Ein Turm für Turin

Selten ist es bei Architekturwettbewerben so, daß sofort klar ist, welcher Entwurf gewinnen muß, eher ist es ein kompliziertes Abwägen vielfältiger Details. Aber es gibt Ausnahmen wie den Wettbewerb für ein neues Gebäude auf dem nordböhmischen Berg Ještěd im Jahre 1963. Während alle anderen Entwürfe ein irgendwie geartetes Nebeneinander von Fernsehturm und Hotel vorschlugen, faßte Karel Hubáčeks Siegerentwurf beides zu einer einfachen und ikonischen, aber schwer zu beschreibenden hyperboloiden Form zusammen, die den Berg vervollständigte und zwangsläufig zum Wahrzeichen von Liberec wurde. Es ist kaum vorstellbar, daß jemand die Auswahl (teilweise zu betrachten auf dieser verdienstvollen Seite) sah, ohne sofort zu erkennen, wer gewinnen mußte.

Aus Autorenkollektiv: Nordböhmen, Praha 1981

Ähnlich war es bei dem Wettbewerb für einen neuen Torre Civica (Stadtturm), den die norditalienische Stadt Turin im Jahre 1788 veranstaltete. Fast alle Entwürfe schlagen irgendwelche Türme mit mehr oder weniger vielen Säulen, Ornamenten, Geschossen, Skulpturen vor, die teils noch ganz barock, teils schon klassizistisch sind, aber immer Türme, die nichts grundsätzlich von denen in anderen Städten oder auch nur vom alten Turiner Torre Civica unterscheidet (zu betrachten hier). Anders der Entwurf von Arnolfo Spagnolini. Er ist entschieden klassizistisch: Auf einem bis auf die Tür öffnungslosen steinverkleidetem Sockel, den bloß wenige einfache Relieffiguren schmücken, und einem Band mit mittiger Uhr erhebt sich eine hohe Säule, um die sich ein Relief spiralförmig nach oben zieht. Aber noch um diese Säule verläuft eine große spiralförmige Wendeltreppe mit hohen rundbögigen Arkaden. Der ganze Turm ist eine Spirale.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009 (Bilder zum Vergrößern anklicken)

Spagnolini löste damit das Problem der antiken Triumphsäulen und ihrer barocken Nachahmungen wie etwa vor der Wiener Karlskirche: daß ihre Reliefs nicht zu betrachten sind. Nach dem Spiralteil folgt ein offenes Arkadengeschoß für die Glocken, von wo eine kleinere Wendeltreppe im Inneren ins oberste Geschoß führt. Diese „vero Bel Vedere“ (wahre Gute Aussicht)  ist völlig frei und offen bis auf die schlanken korinthischen Säulen am Rande ihrer runden Fläche, die die Turmhaube, eine von einer Kugel abgeschlossene Kegelform mit flügelartig hervorstehenden Elementen als einzigem Schnörkel, tragen.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Neben der schlichten Radikalität von Spagnolinis Spiralturm nehmen sich all die anderen Entwürfe so unendlich altmodisch aus wie die für den Ještěd neben Hubáčeks Hyperboloidturm. Indem er die Treppe nach außen legte, macht es das Besteigen des Turms zum Erlebnis. Aus der Dunkelheit des Sockels tritt man in die Spirale, die Reliefs zeigen die glorifizierte Geschichte von Turin, während das echte nach und nach um einen sichtbar wird, und dann, nach einem kurzen Moment der Dunkelheit, steht man oben auf der offenen Aussichtsplattform, wo nichts mehr ist als die Stadt und die Landschaft unter einem.

Aus Manzo, Luciana u. Peirone, Fulvio (Hg.): C’era una volta una torre, Torino 2009

Auf der Kugel auf der Turmspitze sollte laut Spagnolini der Stier, Turins Wappentier, stehen. Daß er, anders als alle anderen Entwürfe, selbst keine Form für dieses krönende Kunstwerk vorschlug, zeugt von Bescheidenheit und einem durchaus modernen Verständnis für Arbeitsteilung; darum soll sich ein Künstler kümmern, er fand ja schon die architektonische Lösung.

Anders als Hubáčeks Entwurf in Liberec wurde Spagnolinis in Turin nie ausgeführt. Nicht einmal ein Sieger für den Wettbewerb wurde je gekürt. In Folge der französischen Revolution, die seit 1798 auch französische Herrschaft bedeutete, hatte Turin andere Sorgen. Danach brauchte die Stadt, obwohl 1801 der alte Torre Civica abgerissen worden war, keinen Turm mehr, da sie dank dem beginnenden Kapitalismus rasant wuchs und er ohnedies nicht weit genug sichtbar oder seine Glocken weit genug hörbar gewesen wären. Erst hundert Jahre später baute sich Turin mit der Mole Antonelliana wieder einen Turm, der zwar höher als 1788 vorstellbar, aber für die Stadt doch letztlich zu klein und deshalb unwichtig war. Und außer der Größe hat die Mole den Plänen von Spagnolini für den neuen Torre Civica auch nichts voraus.

Was Arnolfo Spagnolini entwarf, bleibt heute so bewundernswert und vorbildlich radikal wie damals. Wäre die Geschichte ein wenig anders verlaufen, hätte etwa die französische Revolution ein Jahrzehnt später stattgefunden, und hätten die Verantwortlichen in Turin so viel Weitsicht bewiesen wie 1964 die in Liberec, wären mithin eine unmögliche und eine unsichere Bedingung erfüllt, die Stadt hätte ein Wahrzeichen mehr.

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