon lebt, Scheindistinktion zu verkaufen und sich in Palas so gut verkörpert. Schon mit McDonald’s war der Kapitalismus schlimm genug, doch wenn einer der kapitalistischsten Orte, die man sich vorstellen kann, keinen McDonald’s hat, gibt es endgültig nichts Schönes mehr am Kapitalismus.

Um das Schönste in Iași zu sehen, muß man also an die Ränder gehen. Man kann dort all das Übliche und Vertraute essen und deshalb, für das beruhigende Gefühl, zu Hause zu sein, besucht man McDonald’s ja. Es gibt aber auch ein spezifisch rumänisches Produkt, nicht als spezielle Aktion, sondern im ständigen Angebot. Hinter dem nüchtern deskriptiven Namen „Sandviș cu porc și sos de hrean“ (Schweinfleischsandwich mit Meerettichsauce) verbirgt sich der vielleicht beste McDonald’s-Burger überhaupt.

Er ist genau, was sein Name verspricht und die Schweinefleischfrikadelle, die Sauce, die mit nichts anderem bei McDonald’s zu vergleichen ist, und einige Zwiebelschnitze und Essiggurken ergeben ein großartiges Gericht. Allein schon dafür lohnen sich die weitesten Wege.