Die Autobahn über dem Schloß

Man kann Schloß und Autobahnbrücke in Velké Meziříčí nur zusammen betrachten. Egal, aus welcher Perspektive man auf das Schloß blickt, die Autobahnbrücke wird sich unweigerlich ins Bild schieben. Dieses Beieinander ist nur ein Zufall, aber ein Glück für Velké Meziříčí. Schlösser schließlich gibt es in Tschechien hunderte, ein Schloß unter der Autobahn, das ist etwas Besonderes!

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Das Schloß ist denn auch kein weiter bedeutender Bau.

Etwas Renaissance, etwas Barock, einige noch ältere Überbleibsel und manche neuere Umbauten.

Gelegen halbhoch an der Ecke zwischen dem rechts abzweigenden Tal der Oslava und dem weiterführenden Tal der Balinka, den beiden Flüssen, die Velké Meziříčí den Namen geben (meziříčí bedeutet in etwa „zwischen den Flüssen“). Ein Schloß wie viele.

Ganz anders ist es mit der Autobahnbrücke. Auf hohen Stützen spannt sie sich über das Tal der Oslava, ein schlankes TT hinter dem Schloß. Je näher man ihr kommt, desto faszinierender wird die Konstruktion.

Es ist strenggenommen nicht eine, sondern zwei Brücken. Die je zwei Fahrspuren in die jeweiligen Richtungen haben ihre eigenen massiven Betonpfeiler mit H-förmigem Grundriß und zwischen ihnen ist ein kleiner, aber deutlicher Zwischenraum.

Während die Pfeiler aus Beton sind, sind die Fahrbahnelemente aus Stahl. In der Mitte, wo sie auf den Pfeilern ruhen, sind sie dick, an den Seiten hingegen wirken sie geradezu filigran, wie leichte Flügel, die den Autoverkehr tragen. Zu den zwei von weither sichtbaren Pfeilerpaaren, die nur etwas oberhalb der Talsohle im Hang stehen, kommen weiter oben zwei weitere, viel kürzere Paare, die hinter Bäumen eher versteckt sind. Erst, wenn man oben bei diesen steht und die Länge der Brücken/Brücke entlangblickt, merkt man, daß ihre Fahrbahnen nicht völlig gerade, sondern in leichtem Schwung verlaufen.

Nicht nur für die Stadt im Ganzen, sondern auch für das Schloß im Besonderen ist die Autobahnbrücke ein Glück. Wie ein Rahmen aus Beton und Stahl legt sie sich um das Panorama des Schlosses und macht es zu mehr, als es sonst wäre.

Das ist ein ganz freundlicher, beiläufiger Antifeudalismus, nicht mehr als ein erfreulicher Nebeneffekt davon, daß die sozialistische Tschechoslowakei 1978 das fortschrittliche Bauwerk, das sie zur Vervollständigung der Autobahnverbindung von Prag nach Bratislava brauchte, baute. Kein Zweifel, daß sie stolz darauf war, immerhin war es die längste und höchste Brücke der Autobahn D1. Auch das heutige Velké Meziříčí bekennt sich, wie man ihm zugute halten muß, zu seiner Autobahnbrücke. Neben Schloß und Kirchturm ist sie stilisiert auf dem Orteingangsschild abgebildet.

Aber einst hatte dieser Stolz auf die Brücke noch einen anderen, gleichsam städtebaulichen Ausdruck. Am Hang hinter dem Schloß erstreckt sich ein großer, eher stiller Landschaftspark mit alten Bäumen, etwa einer riesigen gespaltenen und deshalb hohlen Linde.

Ganz am oberen Ende des Parks wurde eine überdachte hölzerne Aussichtsplattform errichtet. Und Aussicht bot sie auf die Autobahnbrücke. Dank der Position etwas unterhalb der Fahrbahnen konnte man von dort sowohl alle Aspekte der Konstruktion als auch ein wenig vom Verkehr sehen. Schloß und Autobahnbrücke, im Stadtbild ohnehin untrennbar verbunden, bekamen so eine weitere Verbindung.

Heute ist die Aussichtsplattform halb abgesperrt und in bedenklichem Zustand, während ihre Aussicht mit Bäumen zugewachsen ist. Sie war ja auch nie wichtig, sie war nur ein Detail, ein Beispiel der Liebenswürdigkeit des Sozialismus.

Schloß und Autobahnbrücke bleiben das Wahrzeichen von Velké Meziříčí.